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8.570617 - XU, Shuya: Insolation / Cristal au Soleil Couchant / Echos du Vieux Champ / Nirvana / Yun (Shu-ying Li, Qilian Chen, Vienna Radio Symphony, Rabl)
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Xu Shuya (geb. 1961)
Nirwana • Insolation • Cristal au Soleil Couchant • Echos du Vieux Champ • Yun

 

Xu Shuya wurde am 12. Mai 1961 in der nordostchinesischen Stadt Changchun geboren. Seit 1978 studierte er bei den bekannten Komponisten Zhu Jian’er und Ding Shande am Konservatorium von Shanghai, wo er 1983 seine Prüfungen absolvierte und anschließend selbst in der Abteilung für Dirigieren und Komposition unterrichtete. 1988 erhielt er ein Stipendium des französischen Außenministeriums, mit dessen Hilfe er seine Ausbildung in Paris fortsetzen konnte.

Die École Normale de Musique belohnte seine Leistungen 1989 mit ihrem Preis für Komposition (Magister). Im selben Jahr wurde er als Hauptfachstudent in die höhere Kompositionsklasse des Conservatoire National Supérieur de Musique et de Danse aufgenommen. Seine Lehrer waren hier Ivo Malec, Alain Bancquart, Gérard Grisey, Betsy Jolas und Laurent Cuniot. Außerdem besuchte Xu Meisterklassen bei Karlheinz Stockhausen, Franco Donatoni und Klaus Huber. 1992 wurde ihm einstimmig der Premier Prix der Kompositionsklasse zugesprochen, und 1994 erhielt er eine weitere Auszeichnung als Doktorand. In demselben Jahr studierte er in der Doktorandenklasse des IRCAM am Centre Pompidou. Er ließ sich dauerhaft in Paris nieder.

Schon 1982 hatte Xu mit seinem ersten Werk, einem Violinkonzert, den Ersten Preis der amerikanischen Alexander Tcherepnin Foundation gewonnen. 1992 zeichnete die Jury des 5. Internationalen Kompositionswettbewerbs von Besançon unter Vorsitz von Luciano Berio sein Cristal au Soleil Couchant mit dem Ersten Preis aus. In Peking kam sein Name auf die Liste der „Klassiker der Chinesischen Musik des 20. Jahrhunderts“. 1993 belegte er in Bourges mit Taiyi II für Flöte und Elektronik den zweiten Platz des 21. Internationalen Wettbewerbs für Elektroakustische Musik. Im selben Jahr wurde das Stück in Italien beim 15. Internationalen Wettbewerb Luigi Russolo sowie in Tokio mit dem ACL Yoshiro Irino Gedächtnispreis ausgezeichnet.

Im Jahre 2000 gestalteten Xu Shuya und der französische Choreograph Jean Claude Gallotta das Ballett Les Larmes de Marco Polo, das mit Erfolg beim Internationalen Kunstfestival von Lyon uraufgeführt wurde. Anschließend war das Werk auch bei Festivals in Paris, Marseille, Brüssel und Rio de Janeiro zu sehen. Überdies fand es während einer Fernost-Tournee in Bangkok, Peking, Shanghai, Seoul und Tokio viel Anklang bei der Kritik.

2002 wurde am Theater von Taipeh die dreiaktige Auftragsoper Snow in August uraufgeführt, deren Librettist—der Nobelpreisträger Gao Xingjian—auch Regie führte. Das Werk wurde von der französischen Opéra international 2005 zur „Besten Oper des Jahres“ gekürt.

Im Auftrag der Nederlandse Programma Stichting (NPS) schrieb Xu seine nächste Oper In Memory of Taiping Lake. Die Premiere fand 2004 am Amsterdamer Concertgebouw statt. Im folgenden Jahr vollendete er das Musical West Street of Yangshuo für das Kulturbüro der Provinz Guangxi. Die Oper und das dramatische Tanztheater von Guangxi brachten das Stück in der Provinzhauptstadt Nanning auf die Bühne.

2007 beauftragte ihn das Internationale Frühlingsfestival von Shanghai mit der Komposition der symphonischen Dichtung Yun, die zur Eröffnung der Festspiele ihre Premiere erlebte. Die große magische Show Monkey King (2008), ein Auftrag des Chinesischen Marionettentheaters, wurde mehr als zweihundert Mal aufgeführt. Radio France und das Frühlingsfestival von Shanghai erteilten Xu 2010 den gemeinsamen Auftrag zu der symphonischen Dichtung World Expo Imagination. Das Palastmuseum Taipeh bestellte 2011 die Oper Kaiser Kangxi und der Sonnenkönig Louis XIV., die anschließend in diesem Museum inszeniert wurde.

