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8.570710 - KUHLAU: Piano Sonatinas, Opp. 55, 88 (Jando)
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Friedrich Kuhlau (1786–1832)
Klaviersonatinen op. 55 und op. 88

 

Friedrich Kuhlau war der Sohn eines Regimentsmusikers, Enkel eines Oboisten und Stadtpfeifers sowie Neffe eines Organisten und Stadtmusikanten in Aalborg. Er wurde am 11. September 1786 in Uelzen bei Hannover geboren und lebte mit seiner Familie nacheinander in Lüneburg und Braunschweig. In Lüneburg begann er mit dem Klavierspiel und mit der Komposition, und am Braunschweiger Katharineum schloss er seine frühe Schulausbildung ab.

Um die Jahrhundertwende ging er mit seinen Eltern nach Hamburg, wo ihn der Organist, Komponist und Mathematiker Christian Friedrich Gottlieb Schwenke (1767-1822) unterrichtete. Dieser war 1783 Organist an der Katherinenkirche geworden und hatte 1788 nach dem Tode seines Lehrers Carl Philipp Emanuel Bach das Amt des städtischen Kantors übernommen (ein Jahr zuvor hatte Bach noch dafür gesorgt, dass sein Schüler einige Zeit bei Marpurg und Kirnberger in Berlin lernen konnte.)

Im Jahre 1804 begann Friedrich Kuhlaus pianistische Karriere. Er blieb in Hamburg, bis die napoleonischen Truppen 1810 die Stadt besetzten. Der junge Musiker fürchtete, zum Militärdienst gepresst zu werden, obwohl er durch einen Unfall in der Kindheit auf einem Auge erblindet war. Also entwich er unter falschem Namen nach Kopenhagen. Dort etablierte er sich als Pianist und Komponist und konnte sich schon 1811 erstmals bei Hofe hören lassen. 1813 wurde er eingebürgert, und im folgenden Jahr wurde er zum Hofkammermusiker ernannt – zunächst gewissermaßen ehrenamtlich, seit 1818 dann mit einer symbolischen Besoldung. Damals kamen zunächst auch Kuhlaus Eltern und dann die Schwester nach Dänemark, die er fortan mit zu versorgen hatte. Zu diesem Zwecke verstärkte er seine Tätigkeit als Konzertpianist und Lehrer.

Mit seinem Singspiel Røverborgen („Die Räuberburg“) hatte er 1815 am Königlichen Theater reüssiert, wo er daraufhin für eine Spielzeit als Chorleiter angestellt wurde und seine erste Oper inszenieren konnte. Zudem machte er sich in ganz Skandinavien als Pianist einen Namen. Verschiedentlich kam er nach Berlin und Leipzig, zweimal auch nach Wien. Bei seinem zweiten dortigen Aufenthalt (1825) verbrachte er mit Beethoven und seinen Freunden einen Tag, an den sich die Beteiligten hinterher nur noch ungefähr erinnern konnten. Nachdem man eine Landpartie unternommen und in einem Wirtshaus gespeist hatte, floss der Champagner in so reichen Mengen, dass auch Beethovens Erinnerungsvermögen litt. Dennoch komponierte er einen Scherzkanon über den Namen seines Gastes: Kühl, nicht lau. Auf die Zusendung des Spaßes erwiderte der also „kanonisierte“ Kuhlau mit einem entsprechenden Stück über den Namen Bach.

Zur Feier einer königlichen Hochzeit entstand 1828 die Musik zu dem Märchenspiel Elverhøj („Der Elfenhügel“), die Kuhlau den Titel eines Professors und erhöhte Bezüge eintrug. Am 5. Februar 1831 vernichtete ein Brand das Haus in Lyngby bei Kopenhagen, das er ein Jahr nach dem Tode seiner Eltern (1825) gemietet hatte. Dabei wurden nicht nur viele seiner unveröffentlichten Werke und Schriften zerstört; auch gesundheitlich ging es seither mit ihm bergab. Ein Jahr später, am 12. März 1832, starb der 45-jährige in Kopenhagen.

Als erfolgreicher Pianist und Lehrer schrieb Kuhlau mancherlei Klaviermusik (wobei sein zweites Klavierkonzert 1831 ein Opfer der Flammen wurde). Dazu gehören Salonmusik sowie Stücke von unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden, die beim Unterricht von praktischem Nutzen waren und sind. Neben seinen Bühnenwerken, die sich beträchtlichen Erfolges erfreuten, hinterließ er ferner Lieder und Kammermusik – wobei er hier insbesondere die Flöte bedachte, die er zwar wohl nicht selbst spielte, bei deren technischen Eigenarten ihm aber ein Flötist des Theaterorchesters beriet. Schon in Hamburg hatte Kuhlau sich mit Stücken für das Instrument versucht; die Werke, die ihm den Titel „Beethoven der Flöte“ einbrachten, datieren allerdings erst aus den 1820er Jahren.

