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8.570464 - ALWYN, W.: Piano Music, Vol. 2 (Wass) - 12 Preludes / Contes Barbares / Movements
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William Alwyn (1905–1985)
Klaviermusik, Folge 2

 

William Alwyn verfuhr mit dem Klavier im wesentlichen wie ein Romantiker. Zwar hatte er in seinem ersten Klavierkonzert und der Sonata alla Toccata mit dem Neoklassizismus experimentiert, doch eigentlich wurzelte seine Klaviermusik in einer Tradition, die von Liszt und Rachmaninoff bis zu den Impressionismen Debussys und Ravels reichte. Besonders in den kleineren Charakterstücken ist daneben auch der Geist John Irelands zu spüren. Ungeachtet dieser Einflüsse fand Alwyn einen eigenen pianistischen Stil, wie die hier vorliegenden Werke zeigen. Sein intuitiver Klaviersatz resultierte nicht nur in virtuosen Stücken für den Konzertsaal, sondern ließ auch äußerst feinsinnige und expressive Miniaturen sowie zahlreiche didaktische Examensstücke entstehen. Wie auf der vorigen CD mit Klavierwerken [8.570359], so vereinigt auch die vorliegende Produktion Beispiele der verschiedenen Kategorien, wobei Hunter’s Moon, Two Irish Pieces, Contes Barbares (Barbaric Tales), Cinderella und Water Lilies erstmals aufgenommen wurden.

Die Zwölf Preludes entstanden zwischen April und Juni 1958 und stellen Alwyns vorletztes Klavierwerk für den Konzertsaal dar. Er experimentierte damals mit kurzen Tongruppen, deren jede ein starkes tonales Zentrum hat. In jedem der Preludes wird eine spezielle Gruppe verwendet—wie das dann in extenso bei der dritten und vierten Symphonie geschah. Jedes Prelude vermittelt seine eigene Stimmung und erforscht unterschiedliche technische Aspekte des Klavierspiels. Das erste Prelude ist verträumt und nachdenklich, das zweite kommt nach einem turbulenten, dramatischen Verlauf zu einem verhalten-geheimnisvollen Schluss; der dritte Satz ist einfach und ruhig, der vierte eine rasche Etüde für die Finger, bei dem fünften handelt es sich um eine Elegie zur Erinnerung an den neuseeländischen Pianisten Richard Farrell (den Widmungsträger und ersten Interpreten der Fantasy Waltzes), der auf tragische Weise bei einem Autounfall ums Leben kam: Das Stück entstand nur wenige Tage nach dem Tod des jungen Mannes und trägt im Autograph den Vermerk „in memoriam Richard, 27. Mai 1958“. Das sechste Prelude ist eine sehr intensive und kraftvolle Studie über rasche Akkordfolgen, das meditative siebte lässt an die Klänge ferner Glocken denken, das achte ist seiner Stimmung nach eine ruhige Pastorale; anschließend verklingt das neunte mit seiner schwer zu fassenden Art am Ende in impressionistischen Nebeln, worauf das zehnte eine Übung in delikatem Anschlag darstellt. Auf den Tönen des-es-f basiert das kurze, friedlich gestimmte elfte Prelude, und als zwölftes kommt der Zyklus mit dem kräftigdramatischen letzten Satz zu einem triumphalen, donnernden Abschluss. Die Zwölf Preludes wurden am 26. Juni 1959 von dem niederländischen Pianisten Cor de Groot in einer BBC-Sendung uraufgeführt.

Der kurze Zyklus Hunter’s Moon mit den drei Sätzen Midsummer Magic, The Darkening Wood und Ride by Night entstand 1932 als Prüfungsstück für das Associated Board der Königlichen Musikschulen. Die beiden ersten sind verträumt und versonnen, das dritte bringt dann den animierten, lebendigen Schluss. Ohne Frage ist jede dieser bezaubernden Miniaturen weit mehr als ein bloßes Examensstück, denn man wird die einprägsamen Melodien lange nicht vergessen. Ähnlich in ihrer Art sind die Two Irish Pieces namens From the Countryside und Paddy the Fiddler aus dem Jahre 1926, in denen wiederum die Lyrik eines zarten Landschaftsbildes von fröhlichem Überschwang abgelöst wird. Die Oxford University Press veröffentlichte die beiden „irischen Stücke“, die für jeden Klavierabend eine willkommene Bereicherung wären, im Rahmen ihrer Klaviermusik-Reihe.

Mit den Contes Barbares – Barbarische Erzählungen (Hommage an Paul Gauguin) begann William Alwyn 1930 in London. Er vollendete den Zyklus drei Jahre später nach einer Reise, die ihn in den Südpazifik geführt hatte. Die Idee dazu muss dem Komponisten gekommen sein, nachdem er 1928/29 in den Leicester Galleries das Bild Manao Tupapau (Der Geist der Toten wacht) gesehen hatte: Darauf zeigt Paul Gauguin auf einem düsteren Ruhelager ein unbekleidetes Mädchen, das sich furchtsam von einer schwarz gekleideten Geistergestalt abwendet. Dieses Gemälde wirkte auf Alwyn mit solcher Gewalt, dass es ihn nach eigenem Bekunden sein Leben lang nicht mehr losließ.

