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8.570503 - VILLA-LOBOS, H.: Piano Music, Vol. 7 (Rubinsky) - Amazonas / Historias da Carochinha / Valsa Scherzo
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Heitor Villa-Lobos (1887-1959)
Klaviermusik • Folge 7

 

Der Musikwissenschaftler Adhemar Nóbrega präsentierte 1970 ein Referat über „Die Verwandlung des volkstümlichen Ausdrucks im Schaffen von Villa- Lobos“, in dem er eine Klassifizierung vorstellte, die sein Freund Villa-Lobos selbst entworfen und ihm 1947 überlassen hatte. Diesem System zufolge gliederte der Komponist sein Schaffen in fünf Gruppen, die sich nach der unterschiedlichen Wichtigkeit der folkloristischen oder von der Volksmusik beeinflussten Elemente richteten. Demnach gab es 1. Werke mit indirektem Folklore-Einfluss, 2. Werke mit einem gewissen Maß an direkten Volksmusik-Einflüssen, 3. Werke mit transformiertem Folklore-Material, 4. Werke mit transformiertem Folklore-Material, die zugleich von Bachs Einfluss geprägt waren, und schließlich 5. Werke in einer universellen Sprache ohne jede Folklore. Interessant an dieser Einteilung ist, dass sie sich chronologisch nicht abgrenzen lässt: Zu jeder Zeit findet man bei Villa-Lobos Werke der verschiedenen Kategorien. Ebenso bedeutend ist die Klassifizierung im Lichte der grundlegenden Dialektik von Nationalismus und Universalismus, die Villa-Lobos’ Schaffen bestimmt – ein Aspekt, der in den vorherigen Veröffentlichungen dieser Serie aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet wurde. Dabei ist dieser Gegensatz freilich nur eines von unzähligen Merkmalen, die die musikalische Sprache dieses Mannes definieren, der wohl der produktivste Komponist des 20. Jahrhunderts gewesen sein dürfte und dessen OEuvre sich jeder einfachen Rubrizierung widersetzt. Villa-Lobos’ eigene Klassifikation ist besonders relevant, weil seine Musik in den Jahren nach seinem Tode als Ausdruck einer exotischen Kultur stark angegriffen wurde. Bald zeigte sich aber, dass Villa- Lobos die nahtlose Verschmelzung des Nationalen mit dem Universellen ohne irgendwelche simplen Konzessionen an irgendeinen vordergründigen Exotismus vollzogen hatte: Diese Verbindung war ein ebenso kunstvolles Element seiner schöpferischen Tätigkeit wie bei anderen Nationalkomponisten des 20. Jahrhunderts, die mit ihren Werken die Grundpfeiler ihrer jeweiligen nationalen Traditionen errichteten. Man sollte fairerweise darauf hinweisen, dass die heutigen Musikwissenschaftler sich nicht mehr mit dieser Frage beschäftigen, sondern sich die vielen Facetten vorgenommen haben, die Villa-Lobos durch die Interaktion der verschiedenen kompositorischen Elemente erreichte. Man nimmt die brasilianischen Elemente ebenso als gegeben an wie die in europäischen Traditionen wurzelnden Techniken, wobei sich zeigt, dass keiner dieser Aspekte den Vorrang vor andern erlangt hat. Im Gegensatz zu den europäischen Nationalstilen des 19. Jahrhunderts, deren Vertreter im wesentlichen ihr Volksmusik-Material auf längst etablierte Gattungen übertrugen, führte der Nationalismus eines Villa-Lobos und anderer südamerikanischer Komponisten schlussendlich zur Entstehung neuer musikalischer Gattungen, wie die Betrachtung der in dieser Serie eingespielten Werke verdeutlichen wird.

Die erwähnte stilistische Kategorisierung bildete die Grundlage bei der Programmgestaltung der in dieser Serie enthaltenen CDs (mit Ausnahme der Folge 5, die ausschließlich der Kollektion Guia Prático gewidmet ist) und gilt insbesondere für die hier vorliegende siebte Produktion, die Beispiele aus allen fünf Bereichen enthält. Dazu kommt ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Einzelstücken und kleinen Werkgruppen, die durch eine übergeordnete Idee verbunden sind – was Villa-Lobos offenbar sehr schätzte. Etliche der Stücke sind nur im Manuskript vorhanden und werden hier zum ersten Mal eingespielt.