Die sechs Sonatinen op. 55 wurden 1823 in Kopenhagen veröffentlicht und waren offenbar ebenso als Unterrichtsmaterial oder für musikalische Amateure gedacht, wie die anderen Kollektionen. Das erste Stück der vorliegenden Sammlung, die Sonatine C-dur, folgt den für Kuhlaus Schaffen üblichen und der Konvention entsprechenden Verfahrensweisen. Vom ersten Thema geht es geschwinde zu einem Nebengedanken auf der Dominante, hier demnach G, und auf die knapp gehaltene Durchführung folgt die regelkonforme Reprise des ersten Teils. Das zweisätzige Stück endet mit einem Sonatenrondo, wobei sich dem Hauptthema eine erste Episode anschließt, die vermöge einer aufsteigenden chromatischen Skala von G-dur aus moduliert. Nach einer zweiten Episode auf der Subdominante F geht der Satz mit Hauptthema und dritter Episode zu Ende.

In formaler Hinsicht ganz ähnlich gehalten ist der Kopfsatz der Sonatine G-dur op. 55 Nr. 2. Danach folgen ein dreigeteilter langsamer Satz in C-dur und ein umfänglicheres Allegro-Finale in breit ausgeführter, dreiteiliger Anlage, in dem die einzelnen Themen verschiedentlich verarbeitet werden.

Die Sonatine C-dur op. 55 Nr. 3 besteht nun wieder aus zwei Sätzen. Der erste der beiden bringt ein Hauptthema in Sext- und anschließenden Terzgängen und wiederholt an späteren Stellen dasselbe Muster. Der zweite der beiden Sätze, ein Allegretto grazioso, enthält einen ausgedehnteren Mittelteil in der Mollparallele a-moll.

Die vierte Sonatine des Opus 55 steht in F-dur. Sie hebt mit einem dreivierteltaktigen Allegro non tanto an, das sich in mancherlei Triolenfigurationen ergeht. Dreiteilig angelegt ist das kurze Andantino con espressione, das, wie für einen langsamen Satz sehr gewöhnlich, in der Subdominante Bdur komponiert ist. Das Hauptthema des abschließenden Alla Polacca ist von jenem synkopierten Akzent markiert, der zu den Standardelementen des polnischen Tanzes gehört. Der erste Satzteil wird da capo gespielt, worauf eine kurze Coda das Geschehen beendet.

Einige Kontrastwirkungen werden wir in dem Tempo di Marcia finden, das den Auftakt der Sonatine D-dur op. 55 Nr. 5 bildet; dabei lassen sich die punktierten Rhythmen des Hauptthemas bis in den Nebengedanken verfolgen. Das abschließende Sonatenrondo ist ein Vivace assai im Sechsachteltakt, das einigen recht anspruchslosen Skalenpassagen ihren gewohnten Platz einräumt.

Ein martialisches Allegro maestoso eröffnet die Sonatine C-dur op. 55 Nr. 6. Das zweite Thema verlangt ein Überschlagen der Hände, und in der unternehmungslustigen Durchführung kommt es zu dramatischen Ausflügen in andere Tonarten. Das zweite Thema wird in der Reprise aufgegriffen, wohingegen die Coda noch einmal den Hauptgedanken zu Worte kommen lässt. Die Sonatine endet mit einem Menuetto, das ein F-dur-Trio umrahmt.

Das aus vier Sonatinen bestehende Opus 88 wurde 1827 in Kopenhagen veröffentlicht, und auch diese Publikation stellt den Spieler(inne)n nur recht bescheidene Aufgaben. Die erste Sonatine C-dur beginnt mit einem Allegro in der gewohnten Form. Danach bringt das Andantino in F-dur auf konventionelle Art eine Melodie in der rechten und eine entsprechende Begleitung in der linken Hand. Ein Rondo setzt den Schlusspunkt.

Das Hauptthema des Allegro assai, mit dem die Sonatine G-dur op. 88 Nr. 2 anhebt, basiert auf einem aufsteigenden, von der linken Hand akkompagnierten Tonika-Arpeggio. Die kurze Durchführung bietet einigen Raum für harmonische Abenteuer, worauf der Hauptgedanke sich wieder in der Ausgangstonart einstellt. Ein Andante cantabile in Cdur und ein hier und da von „virtuosen“ Skalenpassagen durchsetztes Rondo beenden das Stück.

Die Sonatine a-moll op. 88 Nr. 3 ist die einzige in einer Moll-Tonart. Der erste Abschnitt des Allegro con affetto erreicht vorschriftsmäßig die parallele Dur-Tonart C. Das antiphonische Element des Hauptthemas wird im zweiten Teil des Satzes erforscht, um dann einer veränderten Reprise des Materials zu weichen. Nach einem expressiven Andantino in F-dur gibt es als Finale ein Allegro burlesco mit einem behenden Hauptthema, sequenzierten Stellen und chromatischen Skalen.

Die Sonatine F-dur op. 88 Nr. 4 beginnt mit einem eindeutig traditionell geformten Allegro molto im Sechsachteltakt. Der zweite Satz, ein Andante con moto in A-dur, bringt die melodisch interessanten Dinge in der rechten Hand – wie das oft der Fall ist. Das abschließende Rondo alla Polacca stellt uns zunächst ein Thema vor, das wiederum „polnisch“ rhythmisiert ist und den Rahmen für einige äußerst kurze, kontrastreiche Episoden bildet.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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