Xu Shuya ist Vorsitzender des Musikerverbandes von Shanghai, Direktor des Künstlerischen Komitees beim Internationalen Frühlingsfestival von Shanghai, Mitglied der 12. Politischen Beratungskonferenz des Chinesischen Volkes (CPPCC), Mitglied 11. CPPCC der Stadt Shanghai und Vizepräsident der „Shanghai Overseas Returned Scholars Association“. Des weiteren ist er Direktor des Akademischen Komitees am Konservatorium von Shanghai, Professor für Komposition und elektronische Musik sowie Doktoranden-Berater. Von Februar 2009 bis September 2014 war Xu Shuya der Präsident des Konservatoriums von Shanghai.

Xus Musik erscheint in den Verlagen Billaudot und Lemoine & Jobert. Gegenwärtig arbeitet er im Auftrag der New Yorker Philharmoniker und des Symphonieorchesters von Shanghai an einer neuen Symphonie, die im April 2016 in New York uraufgeführt werden soll. 2015 werden die St. Petersburger Symphoniker beim Internationalen Frühlingsfestival von Shanghai sein Narrative on Dalai Lake vorstellen. Außerdem wird das Ensemble InterContemporain 2015 bei der Woche der Neuen Musik in Shanghai eine neue Komposition aus der Taufe heben.

Insolation (1997-2014) wurde von der alten chinesischen Sage Kuafu jagt die Sonne angeregt. Darin geht es um den Wunsch des Riesen Kuafu, die Sonne zu fangen und zu zähmen. Die Strapazen bringen Kuafu schließlich um: Er verdurstet, weil er nicht genug Wasser hat, um sich nach der glühenden Hitze zu kühlen. Verschiedene chinesische Landschaften, vor allem die Berge und die Wälder, führt man auf seine Taten zurück. Es gibt viele Fassungen der Sage, die das heroische Durchhaltevermögen gegenüber der Natur symbolisiert. Am Ende steht freilich die Tragödie. Die Komposition soll die Tapferkeit und Entschlossenheit der primitiven Menschen im Ringen mit der Natur sowie die Entwicklungen und Offenbarungen widerspiegeln, die allmählich von der alten zu einer neuen Lebensweise führen.

Das Werk erlebte seine Premiere 1997 bei einem Konzert, das unter dem Motto „Wurzeln“ im Rahmen des Internationalen Kunstfestivals von Shanghai stattfand. Das Symphonieorchester Shanghai spielte unter der Leitung des chinesisch-amerikanischen Dirigenten Tseng Yeh. 2014 erklang Insolation auch am Zentrum für östliche Kunst von Shanghai. Dieses Mal dirigierte Cornelius Meister das Radio-Symphonieorchester Wien.

Sonnenuntergänge üben auf Xu Shuya eine ganz besondere Faszination aus—vor allem der Moment, in dem die Sonne eben hinter dem Horizont verschwindet und ihre Strahlen nicht nur den Himmel beherrschen, sondern zugleich auch von Sand, Steinen und anderen landschaftlichen Kristallbildungen gebrochen und reflektiert werden. In den Wüsten von Ägypten und Westchina erlebte Xu diese intensiven Wirkungen des Lichtes und der Farbenvielfalt: Szenen dieser Art inspirierten das 1992 entstandene Werk Cristal au Soleil Couchant („Kristall beim Sonnenuntergang“).

Das Orchester ist dabei in drei Gruppen aufgeteilt, die von links nach rechts auf der Bühne plaziert sind. Dieser Dreiteilung entspricht die musikalische Gliederung in zwei einfachere Außenabschnitte und einen komplexeren Mittelteil. Überdies ist die Zahl 3 auch für die tonale Struktur von Bedeutung: In sämtlichen Teilen des Werkes erscheinen dreitönige Gruppen, deren Elemente aus der pentatonischen Leiter gewonnen und so ausgearbeitet wurden, dass sich neun melodische Phrasen ergaben. Ein einziger Ton (A) bildet den Ausgangspunkt dieser dreitönigen Gruppen. Im Verlauf des Stückes wird das harmonische Material also „gebrochen“, während sich in der Orchestertextur verschieden lange Ideen mit all ihren Echos und Querverweisen überlagern—eine multidimensionale musikalische Konstruktion, in der sich die mannigfachen Lichterscheinungen der Wüste spiegeln.

Cristal au Soleil Couchant erhielt den Ersten Preis des 5. Internationalen Kompositionswettbewerb von Besançon und wurde am 11. September 1993 beim Internationalen Festival der Stadt durch das Orchestre National du Capitole de Toulouse uraufgeführt. Das Werk war auch bei der Finalrunde des 43. Internationalen Dirigierwettbewerbs von Besançon vorgeschrieben. Das Symphonieorchester von Gävleborg spielte es beim Weltmusikfestival der ISCM in Stockholm, und auch andere Orchester nahmen das Stück in Europa, Hongkong und auf Taiwan ins Programm. Cristal au Soleil Couchant war Xus Magisterarbeit am Pariser Conservatoire.

