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8.570438 - TCHAIKOVSKY: Songs (Complete), Vol. 5
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Peter Iljitsch Tschaikowsky (1840–1893)
Lieder • Folge 5

 

Tschaikowsky wurde 1840 in Kamsko-Wotkinsk als zweiter Sohn eines Bergbau-Ingenieurs geboren. Seinen ersten musikalischen und allgemeinen Unterricht erhielt er von seiner Mutter und einer geliebten Gouvernante. Als Zehnjähriger kam er an die Rechtsschule von St. Petersburg. Anschließend trat er seinen Dienst beim Justizministerium an. In diesen Jahren kümmerte er sich privatim auch um die Entwicklung seiner musikalischen Fertigkeiten.

Die Gründung des neuen Konservatoriums in St. Petersburg durch Anton Rubinstein ermöglichte es ihm, dort seit 1863 ein Vollzeitstudium zu betreiben. Zwei Jahre später wurde er dann selbst Lehrer, und zwar an dem Konservatorium, das Nikolai Rubinstein soeben nach dem Vorbild seines Bruders in Moskau eingerichtet hatte. Mehr als zehn Jahre lebte er nun in Moskau, bevor ihn die finanzielle Unterstützung der reichen Witwe Nadeshda von Meck in die Lage versetzte, das Konservatorium zu verlassen und sich ganz der Komposition zu widmen. Damals ging er eine unglückselige Ehe mit einer selbsternannten Verehrerin seines Werkes ein – einer Frau, die schon bald die ersten Anzeichen geistiger Labilität verriet und Tschaikowskys eigene Probleme nur noch verstärken musste. Während ihm seine homosexuellen Neigungen eine Qual waren, resultierten seine morbide Empfindlichkeit, seine Schüchternheit und die körperliche Abneigung gegenüber der Frau, die er geheiratet hatte, in einem schweren Nervenzusammenbruch.

Trotz der sofortigen Trennung von seiner Ehefrau galt es, praktische und persönliche Probleme zu lösen. Die Beziehung zu Nadeshda von Meck verhalf Peter Tschaikowsky nun nicht nur zu den anfangs für die Karriere benötigten finanziellen Mitteln, sondern sie brachte ihm auch das Verständnis und die Unterstützung einer Frau, die von ihm in körperlicher Hinsicht nicht das geringste verlangte und ihm de facto nie persönlich begegnet ist. Dieses seltsam distanzierte Verhältnis endete erst 1890, als Frau von Meck aufgrund der falschen Vorstellung, sie sei bankrott, die Zahlungen an ihren Protégé einstellte, derer er inzwischen freilich auch nicht mehr bedurfte – im Gegensatz zu der Korrespondenz, die ihm fehlte.

Als Tschaikowsky 1893 plötzlich in St. Petersburg starb, kam es zu zahlreichen Spekulationen, die posthum um weitere Gerüchte vermehrt wurden. Man nahm an, dass er sich dem Druck eines Ehrengerichts aus ehemaligen Studenten der Rechtsschule gebeugt und Selbstmord begangen habe, um zu vermeiden, dass eine angebliche erotische Beziehung zu einem jungen Adligen in den Kreisen des Hofes einen offenen Skandal auslöste. Offiziell hieß es, er habe sich durch den Genuss unabgekochten Wassers die Cholera zugezogen. Wenn das so war, bleibt die Frage, ob es Unachtsamkeit, völlige Verzweiflung oder die Herausforderung des Schicksals war, die ihm den Tod brachten. In jedem Fall wurde sein Dahinscheiden weithin betrauert.

Peter Tschaikowsky hat rund einhundert Lieder komponiert – die ersten bereits vor seinem Eintritt ins Konservatorium, die letzten in seinem Todesjahr 1893. Das früheste der hier aufgenommenen Stücke ist Poymi khot’ raz („Hör wenigstens einmal zu“) auf ein Gedicht, das Afanasy Fet nach Beethovens An die ferne Geliebte geschrieben hat. Dabei handelt es sich um die dritte der sechs Romanzen op. 16, die im März 1873 veröffentlicht wurden. Damals hatte das Kaiserliche Theater gerade die Oper Der Opritschnik zur Aufführung angenommen, die Tschaikowsky im Dezember des Vorjahres eingereicht hatte. Im selben Monat hatten sich Nikolai Rimsky-Korssakoff und der St. Petersburger Kreis lobend über die zweite Symphonie („Kleinrussische“) des Kollegen geäußert. Das Lied Novogrecheskaya pesnya op. 16 Nr. 6 („Neugriechisches Lied“), hat Peter Tschaikowsky dem Cellisten Konstantin Albrecht gewidmet, mit dem er während der Studienzeit am Moskauer Konservatorium befreundet war. Darin benutzte er Apollon Maykovs Übersetzung eines griechischen Volksliedes. Moderato lugubre beginnt das Lied mit dem bekannten Dies irae aus dem lateinischen Requiem – genau passend für einen Text, in dem es um die Seelen der Toten geht.

