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8.570510 - Guitar Recital: Thomas Viloteau
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Thomas Viloteau: Gitarren-Recital

Miguel Llobet (1878-1938): Variaciónes sobre un tema de Sor, Op. 15
Alexandre Tansman (1897-1986): Cavatina
Leo Brouwer (geb. 1939): Rito de los Orishas
Alberto Ginastera (1916-1983): Sonata, Op. 47
Roland Dyens (geb. 1955): Triaela

 

Miguel Llobet wurde im katalanischen Barcelona geboren und war einer der einflussreichsten Gitarristen des frühen 20. Jahrhunderts. Er war Schüler von Francisco Tárrega und war für die künstlerische Entwicklung von Andrés Segovia von nachhaltigem Einfluss. Llobet konzertierte in vielen Ländern, machte Aufnahmen, verfasste eine Reihe von Original-kompositionen und wurde zudem ein bekannter Lehrer und Herausgeber. In den letzten Jahren hat Llobets OEuvre eine Renaissance erlebt; seine bleibenden Monumente sind jedoch die exquisit harmonisierten Volkslieder aus Katalanien, die Arrangements der Maja de Goya und Spanischen Tänzen Nr. 5 und 10 von Enrique Granados sowie die Publikation der Homenaje – Le Tombeau de Debussy für Gitarre von Manuel de Falla.

Die Variationen über ein Thema von Sor op. 15 beginnen mit Fernando Sors Einrichtung der Folia de España und seinen beiden ersten Variationen. Erst in der mit brillant absteigenden Triolen-Arpeggien einsetzenden dritten Variation zeigt sich Llobets eigene Hand. Die nächste Veränderung bringt eine andere Art des Arpeggios, wobei ein Bassthema von harmonischen Fortschreitungen auf den Diskantsaiten ergänzt wird. Die fünfte Variation besteht aus kleinen und großen Terzen im Diskant, die in kurzen Sechzehnteltriolen ausbrechen – ein Gegensatz zur nächstfolgenden Variation, in der eine Reihe schnell vom Bass zum Diskant aufsteigender Triolen trotz ihrer rhythmischen und harmonischen Ähnlichkeiten mit dem vorigen Abschnitt eine ganz andere Wirkung tut. Ein Intermezzo bringt eine Legato-Melodie in Dur, deren chromatische Akkordbegleitung im Diskant an die technischen Figurationen der Etüde op. 6 Nr. 2 von Sor erinnert. Die siebte Variation kehrt in einer virtuosen Studie über Zweiunddreißigstel-Schleifer, die von subtilen Akkorden getragen wird, zur Tonart e-moll zurück. Die achte Variation benutzt Flageoletts, einen der empfindlichsten Gitarrenklänge. Darauf folgt ein Abschnitt, in dem der Spieler die Saiten nur mit der linken Hand zupft und anschlägt, bevor am Ende ein dramatischer Schwung abwärts führt. Die zehnte Variation ist das Finale und verbindet viele Techniken – Akkorde, Schleifer, Flageoletts usw. – zu einer blendenden Coda.

Alexandre Tansman, einer der führenden polnischen Komponisten des 20. Jahrhunderts, lebte seit 1920 in Paris, bevor er die Kriegsjahre in den USA verbrachte. Sein Werkverzeichnis enthält unter anderem Symphonien, Konzerte, Streichquartette sowie etliche Klavierwerke und Filmmusiken. Bei einer von Henri Prunière in Paris veranstalteten Soirée lernte Tansman im Jahre 1925 Andrés Segovia kennen. Als er ihn spielen hörte, begann seine lebenslange Liebe zur Gitarre, für die er infolgedessen eine Reihe von Stücken komponierte.

