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8.570620 - QIN, Wenchen: Border of the Mountains (The) / Dawn / Calling for Phoenix (Mengla Huang, Li-Wei Qin, Qianyuan Zhang, Vienna Radio Symphony, Rabl)
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Wenchen Qin (geb. 1966)
Die Grenze der Berge • Morgendämmerung • Der Ruf nach dem Phoenix

 

Der chinesische Komponist Wenchen Qin wurde 1966 in der innermongolischen Stadt Ordos geboren und war schon sehr früh mit der Volksmusik seiner Heimat vertraut. Seit 1987 studierte er Komposition am Konservatorium von Shanghai, wo er unter anderem von Jian-er Zhu (geb.1922) und Shuya Xu (geb. 1961) ausgebildet wurde. 1992 wurde er Lehrer am Zentralen Konservatorium von Peking, wo er inzwischen eine Professur innehat. In gleicher Funktion unterrichtet er am China Conservatory of Music. Von 1998 bis 2001 konnte Qin dank eines Stipendiums des DAAD bei Nicolaus A. Huber in Essen studieren.

Qin gehört zu den einflussreichsten Komponisten seiner Heimat. Viele internationale Institutionen und Festivals haben ihm Aufträge erteilt. Darunter waren das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin, das Beethovenfest Bonn, der Warschauer Herbst, der Bayerische Rundfunk und das Internationale Frühlingsfestival von Shanghai. Seine Musik wurde von über siebzig bekannten Formationen des In- und Auslandes gespielt—unter anderem von den Pariser Ensembles Intercontemporain und L’Itinéraire, vom Deutschen Symphonieorchester Berlin, dem Stuttgarter Kammerorchester und dem Freiburger Ensemble recherche. Zu nennen sind ferner das Radio-Symphonieorchester Wien, das italienische Ensemble Europeo Antidogma, das Städtische Symphonieorchester Tokio, die St. Petersburger Philharmoniker, das Nieuw Ensemble Holland, das Ensemble Phoenix Basel, das Philharmonische Orchester Helsinki, das Ensemble für Zeitgenössische Musik Korea (CMEK) und die Sinfonia Varsovia. Qins Werke wurden von den großen deutschen, österreichischen, französischen und schweizerischen Sendern ausgestrahlt (NDR, WDR, RBB, ORF, Radio France und SRF).

Qin wurde in Deutschland, Japan, Taiwan und den USA bei sieben internationalen Wettbewerben ausgezeichnet. Zu seinen wichtigen Kompositionen gehören neben den drei hier eingespielten Werken die Orchesterstücke Yin Ji (2001) und Pilgrimage in May (2004); The Nature’s Dialogue (2010) für Tonband und Orchester; Echo from the Other Shore (2015) für die chinesische Wölbbrettzither Guzheng und Orchester. Dazu kommen etliche kammermusikalische Stücke wie Lonely Song (1990/2015), He-Yi (1998/1999), Huai Sha (1999) und Five Songs on the Horizon (2005) sowie die Werkreihen The Sun Shadow (1987-) und Sounds that Awake Memories (2006-). Erwähnt werden müssen überdies sein zweites Streichquartett Wind Lament (2013) sowie die dreißig Stücke Towards a Far Place für chinesische Instrumente (2010/11). Seine Musik wird exklusiv von dem Hamburger Sikorski Musikverlag veröffentlicht.

Das Violinkonzert The Border of Mountains (»Die Grenze der Berge«) vollendete Qin 2012 zum 85-jährigen Jubiläum des Konservatoriums von Shanghai. Das dreisätzige Stück ist hier in einem Track zu hören. Es beginnt mit einer langen antiphonischen Passage, in der die Solovioline gegen die hohen Register der Orchesterstreicher antritt: Qin schildert hier in übersteigerter Weise die Gesänge, die zwischen den Menschen im chinesischen Gebirge hin und her gehen—beinahe wie heisere Rufe, deren Linien aneinander abprallen und sich gelegentlich miteinander verbinden. Die biegsamen Klänge der Streicher werden dabei durchweg in glissandi verwandt, wobei Qin in seinem Ensemblesatz Halbtöne und auch Vierteltöne dicht zusammenpresst. Im weiteren Verlauf des Satzes kontrastieren die kräftigen Rhythmen der sprachartigen Muster, die das Orchester zu spielen hat, mit Passagen, in denen der Puls aufgehoben scheint—wenn nämlich die Streicher und der Solist wie in einem weiten Raum innehalten. Im zweiten Satz verwendet der Komponist ein kurzes Segment des Volksliedes Die Paare sind glücklich miteinander, aber du bist nicht hier. Dieses Lied aus der Provinz Shanxi singt eine Frau, die sich im Kreise ihrer verheirateten Freund(inn)en einsam fühlt, da ihr Ehemann auf der Suche nach Arbeit weit hat reisen müssen. Qin bedient sich in der Solovioline eines außergewöhnlichen Farbspektrums: einfache, offene Intervalle, simultanes arco- und pizzikato-Spiel, jähe Sprünge über die Register hinweg, mal gläserne, dann wieder pfeifende Flageoletts. Das Orchester unterstützt diese Linie, zwitschert, plaudert und übernimmt wohl auch gelegentlich in kurzen Ausbrüchen die Führung, bevor der Solist völlig allein gelassen wird. Schließlich erreichen wir den dritten Satz (Tanzen im Schatten des Berges), der einen starken rhythmischen Impetus und eine prominentere Rolle für das Schlagzeug enthält (dazu gehören auch die perkussiven col legno-Effekte der Streicher). Nach dem äußerst lyrischen Charakter, der die beiden vorangegangenen Sätze über weite Strecken prägt, wird die Musik jetzt durch kleine rhythmische, energiegeladene Zellen vorwärtsgetrieben. Das Ensemble steigert sich zu einem lang ausgehaltenen, ekstatischen Akkord, indessen der Solist an die gesanglichen Linien vom Anfang des Werkes erinnert. Diese verklingen, und endlich bleiben nur noch die hohen Holzbläser übrig, die wie Vogelrufe in der Stille klingen.

