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8.570740 - BACH, C.P.E.: Viola da Gamba Sonatas
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Carl Philipp Emanuel Bach (1714–1788)
Sonaten für Gambe und Clavier

 

Carl Philipp Emanuel Bach wurde am 8. März 1714 als zweiter Sohn von Johann Sebastian Bach, dem neuen Konzertmeister des Großherzogs Wilhelm Ernst, und seiner ersten Frau Maria Barbara in Weimar geboren. 1717 wurde Johann Sebastian Bach Hofkapellmeister in Köthen, wo Carl Philipp die ersten Schuljahre verbrachte. Sechs Jahre später übersiedelte die Familie nach Leipzig, wo Vater Bach fortan als Kantor an der Thomasschule tätig war, die sein Sohn bis 1730 besuchte. 1731 immatrikulierte sich Carl Philipp als Student der Rechtswissenschaften an der Leipziger Universität, womit er einen Studienweg einschlug, der seinem Vater verwehrt gewesen war. Später wechselte er an die Universität von Frankfurt an der Oder, wo er seine juristische Ausbildung fortsetzte. 1738 hätte er die Möglichkeit gehabt, einen jungen Livländer bei dessen Studienreisen zu begleiten, doch dieses Angebot schlug er aus, um statt dessen Cembalist des preußischen Kronprinzen in Ruppin zu werden. 1740 ging er mit dem Hof nach Berlin, als der Prinz, den man bald besser unter dem Namen Friedrich der Große kennen sollte, inthronisiert wurde.

In Berlin und Potsdam hatte der als Hofcembalist bestätigte Bach nunmehr die wenig beneidenswerte Pflicht, die allabendlichen Konzerte zu begleiten, bei denen Seine Majestät, ein tüchtiger Amateurflötist, gern in eigener Person mitzuwirken geruhten. Zu seinen eher konservativ gestimmten Kollegen gehörten hier der vorzügliche Flötist, Komponist und Theoretiker Johann Joachim Quantz, Franz und Georg Benda, Johann Gottlieb und Carl Heinrich Graun sowie andere, ähnlich renommierte Musiker, indessen Gotthold Ephraim Lessing sich unter den Literaten des Hofes fand. 1755 bewarb sich Carl Philipp um die Stelle des Leipziger Thomaskantors, jedoch vergebens: Statt seiner konnte Johann Friedrich Doles, der einstige Schüler seines Vaters, das Amt von Johann Sebastian Bachs direktem Nachfolger Gottlob Harrer übernehmen. 1768 konnte Carl Philipp Emanuel Bach schließlich eine Anstellung hinter sich lassen, die ihm immer weniger behagt hatte. Er wurde Nachfolger seines Taufpaten Georg Philipp Telemann als Kantor am Johanneum in Hamburg, wo sich ihm weit größere Möglichkeiten boten, als er sie in Leipzig je hätte vorfinden können. In Hamburg verbrachte er auch die letzten zwanzig Jahre seines Lebens. Schon in Berlin hatte er sich mit seinem Versuch über die wahre Art das Clavier zu spielen einen Namen gemacht, und er galt als der führende Clavierspieler seiner Zeit. Auch an seiner neuen Wirkungsstätte genoss er dank seiner umfassenden Allgemeinbildung großes Ansehen: Er war eben kein bloßer Musikant, sondern ein gleichberechtiger Partner der führenden Schriftsteller seiner Zeit. Als Carl Philipp Emanuel Bach am 14. Dezember 1788 starb, trauerte eine Generation, die ihn für wichtiger hielt als seinen Vater, den die Söhne selbst respektlos als „die alte Perücke“ bezeichneten.

Carl Philipp Emanuel Bach war ein produktiver Komponist. Unter anderem schrieb er viele Werke für Cembalo bzw. für das Clavichord, das er besonders liebte. In seiner Musik spiegeln sich die Theorien, die er in seinem Versuch dargelegt hatte. Dabei verriet er einen Hang zu dramatischen und rhetorischen Elementen und eine feine Beherrschung der Melodik, indessen er mit der inzwischen als akademisch erachteten Kontrapunktik verhältnismäßig sparsam verfuhr. Zumindest während seiner Berliner Jahre klagte er allerdings über die bisweilen lächerlichen Restriktionen und Forderungen, die man von ihm als Komponist verlangte. Als Musiker teilte Bach die Ansichten Lessings über die Empfindsamkeit, die den Rationalismus der Aufklärung ergänzte.