Paul Gauguin hatte zwei Jahre (1894/5) auf der tropischen Insel Tahiti verbracht, wo er nicht nur einige seiner berühmtesten Bilder schuf, sondern auch ein Reisejournal mit dem Titel Noa Noa („Duftende Erde“) schrieb. Das Buch ist mit Holzschnitten illustriert und erzählt von der Erfahrung, die er mit den Menschen der Insel, ihrer Kultur und ihrer Lebensweise gemacht hat. Alwyn kam auf den Gedanken, einige dieser Bilder musikalisch nachzugestalten, und so entstand ein Zyklus von sieben äußerst anschaulichen Klavierstücken: Auti te pape (Frau am Fluss), Le Vivo (Tanz von Tahiti), Manao Tupapau, Tanzfragment, Nimmermehr, Te Atua (Die Götter) und Mahna No Varua Ino (Der Teufel spricht). Jedes dieser Bilder erweckt Alwyn mit seinem kunstvollen Klaviersatz zu wirklichem musikalischen Leben. Interessanterweise stellte ich bei näherer Untersuchung des Materials im Alwyn-Archiv der Universitätsbibliothek von Cambridge fest, dass es zwei Versionen des Werkes gibt. Eine davon besteht (wie hier) aus nur sechs Stücken; es fehlt das abschließende Mahna No Varua Ino der zweiten Fassung, die sich von der vorigen überdies durch eine völlig andere Satzfolge unterscheidet (wenn Sie diese zweite Variante hören wollen, müssen Sie die Tracks in der Sequenz 23, 22, 19, 20, 21, 18 und 24 programmieren).

Der Pianist Clifford Curzon, Alwyns Kommilitone an der Royal Academy of Music, hat das Werk kommentiert. Er war lange Jahre mit dem Komponisten befreundet, und ein großer Bewunderer seines Schaffens, hatte am 30. Dezember 1931 in den Bournemouth Winter Gardens mit dem von Alwyn geleiteten Bournemouth Symphonie Orchestra dessen erstes Klavierkonzert (1930) uraufgeführt und gab auch die Premiere der Contes Barbares. Diese fand am 3. März 1940 bei Angela und Peter Latham statt, mit denen der Komponist befreundet war: Alwyn selbst begleitete den Bratscher Watson Forbes in der Pastoral Fantasia und den Geiger Frederick Grinke im Violinkonzert, und die beiden Streicher brachten zudem das Sonata Impromptu für Violine und Viola zu Gehör.

Cinderella und Water Lilies gehören zu den neun Stücken, die Alwyn 1952 für eine Sammlung progressiver Unterhaltungsstücke komponierte, die Alfred Lengnick unter dem Titel Five by Ten herausbrachte. Diese fünfbändige, von Alec Rowley editorisch betreute Serie enthielt Stücke vom einfachsten bis zum höchsten Schwierigkeitsgrad, die Legnicks damalige Hauskomponisten geschaffen hatten. Dazu gehörten neben Alwyn unter anderem auch Rubbra, Maconchy, Wordsworth, Arnold, Reizenstein, Stevens und Dring. Cinderella, ein graziöser Walzer in E-dur, findet sich im fünften Band der Reihe, das verträumte H-dur-Nocturne Water Lilies steht im vierten Heft der Kollektion.

Night Thoughts wurden im Dezember 1939 in London vollendet und 1940 von der Oxford University Press in ihrer Klaviermusik-Reihe veröffentlicht. Alwyn hat dem Stück die nachfolgenden Worte aus Walt Whitmans Drum-Taps vorangestellt:

„An der unbeständigen Flamme des Biwaks
umwindet mich eine Prozession, ernst,
langsam und süß.“

Es handelt sich dabei praktisch um ein Nocturne: Die Musik beginnt langsam, steigert sich zu immer größerer Leidenschaft, während die Prozession sich nähert, erreicht einen stürmischen Mittelteil und fällt dann in die Ruhe des Anfangs zurück, während sich die Prozession entfernt.

Sein letztes großes Klavierwerk, die Movements, vollendete Alwyn am 1. September 1961. Er widmete es seiner zweiten Frau Doreen Carwithen, die ebenfalls komponierte. Die Originalhandschrift zeigt, dass Alwyn zunächst nicht genau wusste, wie er das Stück nennen sollte: Zunächst hatte er „Rhapsody“, dann „Sonata No. 2“ auf die Titelseite geschrieben; letzteres steht dann auch auf der ersten Seite des Kopfsatzes. Am Ende war er wohl der Ansicht, dass Movements („Sätze“ oder „Bewegungen“) seine Absichten besser vermitteln könnten. Das brillante und virtuose Werk besteht aus drei kontrastierenden Sätzen – einem dramatischen und stürmischen Allegro Appassionato folgt eine geisterhaftatmosphärische Evocation, worauf der dämonische, wahnwitzige Devil’s Reel einen schwungvollen, fieberhaften Schlusspunkt setzt. Die Uraufführung der Movements fand am 23. Februar 1963 durch Terence Beckles in einer BBC-Sendung aus dem Funkhaus statt. Zwei Jahre später sollte die letzte Klaviermusik überhaupt folgen: die Zwölf Zerstreuungen für die fünf Finger aus dem Jahre 1963, eine Reihe kurzer didaktischer Stücke. Dergestalt bilden die Movements den eigentlichen dramatischen Abschluss in Alwyns umfangreichem und fantasievollem Soloklavierschaffen.

Andrew Knowles
(Unter Bezug auf Alwyns eigenen Einführungstext zu den Zwölf Preludes)
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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