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8.570442 - TAVENER: Piano Works
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John Tavener (geb. 1944)
Klavierwerke

 

Seine frühen Kompositionen wurden auf Apple, dem Label der Beatles, veröffentlicht. Sein Chorwerk Song for Athene beschloss die Trauerfeierlichkeiten für Prinzessin Diana. In Prayer of the Heart hat er mit dem Popstar Björk zusammengearbeitet, weil man sich gegenseitig achtet und von der Arbeit des jeweils anderen begeistert ist. Schon die nackte Zahl an Zuhörern, die von seinen Melodien bewegt wurden, überschreitet alles, was man bislang in der Welt der zeitgenössischen E-Musik kannte. All diese bekannten Tatsachen zeigen, daß der 1941 geborene Sir John Tavener eine solide künstlerische Basis gefunden hat, von der aus er ein ungewöhnlich breites Publikum anspricht.

Eine nähere Betrachtung seiner Karriere und der Person hinter den Tönen offenbart jedoch eine andere Geschichte – die Geschichte eines Komponisten, der sein Leben lang auf einer künstlerischen und spirituellen Suche ist. Während der größte Teil seiner neueren Werke kaum einmal so etwas wie die klassische Entwicklung musikalischer Elemente verrät, sondern vielmehr aus ikonischen Klängen besteht, die in versteinerte Ruhezustände eingeschnitten sind, gilt für die künstlerische und persönliche Entwicklung des Komponisten das genaue Gegenteil. Er setzt sich intensiv mit den negativen sozialen und kulturellen Richtungen auseinander, denen die Menschheit in rasantem Tempo zuzustreben scheint, und deshalb sucht er rastlos und unablässig nach Möglichkeiten, geistige und klangliche Schönheit und Wahrheit wiederzuentdecken. Es ist eine ungeheure Herausforderung, die den Verstand des Komponisten in Bewegung hält: Die Erschaffung einer universellen Essenz, die von allen dafür empfänglichen Menschen verstanden wird und jede Religion, jede Kultur und jede Abstammung weit übersteigt.

In vielen seiner großen Orchester- und Vokalwerke spiegeln sich Taveners musikalische und spirituelle Hauptgedanken. Vergleichsweise unbekannt sind demgegenüber seine Klavierwerke, die in bestimmten Phasen wie persönliche Spiegelungen seiner stilistischen und philosophischen Entwicklungen wirken. Wenn Tavener für Klavier schreibt, betritt das Instrument eine auffallend individuelle Klangwelt, die mit ihrem Glockenläuten, ihren ungemein lyrischen Melodiephrasen und ihren immer wieder donnernden Tonwolken auf denkbar zwingende Weise der allgegenwärtigen Stille entgegentritt.

Sein allererstes Klavierstück, Palin (1977), ist mit seinen dissonanten Zwölftonreihen und Harmonien zwar deutlich von der Moderne beeinflusst, lässt dabei aber auch schon erahnen, dass Tavener hinter dem bloß technischen, ausgetüftelten Umgang mit dem musikalischen Material nach geistigen Erscheinungen suchen wird. Unter Anspielung auf die frühen musikalischen Erfahrungen – als Kind imitierte er Donner, Blitz und Regen auf dem Klavier – schreibt Tavener dem Pianisten ausdrücklich vor, wo er „wie Donner”, „wie rieselnde Stromschnellen”, „wie läutende Glocken am Meer” zu spielen hat. Die Stille bietet eine höhere Realität, in die die Musik eintritt. Das wiederholte C symbolisiert das „ison”, den Einzelton, die Achse zwischen Stille und Klangwelt. Eine weitere Achse findet sich in der Mitte des Stückes – das für etwa zehn Sekunden repetierte tiefste C des Klaviers. Von diesem Moment an werden alle bisherigen Ereignisse der Musik rückwärts gespielt. Die zweite Hälfte des Stückes ist also der (um eine Coda erweiterte) Spiegel der ersten. Auf diese Rückwärtsbewegung deutet auch der Titel der Komposition, die ein Palindrom darstellt.

1977 trat Tavener zur Russisch-Orthodoxen Kirche über, für die der Mensch seinem Wesen nach gut ist. Unter dem Einfluss der kommunikativen Kraft und Erhabenheit der traditionellen orthodoxen Kirchenmusik veränderte sich nach und nach Taveners kompositorischer Stil. Es entstanden besinnliche Stücke für instrumentale und vokale Besetzungen, darunter das Chorwerk The Lamb (1982) und To a Child Dancing in the Wind (1983) für Sopran und Ensemble, dann aber auch eher privat motivierte Klaviermusik. Nach dem Verlust seiner Katzen beschrieb Tavener in Mandoodles (1982) kleine Szenen aus dem Leben seiner Katze Mandu, außerdem komponierte er das glockenartige In Memory of Two Cats (1986). Zwar gibt es in Mandoodles noch einige moderne Einflüssen wie Clusters und Glissandi; zugleich kann man aber in diesen Komopsitionen bereits eine stilistische Veränderung spüren: Vor allem fällt die Rückkehr zur traditionellen Dreiklangsharmonik auf. Obwohl es vor allem in Mandoodles einige witzige Einsprengsel gibt (darunter eine Anspielung auf Chopin), sind beide Stücke doch in einem herben Ton gehalten, zugleich göttlich und menschlich wie die Katzen, die nach den Worten des Komponisten „Dinge wissen, zu denen wir keinen Zugang haben.”