Echos du Vieux Champ („Echos des alten Landes“) entstand 1993 im Auftrag des französischen Kultusministeriums. Es reflektiert das Heimweh, das der Komponist während seiner Studien in Frankreich empfand: sehnsüchtige Erinnerungen an die Sonne, den Wind, den Wechsel der Jahreszeiten, die Natur, die Menschen, die Architektur und anderes. Das Stück leitet aus dem zentralen Sekund-Intervall eine Reihe stark kontrastierender Variationen ab und will im Nacheinander die folgenden Gegensätze darstellen:

  • Intervallstruktur: dicht und locker, hart und weich
  • Raum: zentral und peripher, leer und voll
  • Timbre: dunkel und hell, Yin und Yang
  • Material: Unterbrochen, nicht unterbrochen, wechselnd und stetig

Das Werk wurde am 3. Februar 1993 am Pariser Centre Pompidou durch das Ensemble L’Itinéraire unter Alain Louvier uraufgeführt. Es ist für ein siebzehnköpfiges Kammerorchester mit Holz, Blech, Streichern, Harfe, Klavier und zwei Schlagzeugern geschrieben.

Nirwana ist nach buddhistischer Auffassung der „jenseitige“ Zustand, in dem es kein Leiden, keine Begierden und kein „Ich-Gefühl“ gibt. In der chinesischen Kultur bezeichnet man mit dem Begriff „Phönix Nirwana“ eine starke Überzeugtheit und Ausdauer oder auch das Streben nach einer höheren menschlichen Seinsweise. Das Orchesterwerk Nirwana entstand einerseits aus der spirituellen Idee des Nirwana und andererseits aus Gedanken über die tibetanische Landschaft. Xu spricht hier von der „Reinheit der gewaltigen Ebene, dem Geheimnis des Tales und den leisen, fernen Melodien, die wie Melodien vom Himmel klingen“, um durch ihre Schönheit und Einfachheit ein „bittersüßes Vergnügen“ in ihm zu wecken.

Im Anschluss an den stürmischen Anfang sieht man, dass das Werk aus zwei grundlegenden Gedanken entstanden ist: auf einer repetitiv-akkordischen, auf rhythmischen Wiederholungen basierenden Bewegung der Streicher, sowie wirbelnden Holz- und Blechbläsermotiven. Im Verlauf des Stückes kommt es zu einer immer größeren Komplexität und Dichte. Die beiden Grundideen erzeugen ein statisch-dynamisches Wechselspiel, wobei die kreisenden Bläsermotive allmählich immer einfacher werden. Am Ende lösen sich beide Gedanken leise auf—die Seele geht ins Nirwana ein, nachdem sie sich verwandelt hat und alle Aufgeregtheiten einer harmonischen Ruhe gewichen sind.

Nirwana entstand im Jahre 2000 im Auftrag von Radio France und wurde am 15. Juni 2001 vom Orchestre National de France unter der Leitung des Schweizer Dirigenten Luca Pfaff uraufgeführt.

Yun ist von dem berühmten Volkslied Zi Zhu Diao („Purpurne Bambusmelodie“) aus Südostchina angeregt. Das Auftragswerk der Shanghai Media Group (SMG) wurde vom Symphonieorchester der Stadt unter Xieyang Chen beim Eröffnungskonzert des Internationalen Frühlingsfestivals 2007 uraufgeführt. Xu widmete das Werk der Stadt, an deren Konservatorium er von 1978- 1988 studiert und unterrichtet hatte und dessen Präsident er nach seinem 21-jährigen Aufenthalt in Paris wurde.

Yun ist für Sopran, Mezzosopran und Orchester geschrieben. Es verbindet Volksmelodien und -rhythmen, die aus Zi Zhu Diao abgeleitet wurden, mit symphonischen Texturen und Gesten. Oftmals werden markante Gedanken von den Instrumentalisten an die Sängerinnen weitergereicht. Wie alle Werke des Komponisten, so beginnt auch Yun mit einem einzigen Ton, den die Blechbläser unisono anstimmen. Daraus entfalten und entwickeln sich vollständige Phrasen. Die Holzbläser deuten spezifische Fragmente des Zi Zhu Diao an, die dann vom gesamten Orchester übernommen werden. Sopran und Mezzosopran vokalisieren die Hauptphrase des Liedes, während das Orchester mit anderen Fragmenten der Melodie gewissermaßen eine „Nacherzählung“ der Singstimmen beisteuert.

Im Verlauf des Stückes verstärkt sich kontinuierlich die rhythmische Dynamik, wobei die Schlagzeuggruppe eine immer größere strukturelle Rolle spielt. Die Sängerinnen und die Instrumentalisten schichten melodische Fragmente übereinander, bis eine mächtige Klimax erreicht ist. Wenn dieser energiegeladene Abschnitt schließlich verklingt, übernehmen die beiden Sängerinnen die Führung, indem sie sich zu einer minimalen Begleitung ausführlich dem lyrischen Zi Zhu Diao widmen. Nachdem sie verstummt sind, wogt noch einmal das volle Orchester auf, ehe hohe Streicher, Glocken und Triangel im Raum schweben und in der letzten Stille verklingen.

Xu Shuya
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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