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8.570439 - VAUGHAN WILLIAMS: Fantasia on Christmas Carols / Hodie
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Ralph Vaughan Williams (1872–1958)
Fantasia on Christmas Carols • Hodie

 

Nach seiner Ausbildung in Cambridge ging Ralph Vaughan Williams 1895 ans Royal College of Music. Man vergisst gern, dass er auch während seines Studiums komponierte, weil er später mit Ausnahme einiger Lieder fast alles verbarg, was er vor der Entwicklung seines reifen Stils geschrieben hatte. Es war dies eine weise und sensible Richtlinie, deren Einhaltung seinerzeit viel Selbstdisziplin erfordert haben dürfte. Das Resultat war freilich bemerkenswert: Als er in den fünf Jahren vor dem Ersten Weltkrieg mit Toward the Unknown Region und On Wenlock Edge, mit seiner Fantasia on a Theme of Thomas Tallis, der Sea Symphony, den Five Mystical Songs und der Fantasia on Christmas Carols nationale Anerkennung fand, hatte er nicht nur eine erstaunliche künstlerische tour de force absolviert, sondern obendrein in sechs oder sieben Jahren eine Idiomatik und einen Stil entwickelt, der binnen kurzer Zeit charakteristisch für all jene Künstler wurde, die die zuvor etablierte Musik der viktorianischen Ära abzulösen suchten.

Die Elemente, die sich zu diesem charakteristischen und persönlichen Stil verbanden und dergestalt eine dramatische, heilsame Richtungsänderung in der damaligen britischen Musik bewirkten, waren das Volkslied, der harmonische und orchestrale Impressionismus sowie ganz unterschiedliche Anthologien englischsprachiger (also auch amerikanischer) Literatur und Texte aus der King James-Bibel.

Eigenartigerweise zieht sich das Thema Weihnachten durch Vaughan Williams’ gesamtes Schaffen. Das Interesse daran entstand durch seine Begeisterung für die Volksmusik und ist erstmals bei seiner Arbeit an dem 1906 erschienenen English Hymnal zu sehen. In seine frühe Weihnachtsmusik übernahm er viele Volksweisen, die Lieblinge des Volkes wurden. 1912 erschien seine Fantasia on Christmas Carols, von der im weiteren Verlauf des Textes die Rede sein wird. Das Stück entstand für Hereford und seine Freundin Mrs. E. M. Leather, die ihm für seine Vertonung zwei Melodien lieferte. Nach dem Kriege wandte er sich erneut dieser attraktiven Musik zu, und 1920 veröffentlichte er Twelve Traditional Carols from Herefordshire, die er gemeinsam mit Mrs. Leather zur Publikation bearbeitete. 1926 folgte die masque (besser sollte man sagen: das Volksballett) On Christmas Night nach Charles Dickens, die 1929 in London als A Christmas Carol Suite aufgeführt wurde. Danach gingen zwanzig Jahre ins Land, bevor er 1949 die Folk Songs of the Four Seasons für die National Federation of Women’s Institutes komponierte, die in der Royal Albert Hall von einem gewaltigen Frauenchor gesungen wurden. Für uns ist hier von Interesse, dass der vierte Satz Winter wiederum das Thema Weihnachten aufgreift.

Als Ralph Vaughan Williams 1953 mit der Arbeit an Hodie begann, war das die Zusammenfassung einer lebenslangen Sympathie für das Weihnachtsfest. Doch selbst damit war seine schöpferische Auseinandersetzung mit der Geburt des Herrn noch nicht vorüber: Wenige Monate vor seinem Tode vollendete der 86jährige 1958 seinen letzten Vokalsatz, The First Nowell („Das erste Weihnachtsfest“).

Im Jahre 1911 schrieb Vaughan Williams seine Five Mystical Songs nach Gedichten von George Herbert. Darin fand er den Stil, dessen er sich binnen Jahresfrist auch in seiner Fantasia on Christmas Carols bediente, die wiederum mit dem Baritonsolisten Campbell McInnes aufgeführt wurde. Bezeichnenderweise hat Vaughan Williams das Stück Cecil Sharp gewidmet, womit er es geradewegs in seine Hauptwerke über Volkslieder einreihte. Die Fantasia enthält vier traditionelle englische Weihnachtslieder, wobei das zweite Come all you worthy gentlemen („Kommt herbei, ihr werten Herrn“) von Sharp aufgezeichnet wurde. Vollständig ausgeführt sind außerdem die drei Weisen This is the truth sent from above („Die Wahrheit, die vom Himmel kam“), On Christmas night all Christians sing („Zur Weihnacht singt die Christenheit“) sowie God bless the ruler of this house, and long may he reign („Gott segne den Herren dieses Hauses, auf dass er lang regiere“), das auf die Weise There is a fountain („Es ist ein Quell“) gesungen wird. Das erste und das letzte dieser Lieder stammen aus Herefordshire, von „Mrs. Leather“, wie der Komponist vermerkte, der On Christmas night selbst 1904 in Sussex aufgezeichnet hat. Fragmente weiterer Carols treten gelegentlich als Verbindungen und Gegenstimmen auf.

