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8.570541 - ELGAR: Part-Songs
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Edward Elgar (1857–1934)
Chorlieder

 

Eine der vielen und verschiedenartigen musikalischen Erfahrungen, deren sich der junge Elgar in Worcester erfreute, war der Glee Club, der sich in den Wintermonaten allwöchentlich im Crown Hotel traf. Den musikalischen Kern bildeten Laienangestellte der Kathedrale; insgesamt hatte der Club rund hundert Mitglieder. Einmal im Monat fand eine Instrumentalnacht statt, in der ein kleines Ensemble Arrangements von Ouvertüren und anderen kurzen Orchesterstücken spielte. Elgars Vater spielte Violine, und Edward selbst begann in den späten 1860er Jahren mitzuspielen, als er etwa zwölf Jahre alt war. Er brachte es schließlich bis zum Leiter der Gruppe und war auch deren Begleiter. Später sagte er einem Interviewer: „Es war eine erfreuliche und künstlerische Versammlung, die Programme entstammten vornehmlich den großartigen englischen Kompositionen für Männerstimmen. Die jüngere Generation schien gewöhnliche Part-Songs zu bevorzugen ... und so änderte sich der Ton des Ganzen.“ Bald schon erschien Elgars Name auf den Programmen als Komponist. Sein erster Biograph schrieb: „Seine Kompositionen zeigten eine entschiedene Vielseitigkeit. Er schrieb für die Glee Party, für das Ensemble, für die Solosänger, für alle und alles.“

Am 1. März 1881 führte der Club einen Part-Song von Elgar auf: Why so pale and wan?, der nicht erhalten ist. Erst rund zwanzig Jahre später schrieb er einen weiteren – inzwischen hatte sich ein Markt für dieses Genre etabliert: die Chorwettbewerbs-Bewegung. Die enorme Zahl von Chorgründungen ließ solche Wettbewerbe populär werden, besonders im Norden Englands. My Love Dwelt in a Northern Land nach Worten von Andrew Lang erschien 1890 bei Novello. Damit begann Elgars Zusammenarbeit mit diesem Verlag, die nahezu seine gesamten kreativen Jahre umspannt. Später sagte er seinem Freund Jaeger – dem „Nimrod“ der Enigma Variations: „... man hielt es für krude und ungeeignet für die Stimmen, geschrieben ohne Kenntnis der Möglichkeiten der menschlichen Stimme ...“. Michael Hurd kam der Sache gewiss näher, wenn er das Stück beschreibt als „prachtvoll und großartig – als sei Parry [gemeint ist der Komponist Sir Hubert Parry (1848–1918)] plötzlich befreit von aller vornehmen Zurückhaltung“. Es handelt sich um ein bei Sängern beliebtes Chorstück, das schlicht vierstimmig beginnt. Im dritten Vers teilt Elgar die Männerstimmen: Die Melodie wird den Sopranen und ersten Tenören übertragen, während der Rest des Chores die Worte auf ein wiederholtes rhythmisches Motiv singt. Dieses Gestaltungsmittel verwendet Elgar später auch in Death on the Hills und Serenade. Vielfach wurde hervorgehoben, dass sich Elgars musikalisches Denken stets in orchestralen Kategorien vollzog – in seinen besten Part-Songs erreichte er Klangfülle dadurch, dass er für mehr als die üblichen vier Stimmen schrieb.

In den 1890er Jahren verbrachten die Elgars mehrere Ferien in Bayern: Elgar liebte die Landschaft, die entspannte Atmosphäre und die Tatsache, dass der Katholizismus die vorherrschende Konfession war. Besonders angetan waren sie von den Schuhplattler- Tänzen; 1895 schrieb Elgar eine Suite aus sechs „Chorliedern“ auf Worte seiner Frau, die den Geist dieser Tänze einzufangen versuchen. Das Werk erhielt den Titel Scenes from the Bavarian Highlands. Es wurde später orchestriert, darüber hinaus arrangierte der Komponist drei der Lieder zur Orchestersuite Three Bavarian Dances. Seine Liebe zu Bayern wird offenkundig in der freudigen Ausgelassenheit des Werkes, besonders der Außensätze. Fünf der Sätze sind im Dreiertakt, und nur einer, False Love, hat einen traurigen Ton. Der harmonische Gewicht ist häufig in die Begleitung gelegt, besonders beim berühmten Lullaby und im Schlusssatz The Marksmen).