Als Tavener zehn Jahre später wieder für Klavier schrieb, hatte er sich ausführlich mit der Symbolik und den Tonsystemen der griechisch-orthodoxen, der russisch-orthodoxen und der byzantinischen Musik beschäftigt. Er integrierte die neuen Kenntnisse in seine eigenen Werke und destillierte ein ungemein persönliches Idiom, das sich 1987 in den ungewöhnlich langen Melodiebögen und ekstatischen Ausbrüchen des äußerst erfolgreichen Protecting Veil niederschlug. Zur Geburt seiner zweiten Tochter schrieb Tavener 1997 das kurze Klavierstück Zodiacs – ein recht mystisches Stück, das Töne aus der antiken griechischen Vorstellung der Sphärenharmonie verwendet. Weit umfangreicher ist Ypakoë (1997), dessen griechischer Titel so viel bedeutet wie „gehorchen”, „hören”, „antworten”. Das dreiteilige Stück ist zwar eine kontemplative Meditation über das Leiden und die Auferstehung Christi, besteht im letzten Teil aber aus einem Freudentanz über den zum Himmel aufgefahrenen Herrn. Verschiedene durch das griechische Saiteninstrument kanokaki angeregte Passagen von griechischer oder nahöstlicher Natur stellen ein energisches Element dar und zeigen zugleich, dass Tavener sich immer stärker für andere Kulturen interessiert.

In seinem bislang längsten Soloklavierstück Pratirūpa (2003) zeigt Tavener seinen jüngsten stilistischen und philosophischen Entwicklungsstand. Der Komponist hat das Werk, das zur selben Zeit entstand wie die Mammutkomposition The Veil of the Temple(2002) für Sopran, Chor und Ensemble, im Nachhinein auch für Klavier und Streichorchester bearbeitet. Pratirūpa ist vor allem durch die Philosophie der Sufi-Schriftsteller René Guénon und Frithjof Schuon sowie durch den indischen Metaphysiker Ananda Coomaraswamy beeinflusst, und demzufolge ist Tavener zu der Einsicht gelangt, dass sich die geistige Essenz über jegliche Religion erhebt und in jedem Menschen zu finden ist, ganz gleich, wo dieser herkommt. Pratirūpa ist das Sanskrit-Wort für „Reflexion”. Nach den Worten des Komponisten soll hier durch „eine Reihe sich selbst reflektierender Harmonien, Melodien und Rhythmen die schönste, die göttliche Gegenwart gespiegelt werden, die in jedem menschlichen Wesen wohnt.” Neben kontemplativen Passagen musikalischer Gebete, die aller „unnötigen” Töne entkleidet sind und dergestalt die größte klangliche Reinheit darstellen wollen, gibt es jähe Ausbrüche der Freude. Nach einem Glissando auf den weißen Tasten klingen diese im vollen Pedal weiter, womit die Stille so laut wir nur möglich aufgebrochen wird. Durch samavedische Rhythmen wird der rituelle Charakter einer Musik unterstrichen, die von speziellen Spielanweisungen geprägt ist: „im Stile einer Hindu- Zeremonie”, „leise, unirdisch”, „mit hingerissener Ruhe”, „wie Tempelgongs”, „so langsam wie möglich; heiter, zart, jenseits der Zeit, jenseits des Seins” lauten einige Vortragsangaben in diesem Stück. Ebenso wichtig wie das, was klingt, ist dabei die Ruhe, damit man der Stimme im eigenen Innern lauschen kann.

Sir John Tavener ist verstandesmäßig und geistig permanent aktiv. Seine Gedanken über Musik, Religion und Spiritualität befinden sich in einem ständigen Entwicklungszustand. Das bemerken Musiker sogar, wenn sie mit ihm zusammenarbeiten. Wenn er seine Klavierstücke nach etlichen Jahren während der Proben erneut hört, wird er durch seine Selbstkritik und sein musikalisches Gehör zu einigen Veränderungen veranlasst – an den Tempi beispielsweise oder auch einzelnen Tönen. Es scheint dies eines der vielen Merkmale zu sein, an denen man einen wahren Künstler erkennt: dass er nämlich seine Werke und Gedanken ständig poliert in einem endlosen Prozess, bis die universelle und ewige Schönheit gefunden ist. Eine Musik, wie er sie schreibt, scheint nie ein Ende zu erreichen. Seine persönliche Sehnsucht und Suche nach Wahrheit und Schönheit wird sehr wahrscheinlich über die Zeit, über das Sein hinausgehen.

Ralph van Raat
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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