Ya s neyu nikogda ne govoril op. 25 Nr. 5 („Ich sprach nie mit ihr“) gehört zu den sechs Romanzen, die Tschaikowsky seinem Verleger 1875 überließ. Gerade hatte er die Orchestration seines ersten Klavierkonzerts abgeschlossen, das Nikolai Rubinstein mit äußerster Heftigkeit kritisiert hatte. Diese, wie ein jugendliches Liebeslied wirkende, Romanze nach einem längeren Text von Lev Mey ist dem Bariton Iwan Melnikow gewidmet, einem der Sänger, die im April 1874 bei der Premiere des Opritschnik auf der Bühne gestanden hatten (und einer von vier Mitwirkenden an diesem Ereignis, denen Tschaikowsky Lieder dieser Kollektion dediziert hat).

Die 1875 veröffentlichen Sechs Romanzen op. 27 sind der Altistin Jelisaweta Andrejewna Lawrowskaja gewidmet. Das erste Lied, Na son gryadushchiy (Vor dem Schlaf), ist ein Nachtgebet auf Worte des politischen Idealisten Nikolai Ogarjow; Tschaikowsky hatte dasselbe Gedicht am St. Petersburger Konservatorium bereits für a cappella-Chor gesetzt. Der zweite Titel, Smorti: von oblako („Schau, dort ist eine Silberwolke“), benutzt einen Text von Nikolai Grekow. In der ersten Strophe werden die vorüberziehende Wolke und der helle Himmel mit der Schönheit der Geliebten verglichen; dann kommt ein schwermütigerer Anblick, wenn sich die Regenwolken zusammenbrauen. Das fünfte Stück, Ali mat’ menya rozhala („Hat meine Mutter mich geboren“), entstand auf Lev Meys Übersetzung einer polnischen Ballade von Teofil Lenartowicz; darin beklagt ein Mädchen, dass ihr Liebster in den Krieg zieht und sie in ihrem Trennungsschmerz allein lässt. Auch das letzte Lied, Moya balnovitsa („Mein Unheil“), verwendet eine Übersetzung von Lev Mey – dieses Mal handelt es sich bei dem Original um ein Gedicht von Adam Mickiewicz, das die Schönheit und Lebhaftigkeit der Geliebten preist, nach deren Küssen man sich sehnt. Tschaikowsky vertonte den Text im Tempo einer Mazurka.

Die sechs Romanzen op. 28 stammen aus derselben Zeit. Die Lieder sind nun verschiedenen Sängern gewidmet, die für die Moskauer Erstaufführung des Opritschnik vorgesehen waren. Das erste, Net, nikogda ne nazovu („Ich werde sie nie beim Namen nennen“), entstand auf einen Text, den Nikolai Grekow nach dem Chanson de Fortunio aus Alfred de Mussets Schauspiel Le chandelier geschrieben hatte: Der Liebende versichert, dass er nie den Namen seiner Geliebten nennen noch irgendetwas gegen deren Willen tun, sondern seine eigenen Empfindungen stets verbergen werde. Widmungsträger ist Anton Nikolajew. Das zweite Lied, Korol’ki („Eine Korallenkette“), ist wieder eine Übersetzung von Lev Mey, der hier eine Ballade des polnischen Schriftstellers Wladyslaw Syrokomla übertrug. Sie ist dem Tenor Aleksander Dodonow gewidmet und erzählt von einem Mann, der mit den Kosaken reitet, mit ihnen eine Stadt erobert und eine Korallenkette erbeutet, die er seiner geliebten Hannah bringen will; als er siegreich heimkehrt, lebt Hannah nicht mehr, und er hängt die Kette an ein Heiligenbild. Das fünfte Lied, Ni otzïva, ni slova, ni priveta („Keine Antwort, kein Wort, kein Gruß“), ist dem Bariton Bogomir Korsow gewidmet. Es ist die Vertonung eines Gedichtes von Aleksej Apuchtin, in dem der Liebende vergeblich auf Antwort wartet, da seine alte Liebe ihn scheinbar vergessen hat. 

