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8.570452 - KARLOWICZ, M.: Symphonic Poems, Vol. 1 (Wit) - Stanislaw i Anna Oswiecimowie / Rapsodia litewska / Epizod na maskaradzie
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Mieczysław Karłowicz (1876–1909)
Litauische Rhapsodie op. 11 • Stanisław und Anna Oświecim op. 12 • Episode auf dem Maskenball

 

Obwohl er nicht sehr viele Kompositionen hinterließ, als er beim Skilaufen in der Hohen Tatra einem Lawinenunglück zum Opfer fiel, zählt Karłowicz zu den bedeutendsten polnischen Komponisten der Generation von Karol Szymanowski (1882–1937). Als Sohn einer wohlhabenden Akademikerfamilie in Wiszniew (heute Litauen) geboren, studierte er Violine, wandte sich aber nach seiner Ankunft in Berlin, wo er von 1895 bis 1901 bei Heinrich Urban (1837–1901) studierte, zunehmend dem Komponieren zu. Verschiedene Lieder und Klavierstücke repräsentieren sein publiziertes Frühwerk. Die Serenade für Streicher op. 2 von 1897 lässt bereits ein Verständnis für größere musikalische Formen erkennen. Diese Fähigkeit konsolidierte sich in der Begleitmusik zu Jozafat Nowinskis Schauspiel „Biała Goląmbka“ (Die weiße Taube; 1899/1900), in der Symphonie „Odrodzenie“ (Wiedergeburt) op. 7 (1902), deren kompakte viersätzige Gestalt von einem ambitionierten Programmkonzept überlagert ist, und im dreisätzigen Violinkonzert op. 8 (1902), seiner letzten Komposition, die nicht von außermusikalischen Gesichtspunkten bestimmt ist.

Die verbleibende Lebenszeit von Karłowicz war einer Serie von symphonischen Dichtungen gewidmet – wenn auch nicht als solche konzipiert –, die ein starker Bezug zu den pantheistischen und existentiellen Tendenzen der Zeit verbindet, die er zweifellos aus der Philosophie Schopenhauers und Nietzsches aufgenommen hatte. Eine geradezu natürliche Folge solchen Denkens waren Einsamkeit und das Schwanken zwischen glühender Bejahung und totaler Hoffnungslosigkeit. Die drei Werke dieser Aufnahme sind das dritte, vierte und sechste dieser lockeren Folge.

Geschrieben in der zweiten Hälfte des Jahres 1906 und uraufgeführt am 25. Februar 1909 – siebzehn Tage nach dem Tod des Komponisten – in Warschau unter Grzegorz Fitelberg (1879–1953), reicht die Entstehung der Rapsodia Litewska (Litauische Rhapsodie) op. 11 bis ins Jahr 1900 zurück, als Karłowicz in den Ferien auf dem Familienanwesen einiges Material zusammenstellte. „Ich versuchte“, sagte er, „den ganzen Schmerz, die Traurigkeit und die ewigen Fesseln der Menschen einzufangen, deren Lieder meine Kindheit begleiteten.“ Ein Gefühl der Nostalgie gemischt mit Bedauern ist durchweg präsent.

Aus düsteren Gebärden in den tieferen Holzbläsern und Streichern entsteht eine wogende Bewegung, welche die erste Melodie vorbereitet, die plastisch von Flöten und Klarinetten vorgetragen wird. Die übrigen Holzbläser und Streicher setzen allmählich ein und vervollständigen die instrumentale Textur, bevor das Werk in seinen zweiten Abschnitt übergeht mit einem stärker expressiven Thema der Streicher, das zuletzt von einigen pikanten Einwürfen der Holzbläser ausgeschmückt wird. Dies führt hinein in eine kurzlebige Klimax, sodann folgt der dritte Abschnitt, der von wohliger Ruhe bestimmt ist. In den Streichern erscheint eine heitere Melodie, deren wohltuende Aura erhalten bleibt, bis eine plötzliche Fanfare den vierten Abschnitt eröffnet, der ein lebhaftes neues Thema präsentiert, das hörbar mit der vorherigen Melodie verwandt ist und den Höhepunkt des Werkes herbeiführt. Dieses Thema verklingt relativ schnell. Der fünfte Abschnitt kehrt zur Eröffnungsmelodie zurück und auch zu dem melancholischen Umfeld, aus dem das Werk erwuchs und in dem es nun endet.