An der Partitur fallen die obligate Cellostimme und die abwechslungsreiche Behandlung des Chores auf. Dieser muss nicht nur auf herkömmliche Weise singen, sondern auch mit geschlossenem Mund (wie bei dem Summen zu Beginn) sowie auf Vokalisen („ah“) und mit halb geöffnetem Mund, was so klingen soll wie ein kurzes a etwa in platt. Dergestalt führte er dieselbe Chorbehandlung fort, mit der er im Vorjahr bei den Five Mystical Songs begonnen hatte. Das Ergebnis ist eine äußerst vielfältige, atmosphärische Textur aus Singstimmen und Orchester. Die Fantasia wurde am 12. September 1912 unter der Leitung des Komponisten beim Three Choirs Festival zu Hereford uraufgeführt.

Vaughan Williams gliedert seine Komposition Hodie in sechzehn Sätze. Ein anglikanischer Hörer, der das Stück nicht kennt, wird mit ziemlicher Sicherheit einen Zusammenhang mit dem bekannten Weihnachtsgottesdienst herstellen, der aus je neun Lesungen und Gesängen besteht. Hodie enthält jeweils sieben Lesungen und Lieder sowie einen Prolog und Epilog. Ferner müssen wir daran denken, dass Vaughan Williams rund dreißig Jahre lang Bachs Matthäus- Passion in seiner eigenen unverwechselbaren Ausgabe dirigierte: Was er Bach verdankt, kann man zwar nicht im tatsächlichen Klangbild des Hodie, vielleicht aber im Umgang mit den Mitteln spüren. Schon der feierliche Prolog mit seinen Fanfaren und den brillanten Rufen des Chores verrät das Festtagswerk. Vaughan Williams vertont den lateinischen Text zur Weihnachtsvesper:

Weihnacht! Weihnacht! Weihnacht!
Heute ist Christus geboren, heute ist
der Heiland erschienen,
Heute singen die Engel auf Erden,
und die Erzengel frohlocken.
Heute jubilieren die Gerechten mit den Worten:
Ehre sei Gott in der Höhe.
Alleluia.

Die sieben Teile der Weihnachtsgeschichte werden vornehmlich von den Knabenstimmen zu einer einfachen Orgelbegleitung gesungen. Diese hören wir zunächst im zweiten Satz des Werkes, in dem nach den Worten der Evangelisten Matthäus und Lukas berichtet wird, wie der Engel (Solotenor) Joseph im Traum erscheint: „Sie wird einen Sohn gebären, des Namen sollst du Jesus heißen; denn er wird sein Volk selig machen von ihren Sünden.“

Als Text des ersten Liedes verwendet Vaughan Williams Hymn on the Morning of Christ’s Nativity („Hymnus am Morgen von Christi Geburt“) von John Milton, zu dem er am Ende wieder zurückkommen wird. Hier lässt er zunächst die Worte It was the winter wild („Es war ein bitterer Winter“) von einem durch den Frauenchor getönten Solosopran singen – in einem ausbalancierten, schwebenden Satz, dessen Orchestertexturen mit Flöte und Streichern den Eindruck gefrorener, gemeißelter Linien nur noch verstärken.

Die Knabenstimmen fahren mit bekannten weihnachtlichen Worten fort: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde“ (Lk 2, 1-7). Daran schließt sich ein Satz an, den Vaughan Williams als Choral bezeichnet – eine a cappella-Vertonung des Textes The blessed son of God von Miles Coverdale nach Martin Luthers „Gelobet seist du, Jesu Christ“.

Der Bericht von der Geburt Christi geht weiter: „Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden“ (Lk 2, 8). Die Knaben singen vom Engel des Herrn, dessen Part dann dem Solotenor übergeben ist und durch die Orchesterbegleitung noch verstärkt wird. Eine kurze, aber glanzvolle Klimax führt zu der Szene, die das Kind (zu bildhafter Harfenbegleitung) in seiner Krippe schildert. Wieder ertönt das „Ehre sei Gott“ des Anfangs, und der Abschnitt endet mit den Worten Good will towards men („ ... und den Menschen ein Wohlgefallen“). Das Tempo der ausgedehnten Passage ist jetzt ein Allegro vivace.

