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8.570492-93 - ROMAN, J.H.: 12 Flute Sonatas (V. Fischer)
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Johan Helmich Roman (1694–1758)
Zwölf Flötensonaten (1727)

 

Johan Helmich Romans Bedeutung für die Geschichte der schwedischen Musik kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Als erster schwedischer Komponist von internationaler Bedeutung legte er in den drei Jahrzehnten von 1721 bis 1751 durch seine harte Arbeit als Dirigent des königlichen Orchesters, Geiger und Oboist, Konzertorganisator, Musiklehrer, Theoretiker und Sprachwissenschaftler das Fundament des modernen schwedischen Musiklebens. Romans Vater war Violinist in der Hofkapelle und sorgte für die frühe Ausbildung seines Sprösslings, der schon mit sieben Jahren bei Hofe geigte und vermutlich schon ein unbezahltes Mitglied des königlichen Orchesters war, ehe er 1711 offiziell angestellt wurde. 1712 befahl König Karl XII., dass der „Musicus Rohman junior“ für einige Jahre ins Ausland gehen solle, um sich ebendortselbst „in der Musik zu perfektionieren“. Derselbe blieb vom November 1715 bis zum Sommer 1721 in England und war unter anderem in Händels Academy of Music als zweiter Geiger tätig. Auch machte er sich als „schwedischer Virtuose“ einen Namen. An Komponisten lernte er unter anderem Bononcini, Geminiani und Veracini kennen, die für seine künstlerische Entwicklung von entscheidender Bedeutung waren.

Bald nach seiner Heimkehr wurde Roman zum Vizehofkapellmeister ernannt, und durch seine Arbeit steigerte sich in den zwanziger Jahren die Qualität des Orchesters, das er in einem elenden, durch Krieg, Hunger und Pestilenz verursachten Zustand übernommen hatte, das er aber nach eigenem Bekunden in der Zeit um 1734 zu einem nützlichen Klangkörper geformt hatte. Anfang 1727 wurde er zum Ersten Kapellmeister befördert. Damit ergab sich eine Systemveränderung, die dazu führte, dass der seit dem Ende des 17. Jahrhunderts bei Hofe dominierende französische Geschmack durch den italienischen verdrängt wurde. Durch Roman kam es zwischen 1727 und 1735 zu den ersten öffentlichen Konzerten in Schweden (1731), deren Zweck es sein sollte, „das Orchester in ständiger Übung zu halten.“ Zu diesem Zwecke schrieb Roman viele seiner Kompositionen sowie zahlreiche Arrangements chorischer Werke (insbesondere von Händel).

Von 1735 bis 1737 unternahm Roman eine „große Reise“ durch Europa, wobei er diese offiziell mit der Absicht begründete, für ein Gehörleiden Heilung zu suchen. Er ging zunächst wieder nach London, wo er mit Händel zusammentraf. Darauf folgten Paris und Neapel, bevor er über Padua, Florenz, Bologna, Venedig und Dresden wieder die Heimat ansteuerte. Während dieser Jahre im Ausland entstanden seine äußerst bedeutenden Assaggi à Violìno solo. Der Kontakt mit neuen musikalischen Stilen, vor allem demjenigen der neapolitanischen Schule, sorgte bei Hofe für einen neuerlichen Wandel des Geschmacks. Das konnte man bei den Trauerfeierlichkeiten für Königin Ulrika Eleonora (1742) erleben, mit deren Tod Roman allerdings den starken Rückhalt verlor, dessen er sich drei Jahrzehnte lang hatte sicher sein können. Der obendrein gesundheitlich angeschlagene Roman übergab nach und nach die Leitung der königlichen Kapelle in die Hände seines Konzertmeisters Per Brant, der ihm 1745 als Kapellmeister nachfolgte, derweil er selbst aber immer noch neue Sinfonien für das Orchester schrieb. Nachdem er die Musik für die königliche Hochzeit auf Drottningholm (1744) geschrieben hatte, durfte er sich auf dem Hofe Lilla Haraldsmåla zur Ruhe setzen. Er kehrte nur noch zweimal in die Hauptstadt zurück, um dort seine höfischen Pflichten zu erfüllen. Im Februar 1740 wurde Roman zum Mitglied der 1739 gegründeten königlichen Akademie der Wissenschaften ernannt, weil er sich seit langem eifrig um die Reinheit der schwedischen Sprache bemühte. Seit den zwanziger Jahren verwendete er seine Muttersprache in eigenen Chorwerken und Liedern, aber auch in Einrichtungen fremder Werke, womit er sich den Beinamen „Vater der schwedischen Musik“ erwarb. Nach der Geburt des zukünftigen Königs Gustav III. brachte Roman im Jahre 1747 Leonardo Leos Dixit mit einem schwedischen Text zur Aufführung, um det Svenska tungomålets bögelighet til kyrkomusique („die Eignung der schwedischen Sprache für die Kirchenmusik“) unter Beweis zu stellen. Der letzte Aufenthalt in Stockholm galt der Trauerfeier für König Fredrik I. sowie der musikalisch glänzend ausgestatteten Krönungs-zeremonie des neuen Königs Adolf Fredrik und seiner Gemahlin Louise Ulrike von Preußen (1751).

