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8.570596 - RUSSIAN OBOE (The)
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Russische Oboenmusik

 

Den Namen Johann Heinrich Luft dürfte man heute wohl nur noch in den Kreisen der Oboisten kennen, die seine Etüden spielen. Im Russland des 19. Jahrhunderts hingegen war er nach allem, was man hört, als Begründer der russischen Oboenschule keine unwesentliche Figur. Der 1813 in Deutschland geborene Musiker ging um 1830 nach St. Petersburg und war dort zwischen 1840 und 1860 einer der Ersten Oboisten im Orchester des Kaiserlichen Theaters. Seine Fantaisie sur des thèmes russes nationaux op. 12 wurde in Paris veröffentlicht und ist dem Geiger Louis Maurer gewidmet, der später die französische Oper von St. Petersburg leitete. Lufts Fantasie über russische Volksthemen erfordert eine beachtliche Virtuosität, in der sich die spieltechnische Tüchtigkeit des Komponisten spiegelt: Nach der Introduktion führt eine Kadenz zu dem Thema und seinen zwei Variationen, worauf ein Adagio und ein brillanter Schlussteil folgen. Genauere Informationen über Luft und seine Oboenwerke sind in dem aufschlussreichen Artikel zu finden, den Charles David Lehrer im Journal of the International Reed Society (Nr. 17, 1989) publiziert hat.

Nikolai Rimsky-Korssakoff sollte der Familientradition entsprechend als Marineoffizier Karriere machen. Schließlich fand er einen Kompromiss zwischen Meer und Musik, als er den aktiven Dienst aufgab, um den eigens für ihn geschaffenen Posten eines Zivilinspektors der Marinekapellen anzunehmen. Neben der ursprünglichen Leitfigur Mili Balakirew sowie den ebenfalls älteren Kollegen Alexander Borodin, Modest Mussorgsky und César Cui gehörte Rimsky-Korssakoff zu der Gruppe nationalrussischer Komponisten, der der Theoretiker und Musikschriftsteller Wladimir Stassow 1867 den Ehrennamen Das mächtige Häuflein gab. Die Variationen g-moll komponierte Rimsky-Korssakoff Anfang 1878 für Oboe und Blaskapelle, um sie auf dem Marinestützpunkt Kronstadt von seinen Ensembles spielen zu lassen: Es ging ihm seinerzeit um die Schaffung interessanter und ungewöhnlicher Repertoirestücke für diese Kapellen und zugleich um eine größere kompositorische Souveränität bei der Arbeit mit Soloinstrumenten. In seinen Memoiren Mein musikalisches Leben schreibt er, dass das Publikum sich gegenüber den Komponistennamen gleichgültig verhalten und nur vorübergehendes Interesse an den Leistungen der ausführenden Musiker gezeigt hätten. Als Thema seiner Variationen, die ein gewisser Ranischewski spielte, benutzte Rimsky-Korssakoff ein Lied des älteren Nationalkomponisten Mikhail Glinka, Chto krasolka molodaya („Warum weinst du, junge Schöne?“).

Reinhold Glière wurde in Kiew als zweiter Sohn eines aus Sachsen eingewanderten Blasinstrumentenbauers geboren, der die Tochter seines polnischen Lehrers geheiratet hatte. In seiner Heimatstadt erhielt der Knabe unter anderem bei Otokar Sevcik Violinunterricht, und 1894 ging der Zwanzigjährige ans Moskauer Konservatorium, wo er bei Johann Hřimaly Geige studierte. Außerdem war er Schüler von Anton Arensky, Georgij Conus, Michail Ippolitow Iwanow und Sergej Tanejew, der seinerseits dafür sorgte, dass Nikolai Mjaskowsky und der erst elfjährige Sergej Prokofieff bei Glière Privatunterricht erhielten.

Glière war Lehrer an der Gnessin-Schule, studierte dann drei Jahre in Berlin Dirigieren und ging wieder nach Kiew, wo er die Leitung des Konservatoriums übernahm. Nach der Revolution übersiedelte er nach Moskau, um bis 1941 am Konservatorium zu unterrichten. In dieser Zeit beschäftigte er sich intensiv mit der Musik der östlichen Sowjetrepubliken. Seine Stücke op. 35 aus dem Jahre 1908 sind für verschiedene Streich- und Blasinstrumente mit Klavierbegleitung geschrieben; die beiden hier enthaltenen Sätze erkunden die lyrischen Qualitäten der Oboe.