Das folgende Jahr 1896 war für Elgar ein besonderes – zwei Chorwerke erlebten ihre erfolgreiche Premiere: The Light of Life auf dem Worcester Festival und King Olaf auf dem North Staffordshire Festival. In den Epilog des letzteren ist ein Part-Song integriert, As Torrents in Summer, der zu Elgars bekanntestem Werk in diesem Genre wurde. Rosa Burley, Lehrerin in Malvern, ahnte dies, als er ihr das Stück zum ersten Mal vorspielte: „Mir war klar, dass er für diese Kantate einen Schluss geschrieben hatte, der ... sein Publikum mit einer Melodie entlassen würde, die nicht aus dem Ohr geht.“

Im Jahre 1902, als Elgar durch den Erfolg der Enigma Variations, von The Dream of Gerontius und der ersten beiden Märsche Pomp and Circumstance eine nationale Größe geworden war, trat das Morecambe Musical Festival an ihn heran mit dem Auftrag, ein Stück für den Chorwettbewerb zu schreiben und als Juror an dem Treffen teilzunehmen. Er schrieb Weary Wind of the West für das Festival 1903 und zwei Jahre später Evening Scene. Letzteres erlebte im Mai 1906 seine Premiere und ist Robert Howson gewidmet, dem Dirigenten des Morecombe Choir, den Elgar als „die musikalische Seele von Morecombe“ bezeichnete. Samuel Langford nannte es im Manchester Guardian „ein höchst originelles Stück, eine einzigartig getreue Übertragung der schläfrig-verträumten Atmosphäre des Abends auf den Feldern mit seinen gedämpften Klängen in Musik“.

Im Spätjahr 1907 gingen die Elgars nach Rom, um dort den Winter zu verbringen. Edward versuchte sich an einer Symphonie, doch über Weihnachten schrieb er fünf seiner besten Part-Songs: The Reveille für Männerstimmen und die vier Part-Songs op. 53 für gemischte Stimmen. Es sind keine Auftragswerke – erstaunlich, dass er sie in jener Zeit schrieb. Vielleicht suchte er Abwechslung von der Orchesterkomposition. Für die ersten drei wählte er Text aus, für den vierten schrieb er selbst einen. Das erste Lied, There is Sweet Music, ist Canon Charles Gorton gewidmet, Rektor von Morecombe sowie Gründer und Präsident des dortigen Festivals. Elgar nannte es „das Beste, was ich gemacht habe“. Er beschreitet hier neue Wege, indem das Lied in zwei Tonarten gleichzeitig geschrieben ist: die Männerstimmen in G und die Frauenstimmen in As. Es erwies sich als so schwierig, dass bei seiner Aufführung auf dem Morecombe Festival 1909 in der höchsten Klasse statt der sonst vielleicht zwanzig Chöre nur fünf teilnahmen.

Das zweite Lied, Deep in my soul, ist eine tief empfundene Vertonung von Worten Byrons. Da das Lied einer amerikanischen Dame, Julia Worthington, gewidmet ist – in Elgars Kreis als „Pippa“ bekannt –, haben manche eine tiefere Bedeutung in den Worten sehen wollen. Und zwar besonders deshalb, weil Mrs. Worthington als die „Seele“ des zwei Jahre später entstandenen Violinkonzerts angesehen wurde. O wild West Wind 3 ist Dr. W. G. McNaught gewidmet, Doyen der Wettbewerbsjuroren, die mit Elgar in Morecombe gewirkt hatten. Obwohl mit dem bei Elgar gängigen nobilmente bezeichnet, hat der Komponist hinzugefügt: „mit größter Lebhaftigkeit, jedoch ohne Eile“. Es ist leidenschaftliche Musik, wie sie Worten geziemt, in denen der Poet den Wind anfleht, seine Bemühungen zu unterstützen, der Welt seine Botschaft zu bringen: „Be through my lips to unawakened earth / The trumpet of a prophecy“. Für Elgar, der in seine lang erwartete Symphonie vertieft war, müssen diese Worte ein spezifische Kraft gehabt haben. Das Schlusslied des Opus, Owls, ist das vielleicht seltsamste, das Elgar je vertont hat. Es ist sehr chromatisch, und es gibt einige eigenartige Harmonien. Jaeger sagte, dass es sich der Analyse widersetzt und dass er nichts kenne, „was diesem gleich kommt. Die Worte ... sind ebenso seltsam und vage wie die Musik ... Es ist offen nihilistisch ... und die Musik verstärkt die Düsternis.“ Gleichwohl sei es „voller Genie, wie alles, was Elgar gemacht hat“. Der Komponist sagte zu Jaeger: „Es ist nur eine Fantasie & bedeutet nichts. Es ist offensichtlich in einem nächtlichen Wald & und das wiederholte ‚Nothing’ ist nicht mehr als ein eulenartiger Ruf.“ Dennoch ist der Geist der Verzweiflung, den Jaeger herausgehört hat, vorhanden und lässt vermuten, das Elgars „Es ... bedeutet nichts“ der Versuch ist, etwas sehr Persönliches zu verbergen, das er nicht erklären wollte.

Im April 1909 weilten die Elgars wieder in Italien: in Careggi nahe Florenz in einer von Julia Worthington gemieteten Villa. Hier komponierte er den sechsstimmigen Part-Song Go, Song of Mine, den manche für seinen besten halten. Die Worte – die Übersetzung eines mittelalterlichen italienischen Gedichts durch Rossetti – haben wiederum einen klaren autobiographischen Beiklang: Das „Lied“ des Autors geht hinaus, „um die Härte des menschlichen Herzens zu brechen“. In welchem Maße Elgar diese Worte auf sich selbst bezog, lässt sich nur spekulieren, immerhin lieferte er „eine große Vertonung“, wie er an Gorton schrieb. Die Premiere erfolgte auf dem Three Choirs Festival in Hereford 1909 – schnell übernahmen es die wichtigen Chorfestivals als ein weiteres exzellentes und anspruchsvolles Wettbewerbsstück.