Während der letzten Jahre in Haraldsmåla komponierte Roman vor allem geistliche Lieder. Ferner übersetzte er theoretische Werke, die er als Grundstock einer geplanten Kollektion musikalischer Lehrbücher für die Jugend drucken lassen wollte. Neun Jahre nach seinem Tode fand ein Gedenkkonzert mit seiner Musik statt, und wiederum vier Jahre später wurde die Königliche Musik-Akademie gegründet—auch das ein Ergebnis des seit den dreißiger Jahren gehegten Vorhabens, aus dem Geiste der Aufklärung eine Ausbildungsstätte für Berufsmusiker entstehen zu lassen.

Die Mehrzahl dessen, was Roman komponiert hat, ist in Handschriften erhalten, die heute in der „Roman-Sammlung“ der Schwedischen Musikbibliothek aufbewahrt werden. Gedruckt wurden lediglich die Zwölf Flötensonaten (1727). Die Quellenlage ist kompliziert, da es neben Autographen viele Abschriften verschiedenster Kopisten und Entstehungsdaten gibt. Überdies ist nicht bekannt, was bei dem großen Brand der Stadt Turku (1827) aus dem Material wurde, das er der dortigen Universität gestiftet hatte, und man weiß auch nicht, was durch das Feuer in Haraldsmåla ein Jahr später verloren ging.

Im Vorwort der Flötensonaten, die Roman der jüngeren Königin Ulrika Eleonora widmete, sind die Werke als „Jugendkompositionen“ bezeichnet. Sie könnten demnach schon zu der Ausbildungszeit bei Johann Christoph Pepusch oder jedenfalls kurz nach der Heimkehr von der ersten England-Reise entstanden sein. Im abschließenden Allegro seiner zwölften Sonate zitiert Roman aus Händels Blockflötensonate F-dur op. 1—ein Hinweis auf die Bewunderung, die er für den älteren Kollegen und persönlichen Helden empfand. Sein eigener musikalischer Stil bewegt sich abseits schwergewichtiger Barock-Ideale und rückt die Sonaten in die Nähe der norddeutschen Ästhetik. Zwar verstand sich Johan Helmich Roman auf die Komposition in den verschiedensten Stilen, doch wenn er das tat, gab es üblicherweise einen äußeren Grund. König Friedrich I. kam aus Kassel, und der Komponist Conrad Friedrich Hurlebusch lebte von 1723 bis 1725 in Stockholm; vor allem aber kannte Roman sich auf stilistischem Gebiet aus: Die wichtigen deutschen Komponisten und Theoretiker waren Teil seines internationalen Netzwerks, in seiner Bibliothek standen musiktheoretische Abhandlungen von Johann Mattheson, und er war es, der die Hofkapelle mit den Werken Telemanns bekannt machte.

Die zwölf Sonaten bilden keine „wohltemperierte“ Kollektion, sondern bewegen sich in Tonarten mit wenigen Vorzeichen, was dem damaligen Entwicklungsstand der Flöte zuzuschreiben ist. Alle Stücke sind vier- bis sechssätzig, wobei grundsätzlich einem langsamen ersten ein schneller zweiter Satz folgt. Mehr als die Hälfte dieser Sätze bewegen sich in Tanzrhythmen und spielen mitunter auch auf volkstümliche Musik wie die Piva an. Die langsamen Sätze, ob Sarabande oder Siciliano, bieten sich zur nachträglichen Textierung an. Seine Musik war so geschätzt und gefragt, dass er selbst und fremde Bearbeiter verschiedene Sätze aus fast jeder seiner Sonaten zu anderen als den üblichen Zwecken benutzten—vor allem seit dem Ende der zwanziger Jahre und in den Dreißigern. Einige Stücke findet man in Kantaten zum Geburtstag der Königin (1726, 1727), anderes in der Orchestersuite seiner sogenannten Golovin-Musique (1728) und in Arien mit italienischen Texten sowie in einer Partita von etwa 1730. Wieder andere Melodien hat Roman in geistlichen Liederbüchern wie Sions sånger („Lieder von Zion“) oder schwedischsprachigen Liedern benutzt, die weit über den Hof hinaus bekannt waren. Des weiteren wurden viele seiner Sonaten von fremder Hand arrangiert bzw. textiert. Einer dieser Bearbeiter war ein Verwandter, Christian Roman, der in seiner handschriftlichen Flora Sätherensis mehr als zwanzig Melodien der Sonaten benutzte. Zum fünften Satz der Sonate Nr. 6 h-moll schrieb er beispielsweise den Text Ach tysta enslighet („O stille Einsamkeit“)—die melodische Gestalt der Anfangsphrase wurde mündlich in vielen Varianten tradiert und lebt heute noch als Volkslied weiter.

Als Roman seine Flötensonaten publizierte, tat er das, weil er vorhatte, ein größeres Repertoire schwedischer Kompositionen für gute Amateure zu schaffen. Auf der Titelseite der Sonaten steht ein Zitat aus dem zweiten Buch von Ciceros De oratore, das die gewaltige Zielsetzung des Komponisten verdeutlicht: Neque ab indoctissimis neque a doctissimis legi vellem („Weder von unwissenden noch von gelehrten Menschen will ich gelesen werden“). Um so viele Menschen wie möglich zu unterweisen, richtete er seine Aufmerksamkeit auf die Schicht zwischen Anfängern und weit Fortgeschrittenen. Die Sonaten, die man in vielen Buchläden des ganzen Landes erwerben konnte, waren ein wichtiges Hilfsmittel bei seinem generellen Streben, das musikalische Niveau im Schweden des 18. Jahrhunderts zu erhöhen.

Eva Helenius Öberg
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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