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8.570470-71 - BACH, J.S.: Lute-Harpsichord Music (Farr)
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Johann Sebastian Bach (1685–1750)
Musik für Lautencembalo

 

Während seiner gesamten beruflichen Laufbahn hat Johann Sebastian Bach für die Laute komponiert. Zu seinen eigenen Instrumenten gehörten eine Laute sowie zwei Lautencembali, aus denen ersichtlich ist, wie sehr er sich für das Timbre und die Form des Instruments interessierte. Nachdem er von 1703 bis 1708 zunächst an den Kirchen von Arnstadt und Mühlhausen gearbeitet hatte, war er bis 1717 Hoforganist und dann auch Konzertmeister des Herzogs Wilhelm von Sachsen- Weimar. Aus dieser Periode stammt sein erstes erhaltenes Lautenstück, die Suite e-moll BWV 996, die kurz nach 1712 entstanden sein dürfte.

Um 1720 schrieb Bach das Präludium c-moll BWV 999, die Sonaten und Partiten für Violine solo sowie die Solosuiten für Violoncello. Inzwischen wirkte er seit 1717 als Kapellmeister des Fürsten Leopold am Hofe zu Köthen. Aus diesen Jahren, spätestens aber von 1725, stammt die Fuge g-moll BWV 1000, mit der Bach den zweiten Satz seiner ersten Solo-Violinsonate für Laute eingerichtet hat. Ernst Gottlieb Baron, der 1727 ein wichtiges Buch über die Geschichte und Praxis des Lautenspiels verfasste, soll Bach um 1720 in Köthen kennengelernt haben.

Im Jahre 1723 wurde Johann Sebastian Bach als Kantor der vier Hauptkirchen sowie offizieller Musikdirektor der Stadt Leipzig angestellt. Damals trat er in Kontakt mit den zwei bekannten Dresdner Lautenisten Sylvius Weiss und Johann Kropffgans, und um etwa 1730 bearbeitete er seine fünfte Cello-Suite für Laute, wobei er das Werk von c-moll nach g-moll transponierte (BWV 995). Rund sechs oder sieben Jahre später übertrug er seine dritte Violinpartita auf das Lautencembalo, die indessen ihre Originaltonart E-dur behielt (BWV 1006a). Zwischen 1740 und 1745 folgten dann zwei neue Werke: die Suite c-moll für Laute BWV 997 sowie das schöne Präludium, Fuge und Allegro Es-dur für Laute oder Cembalo BWV 998.

Die beiden verbleibenden Stücke auf dieser CD gehören zwar nicht zu Bachs Lautenwerken, lassen aber in vieler Hinsicht an deren Stil denken. Bei der Sonate dmoll BWV 964 handelt es sich um Bachs Cembaloübertragung der zweiten Solo-Violinsonate (ursprünglich in a-moll), die vermutlich zur selben Zeit entstand wie die Lauten-Arrangements anderer Solostreicher-Stücke. Schwer zu datieren ist die Sarabande con partite C-dur BWV 990, eine umfangreiche Variationsfolge, die von einer viersätzigen Suite beschlossen wird. Das hier auf dem Manual bevorzugte brisé steht in einem engen gedanklichen Zusammenhang mit den Texturen der Lautenwerke.

Das Praeludio aus der Suite e-moll BWV 996 verrät zunächst einmal den stylus phantasticus mit seinem Nebeneinander von freien und gebundenen Abschnitten, dessen sich Buxtehude und andere norddeutsche Orgelkomponisten befleißigten. Das Stück beginnt mit dramatischem Passagenwerk, an das sich ein imitativkontrastierender Teil anschließt. Die Textur der Allemande ist dergestalt angelegt, dass sich aus der Folge der Sechzehntel harmonische Gebilde ergeben. Mitunter werden Akkordtöne durch ornamentale Töne oder Figuren verbunden bzw. durch gebundene und gehaltene Noten angereichert. Das ist das brisé des Lautenspiels, das bei vorherrschend horizontalem Verlauf den Eindruck einer vertikalen, dekorativ ausgeführten Harmonik erzeugt. Eine ähnliche Textur findet sich in der anschließenden Courante und Sarabande, wobei sie im ersten Falle eher rhythmischer und im zweiten eher melodischer Natur ist. Die kontrapunktische Bourrée ist in zwei unterscheidbaren Stimmen geschrieben, während sich der letzte Satz, eine Gigue im italienischen Stil, in der atemlosen Beharrlichkeit ergeht, die typisch für ihre zusammengesetzte Taktart ist.

Das Präludium c-moll BWV 999 wird stilistisch oft mit gewissen Präludien aus dem ersten Band des Wohltemperirten Claviers verglichen. Hier und in der gesamten vorliegenden Aufnahme entstehen klangliche Schattierungen durch den Manualwechsel zwischen zwei Achtfuß-Registern – ganz ähnlich, wie ein Lautenist seine Timbres verändert, indem er näher am oder weit vom Steg entfernt spielt.

Die Fuge g-moll BWV 1000 war ursprünglich ein Soloviolinstück. Ihre Einrichtung für Laute ist in einer Abschrift des Lautenisten J. C. Weyrauch erhalten. Denselben Satz hat Bach auch für Orgel bearbeitet und dabei nach d-moll transponiert. Obwohl man das Stück immer leicht identifizieren kann, bringt der spezifische Instrumentalklang der Violine, der Laute oder des Lautencembalos oder der Orgel eine ganz unverwechselbare Kommunikation und Färbung des Affektgehaltes.