Wir kommen zu dem dritten Lied, ein durchkomponiertes Stück über Thomas Hardys bekanntes Gedicht The Oxen, das vom Baritonsolisten (als einem der Hirten) zu einer prominenten Flöten- und Bläser-Begleitung gesungen wird. Der Chor berichtet: „Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott um alles, was sie gehört und gesehen hatten ...“ (Lk 2, 20). Am Ende steht ein kurzer Ausbruch des „Ehre sei Gott in der Höhe“. Für das zweite Baritonsolo, eine Pastorale, verwendet Vaughan Williams ein Gedicht von George Herbert: The shepherds sing („Die Hirten singen, und ich soll schweigen?“). Der Bericht wird mit den Worten des Evangelisten Lukas weitergeführt: „Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen“ (Lk 2, 19). Im direkten Anschluss erklingt das Wiegenlied für Chor und Solosopran Sweet was the song the Virgin sang („Süß war das Lied, das die Jungfrau sang“). Solch einfache, tief empfundene Erfindungen gelangen Vaughan Williams immer wieder ganz vorzüglich, und was 1954 vielleicht als altmodisch galt, erscheint uns heute in Wirklichkeit als zeitlos.

Trompeten und brillante Klänge des Orchesters leiten das strahlende Solo des Tenors: Bright portals of the sky, Emboss’d with sparkling stars („Leuchtende Pforten des Himmels, mit funkelnden Sternen besetzt“) lauten die Worte von William Drummond. Das ist nun kein gewöhnliches Kirchenlied, sondern vielmehr ein festliches Lobgedicht, dessen instrumentale Textur den ruhmreichen Himmel erleuchtet und die Behauptung Lügen straft, Vaughan Williams habe kein Gefühl fürs Orchester gehabt.

Auffallend kontrastiert damit der Klang der Orgel, die dem nächsten Teil des biblischen Berichts vorweg geht. Hier werden die Knabenstimmen bald vom Männerchor verstärkt: „Da Jesus geboren war, siehe, da kamen die Weisen vom Morgenland gen Jerusalem“ (Mt 2, 1-2). Vaughan Williams liebte solch lebhaft inszenierte, bildhafte Stücke wie The March of the Three Kings, zu dem ihm seine Ehefrau Ursula den Text schrieb. Der Komponist nutzt die Gelegenheit zur vorletzten Steigerung des Werkes und setzt alle Mittel ein. Die drei Solisten, Chor und Orchester beschreiben die Geschenke („Gold, Weihrauch und Myrrhen“), bevor der Satz leise zu Ende geht. Es folgt als zartes Zwischenspiel ein weiterer Choral, zu dem Ursula Vaughan Williams die Worte No sad thought his soul affright („Kein trauriger Gedanke erschreckt seine Seele“) verfasste. Weitgespannte Streicher leiten den Satz ein, bevor sich der Chor a cappella meldet.

Die Schluss-Sequenz bezeichnete Ralph Vaughan Williams als Epilogue. Hier greift er zwei Themen auf, die uns vielleicht noch aus der Botschaft erinnerlich sind, mit der Joseph zu Beginn von der bevorstehenden Geburt Jesu erfuhr. Als wäre es die Stimme Gottes selbst, intoniert der Bariton den feierlichen Anfang des Johannes-Evangeliums: „Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott selbst war das Wort.“ In dem ekstatischen Finale wendet sich der Komponist noch einmal Miltons Hymn on the morning of Christ’s Nativity zu, wobei er die Melodie aus dem dritten Satz aufgreift. Er veränderte die originale Reihenfolge der Strophen, wie sie Milton geschrieben hat, und beginnt mit Ring out, ye crystal spheres („Erschallet laut, kristallne Sphären“) und einem typischen Marsch, in dem zu den Läufen der Streicher die Glocken schlagen: Der Chor führt uns zu dem grandiosen, zuversichtlichen Finale und hebt sich für das Ende die Worte Yea, truth and justice then („Ja, dann werden Wahrheit und Gerechtigkeit wieder zu den Menschen kommen“) auf. „Tumultuös“ ist das einzige Attribut, das diesen Schluss treffend beschreiben kann.

Hodie wurde am 8. September 1954 beim Three Choirs Festival in der Kathedrale von Worcester uraufgeführt – fast auf den Tag genau 42 Jahre, nachdem Ralph Vaughan Williams im benachbarten Hereford seine Fantasia on Christmas Carols präsentiert hatte.

Lewis Foreman © 2007
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 

Die gesungenen Texte sind online unter www.naxos.com/libretti/570439.htm

 


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