Die sechs Romanzen op. 38 schrieb Peter Tschaikowsky, als er 1878 nach seiner kurzen, katastrophalen Ehe und der Flucht ins Ausland auf dem ukrainischen Landsitz Nadeshda von Mecks eingetroffen war. Im ersten Stück, Serenada Don Zhuana („Don Juans Serenade“), verwandte er, einem Vorschlage seiner Gönnerin folgend, ein Gedicht aus Alexei Tolstois Schauspiel über Don Juan; dabei lässt er die bekannte, ironische Serenade aus Mozarts Don Giovanni anklingen, wenn Ninetta, eine Dame der Stadt, auf ihren Balkon gerufen wird. Auch das vierte Lied, O, esli b tï mogla („Oh, könnt ich nur“), bedient sich eines Tolstoi-Gedichtes; darin wird die Geliebte aufgefordert, ihre Sorgen zu vergessen und wieder so fröhlich wie früher zu sein. Im fünften Titel, Lyubov’ metvetsa („Liebe eines Toten“), lässt der Dichter Lermontow einen toten Mann noch aus dem Grabe von seiner Liebe und Eifersucht sprechen. Dem Gedicht liegt ein französisches Original zu Grunde. Sein Opus 38 hat Tschaikowsky seinem Bruder Anatol gewidmet, der ihm bei den Schwierigkeiten des vergangenen Jahres eine große Hilfe gewesen war.

Im Jahre 1886 ließ der junge, äußerst kunstsinnige Großherzog Konstantin Konstantinowitsch Romanow, ein Enkel des Zaren Nikolai I., privatim einen kleinen Band mit eigenen Gedichten drucken, die er seinen Freunden zum Geschenk machte. Tschaikowsky kannte er da bereits seit sechs Jahren, und er achtete ihn sehr, weshalb auch dieser ein Exemplar des Buches erhielt, aus dem er sechs Gedichte zur Vertonung auswählte. Diese sechs Romanzen op. 63 erschienen 1887. Aus derselben Zeit stammen zwei weitere Entwürfe: Tebya ya videla vo sne („Du warst in meinem Traum“) und O net! Za krasotu tï ne lyubi menya („O nein! Liebe mich nicht meiner Schönheit willen!“).

Als Peter Tschaikowsky 1888 während einer Konzertreise, bei der er seine Werke außerhalb seiner Heimat vorstellte, in Berlin weilte, begegnete er der Mezzosopranistin Désirée Artôt wieder, mit der er zwanzig Jahre früher verlobt gewesen war und die er hatte heiraten wollen. Für sie vertonte er jetzt sechs französische Gedichte, die in russischer Übersetzung als Opus 65 veröffentlicht wurden. Das erste, Serenada, verwendet ein Gedicht von Edouard Turquéty, Où vastu, souffle d’aurore („Wo gehst du hin, Aurorens Hauch“). Das zweite Lied vertont Paul Collins Déception, als Razocharovanie („Desillusionierung“) übersetzt. Der Liebende sucht die Wälder auf, in denen er einst glücklich war. Darauf folgt Collins Serenada, in der der Liebende seine Angebetete in der Natur findet. Puskay zima („Lass den Winter“) ist die Übersetzung von Collins Qu’importe que l’hiver éteigne les clartés: Der Dichter weiß, wo er trotz der kalten Jahreszeit Licht und Schönheit finden kann. In Slyozï („Tränen“) von Augustine Malvine Blanchecotte heißt es, der Liebste solle keine Tränen vergießen und nicht sterben. Die Gruppe endet mit Charovnitsa („Zauberin“), einer Übersetzung von Collins Rondel, in dem die Verführungskunst der Geliebten gepriesen wird.

Mit einigem Widerstreben widmete sich Tschaikowsky 1891 der Schauspielmusik, die er für Lucien Guitrys St. Petersburger Hamlet-Inszenierung schreiben sollte. Für die Aufführung der Tragödie, die in französischer Übersetzung auf die Bühne kommen sollte, bearbeitete er einige frühere Kompositionen, wobei er vor allem seine 1888 entstandene Fantasie- Ouvertüre Hamlet ausnutzte. Unter den insgesamt siebzehn Stücken sind zwei Lieder der Ophelia sowie eines für den Totengräber.

Das erste Lied gehört in die Szene, wo Ophelia nach dem Tode ihres Vaters erstmals wahnsinnig wird: Wie erkenn’ ich dein Treu-lieb / Vor den andern nun? / An dem Muschelhut und Stab / Und den Sandelschuh’n. Das zweite singt sie, wenn sie phantastisch mit Kräutern und Blumen geschmückt, wieder auftritt und von ihrem Bruder Laertes beobachtet wird: Sie trugen ihn auf der Bahre bloß / Leider! ach leider! / Und manche Trän’ fiel in Grabes Schoß. Im ersten der beiden Stücke bedient sich Tschaikowsky anscheinend einer englischen Volksmelodik Das dritte Lied singt der Totengräber auf dem Gottesacker: In jungen Tagen ich lieben tät / Das dünkte mir so süß. / Die Zeit zu verbringen, ach, früh und spät / Behagte mir nichts wie dies. Es ist dies eine komisch entspannte Episode vor der abschließenden Tragödie.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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