Entstanden im größeren Teil des Jahres 1907 und vom Komponisten am 27. April 1908 in Warschau uraufgeführt, wurde Stanisław i Anna Oświecimowie (Stanislaw und Anna Oświecimowie) op. 12 die erfolgreichste symphonische Dichtung von Karłowicz – gleichermaßen bei Kritikern und Publikum! Noch lange nach seinem Tod gehörte sie zum polnischen Orchesterrepertoire. Das Werk ist von einem Gemälde von Stanisław Bergmann (1862–1930) inspiriert, das sich auf eine Legende aus dem 17. Jahrhundert über die inzestuöse Liebe zweier Geschwister bezieht. Stanisław reist darin am Ende nach Rom, wo er den päpstlichen Segen für die Verbindung bekommt. Wieder zuhause, findet er seine Schwester tot vor. Er stirbt kurz darauf, und die beiden werden in der Kapelle von Krosno bestattet. Karłowicz vergegenwärtigt diese traurige Geschichte in einem Stück, das auf Elementen der Sonatenform beruht und dadurch formalen Fokus und expressive Konsistenz gewinnt.

Das Werk beginnt in Streichern und Blechbläsern mit ungestümer Musik, die bald einen unheimlichen Ton in den tieferen Holzbläsern annimmt, bevor sie in die ausdrucksvolle Melodie übergeht, die zuerst von der Oboe vorgetragen wird. Kommentiert von den anderen Holzbläsern und dem Horn, geht diese bald auf das volle Orchester über, in dem gedämpftes Blech einen Ton anhebender Gefahr beisteuert, bevor ein glühender Höhepunkt auf Basis der Oboenmelodie folgt. Dieser währt nur kurz, und eine nachdenkliche Pause wird erreicht. Im sich anschleißenden Mittelabschnitt wird zunächst die Musik des Anfangs eingehend neu verarbeitet, sodann kehrt das Oboenthema in Holzbläsern und Streichern strahlend wieder. Unruhige Gesten gedämpfter Streicher und der Bassklarinette führen schließlich zum Höhepunkt des ganzen Werkes, in dem das thematische Material unwiderruflich von Tragik durchtränkt wird. Hier beginnt ein Begräbnismarsch mit starren Phrasen der hohen Holzbläser und Streicher über einer schlagenden Begleitung. Daraus erwächst eine Kulmination von schmerzlicher Unausweichlichkeit, die bald in ein düsteres Nachspiel übergeht, mit dem das Werk in erwartungsgemäß fatalistischen Farben endet.

Epizod na Maskaradzie (Episode auf dem Maskenball), die letzte symphonische Dichtung von Karłowicz, hat eine komplexe und in manchem undurchsichtige Genese. Der Komponist hat von Oktober 1908 bis zu seinem Tod im Februar 1909 an dem Stück gearbeitet. Er hinterließ ein Autograph von anscheinend 473 Takten. Fitelberg nahm dieses im Sommer 1911 zur Hand und arbeitete mehr als zwei Jahre an der Komplettierung – die Premiere fand am 11. Februar 1914 in Warschau statt. Leider ist das Autograph im Zweiten Weltkrieg verschollen, so dass es nicht mehr möglich ist, anhand der Skizzen zu ermitteln, in welchem Maße Fitelberg bei der Vollendung mitgemischt hat. Selbst der Titel lässt sich aus der Korrespondenz des Komponisten nicht bestätigen, obwohl seine Zeitgenossen darin übereinstimmen, dass die angespannte Begegnung zweier einander entfremdeter Liebender und ihre Unfähigkeit, mit dem sie umgebenden Geschehen eine Wechselbeziehung aufrecht zu erhalten, das Thema ist. Karłowicz setzt dies in einer ausgedehnten Sonatenform um, deren Reprise und Koda Fitelberg mit großer Imagination realisiert hat, wenn auch nicht notwendigerweise in Übereinstimmung mit den Intentionen des Komponisten.

Das Werk beginnt mit Figurationen von Bläsern und Schlagwerk, die ein charmantes Thema ankündigen, das zielsicher eine schwelgerische Szene heraufbeschwört. Ausgiebig mit unterstützenden Details ausgeschmückt, führt diese schließlich in eine entspanntere Umformung ihrer Hauptmotive. So entsteht allmählich, was eine ausgedehnte Wiederaufnahme des Themas zu sein scheint; doch wird diese plötzlich abgeschnitten zugunsten eines insgesamt eher düsteren, introspektiven Themas in Bratschen und tieferen Holzbläsern. Es entfaltet sich in einiger Ausführlichkeit und schafft eine Aura beruhigter Emotion, bevor eine oszillierende Flötenfigur die volle Wiederkehr des zweiten Themas in den Streichern anzeigt. Dieses wird reduziert auf eine Handvoll Solostreicher und Harfe, aus denen Elemente des Anfangsthemas aufzuscheinen beginnen. Nach einer Pause bricht die Anfangsmusik mit voller Kraft herein und gibt dem Werk neuen Schwung. Es steuert auf eine sich steigernde Wiederaufnahme des ersten Themas zu, doch nun erfüllt von Versonnenheit. So kann wirkliche Bejahung nur kurzlebig sein. Die Musik geht über in einen längeren Epilog, der beide Hauptthemen in Erinnerung ruft gegen eine durchdringende Melancholie, die das Werk zu einem merklich fatalistischen Abschluss bringt.

Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Thomas Theise


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