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8.570502 - SOR, F.: 12 Studies, Op. 6 / Fantasia No. 2, Op. 7 / 6 Divertimentos, Op. 8 (Krivokapic)
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Fernando Sor (1778-1839)
Kompositionen für Gitarre opp. 6-9

 

Mit Ausnahme eines Werkes dürften alle hier eingespielten Stücke aus der Zeit von 1815 bis 1822/23 stammen, die Fernando Sor in England zubrachte, wo auch seine Kollektionen op. 6 und op. 8 erstmals gedruckt wurden. Der spanische Gitarrist und Komponist hatte einen großen Einfluss auf die englische Gitarrenszene, und die Geschichte, wie es ihn auf die britische Insel verschlug, sollte ruhig noch einmal erzählt werden.

Nachdem der Jüngling eine hervorragende musikalische Ausbildung erhalten hatte, entschied er sich für die relativ sichere Karriere beim Militär, die eine künstlerische Betätigung nicht ausschloss. Als junger Offizier kam er in Kontakt mit dem Adel von Madrid, und er vermochte sich mit seinen wichtigen Auftritten als Komponist, Gitarrist und Sänger einen Namen zu machen. Aus dem Sturz der bourbonischen Monarchie durch Napoleon im Jahre 1808 resultierte eine nationale Widerstandsbewegung, die sich im ganzen Land als Rebellion ausbreitete und durch den Maler Goya unsterblich wurde. Briten und Portugiesen unterstützten den spanischen Aufstand, und auf der Halbinsel begannen blutige Kriege. Viele junge, vornehmlich aus den gehobenen Klassen stammende Spanier hatten sich gefreut, als die rückständigen und unfähigen Herrscher ihres Landes durch die Franzosen mit ihren aufgeklärten Idealen und dem Versprechen auf Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ersetzt wurden. Sor hatte sich anfangs den Franzosen widersetzt, vielleicht aus dem Pflichtgefühl des Soldaten heraus.

Doch nach einiger Zeit hatte auch er sich zu einem afrancesado gewandelt und sich der Partei des Königs Joseph, Napoleons Bruder, angeschlossen. Doch bis 1813 hatten die Kriege für die Franzosen einen ungünstigen Verlauf genommen. Napoleon hatte den Ernst der Lage auf der iberischen Halbinsel falsch eingeschätzt: Seine Armeen wurden von britischen und portugiesischen Truppen sowie den spanischen guerillas (das Wort wurde während dieses Krieges geprägt) in die Zange genommen. Obendrein hatte der französische Kaiser 1812 bei seinem erfolglosen Einfall in Russland sein größtes Heer verloren, worauf seine Feinde sich zu einer großen Koalition gegen ihn glaubten verbünden zu können. Die spanischen afrancesados waren nach der Niederlage der Franzosen 1813 zu Exil, Kerker oder schlimmerem verurteilt. Sor gab seine militärische Laufbahn auf und flüchtete nach Paris, wo er als Musiker und Komponist sofort berühmt wurde. Doch die Sache der Bonapartisten brach allerorten zusammen, und 1814 musste der Kaiser abdanken. Als die Bourbonen sich Paris zurückholten, ging Sor nach London.

Das London der Regency-Zeit bereitet dem Musiker Sor einen warmherzigen Empfang. Die Gitarre, die auf dem Kontinent in den vergangenen Jahrzehnten eine große Popularität errungen hatte, war schließlich auch in Großbritannien vorgedrungen und hatte die bis dahin so beliebte englische „guittar“, eine Cister mit Drahtsaiten, von ihrem Platz verdrängt. Ausgewanderte Musiker aus Italien und Spanien sowie Soldaten, die aus Spanien zurückkehrten, bevorzugten diese neue „spanische“ Gitarre, die nicht nur ein überraschend vielseitiges Soloinstrument, sondern auch eine ideale Begleitung für die Singstimme abgab – und die Briten liebten Lieder aller Arten: Kunstlieder, sentimentale irische und schottische Balladen, französische Arietten, italienische Arien ...

