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8.570828 - SCHMIDT, F.: Symphony No. 1 / Notre Dame, Act I: Introduction, Interlude and Carnival Music (Malmo Symphony, Sinaisky)
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Franz Schmidt (1874–1939)
Symphonie Nr. 1 E-dur • Introduktion, Zwischenspiel und Karnevalsmusik aus Notre Dame

 

Der Musiker und Musikwissenschaftler Hans Keller hat einmal geschrieben, ihm sei nie eine so vollständige Künstlerfigur wie der Komponist, Dirigent, Klaviervirtuose, Kammermusikpianist und Streichquartett-Cellist Franz Schmidt begegnet. Die posthume Reputation des Komponisten wurde zwar durch Gustav Mahler, Anton Bruckner und andere romantische Symphoniker überschattet; den größten Schaden aber erlitt sein Ruf dadurch, dass ihn die Nazi-Gewaltigen nach dem Anschluss von 1938 als einen hervorragenden Komponisten der „Ostmark” priesen und ihm infolgedessen später vorgehalten wurde, er sei ein Nazi-Sympathisant gewesen—ein Vorwurf, von dem man sich heute weitgehend distanziert hat.

Franz Schmidt wurde am 22. Dezember 1874 im ungarischen Pozsony (Pressburg) geboren, das seit dem Ende des Ersten Weltkriegs unter dem Namen Bratislava zur Tschechoslowakei gehörte und heute die slowakische Hauptstadt ist. Der Vater war mütterlicherseits Ungar, wie Schmidt in seiner Autobiographischen Skizze angibt, seine Mutter hingegen „reinrassige Magyarin”, die von Franz Liszt unterrichtet worden war und ihrem kleinen, kaum sechsjährigen Sohn als „meine erste (und beste!) Lehrerin” die frühen Klavierstunden gab. Eingang in seine Seele, so berichtet Schmidt, habe die Musik allerdings durch die Kirche, insbesondere die Orgel gefunden.

Weitere Stunden erhielt der Knabe dann bei dem Volksschullehrer Rudolf Mader und anschließend bei dem früheren Kapellmeister und jetzigen Klavierlehrer Ludwig Burger. Den größten Nutzen brachte allerdings der Orgelund Harmonielehre-Unterricht bei Pater Felician, dem jungen Organisten des Franziskanerklosters von Pressburg. Nicht unwichtig war schließlich auch der Einfluss einer gewissen Helene von Bednarics, „einer kunstliebenden Dame”, in deren großem Haus eine Vielzahl kreativer Menschen verkehrte. Durch dieses ältere Fräulein lernte Franz Schmidt viele musikalische Werke und berühmte Musiker wie Anton Rubinstein und Hans von Bülow kennen. Auch wurde er in Wien dem Pianisten und Pädagogen Theodor Leschetizky vorgestellt, von dessen Art des Unterrichtens und Verhaltens er allerdings zutiefst abgestoßen war.

Nachdem Vater Schmidt 1889 aufgrund finanzieller Unregelmäßigkeiten in Schwierigkeiten geraten war und aus Pressburg hatte weggehen müssen, stand der bis dahin gut versorgte Franz praktisch vor dem nichts. Dennoch war für ihn gesorgt: Er kam nach Perchtoldsdorf bei Wien zu der großen und reichen Familie Karl Grienauer, in die unter anderem ein Geiger des Wiener Hofopernorchesters namens Hugo von Steiner eingeheiratet hatte. Er war mit den Schmidts seit Jahren bekannt und vermittelte dem inzwischen mittellosen Jüngling eine Stelle als Hauslehrer, die ihn der materiellen Sorgen enthob, und ermutigte ihn überdies, selbst eine musikalische Laufbahn—vielleicht als Dirigent—einzuschlagen. Im Herbst 1890 trat Franz Schmidt ins Wiener Konservatorium ein, wo er Cello und in Anton Bruckners Klasse Harmonielehre studierte.