Diana McVeagh schrieb: „Von nun an [1907] sind Elgars Chorlieder kunstvoll, verfeinert und großartig als schierer Klang ... In der experimentierfreudigen Verwendung von Textur, Farbe und dem Wechselspiel der Klänge sind diese Lieder bemerkenswert originell.“ In der Contemporary Review schrieb Gerald Cumberland 1911: „Die kreative Energie vieler europäischer Komponisten ist in Kanäle geleitet, wo sie am schnellsten große Menschenmassen erreichen kann – sie erforscht die Möglichkeiten der menschlichen Stimme und kreiert Musik, die stark experimentell ist in ihrem Bestreben, bislang ungeahnte Effekte in Klang-farbe, dramatischer Beschreibung und lyrischer Aus-druckskraft zu erreichen.“ Cumberland erwähnt Elgar, Bantock und Brian unter den englischen Komponisten sowie Richard Strauss, Debussy und Sibelius auf dem Kontinent. Er hätte ebenso Sir Alexander Campbell Mackenzie (1847–1935) nennen können, dessen Part- Songs op. 71 von 1911 leider vernachlässigt werden, und Schönberg, dessen höllisch schwieriges achtstimmiges Friede auf Erden 1907 entstand, im selben Jahr wie Elgars op. 53.

1914 hatte sich Elgar formell vom Verlag Novello getrennt, der trotzdem weiterhin bestrebt war, soviel Geld als möglich aus seinen Werken zu machen. Part- Songs waren finanziell einträglich, und so schrieb der Firmenvorstand Alfred Littleton: „Ich möchte keine weiteren Symphonien oder Konzerte von Elgar, doch bin ich bereit, soviel Part-Songs zu übernehmen, wie er nur produzieren kann.“ In jenem Jahr „produzierte“ Elgar fünf weitere. Die zwei Part-Songs op. 71 auf Worte von Henry Vaughan sind exquisit geschrieben – trügerisch in ihrer vermeintlichen Einfachheit. In The Shower setzen Alt und Tenor an einigen Stellen prasselnde Sechzehntel gegen die Achtel der Melodie und vergegenwärtigen so die „Kette der Tropfen“ aus dem Titel. Das zweite Lied, The Fountain, bezieht sich auf die Stille in der Natur (“all the earth lay hush”). Doch dann: „Only a little fountain lent some use for ears“. Die Klänge der Natur waren stets eine reiche Quelle für Elgar: Als Junge fand man ihn am Fluss Severn liegend bei dem Versuch, „die Klänge zu erfassen“, wie er viele Jahre später schrieb. Das größte der Lieder von 1914 ist Death on the Hills op. 72. Es handelt sich um die Übersetzung einiger drastischer Worte des russischen Dichters Apollon Nikolajewitsch Maikow (1821-1897) über den Tod, der einem Dorf nachstellt, um Opfer zu finden. In der zweiten Hälfte des Liedes singen die drei höheren Stimmen „with a thin and somewhat veiled tone“ („mit dünnem und etwas verschleiertem Ton“) einige repetitive Verse, welche die Dörfler repräsentieren, während der Bass die grässlichen Worte des Todes intoniert. Weitere Übersetzungen des Russen liegen op. 73 zugrunde. Jeder Vers von Love’s Tempest beginnt ruhig und langsam, worauf ein plötzliches allegro con fuoco zuerst einen Meeressturm und dann einen Tumult im Herzen des Dichters, hervorgerufen durch ein geistiges Bild seiner einzig Geliebten, repräsentiert. Das Pendant, Serenade, hat einen Refrain „Dream all too brief, dreams without grief, once they are broken, come not again“, der sehr gut zu einem Komponisten passt, der von Träumen beherrscht und dessen labiles emotionales Gleichgewicht stets bedroht war.

Das Jahrzehnt nach Alice Elgars Tod 1920 brachte nur wenige neue Werke. Es gab jedoch eine Reihe von Part-Songs, deren beste The Wanderer für Männerstimmen von 1923 und The Prince of Sleep für ge-mischte Stimmen von 1925 sind, die Diana McVeagh zutreffend als „schön und geheimnisvoll“ beschrieb. Die träge Vertonung trifft meisterhaft die Sentimentalitäten der Worte. Die Metaphorik der Träume und die natürliche Welt – besonders das Waldland – scheinen Elgar erneut inspiriert zu haben. Dieses vernachlässigte Lied hält jedem Vergleich mit den besten des Genres stand.

© 2008 Geoffrey Hodgkins
Deutsche Fassung: Thomas Theise


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