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8.570499 - MOZART, L.: Toy Symphony / Symphony in G Major, "Neue Lambacher" / Symphonies, Eisen G8, D15, A1 (Toronto Chamber Orchestra, Mallon)
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Leopold Mozart (1719–1787)
Sinfonien

 

Nachdem Leopold Mozart einige Zeit in den Diensten des Salzburger Kanonikers und Konsistorialpräsidenten Johann Baptist Graf von Thurn Valsassina und Taxis gestanden hatte, wurde er 1743 als vierter Violinist im Hoforchester des Erzbischofs Leopold Anton Freiherr von Firmian angestellt. Neben seinen Pflichten bei Hofe unterwies er die Chorknaben des Domchores im Geigenund später auch im Clavierspiel. Im Jahre 1758 hatte er es zum zweiten Geiger gebracht, und 1763 wurde er Vizekapellmeister. Schon 1756 hatte er seinen Versuch einer gründlichen Violinschule veröffentlicht, der sich im deutschsprachigen Europa als ein sofortiger Erfolg erwies. „Ein Werk von dieser Art hat man schon lange gewünschet, aber sich kaum getrauet zu erwarten,“ heißt es damals in den einflussreichen Historisch kritischen Beyträgen zur Aufnahme der Musik von Friedrich Wilhelm Marpurg, der davon überzeugt war, dass der großartige Mozart für die Deutschen dasselbe geleistet habe wie der berühmte Geiger Geminiani für die Engländer und sich damit allgemeine Anerkennung verdient habe.

Allerdings hatte sich Leopold Mozart bereits vor der Publikation seines Versuches einen Namen als Komponist gemacht, und die wichtigsten Werke, mit denen ihm das über Salzburg hinaus gelang, waren seine Sinfonien. Mehr als siebzig dieser Stücke sind ihm zugeschrieben und entweder erhalten oder wenigstens aus historischen Dokumenten bekannt, wobei davon auszugehen ist, dass weitere Kompositionen einfach verschollen sind. Aus Leopolds Korrespondenz erhellt, dass er sich für einen modernen und aktuellen Komponisten hielt, und diese Einschätzung wird tatsächlich durch manche seiner Werke bestätigt. Die Sinfonien entstanden zwischen den frühen vierziger und den frühen sechziger Jahren, und einige könnten sogar vom Ende der sechziger oder vom Anfang der siebziger Jahre stammen. Insgesamt zeigen sie einen heterogenen Stil. Einige von ihnen schauen auf das Vorbild der dreisätzigen italienischen Sinfonie zurück, andere stehen dem Geist der süddeutsch-österreichischen „Kammersinfonie“ näher, die von intimerer Art und zumindest nach unsern heutigen Begriffen dadurch charakterisiert ist, dass sich ihre kompositorischen Gesten nicht in unsere Kategorien des „Orchestralen“ oder des „Kammermusikalischen“ einordnen lassen. Dabei ist zu bemerken, dass es von 1740 bis 1760 in den Werken Leopold Mozarts zu einer wachsenden formalen Künstlichkeit kommt und in den späteren Stücken das zweite Thema wie auch die Durchführung entschiedener hervortreten.

Das früheste der hier eingespielten Stücke ist die Sinfonia A-dur A1. Sie ist nur in einer Abschrift erhalten, die während der 1750er Jahre in Lambach entstand. Dass Breitkopf sie in seinem thematischen Verlags- und Sortimentskatalog von 1766 nennt und die frühere Existenz einer weiteren Kopie belegt ist, kann als Hinweis darauf verstanden werden, dass diese und andere Sinfonien des Komponisten eine beachtliche, wenngleich begrenzte Verbreitung erlebten. Das unterscheidet sie von anderen Salzburger Sinfonien der fünfziger und frühen sechziger Jahre, die kaum über die Erzdiözese hinausgelangten. Es spricht für Leopolds „internationales“ Ansehen, dass seine Instrumentalmusik in den meisten deutschsprachigen Gegenden Europas ein aufnahmebereites Publikum fand. Die klein angelegte A-dur-Sinfonie ist nur mit Streichern besetzt und von begrenztem Ausdrucksstreben, zeigt aber in der Flüssigkeit und strukturellen Politur des Satzes allenthalben die geschickte Hand eines erfahrenen und talentierten Komponisten. Das gilt auch für die Sinfonia D-dur D15, ein insgesamt interessanteres und eindrucksvolleres Werk, das neben den Streichern auch zwei Hörner vorsieht. In Wien kam diese Besetzung bei Sinfonien (anders als bei Konzerten) selten vor, in Süddeutschland hingegen erfreute sich die Kombination aus Hörnern und Streichern einer beträchtlichen Beliebtheit. So überrascht es nicht, dass sich Leopold Mozart dafür erwärmte. Der unternehmungslustige Umgang mit den Hörnern, den er im Kopfsatz an den Tag legt, lädt zum direkten Vergleich mit Werken wie der Sinfonie F-dur op. 3 Nr. 6 von Johann Stamitz oder Franz Becks Sinfonie D-dur op. 2 Nr. 1 ein.

