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8.570483 - HAYDN, J.: Violin Concertos, Hob. VIIa: 1, 3, 4 (Hadelich)
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Joseph Haydn (1732-1809)
Violinkonzerte

 

„Ich war auf keinem Instrument ein Hexenmeister, aber ich kannte die Kraft und die Wirkung aller; ich war kein schlechter Klavierspieler und Sänger, und konnte auch ein Konzert auf der Violine vortragen.“ Mit diesen Worten zitiert Georg August Griesinger den alten Joseph Haydn in der Biographie, die er nach Haydns persönlichen Mitteilungen geschrieben und kurz nach dessen Tod 1809 veröffentlicht hat. Haydns Äußerung spiegelt die vielseitige Ausbildung eines professionellen Musikers, wie sie im 18. Jahrhundert üblich war. Diese war ihm allerdings wohl kaum in die Wiege gelegt, denn er wurde 1732 als Sohn eines Wagnermeisters und Marktrichters im niederösterreichischen Rohrau in bescheidene Verhältnisse hineingeboren. Der Vater konnte auf der Harfe den Liedgesang beider Eltern begleiten, so dass die Kinder nicht gänzlich ohne musikalische Anregung aufwuchsen. Als eines Tages der Schulrektor und Kantor Johann Mathias Franck, ein entfernter Verwandter der Familie, aus dem nahe gelegenen Hainburg an der Donau zu Besuch kam, erkannte er die musikalische Begabung des Jungen, und er legte den Eltern nahe, ihn nach Hainburg zur Schule zu schicken. Die Eltern kamen der Empfehlung nach, jedoch dachten sie nicht daran, ihren ältesten Sohn Musiker werden zu lassen, sondern sie wollten ihm die „geistliche Laufbahn“ ermöglichen.

In Hainburg lernte Haydn Lesen und Schreiben, er bekam Religionsunterricht und, so Griesinger, Unterweisung „im Singen, und fast in allen Blas- und Saiten-Instrumenten, sogar im Paukenschlagen“. Griesinger zitiert wiederum Haydn: „Ich verdanke es diesem Manne [Franck] noch im Grabe […] daß er mich zu so vielerley angehalten hat, wenn ich gleich dabey mehr Prügel als zu essen bekam.“ Franck war es auch, der den Wiener Kapellmeister Georg Reutter auf den achtjährigen Haydn aufmerksam machte und so dafür sorgte, dass dieser als einer von nur sechs Chorknaben an St. Stephan in Wien aufgenommen wurde. Auch während dieser Zeit erhielt Haydn intensiven Musikunterricht in Gesang und auf verschiedenen Instrumenten.So vielseitig die praktische Ausbildung war, der Unterricht in Musiktheorie oder gar Tonsatz und Komposition war nicht Bestandteil des Lehrplans. Der Chorknabe konnte sich jedoch Lehrbücher zugänglich machen, die er eigenständig durcharbeitete, und immerhin korrigierte Reutter seine Kompositionsübungen.

Auch nach der Entlassung aus dem Chorknabendienst infolge des Stimmbruchs erarbeitete sich Haydn die Kunst des Komponierens weitgehend autodidaktisch, während er sich als Organist, Geiger und Klavierlehrer mühsam seinen Lebensunterhalt zusammenverdiente. Erst als Gegenleistung für seine Tätigkeit als Diener und Korrepetitor des berühmten Komponisten und Gesangslehrers Nicola Porpora erhielt der junge Haydn eine solidere Unterweisung in Tonsatz und Komposition. Vor diesem Hintergrund erklärt sich Haydns Dankbarkeit für die Art seiner Ausbildung: Sie ermöglichte ihm einerseits, seinen Broterwerb als Musiker zu bestreiten, sich im musikalischen Wien einen Namen zu machen und wichtige Kontakte zu bereits etablierten Kollegen zu knüpfen, andererseits profitierte er auch in der Komposition von der reichhaltigen praktischen Erfahrung. Offensichtlich wusste Haydn aus seiner Kenntnis der „Kraft“ und der „Wirkung“ der Instrumente den größtmöglichen Nutzen zu ziehen – für das Komponieren eine ebenso wichtige Voraussetzung wie musiktheoretische Kenntnisse.

In Haydns Œuvre bilden seine Sinfonien und Streichquartette nicht nur die im heutigen Musikleben prominentesten Werkgruppen. Sie vermitteln uns auch ein geschlossenes, konsistentes Bild von seiner kompositorischen Entwicklung, denn Haydn beschäftigte sich kontinuierlich sein Leben lang mit diesen Gattungen. Die Gruppe der Solokonzerte bietet demgegenüber ein eher brüchiges Bild: Zum einen wurden Haydn bereits zu Lebzeiten zahlreiche Solokonzerte fälschlich zugeschrieben, und diese Echtheitsfragen konnten vielfach erst in den letzten Jahrzehnten geklärt werden. Zum anderen komponierte Haydn tatsächlich nur die relativ geringe Zahl von etwa 20 Solokonzerten, von denen zudem einige verschollen sind. Die meisten Konzerte entstanden vor 1770, also in Haydns früher Zeit als Komponist. Nur drei Konzerte stammen aus der reifen „klassischen“ Phase nach 1780 (das D-Dur-Klavierkonzert, das D-Dur- Violoncellokonzert und das Trompetenkonzert). Statt der lange vermuteten neun hat Haydn nur vier Violinkonzerte komponiert, die anderen wurden ihm irrtümlich zugeschrieben. Von den vier authentischen Konzerten ist eines verloren gegangen, so dass die drei auf der vorliegenden CD eingespielten Werke alle überlieferten Violinkonzerte Haydns ausmachen. Diese sind ausnahmslos während der 1760er Jahre entstanden, in der ersten Zeit Haydns als Vizekapellmeister des Fürsten Esterházy in Eisenstadt.

