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8.570467 - IRELAND: 5 Poems / We'll to the Woods No More / Sea Fever / Santa Chiara (English Song, Vol. 18)
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John Ireland (1879–1962)
Lieder

 

John Ireland studierte am Royal College of Music bei Charles Villiers Stanford (1852–1924). Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts wirkte er als Organist, Chorleiter und Pianist und machte sich einen Namen als Komponist mit Werken wie dem Phantasie Trio (1906). Die Popularität des Liedes Sea Fever (1913) und der Eindruck, den die 2. Violinsonate (1915–17) bei ihrer Premiere hinterließ, verschafften ihm Ansehen im Lande. Von 1923 bis 1939 lehrte er am Royal College of Music, wo Benjamin Britten (1913–1976) zu seinen Schülern gehörte. Im Jahr 1926 ging er eine Ehe ein, die zum Desaster wurde; die Scheidung folgte bald darauf. Auch die tiefe Freundschaft zu einer Schülerin endete schmerzlich.

Irelands Hauptinspiration waren Landschaften wie die Kanalinseln, Dorset und Sussex, besonders aber antike Stätten wie Chanctonbury Rind in den South Downs. In diesem Zusammenhang steht wohl auch der Einfluss des heidnischen Mystizismus in den Schriften Arthur Machens. Zu den Werken, die diese Charakteristika reflektieren, gehören das orchestrale The Forgotten Rite (1913) und Mai-Dun (1920/21). Ein wichtiges Medium für Ireland war das Klavier, so im Klavierkonzert (1930), Solowerken wie Decorations (1912/13) und Sarnia(1940/41) und auch Kammermusik wie den drei Klaviertrios. Nicht zuletzt war – wie diese Aufnahme zeigt – auch das Lied ein kraftvoller Bereich seines Schaffens. Das Korpus von 91 Liedern demonstriert Irelands exzellente Kenntnis der englischen Dichtung, die sich auch in der Vielfalt der Poeten spiegelt, die er vertonte, darunter A. E. Housman, Thomas Hardy, Dante Gabriel Rossetti und Jon Masefield.

Santa Chiara (Palm Sunday: Naples), komponiert 1925 auf ein Gedicht von Arthur Symons, baut auf der emphatischen melodischen Phrase der Klavier- Introduktion auf. Im mittleren Vers nimmt die Musik einen schimmernden, gleichsam mystischen Charakter an, der die Träumerei des Dichter spiegelt, der auf die See hinausblickt. Solche Identifikation mit der Natur – Symbol für einen Bewusstseinszustand –, ist ein wiederkehrender Topos in Irelands Musik. The Salley Gardens nach W. B. Yeats gehört zum Zyklus Songs Sacred and Profane, entstanden zwischen 1929 und 1931. Liebe, insbesondere unerwiderte Liebe ist ein anderes Thema, das Ireland in seinen Liedern ausdrückt; der bittersüße Charakter von Yeats Gedicht ist im Lied trefflich eingefangen. Sea Fever (1913) war in den Zwischenkriegsjahren bei Publikum und Sängern überaus beliebt. Es steht in der Tradition von Stanfords Songs of the Sea und ist die Vertonung einer von Masefields Salt-Sea Ballads. Das Lied ist von Jersey inspiriert; die sehnsuchtsvolle Melodie verläuft über einer Begleitung, die mit jeder Strophe variiert wird und harmonisch reich schattiert ist.

Irelands erste Hardy-Vertonung ist Great Things (1925), eine strophische Ballade mit einer ausgelassenprahlerischen Begleitung. Eine solche Hochstimmung findet sich in den Three Songs to Poems by Thomas Hardy aus demselben Jahr nicht. Sie repräsentieren die dunklere, fatalistische Seite des Dichters.

Summer Schemes beinhaltet ein weiteres Beispiel für Irelands Naturmystizismus, indem der Leidenschaft der Liebenden ein ekstatischer Ausbruch von Vogelgesang entspricht, den das Klavier evoziert. Die einsame Melodie von Her Song ist von Kummer zerrissen – eines der schönsten Lieder des Komponisten. Weathers hat eine beschwingt-pastorale Gangart, wobei sich die Musik von der Wärme des Frühlings bis zur nasskalten Kühle des Herbstes fortbewegt.