Mozarts Gespür für die Farben und Texturen der Sätze zeigt sich daran, dass er im zentralen Andante die Violinen im Unisono spielen lässt, während er bei dem ersten Allegro die volle Besetzung verwendet und im Menuett die Unisono-Violinen mit den Hörnern kombiniert (das Trio steht in der verwandten Molltonart und bedient sich lediglich der Streicher, wobei durch die laufende Basslinie und die unabhängig geführten Violinstimmen eine neue farbliche Differenzierung entsteht). Doch man sieht es auch an kleineren, dem Hörer oft verborgenen Details wie etwa dem „hoquetus“-Effekt im ersten Satz, bei dem sich die beiden Violinstimmen auf einem hohen A (später D) abwechseln, obwohl die Figur leicht einer einzigen Stimme hätte zugewiesen werden können.

Die Sinfonia G-dur G8 (= KV 6 Anh. C11.09) gehört zu den sechs Sinfonien, die nicht nur Leopold, sondern auch Wolfgang Amadeus Mozart zugeschrieben wurden. Den frühesten Hinweis liefert Breitkopfs Katalog von 1775, wo das Werk für Streicher, zwei Oboen und Hörner als eine Kreation Leopolds aufgelistet ist. Anfang des 19. Jahrhunderts gab Breitkopf & Härtel dann allerdings in seinem Verzeichnis der Mozart-Bestände den Sohn als Autor an, und unter seinem Namen wurde das Stück dann im Jahre 1841 mit zusätzlichen Stimmen für Flöte, selbständige Fagotte, Trompeten und Pauken veröffentlicht. Diese Zuschreibung wurde später wieder zurückgenommen – vermutlich, nachdem man die alte Anzeige von 1775 wiedergefunden hatte. Als die Partitur dann Ende des 19. Jahrhunderts erneut bei Breitkopf & Härtel aufgelegt wurde, enthielt sie den Hinweis, dass man gemäß neueren Forschungen eher von einem Werke Leopold Mozarts ausgehen müsse. Nichtsdestoweniger gelangte die Sinfonie als Anhang 293 in die frühesten Ausgaben des Köchelverzeichnisses und wurde auch weiterhin unter Wolfgangs Namen mit der aufgeblähten Besetzung gespielt.

Die Komposition dürfte zu Leopold Mozarts späteren Werken gehören. Im Hinblick auf die formale Anlage, die Struktur der Phrasen (auffallend ist im Kopfsatz zum Beispiel die prominente verminderte Septime in der ersten Phrase des Hauptthemas) sowie die Besetzung steht sie insbesondere der sogenannten „Neuen Lambacher“ Sinfonie nahe, die mit ziemlicher Sicherheit zu Beginn der sechziger Jahren entstand – oder aber 1767, nachdem die Familie Mozart von ihrer großen Reise der Jahre 1763- 66 zurückgekehrt war. Als einer der faszinierendsten Aspekte des Werkes erweist sich auch hier wieder die geschickte Nutzung der beschränkten Orchestermittel. Anders als bei vielen Sinfonien der damaligen Zeit, in deren langsamen Sätzen die Bläser schweigen, verzichtet Leopold im zentralen g-moll-Andante der Sinfonie zwar auf die Oboen, nicht aber auf die Hörner (sie sind in der Tonika gestimmt und werden gestopft, um die richtigen Töne zu treffen). Auch in dem an dritter Stelle folgenden, energischen Menuett zeigt sich der Farbsinn des Komponisten: Anfangs werden nur die Streicher benutzt, dann treten zunächst die Oboen und in der zweiten Hälfte die Hörner hinzu, doch diese Instrumente spielen bezeichnenderweise niemals gemeinsam. Gleichermaßen ausgeklügelt ist die innere musikalische Organisation der vier Sätze, und im Vergleich mit den entsprechenden Werken der unmittelbaren Zeitgenossen schneidet diese Sinfonie ausgesprochen günstig ab.

