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8.570722 - SZYMANOWSKI, K.: Symphonies Nos. 1 and 4 / Concert Overture / Study in B-Flat Minor (Warsaw Philharmonic, Wit)
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Karol Szymanowski (1882–1937)
Konzert-Ouvertüre E-dur • Sinfonie f-moll op. 15 • Symphonie concertante op. 60 • Etüde e-moll

 

Wie im übrigen Europa führte das Erwachen des politischen Nationalbewusstseins im 19. Jahrhundert auch in Osteuropa zu einer Herausbildung verschiedener nationaler Musik-Schulen. In Polen hatte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Frédéric Chopin die Musik von west-und mitteleuropäischen Vorbildern emanzipiert, doch ein Stillstand der von Chopin initiierten Bewegung hatte die polnische Musik am Ende des Jahrhunderts in die provinzielle Rückständigkeit zurückfallen lassen. Mit Karol Szymanowski fand sich um die Jahrhundertwende eine Komponistenpersönlichkeit, die die polnische Musik nicht nur aus diesem Zustand des Niedergangs an die Schwelle der Moderne und erneut auf internationales Niveau führte, sondern mit seinen Werken auch neue Ziele und Wertmaßstäbe für die nachfolgenden Generationen polnischer Komponisten setzte.

Karol Szymanowski fand seinen eigenständigen künstlerischen Weg erst nach zahlreichen Umwegen. Er wurde 1882 in dem ukrainischen Dorf Tymoszówka geboren und wuchs auf dem Gutshof seiner Eltern in einer äußerst kunstsinnigen Atmosphäre auf. Den ersten Klavierunterricht erhielt Szymanowski von seinem Vater, dann übernahm der zur Verwandtschaft der Familie gehörende Gustav Neuhaus seine musikalische Erziehung. Bereits 1900 hatte er eine Reihe-zumeist hochvirtuoser-Klavierkompositionen geschrieben, darunter eine Sammlung von neun Präludien, die als sein op. 1 veröffentlicht wurden. Ab 1901 setzte er seine Studien bei Sigmund Noskowski am Konservatorium in Warschau fort. Hier entstand sein erstes Werk für Orchester, die Konzert-Ouvertüre E-dur op. 12 sowie die Klaviersonate c-moll op. 8, die beim Chopin-Wettbewerb in Lemberg den ersten Preis gewann. Obwohl Szymanowski zusammen mit anderen Komponisten und Musikern einem Kreis angehörte, der sich die Förderung neuer polnischer Musik zum Ziel gesetzt hatte und später als das “junge Polen” bekannt wurde, standen seine ersten Kompositionen noch deutlich unter dem Einfluss der deutschen Spätromantik.

Durch ausgedehnte Reisen nach Berlin und Wien vertiefte Szymanowski in den folgenden Jahren seine Auseinandersetzung mit der deutschen Musiktradition, vor allem mit den Werken von Max Reger und Richard Strauss. Darüber hinaus regte sich aber das Interesse an östlichen Kulturen und Weltanschauungen. Diese neuen Eindrücke fanden ihren Niederschlag in Szymanowskis künstlerischem Weltbild und spiegeln sich in den Werken, die in jenen Jahren entstanden. Das angestrebte Ideal der komplizierten, kontrapunktischen Schreibweise von Reger und Strauss findet sich in der ersten Sinfonie wieder, der Einfluss Alexander Scriabins wird in der zweiten Sinfonie und in der zweiten Klaviersonate offenkundig. Weitere Reisen führten Szymanowski nach Paris, wo er mit den impressionistischen Werken Ravels bekannt wurde, und über Sizilien bis nach Nordafrika. Durch die Beschäftigung mit der Antike, den mediterranen Kulturen und der orientalischen Mystik geriet der Einfluss der deutschen Musik zunehmend in den Hintergrund. Die Verbindung des farbig-schillernden impressionistischen Stils mit antiken, christlichbyzantinischen und orientalisch-mystischen Geisteshaltungen kommt in den Werken wie Des Hafis Liebeslieder op. 24 (1914), dem Operneinakter Hagith op. 25 (1912/13) und vor allem der dritten Sinfonie „Das Lied von der Nacht“ op. 27 zum Ausdruck.