Sor war ein begabter Sänger und als Komponist von Liedern und Solostücken sehr produktiv. Sein Ruf war ihm nach London vorausgeeilt, nachdem er noch von Spanien aus in Paris einige Gitarrenwerke veröffentlicht und dann während seines Aufenthalts in der französischen Hauptstadt deren noch mehr herausgegeben hatte. Damit hatte er offensichtlich die britischen aficionados des Instruments auf sich aufmerksam gemacht. Seine Konzerte wurden von der Londoner Kritik sehr freundlich aufgenommen, und während der frühen Jahre im englischen Exil sollten viele weitere Kompositionen im Druck erscheinen – tatsächlich geschah das so reichlich und schnell, dass einige dieser Werke vermutlich bereits aus früherer Zeit stammten. Ein Kritiker meinte: „Ein neuer Satz Arietten aus seiner [Sors] Feder verursacht fast so viel Aufsehen wie ... ein neuer Roman des Autors von Waverley [Sir Walter Scott].“ [Note 1]

In seinen zahlreichen, glänzend gearbeiteten Etüdensammlungen (opp. 6, 29, 31, 35, 44 und 60) hat Sor einige seiner bekanntesten und beliebtesten Gitarrenstücke untergebracht. Die erste Kollektion mit zwölf Etüden op. 6 sowie das zweite Dutzend op. 29 waren als Werkgruppe gedacht und stellen echte Konzertetüden dar – Musik von didaktischem Wert, die aber in musikalischer Hinsicht den Konzertsaal verdient. Das Opus 6 ist vermutlich zwischen 1815 und 1817 in England erstmals veröffentlicht worden, doch schon bald folgte eine französische Ausgabe, und diese sind seither immer nachgedruckt worden. Der Virtuose Andrés Segovia setzte sich später nachdrücklich für Sor ein und präsentierte eine Anthologie mit zwanzig Etüden, die zu den Standard-Lehrwerken des 20. Jahrhunderts gehören. Segovias Quelle dürfte die Gitarrenschule gewesen sein, die Sors Schüler Napoléon Coste 1851 herausgab, denn hier wie dort finden sich dieselben textlichen Abweichungen von den Originalausgaben. Aus dem Opus 6 hat Segovia nicht weniger als acht Etüden ausgewählt:


Etüde D-dur op. 6 Nr. 1 (Segovia Estudio Nr. 4)
Etüde
A-dur op. 6 Nr. 2 (Segovia Estudio Nr. 3)
Etüde E-dur op. 6 Nr. 3 (Segovia Estudio Nr. 11)

Etüde A-dur op. 6 Nr. 6 (Segovia Estudio Nr. 12)

Etüde C-dur op. 6 Nr. 8 (Segovia Estudio Nr. 1)

Etüde d-moll op. 6 Nr. 9 (Segovia Estudio Nr. 13)

Etüde e-moll op. 6 Nr. 11 (Segovia Estudio Nr. 17)

Etüde A-dur op. 6 Nr. 12 (Segovia Estudio Nr. 14)