Leopold Mozarts Modernitätsanspruch war also keine Selbstüberhebung. Das verrät nicht nur sein OEuvre selbst, sondern auch die Tatsache, dass die spätere Forschung oftmals nicht in der Lage war, zwischen Leopolds reifen Werken der späten fünfziger und frühen sechziger Jahre sowie den Jugendwerken seines Sohnes zu unterscheiden. Ein Beweis dafür ist die sogenannte „Neue Lambacher“ Sinfonia G-dur G16, die fälschlich als ein Werk von Wolfgang ausgegeben wurde – und zwar aufgrund des einfachen biographischen Wunschdenkens, dass es den Kritikern „moderner“ erschien als anderes aus der damaligen Zeit, das man ihm zuschrieb. Ungeachtet anderslautender Quellen herrschte eine fast völlige Einigkeit darüber, dass diese „Neue Lambacher“ von Wolfgang stammen musste und die fälschliche Zuschreibung dem Kopisten anzulasten war (es war offenbar einfacher, den Abschreiber wegen seiner vermeintlichen Nachlässigkeit zu rügen als einen unfehlbaren Kritiker anzugreifen). Doch dann wurde eine neue Quelle von Wolfgangs Sinfonie entdeckt, die nun keinen Zweifel mehr daran ließ, dass das modernere der beiden zur Diskussion stehenden Werke von Leopold stammte. Die Sinfonie wurde vermutlich kurz vor oder um 1767 komponiert. Das authentische Manuskript wurde dem Kloster Lambach am 4. Januar 1769 zum Geschenk gemacht, als die Mozarts von einem längeren Aufenthalt in Wien nach Salzburg zurückreisten. Da aber die Handschrift in Salzburg entstanden war, muss sie spätestens im Herbst 1767, mithin vor der Wiener Reise, angefertigt worden sein.

Die „Neue Lambacher“ Sinfonie zeigt uns einen besonders reifen Leopold Mozart. Sie ist viersätzig und beginnt mit einem Allegro in voll ausgebildeter Sonatenform (mit einer fesselnden Durchführung). Es folgen ein ausgedehntes Andante un poco allegretto, das seine Melodie auf betörende Weise ausspinnt, und das traditionelle Menuett mit Trio. Das Allegro-Finale im Zwölfachteltakt erfüllt die damals übliche Rolle und dient als schwungvoller Kehraus. Insgesamt handelt es sich hier, wie bei den meisten Sinfonien Leopolds, um ein seriöses Werk, das nicht bloß neuartig sein will. Das hat man freilich solchen Stücken wie der Musikalischen Schlittenfahrt oder der sogenannten Kindersinfonie vorgehalten, und just dieser Vorwurf der puren Originalität hat Leopold Mozarts Ruf als Komponist nachteilig beeinflusst, obwohl Kreationen dieser Art nicht mehr als fünf Prozent seines Schaffens ausmachen. Die Gründe dafür mögen biographischer Natur sein und kaum anders als die biographischen Argumente, die die Debatte über die „Neue Lambacher“ Sinfonie geprägt haben: Wir empfinden es als historisch richtiger, wenn Wolfgang modern und Leopold archaisch, Wolfgang seriös und Leopold albern ist. Das könnte ja eine Erklärung für die Abneigung zwischen Vater und Sohn sein – oder am Ende gar für den jämmerlichen Verlauf, den Wolfgangs Leben nahm? Doch diese Auffassung entspricht kaum den Fakten, und tatsächlich ist die Kindersinfonie ein seriöses Stück Unterhaltung, insofern nämlich, als es sich ernsthaft um eine gute Unterhaltung bemüht. Ohnedies steht nicht endgültig fest, ob Leopold Mozart das Werk geschrieben hat, das in vielen verschiedenen Versionen und Zuschreibungen existiert. Eher könnte man glauben, dass damals einiges an musikalischem Allgemeingut in Österreich und Süddeutschland kursierte, das sich mit der Klangwelt der Kinderinstrumente (darunter Pfeifen, eine Windmaschine und verschiedene Schlaginstrumente) verband. Gerade in der Gegend von Salzburg und Berchtesgaden waren solche Stücke und Instrumente beliebt. Es gibt eine Fassung der Kindersinfonie, die Michael Haydn zugeschrieben wird, und diese enthält dieselben drei Sätze (Allegro, Menuetto, Finale Presto), die hier aufgenommen und auch in Leopolds Version enthalten sind. Bei diesem finden sich dann allerdings vier weitere Sätze, die das Stück auf insgesamt sieben vergrößern und damit in die Nähe der unterhaltenden, vielsätzigen Cassation rücken (so wird das Werk auch auf dem originalen Manuskript bezeichnet). Die auf drei Sätze reduzierte Variante hingegen entspricht eher der damals üblichen Sinfonie. Kein Wunder also, dass Leopold später als trivialer Sinfoniker angesehen wurde. Doch das Werk ist überhaupt keine Sinfonie und sollte nie dieselben Aufgaben erfüllen wie eine seiner echten Schöpfungen auf diesem Gebiet. Doch so funktioniert nun mal die Geschichte.

Cliff Eisen
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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