Nachdem Haydn während der 1750er Jahre als freier Musiker äußerst mühsame und ärmliche Zeiten durchlebt hatte und seine erste Anstellung bei einem adligen Dienstherrn nur drei Jahre gedauert hatte (Graf Morzin musste sämtliche Musiker entlassen, weil er sie nicht mehr bezahlen konnte), bedeutete 1761 die Anstellung am Esterházyschen Hof – einem der reichsten Europas – Hoffnung auf berufliche und finanzielle Sicherheit. Haydn wird besonders in der Anfangszeit alles darangesetzt haben, seinem Dienstherrn zu gefallen und sich diese Stellung zu sichern. Der alternde und wohl auch eifersüchtige Erste Kapellmeister Gregor Joseph Werner intrigierte jedoch gegen Haydn, so dass dieser sich Mitte der 1760er Jahre gezwungen sah, als Nachweis für seinen kompositorischen Fleiß ein Verzeichnis seiner Kompositionen anzulegen. Da sich aus den ersten Eisenstädter Jahren kaum eine von Haydns eigenen Niederschriften seiner Werke erhalten hat, ist der sogenannte Entwurfkatalog in der Haydn- Forschung eine zentrale Quelle für die Echtheit und die Entstehungszeit von Haydns Werken. Auch von den Violinkonzerten sind keine Autographen überliefert, aber im Entwurfkatalog sind das C-Dur- und das verschollene D-Dur-Violinkonzert um 1765 eingetragen, das A-Dur-Konzert zwischen 1765 und 1770. Das G-Dur-Konzert fehlt hier, weshalb seine Echtheit als nicht völlig gesichert gilt. Das bis ins Jahr 1780 reichende Verzeichnis ist jedoch insgesamt nicht ganz vollständig, und bisher ist keine Quelle bekannt, die Haydns Autorschaft an dem G-Dur-Konzert widerlegen würde. Auch stilistisch und formal gibt es kaum Anlass, seine Echtheit ernsthaft anzuzweifeln.

Zwar sind in einem Teil der zeitgenössischen Abschriften auch Bläserstimmen überliefert, namentlich für das A-Dur-Konzert. Diese sind jedoch nicht echt, sondern müssen später von fremder Seite hinzugefügt worden sein; die originale Besetzung ist das reine Streichorchester. Dessen einheitlichem Klangbild setzt Haydn thematische Vielfalt entgegen und gibt damit der Solovioline die Möglichkeit, sich vom Orchestertutti abzuheben. So greift der Solopart in den Kopfsätzen zunächst den musikalischen Eröffnungsgedanken des Orchesters auf, wendet sich dann aber neuen Themen zu. Damit sind die Bläserstimmen nicht nur stilistisch fragwürdig, sie stehen der kompositorischen Anlage der Konzerte geradezu entgegen. (In Haydns Klavierkonzerten etwa, wo sich der Solopart schon durch den Klang des Soloinstruments vom Orchester unterscheidet, gibt es keine eigenen Solo- und Tuttithemen.)

Bei den erwähnten Katalog-Einträgen des C-Durund des D-Dur-Konzertes findet sich die Anmerkung „fatto per il luigi“ (für Luigi komponiert). Wenigstens eines der beiden, vielleicht auch beide Konzerte sind demnach für den italienischen Geiger Luigi Tomasini (1741–1808) geschrieben. Dieser war 1757 zunächst als Kammerdiener des Fürsten Esterházy angestellt worden. Der Fürst ermöglichte ihm dennoch die Fortführung seiner musikalischen Ausbildung in Venedig, und zur Zeit von Haydns Anstellung als Kapellmeister im Jahr 1761 war Tomasini bereits erster Violinist der Hofkapelle.

Die Haydnschen Violinkonzerte weisen im Solopart keine großen technischen Schwierigkeiten auf (anders als etwa das späte, ausgesprochen virtuose Violoncellokonzert D-Dur). In diesem Zusammenhang ist vielfach vermutet worden, Haydn selbst habe seine Violinkonzerte aufgeführt. Das Eingangszitat mag diese Annahme stützen, eindeutige Belege gibt es jedoch nicht. Vielmehr ist zu bedenken, dass Haydn bis zu einer Lockerung seines Dienstvertrages im Jahr 1779 ausschließlich für die Bedürfnisse der Hofmusik zu komponieren hatte. Dies bedeutete nicht nur, dass er konkreten Aufträgen des Fürsten nachkommen musste, sondern auch, dass Haydn seine Werke nicht nach außen weitergeben oder gar verkaufen durfte. Folglich richteten sich die Violinkonzerte nicht an die Öffentlichkeit, sondern waren innerhalb der Hofmusik gleichsam für den ‚internen‘ Gebrauch gedacht. Hier ging es weniger darum, virtuose Fähigkeiten ins Rampenlicht zu stellen und dadurch ein Publikum zu gewinnen, vielmehr sollte der Hofstaat – das sozusagen ohnehin garantierte Publikum – auf leichte und angenehme Weise unterhalten werden. Die Gelegenheit, seine Kunst zu präsentieren, bot sich dem Solisten auch bei Haydns Konzerten in den unbegleiteten Solokadenzen, die traditionell nicht auskomponiert sondern frei improvisiert wurden. Auf der vorliegenden Einspielung stammen die Kadenzen von Augustin Hadelich.

Christin Heitmann


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