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8.570447 - Guitar Recital: Dervoed, Artyom - BIKTASHEV / OREKHOV / RUDNEV / KOSHKIN (Russian Guitar Music)
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Artyom Dervoed: Russische Gitarrenmusik
Valery Biktashev • Sergei Orekhov • Sergei Rudnev • Nikita Koshkin

 

Der 1963 geborene Valery Biktashev erhielt seine erste musikalische Ausbildung in seinem kasachischen Heimatort. Obwohl es ihm nach den Maßstäben des damaligen sowjetischen Erziehungssystems an jeglicher musikalischen Begabung fehlte, spürte er in sich den natürlichen Antrieb, zu lernen: Er bestand darauf, in die Klavierklasse der örtlichen Berufsmusikschule aufgenommen zu werden und holte schließlich bei einem regionalen Wettbewerb den Ersten Preis für Klavierspiel. Nach Abschluss seiner heimischen Ausbildung ging Biktashev an die berühmte Gnessin- Schule nach Moskau, wo er neben dem Klavierunterricht bei V. Ia. Zhubinskaja auch die Kompositionsklasse besuchte. 2007 gewann Biktashev einen Preis bei dem Gesamtrussischen Kompositionswettbewerb „Andrej Petrow“. Valery Biktashev versteht sich vor allem als Melodiker und hält es für die Pflicht des Künstlers, seine Gefühle aufrichtig auszudrücken. Orpheus ist ein programmatisches Meisterstück auf der Grundlage der Orpheus-Sage und verlangt beträchtliche technische Fertigkeiten. Die Aufführungsfassung stellte Dmitrij Tatarkin her.

Sergei Orekhov (1935-1998) spielte die siebensaitige russische Gitarre. Sein kompositorisches Schaffen bestand vor allem aus improvisatorischen Variationen über volkstümliche Melodien, russische Volkslieder und russische Romanzen des 19. Jahrhunderts. Das bekannte Lied Troika mit den Anfangsworten „Vot mchitsia troika pochtovaia“ („Da fährt der Postschlitten vorbei“) beschwört den alten russischen Dreispänner und die Symbolik der riesigen geographischen Entfernungen, der fernen, unerwiderten Liebe und einer herbstlich-romantischen Melancholie. Troika steht in der Tradition der „komponierten“ russischen Romanze des 19. Jahrhunderts und ist in der Kultur des Landes fest als Volkslied verwurzelt. Die in der vorliegenden Aufnahme für sechssaitige Gitarre eingerichteten Troika-Variationen sind charakteristisch für Orekhovs improvisatorischen Stil, der deutlich von der russischen Zigeunermusik beeinflusst ist.

Lipa vekovaia („Die alte Linde“) von Sergei Rudnev (geb. 1955) ist das Arrangement eines alten russischen Volksliedes, wenngleich keine wörtliche Transkription. Das Stück wurde etliche Male von verschiedenen Gitarristen aufgenommen und gespielt. Leider scheinen die Künstler des Westens den kulturellen Hintergrund der Musik nicht zu kennen. Es gibt verschiedene Gattungen russischer Folklore. Die alte Linde“ gehört zur Gattung der protiazhnaia (wörtlich: „lang ausgedehnt“) und sollte anders ausgeführt werden als Lieder, die etwa zur Gattung des khorovod („Tanz“) gehören. Taktangaben und Taktstriche sind der protiazhnaia-Musik durch westliche Konventionen aufgezwungen worden. Sie gehören nicht zur russischen Folklore und dürfen guten Gewissens außeracht gelassen werden. Artyom Dervoed lässt mit seiner Interpretation dieses ungemein gesanglichen Werkes erkennen, dass er über das richtige künstlerische Empfindungen für die Folklore der eigenen Kultur verfügt.

Der 1956 geborene Nikita Koshkin betrat die internationale Musikszene, als Vladmir Mikulka im Jahre 1980 bei dem englischen Cannington Festival seine Suite Das Spielzeug des Prinzen spielte. Organisiert und geleitet wurde das Musikfest von John W. Duarte, der sich unermüdlich für das Stück einsetzte, bis man in Gitarristenkreisen darauf aufmerksam wurde. Es wurde erstmals 1981 in der Sowjetunion veröffentlicht und erschien danach in Japan und Frankreich. Inhaltlich geht die Komposition offenbar auf ein altes Kinderlied zurück – und die Titel der einzelnen Sätze sind aussagekräftig genug: Der böswillige Prinz, der mechanische Affe, die Puppe mit den funkelnden Augen, Zinnsoldaten, die Kutsche der Prinzessin und die große Parade der Puppen bilden die schönste Programmusik, bei der man sich an frühere Meisterwerke wie Tschaikowskys Nussknacker oder andere russische Kompositionen über Kinderfantasien erinnert fühlen könnte. Die musikalische Sprache ist jedoch einzigartig und ohne Vorbild im Gitarrenrepertoire, besonders im Hinblick auf die revolutionären technischen Mittel, die der Komponist ersonnen hat.

Matanya Ophee
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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