Nach dem ersten Weltkrieg kehrte Szymanowski nach Polen zurück und ließ sich in Warschau nieder. Ähnlich wie der Ungar Bartók und der Tscheche Janáãek begann er, Elemente der heimischen Folklore in seine Werke zu integrieren. Besuche in der polnischen Tatra brachten ihm die Volkslied-und Volkstanz-Traditionen Polens nahe, und er entdeckte, dass die frei Verwendung melodischer und harmonischer Strukturen in der Volksmusik neue Wege in seinem kompositorischen Schaffen eröffneten. In diesem neuen nationalen Idiom entstanden Szymanowskis Meisterwerke wie die Oper König Roger, das Ballett Harnasie op. 55 und das Stabat Mater op. 53. Mit diesen Werken fand Szymanowski die lang ersehnte nationale und internationale Anerkennung. 1926 wurde er zum Direktor des Warschauer Konservatoriums ernannt, musste aber aus gesundheitlichen Gründen das Amt bereits nach drei Jahren wieder aufgeben. Da es trotz der allgemeinen Anerkennung um seine materielle Situation schlecht bestellt war, unternahm er in den dreißiger Jahren zahlreiche Konzertreisen kreuz und quer durch Europa. Die Strapazen dieser Tourneen untergruben jedoch seine ohnehin angegriffene Gesundheit zunehmend, und auch ein Aufenthalt in Südfrankreich verschaffte kaum Linderung. Szymanowski starb in einem Sanatorium in Lausanne am 28 März 1937.

Die Konzert-Ouvertüre E-dur entstand 1905 und erweist sich in vielerlei Hinsicht als befriedigendere Komposition als die erste Sinfonie. Bei ihrer Uraufführung 1906 in Warschau wurde sie als das Werk eines Komponisten von großer Genialität und Originalität begrüßt, auch wenn sie recht deutliche Anklänge an den Stil von Richard Strauss aufweist. Sie zeigt ein erstaunliches Maß an Beherrschung der Instrumentation und eine große Begabung für melodische Erfindung und harmonische Farbgebung.

Die erste Sinfonie f-moll op. 15, die 1907 vollendet wurde, ist ein Jugendwerk, in dem die Einflüsse der deutschen Spätromantik, die Vorbilder Richard Wagner und Max Reger, noch sehr deutlich spürbar sind. Das zweisätzige Werk nimmt Bezug auf die kontrapunktischen Techniken, die sich in besonderem Maße in den Werken Regers finden. Doch konnte das Ergebnis dem selbstkritischen Urteil Szymanowskis nicht Stand halten. Nicht erst nach der Abkehr vom Stil Wagners, den er später als “leere Rhetorik” ablehnte, schrieb Szymanowski über seine erste Sinfonie: “Es ist irgendein kontrapunktisch-harmonisches Monstrum, und im voraus freue ich mich in Gedanken, wie bei unserem Konzert die Berliner Kritiker während des Spiels dieser Sinfonie mit Flüchen auf ihren blau angelaufenen Lippen den Saal verlassen werden.” lm Rückblick erscheint die erste Sinfonie allerdings durchaus kraftvoll und historisch motiviert, auch wenn Szymanowski den mit ihr eingeschlagenen Weg nicht fortgesetzt hat.

Es ist bemerkenswert, dass Szymanowski sein einziges Werk für Klavier und Orchester nicht Klavierkonzert, sondern Symphonie concertante, genannt und damit auf die ausgeglichene Behandlung von Soloinstrument und Orchester verwiesen hat. Aufgrund der großen Bedeutung des Orchesters firmiert das Werk heute zumeist als vierte Sinfonie op. 60. Das Werk, das im Herbst 1932, im Jahr seiner Vollendung, in Posnán uraufgeführt wurde, entstand in einer Zeit, als Szymanowski Elemente der polnischen Folklore in seine Kompositionen integrierte. Das dreisätzige Werk greift das Formschema der barocken Sinfonia concertante auf, in dem nicht nur das Klavier, sondern auch die anderen Instrumente des Orchesters wie Violine, Flöte, Horn, Fagott und Posaune solistische Funktionen übernehmen. Das konzertante Wesen der vierten Sinfonie erklärt sich zum Teil, aus der persönlichen Situation des Komponisten, der das Einkommen, das er als Konzertpianist aus den Aufführungen des Werkes beziehen konnte, dringend benötigte.

Die Etüde e-moll entstand ursprünglich in einer Fassung für Klavier und gehört zu den populärsten Kompositionen Szymanowskis. Ihre Anlehnung an das Vorbild Chopin ist unüberhörbar, und ihr melodischer Reiz spricht unmittelbar an. Szymanowski bedauerte allerdings die Popularität dieses Stückes und bemerkte gegenüber Grzegorz Fitelberg, der die vorliegende Fassung orchestrierte, dass es nicht gerade das Glück eines Komponisten sei, seine „neunte Sinfonie” in so jungen Jahren komponiert zu haben.

Peter Noelke


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