1896 legte der junge Musiker seine Reifeprüfung als Cellist ab, und am 1. Oktober des Jahres erhielt er eine Cellistenstelle beim Wiener Hofopernorchester, womit er automatisch auch zum Mitglied der Wiener Philharmoniker wurde. Bald spielte er zahlreiche Opern und Orchesterwerke unter der Leitung von Hans Richter, Robert Fuchs und anderen weniger bedeutenden Dirigenten. Im Frühjahr 1897 kam Gustav Mahler als Kapellmeister an die Wiener Oper, dessen Direktorat er übernahm, und bald saß Schmidt am Pult des Stimmführers, wo er auch der bevorzugte Cellist des neuen Mannes war, ohne dass er eigentlich der Prinzipal der Gruppe gewesen wäre. Das führte zu einer fortwährenden Fehde mit dem Konzertmeister Arnold Rosé, die solche Kreise zog, dass Schmidt 1901 das Wohlwollen Mahlers verloren hatte und sich von seinem Wunsch, offizieller Erster Cellist zu werden, verabschieden konnte. Während der nächsten zehn Jahre saß er an einem der hinteren Pulte. In dieser Zeit etablierte er sich freilich als Lehrer für Violoncello und Klavier, so dass er schließlich in der Lage war, aus dem Orchesterdienst auszuscheiden, um sich mehr der Komposition zu widmen: „Seit 1902 war ich am Conservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde angestellt. Die im Jahre 1910 erfolgte Verstaatlichung dieser Anstalt zur Akademie für Musik und darstellende Kunst, sowie die 1912 erfolgte Umwandlung meiner Celloprofessur in eine Klavierprofessur an dieser Anstalt gestalteten meine materielle Position im Vergleiche zu früher um so vieles besser, dass dieser Schritt wohl gewagt werden durfte.”

Nunmehr machte Franz Schmidts Karriere weitere Fortschritte: Den größten Teil seiner Werke schrieb er, nachdem er die sogenannten „Galeerenjahre” im Orchester hinter sich hatte. Auch wurde er Direktor der Staatsakademie und war von 1927 bis 1931 Rektor der kurzlebigen Fachhochschule, die daraus entstanden war. Doch sein Privatleben war von dauerndem Unheil überschattet, das ihm jedes dauerhafte Glück versagte. Nach mehreren mentalen Erkrankungen wurde seine erste Ehefrau 1919 in einer Anstalt untergebracht (wo sie 1942 ein Opfer der Euthanasie-Gesetze wurde), und 1932 starb seine Tochter Emma bei der Geburt eines Kindes, worauf Schmidt einen Zusammenbruch erlitt. Infolge seines schlechten Gesundheitszustands legte er 1937 seine Tätigkeit an der Musikhochschule nieder. Nur zwei Jahre später, am 11. Februar 1939, starb er.

Als Komponist hat Franz Schmidt eine langsame Entwicklung durchgemacht, und wenn man sein gesamtes OEuvre betrachtet, scheint das Bild einer relativ späten Reife zu entstehen. Doch muss es weniger um die Fragen der Quantität als vielmehr der Qualität gehen. Nachdem Schmidt einige frühe Werke vernichtete, besteht sein musikalisches Vermächtnis aus zwei Opern, vier Symphonien, zwei Klavierkonzerten für die linke Hand, einigen wenigen Orchesterstücken, mehreren Kammermusiken, ein paar Kompositionen für Soloklavier sowie einem recht bedeutenden Katalog an Orgelmusik. Zu seinen bekanntesten Werken dürfte Das Buch mit sieben Siegeln gehören, ein Oratorium nach der Offenbarung des Johannes, an dem er von 1935 bis 1937 gearbeitet hat. Die Uraufführung fand zwei Monate nach dem Anschluss in Wien statt—ein zwar heruntergespielter, aber nicht zu leugnender Zusammenhang mit den politischen Ereignissen.

Als Schmidt 1911 seinen Orchesterdienst quittiert hatte, konnte er eine vollendete erste Symphonie (1899) sowie seine Oper Notre Dame (1904) vorweisen. Die eigentliche Anerkennung sollte allerdings erst noch kommen. Zunächst, so schreibt er in seiner Autobiographischen Skizze, habe man ihn noch als einen Musiker zweiter Klasse angesehen: „Im Salon einer reichen, klugen, wenn auch nicht übermäßig gebildeten Dame wurde ich stets in der impulsivsten Weise gebeten, Klavier zu spielen […] Nachdem ich an einem solchen Musikabend außer diversen Opernfragmenten auch eine Reihe repraesentativer Werke der Klavierliteratur vorgetragen hatte, rief die Dame des Hauses begeistert aus: ,Es ist doch ewig schade, dass sie nicht Künstler geworden sind!’—,Wie meinen Sie das, gnädige Frau?‘, fragte ich betreten, worauf mir die Antwort wurde: ,Nun ja, Sie sind doch leider kein Künstler von Beruf, sondern bloß Musiker im Opernorchester!‘“ Derlei frustrierende Erlebnisse werden wohl auch zu der Entscheidung beigetragen haben, das Orchester hinter sich zu lassen, womit sich Schmidt schließlich aller Vergünstigungen einschließlich eines Rentenanspruchs begab. Mit der Oper Notre Dame war es anfangs auch kein leichtes; sie wurde erst 1914, also zehn Jahre nach ihrer Vollendung, zur Premiere angenommen.