The Bells of San Marie (1919) und The Vagabond (1922) sind weitere Masefield-Vertonungen. In ersterer begleitet Glockenläuten die folksongartige Melodie, während letztere eine Reminiszenz an die Begeisterung der Viktorianer und Edwardianer für heimatlose, freie Vagabunden ist, wie zum Beispiel in Robert Louis Stevensons Songs of a Wayfarer. Tryst und During Music von 1928 sind eine weitere Vertonung von Symons bzw. eine des Malerpoeten Dante Gabriel Rossetti. Sie wurden zusammen als Two Songs veröf-fentlicht. Tryst vermittelt ein frustriertes Gefühl – aufgestaute Liebe ist in der Musik geradezu greifbar. During Music hat eine wogende Arpeggio-Figur in der Begleitung – Synonym für die pianistischen Fertig-keiten dessen, nach dem es den Liebenden verlangt.

Die ersten zwei Lieder von Marigold (1913) sind ebenfalls Rossetti-Vertonungen; Dichter des dritten ist Ernest Dowson. Eher als „Impression“ denn als Zyklus beschrieben, handelt es sich um ein ausgezeichnetes Werk und eines der ersten in Irelands reifem Stil. Die Gründe für die Wahl des Titels Marigold und die Bezeichnung „Impression“ sind unbekannt, die Intensität der Musik deutet indessen auf einen Bezug zu Irelands Privatleben. Die Lieder behandeln Aspekte der Liebe; der Klavierpart ist für die Erzeugung der Emotion ebenso wichtig wie die thematischen Verbindungen zwischen den Liedern.

Youth’s Spring-Tribute präsentiert die Erfüllung der Liebe im Kontext der Frühlings-Metaphorik. Man beachte die kurze Klavier-Introduktion, thematisches Motiv in den anderen Liedern, und auch die „singende“ Melodie mit blühenden Arpeggien des Klaviers zu den Worten and through her bow’rs’, die ebenfalls ein thematischer roter Faden ist. Nach einem Höhepunkt bei your warm lips folgt eine Sequenz von pianissimo- Akkorden im Sopran des Klaviers – das erste Auftreten eines Motivs in Irelands Musik, das für ihn zu einem Symbol der Leidenschaft wurde und welches er in Momenten erhöhter Intensität einsetzte. In Penumbra jedoch ist die Liebe verloren, wie die düstere Stimmung der Musik verdeutlicht. Das „singende“ Motiv aus dem ersten Lied kehrt zunächst im Klavier als eine Art trauriger Kommentar wieder. Spleen beginnt mit einer kantigen Phrase, die Benommenheit suggeriert; inmitten der chromatischen “Angst” erklingt das „singende“ Motiv erneut, nun aber gleichsam bis auf die Knochen entkleidet. Am Ende dieses trostlosen Liedes scheint dennoch kurz eine geheiligte Erinnerung an Glück auf, indem die Eröffnungstakte von Youth’s Spring-Tribute wiederkehren. I have twelve oxen (1918) nach einem anonymen frühen englischen Gedicht repräsentiert mit seiner herzhaften Melodie, den pikanten harmonischen Ideen und der munteren Coda die unbeschwertere Seite von Ireland.

Dem Komponisten und Ireland-Kenner Geoffrey Bush zufolge, „sprach der schonungslose, grimmighumorvolle, pessimistische und mürrische Housman unmittelbar zum Herz des Komponisten“, und zwar mehr als jeder andere Dichter. Das ist offenkundig im Zyklus We’ll to the Woods no more (1927). Um die Bedeutung des Werkes ganz zu verstehen, ist ein Blick in die persönlichen Lebensumstände Irelands notwendig. Er war wahrscheinlich homosexuell, unterdrückte jedoch diese Neigung gemäß den Konventionen seiner Zeit. Mehrere lange währende Männerfreundschaften mit Choristen begannen, als Ireland Organist und Chorleiter von St Luke’s in Chelsea war. Dazu gehörte Arthur Miller, dem dieses Werk und einige andere gewidmet sind. Doch genoss Ireland auch die Gesellschaft von Frauen, und so ließ er sich 1926 auf die von Unglück verfolgte und vielleicht nie vollzogene Ehe ein. Im Jahr darauf heiratete auch Miller. Die entflammten Emotionen des Liederzyklus scheinen untrennbar mit diesen Ereignissen zusammenzuhängen. Die thematisch verknüpfte Musik ist beladen mit einem Gefühl von Verlust und Schmerz, als versuchte Ireland, unter beider Beziehung einen Schlussstrich zu ziehen.