Das Tongedicht-Ballett Amazonas ist eigentlich ein Orchesterwerk und erschien als solches im Jahre 1917. Die von Villa-Lobos selbst hergestellte Klavierfassung erschien 1932 im Druck. In der stilistischen Entwicklung des Komponisten spielt das Werk eine wichtige Rolle. Mário de Andrade, der ideologische Mentor des brasilianischen Nationalismus, war einer der ersten, die die Bedeutung der Partitur erkannten und in der Schöpfung ein Symbol für die neue Nationalmusik Brasiliens sahen. In seiner bis dahin kühnsten und experimentellsten Komposition stützt sich Villa-Lobos, wie der Untertitel („Brasilianisches Indianerballett“) verrät, auf Themen der Eingeborenen, die er – auf neuartige Weise durch raffinierte harmonische und rhythmische Experimente verändert und verwandelt – in die Textur einbettet. Der musikalische Reichtum dieser Texturen und die kaleidoskopischen Klangwirkungen spiegeln sich in der Erläuterung, die der Komponist der Veröffentlichung beigab und die im offiziellen Werkverzeichnis des Museu Villa-Lobos reproduziert wurde:

„Fast das gesamte melodische Material dieses Werkes stützt sich auf Themen, die der Verfasser bei den Ureinwohnern am Amazonas aufgezeichnet hat. Die harmonische und rhythmische Atmosphäre sowie die durch die Klangfarben erzeugte Stimmung [...] ahmen die akustischen Wirkungen und Andeutungen nach, die Villa-Lobos bei seiner Fahrt durch das Tal des Amazonas festhielt. Die Wälder, Flüsse, Wasserfälle, Vögel, Fische und wilden Tiere, die einheimischen Waldbewohner, die caboclos (Mestizen) und die Legenden des Amazonas-Beckens – all das hat ihn bei der Arbeit an diesem Werk seelisch beeinflusst. Die melodischen Hauptmotive sind jene, in denen Beschwörungen, überraschende Luftspiegelungen sowie die Verfolgung der dahinjagenden, legendären Ungeheuer im Amazonas, dann aber auch die verführerische Sinnlichkeit der indianischen Priesterin, die Heldenlieder der indianischen Krieger und die Felsenabgründe dargestellt sind“ (zit. nach Gerard Béhague, Indianism in Latin American Art-Music Composition of the 1920s to 1940s, veröffentlicht in Latin American Music Review 27/1, 2006).

In der stilistischen Originalität dieser Ballettmusik spiegelt sich die Loslösung der brasilianischen Kunstmusik von europäischen Einflüssen, derweil der mächtige Regenwald des Amazonas, eines der größten Symbole Brasiliens, idealisiert wird, um die einzigartige Kultur des Landes zu unterstreichen. Der Wagemut der musikalischen Sprache verblüfft noch heute.

Villa-Lobos kannte sich genau mit den technischen und expressiven Möglichkeiten der Gitarre aus und spielte das Instrument selbst, als er sich in die Lebensweise der Straßenmusiker (chorões) von Rio de Janeiro einfühlte. Dessen ungeachtet ist sein Katalog an Gitarrenwerken im Vergleich zu seinem Klavierschaffen recht klein. Die fünf Prelúdios aus dem Jahre 1940 hat er seiner Ehefrau Arminda Villa-Lobos gewidmet. Sie gelten seit langem als wesentliche Bestandteile des Gitarrenrepertoires und bilden eine Gruppe gewissermaßen programmatischer Vignetten, die verschiedene Aspekte der brasilianischen Seele spiegeln: 1. Melodia lírica: Homenagem ao sertanejo brasileiro (Lyrische Melodie: Hommage an die brasilianische Musikform des sertanejo); 2. Melodia capadócia—Melodia capoeira: Homenagem ao malandro carioca (Rohe und rüpelhafte Melodie: Hommage an den Gauner aus Rio); 3. Homenagem a Bach (Hommage an Bach); 4. Homenagem ao índio brasileiro (Hommage an den Indianer Brasiliens); 5. Homenagem à vida social: Aos rapazinhos e mocinhas fresquinhos que frequentam os concertos e os teatros no Rio(Hommage an das gesellschaftliche Leben: Den Backfischen und Jünglingen gewidmet, die in Rio Konzerte und Theater besuchen). Als Ganzes berücksichtigen die fünf Prelúdios das gesamte Spektrum gitarristischer Klangqualitäten, wobei in etlichen harmonischen und melodischen Merkmalen urbane und ländliche Instrumentaltechniken zu verschmelzen scheinen. Die Klaviereinrichtung von José Vieira Brandão wahrt viele Merkmale der typischen Gitarrentextur, macht sich aber zugleich auch das Pedal mit seinen Halte- und Resonanzmöglichkeiten zunutze. Die technische Virtuosität dieser Transkriptionen macht aus den Stücken wirklich transzendente Klavieretüden.

