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8.570531 - ARNOLD: Concerto for 2 Pianos 3 Hands / Concerto for Piano Duet
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Sir Malcolm Arnold (1921–2006)
Konzert für zwei Klaviere • Konzert für Klavierduett

 

1943 hatte Malcolm Arnold den Höhepunkt seiner Karriere als Orchestermusiker erreicht. Doch als Solotrompeter des London Philharmonic Orchestra mit einem anstrengenden Terminplan in Kriegszeiten – Konzerte nahezu täglich an anderen Orten des Landes – und angesichts seiner mentalen Instabilität geriet er bald an die Grenzen seiner psychischen Leistungsfähigkeit. Schließlich erlitt er einen Zusammenbruch. Zur Erholung ging er nach Cornwall und ins Familiencottage in Capel Garmon in Wales. Hier schrieb er die Ouvertüre Beckus the Dandipratt. Sehr viel später erklärte Arnold, dass das Komponieren dieses Stücks eine Art Therapie gewesen sei: „Ich war sehr depressiv, ich glaube, es hat mir das Leben gerettet.“ Das Werk in Sonatenform wird oft irreführend als lustige Ouvertüre bezeichnet. Trotz des lebhaften Beginns und der regelmäßigen Ausbrüche gehobener Stimmung gibt es – wie so oft bei Arnold – auch hier dunkle und aufgewühlte Passagen. An einem Punkt kommt die Musik fast gänzlich zur Ruhe, wenn nämlich als Überraschung und Befreiung der Dandipratt – ein altes englisches Wort für Gassenjunge – frech wieder auftaucht, triumphal, ganz zum Schluss. Geschrieben mit gerade einmal 21 Jahren, handelt es sich um eine bemerkenswerte Errungenschaft. Das Stück ist Arnolds erstes Hauptwerk, das aufgenommen wurde: von Eduard van Beinum und dem London Philharmonic Orchestra. Es markiert einen frühen, bedeutenden Schritt in seiner glanzvollen Karriere.

Malcolm Arnolds Eltern spielten beide Klavier. Seite an Seite auf dem Klavierhocker ihres Lehrers sitzend, übten sie Duette. Arnolds Mutter wurde sogar Pianistin und Lehrerin von beachtlichem Renommee. Auch sein Vater gab das Klavierspiel nicht auf und erfreute sich besonders an Arrangements der illustren Filmmusik seines Sohnes. Arnold selbst war ein veritabler Jazzpianist, obwohl sein früher Klavierlehrer Philipp Pfaff meinte, die Form seiner Hände würde Fortschritte erschweren. In späteren Jahren spielte er zu seinem und der Gäste Vergnügen oft stundenlang auf Pup- und Hotelklavieren. Als junger Mann komponierte er zahlreiche vergnügliche Klavierstücke als Geburtstags- und Weihnachtsgeschenke für seine Mutter; seine einzige Klaviersonate schrieb er im Alter von 21 Jahren, zwei Jahre später entstanden die groß angelegten Variations on an Ukrainian Folksong. So verwundert es kaum, dass es einige Werke für Klavier und Orchester in seinem OEuvre gibt – wenn auch kein eigentliches „Klavierkonzert“. Seine achtzehn Konzerte sind sämtlich für Freunde geschrieben, und jedes von ihnen demonstriert ein beispielhaftes Verständnis der technischen und musikalischen Fähigkeiten der Solisten. Wie in Arnolds gesamtem Werk gibt es auch hier stets einen Subtext, sei es ein Reflex seiner persönlichen Verfassung, ein Kommentar zu einer aktuellen Angelegenheit oder ein warmherziges Porträt des Widmungsträgers.

Das Concerto for Piano Duet and Strings entstand in den ersten Monaten des Jahres 1951 – einer Zeit fieberhafter Arbeit. Arnold hatte gerade die erste Folge seiner überaus erfolgreichen English Dances vollendet, die Sonatinen für Klarinette und Oboe sowie die Musik für neun Dokumentar- und vier Spielfilme. Zugleich war es eine Phase psychischer Instabilität; er hatte dreieinhalb Monate im Springfield Hospital – einer viktorianischen Nervenheilanstalt im Süden Londons – verbracht, wo er nach einem psychotischen Schub qualvolle Insulin-behandlungen durchstehen musste. Beinahe zwangs-läufig trägt die Musik das Signum dieser extremen Erfahrungen, da Arnolds Musik stets auch sein Leben reflektierte.