Auch das 2008 entstandene Cellokonzert Dawn (»Morgendämmerung«) besteht aus drei Sätzen. Diesen liegen Fragmente aus der Poesie des Dichters Hai Zi (1964-1989) zugrunde, der in den achtziger Jahren zu den berühmtesten literarischen Erscheinungen des chinesischen Festlands gehörte. Dessen ungeachtet will die Musik nicht als Abbildung oder »Erklärung« der Worte, sondern vielmehr als ein Kontrapunkt zu diesen verstanden sein. In gewissen musikalischen Elementen scheinen sich verschiedene Aspekte der poetischen Szenen zu spiegeln (die Stille zu Beginn; das Vogelgezwitscher der Holzbläser und Streicher im ersten Satz; im zweiten Satz dann der auffallende Gegensatz zwischen irrwitziger Aktivität und Stille, als sähe man die Musik »aus der Nähe ... und doch ... so weit weg«)—doch es gibt auch Momente, deren starke Kontraste und lebendige Orchesterfarben keine direkten textlichen Parallelen haben, sondern die dargestellten Bilder anscheinend komplementär ergänzen.

I.
Morgendämmerung
Welcher Wagen wird dich in ein fernes Land bringen?
Es ist so weit weg, dass du niemals wiederkehrst.
Oh, was ist das für ein Wagen?

II.
Wind
Dahin gehen die Musik der Sonne und das Pferd der
Sonne;
Du sitzt so nah dabei und bist doch so weit weg.

III.
Feuer
Wie eine See zum Himmel aufsteigt,
Und wie Pegasus wild und zügellos,
Fegt es hinüber zum Fluss.

Bei dem Konzert für Suona Calling for Phoenix (»Der Ruf nach dem Phoenix«) aus dem Jahre 2010 handelt es sich um die Orchesterbearbeitung eines Werkes, das Qin 1996 für traditionelle chinesische Instrumente geschrieben hat. Die Suona ist ein kleines, schalmeienartiges Doppelrohrblattinstrument, das üblicherweise bei öffentlichen Anlässen wie Hochzeiten und Trauerprozessionen eingesetzt wird. Ganz ähnlich ist seine Funktion in der chinesischen Oper, wo es wichtige Geschehnisse oder den Auftritt wichtiger Charaktere markiert. Dem Sujet des vorliegenden Stückes ist dieses Instrument offenbar durchaus angemessen: Der chinesischen Sage zufolge ist der Phönix ein Symbol der Tugend, Anmut, Treue und Ehrlichkeit, das vollkommene Gleichgewicht von Yin und Yang. Qin wurde zu dem Werk durch die Bilderserie Phönix im Feuer der Maler Xiao-he Tang und Li Cheng angeregt, an denen ihn vor allem die Lebendigkeit und der spirituelle Reichtum fesselten. Das Stück besteht aus drei Abschnitten, wobei der äußerst rhythmische, energievolle Mittelteil von einer beinahe kammermusikalischen Einleitung und einem langsameren, sehr gefühlvollen Schluss eingerahmt wird. Darin spiegelt sich die Geschichte des Phönix, der in der Dunkelheit geboren wurde und aufwuchs, durch eine Feuertaufe reifte und endlich in die Sonne flog. Die Stimme der Suona ist überaus virtuos. Sie verlangt rasche Passagen, Flatterzunge und blitzschnelle Sprünge durch den gesamten Tonraum des Instruments: Grundsätzlich sind das dieselben Charakteristika, die auch Qins Umgang mit der Solovioline und dem Solocello auszeichnen, wie in den beiden anderen Werken dieser Produktion zu hören ist. Der Ruf nach dem Phönix will darstellen, mit welcher Entschlossenheit die Natur trotz aller Widrigkeiten auch unter schwierigsten Umständen das Leben erschaffen und bewahren will.

Wenchen Qin
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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