Die Cavatina ist eine Suite in vier Sätzen. Sie wurde mit dem Ersten Preis des Internationalen Kompositionswettbewerbs der Accademia Chigiana ausgezeichnet und 1952 in der Ausgabe von Segovia veröffentlicht. Das Preludio umreißt die Stimmung in Form eines lebhaften, melodisch und harmonisch komplexen Tanzes. Dem ersten Abschnitt mit seinem Wechselspiel von Diskant und Bass folgt ein lyrischer Mittelteil (un poco più lento), bevor der Anfang wiederholt wird, der lediglich durch eine kurze Coda verändert ist. Die Sarabande erinnert in ihrer Form mehr denn in ihrem Vokabular an Johann Sebastian Bach, da sie in moderner Weise durch verschiedene Tonarten moduliert, indessen ihre eindringliche Melodie durchweg dominiert. Diese Stimmung ändert sich mit dem Scherzino, das mit einem Tremolo beginnt und zu Elementen des Preludio zurückkommt – unter anderem erscheinen erneut ein Orgelpunkt im Bass sowie das komplexe Passagenwerk. Die Barcarole bringt eine heiter-gelassene Stimmung und nutzt die kantablen Möglichkeiten der Gitarre; getragen wird das Stück von erfindungsreichen harmonischen Modulationen von der Grundtonart e-moll bis nach Fis-dur und wieder zurück.

Der Kubaner Leo Brouwer ist einer der innovativsten Komponisten der Gegenwart sowie ein bekannter Dirigent und Instrumentalist. Sein umfangreiches Schaffen reicht von einer Fülle an Gitarrenstücken bis zu Konzerten, Kammermusik und mehr als einhundert Filmmusiken. Seine Werke für Gitarre zeigen eine vierzigjährige Entwicklung von der Avantgarde und dem Experimentellen bis zur Neoromantik. Rito de los Orishas („Ritus der Orishas”) wurde im Oktober 1993, wenige Monate nach seiner Entstehung, von seinem Widmungsträger Alvaro Pierre beim Festival de Radio France uraufgeführt. Orishas ist das Yoruba-Wort für die Götter, die von den afrikanischen Sklaven verehrt wurden.

Der erste Satz, Exordium – conjuro („Einleitung – Beschwörung/Exorzismus”), ist dreiteilig. In der Mitte steht ein episodischer Abschnitt, an den sich eine veränderte Reprise anschließt. Darin wird ein Ritual zur Bezwingung der bösen Geister gefeiert. Brouwers Biographin Isabelle Hernández weist darauf hin, dass dieser Satz aus drei grundlegenden Zellen besteht: aus einem wie ein ostinato wiederholten Klang in Dreiergruppen, einer aufsteigenden Skala in raschen Figuren sowie einem Thema, das von einer absteigenden kleinen Terz und einer aufsteigenden großen Terz gekennzeichnet ist. Der zweite Teil, Danza de las diosas negras („Tanz der schwarzen Gottheiten”) besteht aus drei Tanzelementen, die von dunkel atmosphärischen Episoden („Evokationen”) unterbrochen werden.

Alberto Ginastera wurde in Buenos Aires als Spross einer katalanisch-italienischen Familie geboren und gilt als einer der größten Komponisten Argentiniens. Er schuf Opern, Ballette, Orchesterwerke, Kammer- und Vokalmusik, Werke für Klavier, Orgel, Violoncello, Flöte, Gitarre und andere Instrumente sowie beinahe ein Dutzend Filmmusiken. Die Sonate für Gitarre op. 47 ist Carlos Barbosa-Lima gewidmet und entstand 1976 in Genf. Die Uraufführung fand am 27. November desselben Jahres im Lisner Auditorium der George Washington-Universität statt. Der Komponist wollte ein viersätziges Werk von „beträchtlichen Proportionen” schreiben, da er erkannt hatte, dass „das Repertoire der Gitarre im Gegensatz zu demjenigen anderer Soloinstrumente fast ausschließlich aus kurzen Stücken ohne formalen Zusammenhalt besteht.” Sein eigener Kommentar zu dem Werk ist unbezahlbar:

„Der erste Satz, Esordio, ist ein feierliches Präludium, dem ein von der Ketschua-Musik angeregtes Lied folgt, und das seinen Abschluss in einer verkürzten Reprise dieser beiden Elemente findet. Der zweite Satz, Scherzo, ist „il più presto possibile” zu spielen. Er bringt einen Wechsel von Schatten und Licht, von nächtlicher und zauberischer Umgebung, von dynamischen Kontrasten, fernen Tänzen und surrealistischen Impressionen, wie ich sie in früheren Werken verwendet habe. Unmittelbar vor dem Schluss tritt wie eine Phantasmagorie Sixtus Beckmessers Lautenthema auf. Der dritte Satz, Canto, ist lyrisch und rhapsodisch, expressiv und atemlos wie ein Liebesgedicht. Er verbindet sich mit dem Finale, einem schnellen, lebhaften Rondo, das an die starken, kühnen Rhythmen der Musik der Pampas erinnert. Kombinationen von rasgueados und perkussiven tamboras- Effekten werden durch andere Elemente – metallische Klänge und den Nachhall der Saiten – verändert und verleihen diesem schnellen, kräftigen Satz eine besondere Tonart, die insgesamt den Charakter einer,Toccata‘ annimmt” (Vorwort zu der Sonate op. 47, Boosey & Hawkes 1978).

Der Franzose Roland Dyens wurde in Tunesien geboren. Er ist ein führender Gitarrist und Komponist sowie ein bedeutender Lehrer am Pariser Conservatoire National Supérieur de Musique. In seinen Konzerten spielt er improvisatorische Stücke sowie eine Vielzahl von Originalstücken. Seine gründliche Kenntnis der zeitgenössischen Harmonik verbindet sich mit einer lebendigen Beherrschung von Jazz- und Rock-Elementen, die sich in seinen Kompositionen auf verschiedenste Weise manifestieren.

Der rätselhafte Titel der dreisätzigen Triaela ist die Erfindung eines Komponisten, der Freude an Wortspielen hat. Tria ist das griechische Wort für „drei”, während ela („auf, auf geht's”) zugleich auf den Vornamen der Gitarristin Elena Papandreou anspielt, der die Komposition gewidmet ist. Alle drei Teile werden mit einer ungewöhnlichen Skordatur (Umstimmung) der Bass-Saiten gespielt, wodurch tiefe Resonanzen und packende harmonische Effekte entstehen.

Der erste Satz, Light Motif (Takemitsu au Brésil), ist eine Hommage an den japanischen Komponisten Toru Takemitsu (1930-1996), der mit seinen ätherischimpressionistischen Werken völlig neue Klanglandschaften vorstellte. Die Flageoletts zu Beginn des Satzes reflektieren einen ebenso integralen Bestandteil in Takemitsus Gitarrenmusik wie die eleganten Harmonien und subtilen Themen. Den brasilianischen Einschlag könnte man hier unter dem Begriff saudade zusammenfassen – jener flüchtigen Verbindung von Wehmut, Traurigkeit, Sentiment und Schärfe, die die Musik dieses Landes in so hohem Maße kennzeichnet. Black Horn (wenn Spanien dem Jazz begegnet) beginnt mit Akkordwiederholungen und scharfen Aufschwüngen auf den Saiten. Daran schließt sich ein langsamerer Teil an, dessen Spannung allmählich durch riff-artige, von rhythmischen Triolen begleitete Jazzphrasen zunimmt. Der dritte Satz, Clown Down (Gismonti au cirque), ist eine Verneigung vor dem 1947 geborenen Komponisten, Gitarristen und Pianisten Egberto Gismonti aus Brasilien: Der Titel erinnert an dessen sehr erfolgreiches Album Circense (spanisch für: „zirzensisch”). Das Werk ist eine bemerkenswerte tour de force und eines der virtuosesten Stücke, die je für Gitarre geschrieben wurden. Neben einem rasch wiederholten, tiefen Orgelpunkt gibt es hier viele herrliche Gitarrenfarben wie Flageoletts, Bartók-Pizzikati, rasche Zweiundreißigstel-Arpeggien, und Akkordfolgen – und in der Coda eine große Vielfalt perkussiver Kunstgriffe, die das erstaunliche Finale vervollständigen.

Graham Wade
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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