Boris Wladimirowitsch Assafjew wurde 1884 in St. Petersburg geboren und studierte an der historischphilologischen Fakultät der dortigen Universität. 1910 graduierte er am Konservatorium, wo er Kompositionsschüler von Anatol Ljadow war und bei Rimsky-Korssakoff Orchestration studierte. Nach der Revolution spielte er im musikalischen und kulturellen Leben der Sowjetunion eine wichtige Rolle: Zunächst machte er sich als Kritiker einen Namen, dann als Musikwissenschaftler. Von 1925 bis 1943 hatte er eine Professur am Leningrader Konservatorium inne. Anschließend setzte er seine Karriere in Moskau fort. In den dreißiger Jahren hatte er sich als Komponist etabliert, wobei er besonders mit seinen Balletten der politischen Linie entsprach. Sein ursprüngliches Interesse am Schaffen führender ausländischer Komponisten wandelte sich, nachdem die Prawda 1936 die bekannte Attacke gegen Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk veröffentlicht hatte. Gegen Ende seines Lebens hatte Assafjew ein gespaltenes Verhältnis zu den Komponisten, die 1948 von dem sogenannten Schdanow-Beschluss gemaßregelt worden waren, obwohl er dieselben früher gelobt und gefördert hatte. Die 1939 entstandene Sonatine für Oboe ist in ihrer klassisch-klaren Viersätzigkeit ein Werk von unmittelbarem Charme.

Auch der Rimsky-Korssakoff-Schüler Nikolai Tscherepnin stammte aus St. Petersburg. Nach dem Abschluss seiner Studien im Jahre 1898 wurde er selbst Lehrer. Vor allem aber wirkte er als Dirigent am Marientheater sowie in Paris, wo er beispielsweise die Uraufführung von Rimsky-Korssakoffs Das goldene Hähnchen leitete und mehrere Spielzeiten für Serge Diaghilews Ballets russes arbeitete, deren erste Pariser Saison er mit seinem eigenen Ballett Le pavillon d’Armide eröffnete. 1918 übernahm Tscherepnin die Leitung des Konservatoriums im georgischen Tiflis, doch schon drei Jahre später ging er wieder nach Paris, um seine Laufbahn als Dirigent und Komponist fortzusetzen: Unter anderem schrieb er Ballette für Anna Pawlowa, und in seiner Musik befleißigte er sich eines Stils, in dem sich die russischen Elemente seiner Heimat mit französischen Einflüssen zu verbinden scheinen, wie man zum Beispiel in den beiden Skizzen hören kann, die aus einer Reihe von Werken für Blasinstrumente stammen.

Marina Dranischnikowa wurde zu ihrem Poème angeblich durch die unglückliche Liebe zu einem Oboisten angeregt. Das Stück aus dem Jahre 1953 stellt nicht zuletzt wegen seiner Tonartenwechsel und seiner wechselnden Figurationen hohe Ansprüche. Die Reputation der Komponistin wurde nachdrücklich von der Bekanntheit ihres Vaters Wladimir Alexandrowitsch Dranischnikow überschattet, der mit dem etwa gleichaltrigen Sergej Prokofieff befreundet war und als Dirigent am Marientheater von St. Petersburg wirkte.

Nikoli Borisowitsch Gorlow gehört etwa zur selben Generation russischer Komponisten. Seine Suite wurde 1969 veröffentlicht und beginnt mit einer attraktiven Sonatine. Die anschließende Vokalise ist dunkler getönt, und die Suite endet mit einem schwierigen Scherzo.

Rimsky-Korssakoffs Hummelflug ist in einer Vielzahl von Arrangements bekannt, die alle beträchtliche Virtuosität erfordern. Eigentlich steht der Satz zwischen den beiden ersten Szenen aus dem dritten Akt der Oper Das Märchen vom Zaren Saltan: Der Zarewitsch Gwidon ist vor dem Tod auf dem Meer gerettet worden und lebt jetzt auf einer Insel, wo er in Gestalt einer Hummel seine missgünstigen Tanten sticht.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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