About this Recording
8.570800 - BAZZINI, A.: Virtuoso Works for Violin and Piano (Hanslip)
English  German 

Antonio Bazzini (1818-1897)
Musik für Violine und Klavier

 

Antonio Bazzini wurde am 11. März 1818 in Brescia geboren. Er entstammte einer alten Familie, die bereits im 15. Jahrhundert in den Chroniken der Stadt erwähnt wurde. Anfang des 19. Jahrhunderts hatten sich die materiellen Lebensumstände der Bazzinis allerdings so verschlechtert, dass man sie schon fast hätte zu den Armen rechnen können. Bazzinis Patenonkel Antonio Buccelleni befand sich allerdings in einer Position, die es ihm erlaubte, in finanzieller wie auch kultureller Hinsicht für den kleinen Antonio zu sorgen. Er war ein Mann der Literatur, schrieb Oden, Sonette und sonstige Gedichte, darunter auch eine Psalmübersetzung. Zu den ersten Stücken, die sein Patenkind komponierte, gehörten Lieder nach Buccellenis Gedichten La Sera – Romanza und All’amica lontana.

Als Bazzini siebeneinhalb Jahre alt war, engagierte Buccelleni den Kapellmeister Faustino Camisani, dem Knaben Violinunterricht zu erteilen. Camisani starb 1830, doch inzwischen hatte der Knabe seine Lektionen offensichtlich gelernt, denn er soll bereits als Elfjähriger über eine solide Technik verfügt haben. Schon mit siebzehn Jahren war Bazzini selbst maestro di cappella an San Filippo in Brescia, und während seiner dortigen Tätigkeit schrieb er vornehmlich geistliche Werke – unter anderem Messen, Vespern sowie sechs Oratorien. In materieller Hinsicht änderte sich sein Leben am 20. März 1836, als er in einem Quintett von Luigi Savi die erste Geige spielte. Das Werk war Paganini dediziert, der sich im Publikum befand und dem jungen Mann riet, als Virtuose auf Reisen zu gehen. Bazzini nahm sich den Rat zu Herzen: Seine erste Tournee begann 1837 in Mailand und führte weiter über Venedig, Triest und Wien bis nach Budapest; von 1841 bis 1845 bereiste er Deutschland, Dänemark und Polen.

Welch hohe Anerkennung man Bazzini zollte, spricht pars pro toto aus der Rezension eines Mailänder Kritikers, der 1839 schrieb: „Seine Geige verwandelt unser aller Seelen, kombiniert Begeisterung mit perfekter Intonation – [seine] meisterhafte Bogenführung erzeugt einen Gesang, der an die menschliche Stimme erinnert, und er verfügt über eine Technik, mit der er die verrücktesten Schwierigkeiten Paganinis realisiert, ohne dass dadurch der wahre Ausdruck litte.“ Einige Jahre lebte Bazzini in Leipzig, wo er die deutschen Meister studierte. In der damaligen Zeit spielte er mit dem Gewandhaus-Orchester und soll unter anderem eine der ersten privaten Aufführungen von Mendelssohns Violinkonzert e-moll gegeben haben. 1848 unternahm er eine Reise nach Spanien, 1852 ließ er sich in Paris nieder und 1864 kehrte er nach einer letzten Tournee durch die Niederlande in seine Heimatstadt Brescia zurück, wo er sich fortan aufs Komponieren konzentrierte. Außerdem setzte er sich durch Streichquartettaufführungen im Hause Gaëtano Franchis und die Gründung der Società dei Concerti in Italien für die Pflege der Instrumentalmusik ein. Zu den Solisten, die er in seine Heimat brachte, gehörten Hans von Bülow (1870) und Anton Rubinstein (1874). Neben Giuseppe Verdi spielte auch Bazzini eine wichtige Rolle bei der Einführung des üblichen Kammertons (440 Hz), der in Italien erstmals 1881 durch den Congresso dei Musicisti Italiani anerkannt wurde. 1873 wurde er zum Professor für Musiktheorie und Komposition am Mailänder Konservatorium ernannt, dessen Leitung er 1882 übernahm. Zu seinen dortigen Schülern gehörten Mascagni und Puccini. Antonio Bazzini starb am 10. Februar 1897.

Während sich Bazzini in seinen frühen Jahren insbesondere der Kirchenmusik gewidmet hatte (die er auch späterhin noch bereicherte), wandte er sich während seiner Reisejahre dem Verbündeten zu, auf den sich jeder fahrende Virtuose verlassen musste: Er schrieb Musik für die Violine, die vor allem dazu angetan war, sein technisches Können zu zeigen. Damit gehört Bazzini in eine lange Tradition berühmter Geiger-Komponisten, an deren Ende Persönlichkeiten wie Fritz Kreisler standen. Dabei war Bazzini in seiner italienischen Heimat, die noch während des 19. Jahrhunderts ganz im Zeichen der Oper stand, so etwas wie ein Exot, da er vornehmlich instrumentale Musik komponierte und auch die Società dei Concerti ins Leben gerufen hatte. Als Virtuose war er ein echter Konzertmusiker, und seine kleinen Charakterstücke für Violine gehören nach wie vor zu seinen bekanntesten Kreationen. Viele dieser Stücke sind deskriptiver Natur (Le Carillon d’Arras, La Ronde des Lutins), andere beschreiben, welche Gefühle mit bestimmten Ereignissen einhergehen (Le Départ, Le Retour), und sie repräsentieren die typische Salonmusik des 19. Jahrhunderts von ihrer besten Seite. Ein unverzichtbarer Bestandteil dieses Genres war die Paraphrase oder Fantasie nach populären Opernmelodien. Das erste Werk Bazzinis, das 1833 unter der Opuszahl 1 veröffentlicht wurde, war ein Adagio nebst Variationen und Finale über ein Thema von Bellini. Dabei hat er allerdings auch die großen Formate nicht vernachlässigt: Er schrieb etliche Violinkonzerte, deren letztes — das 1863 veröffentlichte „Militär-Konzert“ op. 42—auch sein berühmtestes wurde.