Das Concerto for Piano Duet and Strings op. 32 entstand auf Vorschlag des Musikologen und Daily Telegraph-Kritikers Mosco Carner. Dessen Frau, die Konzertpianistin Helen Pyke, gab zusammen mit ihrem Duettpartner Paul Hamburger im August 1951 die Uraufführung, die von der BBC übertragen wurde. Diese beiden sorgten auch für die Londoner Erstaufführung im Juli 1953 bei den Proms. Das Genre des Klavierduett-Konzerts hat nur wenige Komponisten angezogen, da die Textur und die Verteilung der Parts erhebliche Probleme bereiten. Arnold war dieser Herausforderung gewachsen und hat ein herrliches Werk geschaffen – voller Anschaulichkeit, Melodie, Kontrast und Farbe. Der erste Satz beginnt mit einem optimistischen marschartigen Thema, das beinahe sofort Gegenstand jeglicher Art imaginativer Durchführung wird. Der langsame Satz ist eine Passacaglia, eine Form, die Arnold ganz besonders schätzte: hier eine Folge von neun Variationen über einer wiederholten Phrase, in diesem Falle einer einfachen absteigenden Figur, die zuerst in den Violen erklingt. Die einzelnen Abschnitte sind komplex gestaltet und kulminieren in einer fast jazzartigen Variation. Unterwegs gibt es eine außerordentlich erregte Skalenpassage der Streicher – ein Widerschein von Arnolds innerem Aufruhr im Kampf gegen die manisch-depressive Psychose. Es gibt auch Musik, die deutlich den Filmscore für The Sound Barrier antizipiert, den er einige Monate später schrieb. Das Finale ist eine rhythmische Tour de Force, die weitgehend ruhelos dahinstürmt, jedoch im Mittelabschnitt eine der deliziösesten bittersüßen Melodien Arnolds enthält, bevor der überschwängliche Schlussabschnitt Energie und Virtuosität zurückbringt.

Das Concerto for Two Pianos (Three Hands) and Orchestra op. 104 entstand 1969. Es war ein überraschender Kompositionsauftrag der Proms in einer Zeit, als die BBC stärker der musikalischen Avantgarde zugeneigt war als der Tonalität und dem Konservatismus von Komponisten wie Malcolm Arnold. Ursprünglich Concerto for Phyllis and Cyril genannt, wurde es für das legendäre dreihändige Pianisten-Ehepaar Phyllis Sellick und Cyril Smith geschrieben. Es wurde ein regelrechter Reißer. Obwohl Arnolds eigene Programmnotizen gewohnt prägnant und unverbindlich waren, gibt es vielleicht doch eine ironische Anspielung auf die Modernisten wie auf jene, die ihre Musik mit tiefer philosophischer Bedeutung aufladen: „Es [das Konzert] hat drei Sätze und ist für ein normales Symphonieorchester geschrieben, das normal platziert ist. Weil es nicht versucht, die Tiefen der großen Wahrheiten von Leben und Tod auszuloten, hoffe ich, dass das Konzert brillant klingt und einiges Vergnügen bereitet.“ Zweifellos ging letztere Hoffnung in Erfüllung: Die Aufführung im August 1969 bewirkte fünfminütige Ovationen, und das Finale wurde wiederholt. Bezeichnender Weise war dies Arnolds letzter ernster BBC-Auftrag. Das Werk demonstriert die manische und die depressive Seite von Arnolds Persönlichkeit gleichermaßen. So beginnt der erste Satz mit sehr dunkler, fast tragischer Musik, doch der Mittelabschnitt mildert die Spannung durch eine überaus lyrische und verführerische Melodie. Der langsame Satz enthält eine von Arnolds schmelzendsten romantischen Melodien, und das Finale ist eine prächtige Rumba, geistreich und mitreißend sowie in ungeschminkt populärem Stil. Arnold ging musikalisch stets seinen eigenen Weg.

Mitte der 1970er Jahre, als Arnold die John Field Fantasy schrieb, wurde sein persönliches Leben zunehmend unstet. Die Familie war nach Dublin gezogen, doch seine zweite Ehefrau verließ ihn bald darauf, und er unternahm einen Selbstmordversuch. All die aufgewühlten Emotionen manifestierten sich in einigen seiner bewegendsten Werke: Die 7. Sinfonie, das 2. Streichquartett und das 2. Klarinettenkonzert stammen aus jener Zeit. Verschiedene Ursachen veranlassten Arnold, das Nocturne in C-Dur des irischen Komponisten und Pianisten John Field (1782-1837) zu verwenden. Gebürtiger Dubliner, war auch Field Alkoholiker und durchlebte eine lange Periode öffentlicher Vernachlässigung, vor allem aber war es für Arnold eine Art Wiederverbindung mit seiner Mutter, die Fields Nocturnes sehr geliebt hatte. Als kleiner Junge hatte er eines auswendig gelernt. Die Fantasy entstand ohne Auftrag aus dem reinen Bedürfnis heraus; inspirierend wirkte das Spiel von John Lill. Wie bei anderen Werken jener Zeit entstehen viele der Melodien aus Chiffren. John Field, Dublin, St. Petersburg und Neapel – Städte, in denen Field lebte – kommen in der Musik vor. Es ist ein weithin leidenschaftliches Werk, in dem das Orchester häufig das Klavier bedrängt, um dessen Schönheit gewaltig in die Schranken zu weisen. Die Kontraste sind vielfach heftig, stilistische Schwankungen versetzen den Zuhörer in Schwindel. Gleichwohl – und trotz der Vergleichbarkeit mit der Wucht der 7. Sinfonie – endet die Field Fantasy in einer außergewöhnlichen Affirmation der Hoffnung, indem Arnold in einer seiner spektakulärsten romantischen Einfälle das Thema in einer leidenschaftlichen Mischung aus Tschaikowsky und Rachmaninow präsentiert. Das Konzert ist ein verstörendes, aber höchst zwingendes Werk. Es ist John Lill gewidmet und wurde von diesem im Mai 1977 in der Royal Festival Hall uraufgeführt.

© Paul Harris 2007
Deutsche Fassung: Thomas Theise

Anthony Meredith/Paul Harris: Malcolm Arnold – Rogue Genius. (Thames/Elkin)

 


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