Die letzten Werke für Laute oder Lautencembalo stammen aus Bachs Leipziger Jahren. Die Suite g-moll BWV 995 ist im Autograph einem „Monsieur Schouster“ gewidmet, vermutlich einem Lautenisten. Die Suite verrät einen entschieden französischen Charakter. Das Präludium ist in der Art einer Ouvertüre gehalten, in der dem langsamen, stark punktierten ersten Teil mit seiner kühnen, improvisatorischen Geste ein längerer Abschnitt im imitativen Stil folgt, der als très viste (= sehr rasch) bezeichnet ist. Die Allemande grave führt die Stimmung weiter, die am Anfang des Präludiums herrschte. Der langsame, harmonische Rhythmus bewegt sich kontinuierlich durch noble und ausdrucksvolle melodische Gebärden. Die Courante klingt trotz ihres deutlich erkennbaren rhythmischen Schemas frei und improvisatorisch. Die Sarabande ist fast vollständig im brisé geschrieben – an gerade einmal acht Stellen kommt es zu vertikalen Zusammenklängen. Die zwei Gavottes werden en rondeau gespielt und bilden in ihrer Gegensätzlichkeit eine komplementäre Ergänzung. Die abschließende Gigue ist mit ihren durchweg energiegeladenen, punktierten Rhythmen in der Art einer Canarie gehalten.

Die Übertragung der Suite E-dur BWV 1006a entstand nach der vorigen Suite. Auch sie besteht aus sieben Sätzen. Das Präludium drückt pure Freude aus, indessen sie sich mit ihrer arpeggierten Harmonik, ihren Läufen und wirbelnden Melodiefragmenten zu wie-derholten Orgelpunkten über das gesamte Manual ausbreitet. Die Loure, oft als langsame französische Suite beschrieben, bringt zartes Vergnügen mit einer gewissen Sorglosigkeit zum Ausdruck. Die Gavotte en Rondeau ist ein echt französisches Rondeau, in dem der erste thematische Teil mit vier couplets oder nebengeordneten Episoden alterniert. Die beiden Menuette werden in der üblichen Weise en rondeau gespielt. Das erste spricht von schlichter Freude, wohingegen sich das zweite in klangvolleren, reicheren Tönen ergeht. Die Bourrée gibt sich sehr gesprächig und schlägt ein etwas rascheres Tempo an, deren Energieniveau von der abschließenden Gigue im italienischen Stil noch einmal gesteigert wird – wie es sich am Ende dieses festlich-sonnigen Werkes gehört.

Zwei Originalwerke für Laute aus den 1740er Jahren zeigen eine Beziehung zu den beiden Meisterlautenisten Weiss und Kropffgans. Die Suite c-moll BWV 997 beginnt mit einem harmonischen reichen Präludium, dem eine da capo-Fuge mit wiederholtem Anfangsteil folgt. Eine eindringliche Sarabande schließt sich an, die melodisch an den Schlusschor der Matthäus-Passion erinnert. Die Gigue und ihr Double erweitern den Diskantbereich um mehr als eine Oktave bis zum f”’.

Präludium, Fuge und Allegro Es-dur BWV 998 sind eindeutig als Musik für Laute oder Cembalo ausgewiesen. Das Präludium zeigt das deutliche brisé, an das wir uns inzwischen haben gewöhnen dürfen. Dabei werden die Affekte der verschiedenen Tonartenbereiche im Verhältnis zur Tonika erkundet. Wiederum folgt eine da capo-Fuge, deren erster Abschnitt im Verhältnis zu den rieselnden Arpeggien des zweiten Teils auffallend robust ist. Das Allegro ist ein brillantes, humorvolles Stück in zweiteiliger Form.

Die Sonate d-moll BWV 964, Bachs Cembalotranskription der zweiten Violinsonate a-moll, zeigt eine reiche, volle Textur, die in den älteren Versionen für Violine und für Laute nur angedeutet ist. Das Originalwerk ist auf meisterliche Weise und in absolut cembalistischer Idiomatik bearbeitet worden. Durch die Möglichkeiten der Manualwechsel entsteht zudem eine neue Ebene der Virtuosität. Die Fuge dürfte die schwierigste unter den Soloviolin-Fugen sein; dasselbe gilt, wenn sie, wie hier, auf die transparenten Strukturen des Lautencembalos übertragen wird. Unvergleichlich ist die Expressivität des ersten und dritten Satzes. Das Finale lässt die Motive seiner Phrasen beinahe wie in einem Wettkampf widerhallen.

Die bezaubernde Sarabande con partite C-dur BWV 990 zählt ihr Thema als die erste von zwölf Variationen. Abgeschlossen wird das Werk durch eine kurze Suite: Diese Variationen 13 – 16 bestehen aus einer Allemande, einer Courante, einer nicht näher bezeichneten Arie (anstelle der üblichen Sarabande) sowie einer Giguetta. Einer Gewohnheit folgend, wird das Thema am Ende der Variationen wiederholt, um noch einmal daran zu erinnern, wo man begonnen hatte.

Elizabeth Farr
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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