Bazzini bediente sich der seinerzeit üblichen Neuerungen – beispielsweise in dem einsätzigen Violinkonzert namens Hymne Triomphale. Die Mehrzahl seiner großangelegten Werke, darunter die Oper Turanda [Turandot] (1867), die symphonische Dichtung Francesca da Rimini (1890) sowie die symphonischen Ouvertüren Saul und King Lear (1877 bzw. 1880), entstanden in der späteren Schaffenszeit. Besonders bekannt ist der Komponist freilich bis heute aufgrund seiner Salonmusik. Von jedem Virtuosen erwartete man zumindest bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, dass er selbst für sein Instrument komponierte, und Bazzini hat seine stärksten Kreationen auch für die Geige geschaffen. Dabei bewegte er sich ganz in den romantischen Bahnen eines Bériot und Paganini. Zwar hat er die Technik des Violinspiels nicht weiterentwickelt; doch er meisterte sämtliche Schwierigkeiten und rangiert unter den herausragenden Virtuosen des 19. Jahrhunderts.

Das erste Stück auf dieser CD, Calabrese op. 34 Nr. 6 („Kalabrisch“), wurde von Ricordi 1859 veröffentlicht und beschließt die Kollektion von sechs Charakterstücken: 1. Marcia religiosa, 2. Les Abeilles, 3. La Calma Sérénade, 4. Conte arabe, 5. Rêverie und 6. Calabrese. Dieses mit vivacissimo bezeichnete Stück beginnt im Klavier und führt bald zu einer großen Geste der Violine, die sich unter anderem mehrere Takte lang des bariolage-Spiels befleißigt. Bazzinis Portrait ist leichtgewichtig und sorglos; nach einer dramatischen Pause rauscht das Stück seinem Staccatoschluss zu.

Als nächstes enthält die CD die drei lyrischen Stücke des Opus 41: Nocturne, Scherzo und Berceuse, die Ricordi 1863 veröffentlichte. Das Nocturne, ein herrlich chopineskes Stück, gehört zu Bazzinis reizendsten Werken. Das Scherzo verbindet elfenhafte Leichtigkeit mit einem milde fließenden Mittelteil, und die Berceuse ist ein zartes, beseeltes Wiegenlied.

Le Carillon d’Arras op. 36 wurde 1861 von Schott und ein Jahr später von Ricordi veröffentlicht. Dabei handelt es sich, wie der Untertitel verrät, um sechs Variationen über eine flämische Weise, die gleich am Anfang vorgestellt wird. Die nachfolgenden Veränderungen enthalten Doppelgriffe, Flageoletts und Pizzicati.

Die frühesten Werke des vorliegenden Programms sind die beiden Salonstücke Le Départ und Le Retour, die Ricordi 1845 als Opus 12 veröffentlichte, und die der Gräfin Antoinette Freschi gewidmet sind. Le Départ ist insofern ungewöhnlich, als hier für alle vier Saiten dieselbe Halbton-Skordatur verlangt wird, die Paganini so gern benutzte. Bazzinis Fertigkeit bei der Darstellung romantischer Empfindungen ist schon hier fein ausgeprägt. Le Départ beginnt mit einer dramatischen Ausführung des Klaviers, das die Bühne für die beseelte Abschiedsklage der Violine bereitet. Le Retour, die Heimkehr, wird dann von einem breit fließenden, wolkenlosen Thema beschworen.

Die erste Grande Etude op. 49 Nr. 1 ist eine fast durchgehende Übung in zart und gleichmäßig fließenden Sechzehnteln, wohingegen die zweite Grande Etude op. 49 Nr. 2 sich mit einem bewegten Thema im Sechsachteltakt beschäftigt.

Die drei Stücke op. 44 Allegro, Romance und Finale wurden 1864 von Ricordi herausgebracht. Diese „drei Stücke bilden eine Sonate“, deren Kopfsatz mit seinen neun Minuten das längste Stück des gesamten Programms ist und vor allem das „Gravitationszentrum“ eines echten Sonatenhauptsatzes darstellt. Die Romance gehört wieder zu den herrlichen instrumentalen Gesangsstücken Bazzinis, und das Finale beschließt den Zyklus mit charakteristischem Elan.

Bazzinis berühmtestes Stück und beinahe das einzige, dem er bis heute einen Platz im geigerischen Standardrepertoire verdankt, ist das fantastische Scherzo La Ronde des Lutins op. 25. Als Ricordi das Stück 1852 veröffentlichte, muss es bereits einige Jahre alt gewesen sein, denn Bazzini erwähnt es schon am 3. Mai 1847 in einem Brief aus Livorno an den Marchese Leonardo Martellini: „La Ronde des Lutins ging gestern so gut, dass es wiederholt werden musste.“ Von dem manischen Staccatothema des Anfangs und den zitternden Doppelgriffen über den Staccatolauf bis zu den Flageoletts, Glissandi und Pizzikati kann man sich keine bessere Evokation tanzender Kobolde vorstellen. Seit weit mehr als einhundert Jahren ergötzen sich die Geiger an diesem energiegeladenen Tanz, der eine der großen romantischen Miniaturen darstellt.

Bruce R. Schueneman
Deutsche Fassung: Cris Posslac


Close the window