Ignaz Joseph Pleyel (1757-1831) war der Widmungsträger und Verleger der 1814 in Paris erstmals veröffentlichten Fantaisie op. 7. Der Österreicher Pleyel war ein renommierter Klavierbauer, einer der wichtigsten Verleger seiner Zeit und vor allem auch Komponist – als solcher hatte er bisweilen sogar mit seinem Lehrer Joseph Haydn konkurriert. Sors Fantaisie ist nicht zuletzt deshalb einzigartig, weil sie, wie ein Klavierstück, auf zwei Systemen gedruckt wurde. Üblicherweise beschränkt man sich bei der Gitarrennotation auf ein einziges System mit Violinschlüssel, wie das auch bei Sachen für Solostimme, Flöte oder Geige der Fall ist. Deshalb muss man die Gitarrenmusik auch eine Oktave höher schreiben als sie klingt, und oft kommt dabei ein verwirrendes Durcheinander von Noten, Vortragsangaben, dynamischen Zeichen und Fingersätzen heraus. Die Lösung mit zwei Systemen verminderte oder beseitigte praktisch all diese Probleme, und der Tonumfang der Gitarre wird schön auf beide Linien verteilt. Das war besonders nützlich bei der harmonisch reichen Musik von Sor, in der es viele bewegte Innenstimmen gibt (besonders im ersten Satz, einem Largo non tanto, das in der bei Pianisten, nicht aber bei Gitarristen beliebten Tonart c-moll steht). Gleichwohl setzte sich die Idee nicht durch. Ein Grund dürfte gewesen sein, dass man dafür mehr Druckseiten brauchte und dementsprechend häufiger umblättern musste, dass aber auch durch die vermehrten Papierkosten der verlegerische Aufwand ein höherer wurde. Als das Werk 1816 bei Pleyel seine zweite Auflage erlebte, wurde die Musik auf dem traditionellen Einzelsystem neu gestochen.

Just in diesem Jahr 1816 spielte Sor in London eine Fantaisie concertante für Gitarre und Streicher. Die Musik ist verschollen – eine Tatsache, die von Gitarren- Enthusiasten bedauert wird, denn für sie wäre ein Konzert von Sor der Heilige Gral des Repertoires. Dem damaligen Stil zufolge dürfte es sich bei dem Stück jedoch kaum um ein echtes Konzert, sondern vielmehr um ein Solostück mit einfacher Streicherbegleitung gehandelt haben: Es war allgemein üblich, vorhandene Soli zum Ausgangspunkt derartiger Darbietungen zu wählen. Sors Opus 7 war chronologisch die jüngste Fantaisie, die er vor seinem Auftritt von 1816 hatte veröffentlichen lassen; sie könnte also die Solostimme des verlorenen „konzertanten“ Stückes gewesen sein.

Sor war während seiner Londoner Jahre als Musiklehrer sehr gefragt. Seine bezaubernde Miniaturensammlung der Six Divertimenti op. 8, die um 1818 in London veröffentlicht wurde, hat er einer „Miss Smith“ gewidmet, die mit ziemlicher Sicherheit zum Kreise seiner Schülerinnen gehörte.

Oft hat man davon gesprochen, dass der Komponist Sor eine große Zuneigung zu Mozart gehegt habe und dass es zu seiner Zeit in London ein wahres Mozart- Fieber gegeben habe. Die Zauberflöte war 1791 in deutscher Sprache entstanden, doch noch Jahrzehnte später wurden Opern in diesem Idiom selbst in deutschen Ländern noch nicht durchweg akzeptiert. Viele europäische Opernhäuser wurden weiterhin von Italienern beherrscht, und so kannte man Die Zauberflöte auch besser als Il flauto magico – auch bei ihrer Londoner Erstaufführung im Jahre 1819. Aus dem Thema „Das klinget so herrlich“ wurden die italienischen Varianten „O dolce concento“, „O dolce armonia“ oder „O cara armonia“, und unter dem letztgenannten Titel, den der Sor-Biograph Brian Jeffrey auch auf einem um 1813 in London erschienenen Klavierauszug entdeckte [Note 2], kannte Fernando Sor das Stück. Die lebhaften und virtuosen Introduction et Variations sur une Thème de Mozart op. 9 erschienen 1821 in London im Druck und sind Carlos Sor, dem Bruder des Komponisten, gewidmet, der gleichfalls Gitarrist war.

Richard M. Long
Deutsche Fassung: Cris Posslac

[Notes]
[1]Ackermanns Repository of Arts (1. März 1820), zitiert nach Brian Jeffrey, Fernando Sor, Composer and Guitarist, S. 39 (?London 1994)
[2]Jeffrey, a.a.O. S. 63.


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