Strukturell ist der Zyklus insofern ungewöhnlich, als der Schlusssatz für Klavier allein gesetzt ist – eine Ausweitung des Schumannschen Klavierepilogs in seinen Liedern. Der Titel und das erste Lied des Zyklus sind dem Eröffnungsgedicht von Housmans Sammlung Last Poems entnommen. Die wiegende Begleitung verbreitet von Anfang an Traurigkeit; die Musik wird allmählich chromatischer und bricht schließlich bei den Worten Oh we’ll no more, no more, to the leafy woods away in Kummer aus.

In Boyhood zieht das unaufhaltsam-ernste Schreiten durch bis zum quälenden Höhepunkt, und der Epilog Spring will not wait ist überschrieben mit einem Zitat aus A Shropshire Lad: „Spring will not wait the loiterer’s time / Who keeps so long away“. Obwohl anfangs heller im Charakter, verdunkelt sich die Musik zusehends. Am Ende kehrt die Musik, welche die Worte no more im ersten Lied untermauert, wieder: ein herzzerreißendes Bild für Irelands missglückte Versuche, Liebe zu finden - bei Mann oder Frau.

Die Five Poems by Thomas Hardy von 1926 schildern die Suche des Dichters nach weiblicher Liebe – man mag darin Irelands eigenen ambivalenten Weg zu seiner Ehe gespiegelt sehen. Beckon to me to come baut auf die zarte Klavierphrase der Eingangstakte auf. In my sage moments ist schwer von chromatischer Spannung und erhebt sich zu einer nervösen Klimax auf die Worte Come deign again shine, denen eine Version von Irelands „Leidenschafts-Motiv“ unterlegt ist. Eine lichtere, beinahe sorglose Stimmung wird bei It was what you bore with you, woman angeschlagen, doch mit der kargen Vokallinie, den hohlen Akkorden und einem Anflug von Trauerrhythmus bei The tragedy ot that moment kehrt Hoffnungslosigkeit zurück. Dear, think not that they will forget you beginnt mit einer Erinnerung an das verbindende Motiv des ersten Liedes, und bei den Worten They may say: „Why a woman such honour“ wird nicht nur eine gewisse Ruhe, sondern auch eine Art Lösung des Zyklus insgesamt erreicht.

The Cost (1916) ist der zweite von Two Songs nach Gedichten aus Eric Thikell Coopers Sammlung Soliloquies of a Subaltern. Es hat geradezu den Charakter einer dramatischen Szene und gipfelt in einem schmerzvollen Ausbruch von Trauer, wenn der Dichter seinen gefallenen Kameraden anfleht, ins Leben zurückzukehren. When I am dead my dearest (1924) ist ebenfalls Arthur Miller gewidmet, die Inschrift To A. G. M., Cerne Abbas, June 1925 nimmt Bezug auf einen gemeinsamen Urlaub in Dorset. Es handelt sich um eine Vertonung von Christina Rossettis Gedicht der Hoffnung trotz schmerzlichen Verlustes – Musik von zärtlicher Eindringlichkeit. Tutto e sciolto (1932) ist Irelands Beitrag zu The Joyce Book – Vertonungen der Sammlung Pomes Penyeach von dreizehn Komponisten zu Ehren des Dichters. If there were dreams to sell (1918) nach Worten von Thomas Lovell Beddoes hat den Charakter einer edwardianischen Salonballade. Wie so viele der hier aufgenommenen Lieder demonstriert auch dieses Irelands Fähigkeit, eingängige und unvergessliche Melodien zu schreiben.

Andrew Burn
Deutsche Fassung: Thomas Theise


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