Es mag ein Zeichen für den in musikalischer Hinsicht konservativen Hof Friedrichs des Großen sein, dass man dort einen Gambisten anstellte. Im Jahre 1741 trat mit Ludwig Christian Hesse, dem Sohn des Gambenvirtuosen Ernst Christian Hesse, einer der hervorragendsten Vertreter seiner Zunft den Dienst in der Hofkapelle an, und es ist durchaus denkbar, dass Carl Philipp Emanuel Bach die drei hier vorliegenden Sonaten für Hesse jr. geschrieben hat. Dieser hatte in Halle Jura studiert und war später sowohl als Musiker wie als Rechtsberater für den cellospielenden Neffen des Königs tätig, der als Friedrich Wilhelm II. den preußischen Thron übernahm.

Die Sonate für Gambe und Tasteninstrument hatte sich in Norddeutschland eine größere Beliebtheit als in anderen Gegenden erhalten. In den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts schwärmte der englische Gelehrte Dr. Charles Burney in den höchsten Tönen davon, wie vorzüglich Johann Christian Bachs Kollege Carl Friedrich Abel die Gambe beherrschte; das Instrument selbst hingegen erschien ihm bestenfalls als zum Aussterben verurteilt: „ … seit dem Tode des vorherigen Kurfürsten von Bayern, der nächst Abel der beste Spieler auf der Viola da gamba gewesen, den ich je zu hören bekommen, scheinet man das Instrument bei Seite getan zu haben … die Töne der Viola da gamba sind von Grunde auf so rauh und nasal, dass nichts als größtes Geschick und Raffinement sie erträglich zu machen vermag: wäre eines Menschen Stimme von solcher Art, man könnte sie nicht ertragen.“ Es darf angenommen werden, dass Burneys Ansicht die allgemeine Auffassung der Aufklärung darstellte, weil er zwar Abel lobte, die Wahl seines Instruments aber bedauerte.

Carl Philipp Emanuel Bach hat die drei Gambensonaten in Berlin komponiert. Die beiden Werke Wq 136 und 137, die in zuverlässigen Abschriften erhalten sind (Brüsseler Konservatorium MS Wq. 5634) stammen aus den Jahren 1745/46, und die Sonate g-moll Wq 88 datiert von 1759. In allen drei Stücken wird vom Ausführenden ein gewisses Maß an Virtuosität verlangt.

Die 1745 geschriebene Sonata à Viola da Gamba Solo con Basso C-dur Wq 136 hält sich in ihren drei Sätzen weitgehend an die dominierende Form der Zeit. Im Andante darf sich das erste Thema nach gehöriger Zeit auch in der Dominante melden und dann nach einer kurzen Durchführung wieder in der Tonika erklingen. Auch das nachfolgende Allegretto, dessen beide Teile wiederholt werden, sowie das abschließende Arioso folgen in etwa dieser Prozedur. Das Manuskript der Ddur- Sonate (Solo a Viola di Gamba è Basso) enthält im ersten Satz mit seiner improvisierten Schlusskadenz einen bezifferten Bass. Das Allegro di molto verlangt in den beiden, einander ergänzenden Abschnitten vom Spieler eine beträchtliche Beweglichkeit und enthält im zweiten Teil kunstvolle Arpeggien. Auch das abschließende Arioso besteht aus zwei Abschnitten, deren zweiter mit der Transposition des Anfangsthemas beginnt; in diesem Finale werden Doppelgriffe verlangt, die ein nicht ungewöhnliches Element des Gambenspiels waren.

Die 1759 entstandene Sonate g-moll ist in einer autographen Abschrift erhalten und wird in der Berliner Bibliothek als Trio Nr. 24 / Viola da Gamba / Cembalo geführt. Die Bezeichnung Trio verrät die Natur dieser Komposition, in der Carl Philipp Emanuel Bach den Gambensonaten und den Orgel-Triosonaten seines Vaters folgt. Hier findet man nicht die grundlegend zweistimmige Textur der beiden älteren Sonaten, sondern vielmehr einen dreistimmigen Satz, den das Tasteninstrument der bezifferten Basslinie entsprechend mit Akkorden ausfüllt. Auf diese Weise kommt es zu kontrapunktisch-imitativen Elementen – vor allem im Finale eines Werkes, das eine interessante Erweiterung des Gamben- und Cellorepertoires darstellt.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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