Die beiden hier vorliegenden Kollektionen kurzer Stücke (Histórias da Carochinha und Canções de Cordialidade) setzen sich aus technisch, atmosphärisch oder charakterlich sehr individuellen Miniaturen zusammen. Die erste der beiden Sammlungen bildet einen Miniaturzyklus, in dem ein kleiner Prinz und eine kleine Prinzessin ihre eigene Zauberwelt erschaffen, die sich in einem pianistischen Stil von vollendeter Grazie und Delikatesse ausdrückt. Canções de Cordialidade entstand nach Gedichten von Manuel Bandeira. Darin interpretiert der Verfasser einige der traditionellsten Feiertage und Gedenktage des Landes, und es wäre durchaus denkbar, die Gedichte von der Musik begleiten zu lassen. Das Einzelstück Cortejo Nupcial gehört in dieselbe Kategorie, denn es spielt auf eine sehr spezifische Hochzeitsprozession an. Valsa Lenta und Valsa Scherzo lassen sich als Umdeutungen eines recht traditionellen Genres auffassen. Das erste der beiden Stücke rührt an die Sinnlichkeit und Nachdenklichkeit der brasilianischen Seele, während es sich bei dem zweiten um eine umfangreiche Kreation handelt, die von äußerst virtuosem und pianistisch anspruchsvollem Klaviersatz durchzogen ist. Mit ihren technischen Schwierigkeiten schaut diese Valsa Scherzo auf die brillantesten Arten der romantischen Tanzmusik zurück. Lembranças do Sertão hat Villa-Lobos selbst nach einem der Bachianas Brasileiras Nr. 3 für Klavier bearbeitet. Das Stück entführt den Hörer nach Zentralbrasilien und auf eine emotionale Reise, die viele Ähnlichkeiten mit den Impressões Seresteiras aus dem Ciclo Brasileiro auf der dritten CD dieser Serie hat. Der Bailado Infernal, ein Ausschnitt aus dem zweiten Akt der Oper Zoé, ist ein waghalsiges Stück von wilder Virtuosität und einem ebenso unablässigen wie verrückten Vorwärtsdrang. Der äußerst konzentrierte Edelstein Feijoada Sem Perigo scheint Villa-Lobos im Augenblick der Inspiration einzufangen: In seiner Kürze gelingt es dem Stück, die ganze Essenz eines ursprünglichen musikalischen Gedankens auszudrücken, ohne dass es zu einer weiteren Verarbeitung käme. Das Stück ist der brasilianischen Konsulin Dora Vasconcellos gewidmet, die damals in New York lebte und die Autorin einiger Gedichte war, die Villa-Lobos vertont hatte. Mit der Dedikation bedankte sich der Komponist dafür, dass ihn die Dame zu einem brasilianischen Essen in ihrem New Yorker Heim eingeladen hatte.

Die Gesamtheit der auf dieser CD vorliegenden Stücke zeigt wieder einmal die Vielschichtigkeit einer musikalischen Sprache, die so überschwenglich ist wie die brasilianische Landschaft, von der sich Heitor Villa- Lobos so oft hat inspirieren lassen.

James Melo
RILM Abstracts of Music Literature,
City University of New York

Deutsche Fassung: Cris Posslac


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