Davon, dass Schmidt völlig ignoriert worden wäre, kann jedoch auch nicht die Rede sein. Seine Symphonie Nr. 1 E-dur war von der Gesellschaft der Musikfreunde ausgezeichnet worden, erlebte am 25. Januar 1902 in Wien unter der Leitung des Komponisten ihre Uraufführung und wurde gut aufgenommen. Damit wurde indirekt „den Bestrebungen, mich bei Mahler [während der Debatte um die Cellistenfrage] missliebig zu machen”, neue Nahrung gegeben: „Ich hatte gerade damals (1901) meine ersten Erfolge als Symphoniker errungen und Mahler bemühte sich zur selben Zeit, mit seinen Symphonien in Wien Fuß zu fassen. Da ich nun von einem Teil der Wiener Kritik taktloser Weise gegen Mahler ausgespielt wurde, war es ein leichtes, Mahler zu suggerieren, dass ich mit Presseleuten gegen ihn conspiriere.”

Die viersätzige erste Symphonie beginnt Sehr langsam mit einer imposanten, in ihren wuchtigen Punktierungen und ihrem strahlenden Glanz beinahe an eine Ouvertüre des französischen Barock erinnernden Geste, worauf die Musik allerdings bald in Klangwelten hinüberschwenkt, die von Richard Wagner und Anton Bruckner, aber auch von Robert Schumann und Johannes Brahms bereitet wurden—ohne dass dieser Umgang mit der Historie als „epigonal” bezeichnet werden könnte. Der eigentliche Sonatenhauptsatz ist als Allegro (Sehr Lebhaft) markiert und bewegt sich wiederum bei weitgehend klassischer Formgebung auch insofern auf dem Boden der deutschen Romantik, als Elemente der langsamen Einleitung in die Hauptthemen des Satzes einfließen.

Der zweite Satz (Langsam) beginnt mit einer mühelosen, dezenten Wendung vom rauschenden E-dur zu einem geheimnisvoll raunenden As-dur, in dem nun ganz eindeutig romantische Pfade begangen werden. Es folgt ein gemächliches, ausdrucksvolles Thema über einer fließenden Begleitung, bevor die Musik überraschenderweise zur Haupttonart des Kopfsatzes zurückkehrt und die Hörner ein neues, fragmentarisches Thema anstimmen, dessen Verarbeitung über eine Reihe von Steigerungen bis zur ruhigen Auflösung führt. Der dritte Satz (Schnell und leicht) beginnt als hurtiges Scherzo, das im Zeichen einer durchgehenden Achtelbewegung steht. Der zentrale Trioabschnitt findet zu einer ruhigeren Stimmung, in der die romantisch-lyrischen Neigungen des Komponisten dominieren, der in diesen reichen, ruhigen Texturen bereits auf seine spätere, reife Tonsprache vorausschaut. Das Finale (Lebhaft, doch nicht zu schnell) lässt nur erkennen, dass die dezent barocken Gebärden der „Ouvertüre” keiner bloßen Laune entsprangen—denn hier verwendet Schmidt in ebenso extensiver wie gekonnter Weise die Möglichkeiten des Kontrapunkts im allgemeinen und des Fugensatzes im besonderen. Das mag auf den Einfluß Bruckners zurückzuführen sein, an den auch die Arbeit mit dem „Choral-Thema” erinnert, das die Holzbläser und Hörner in der Mitte des Satzes präsentieren und schließlich nach umfassender Verarbeitung mit den andern Gedanken zu einer triumphalen Coda bringen.

Am Ende dieser Aufnahmen stehen Introduktion, Zwischenspiel und Karnevalsmusik aus dem ersten Akt der Oper Notre Dame, die am 1. April 1914 uraufgeführt wurde. Diese drei Orchesterstücke, die auch im Konzertsaal ihre Wirkung nicht verfehlen, fangen etwas von der turbulenten Atmosphäre des Bühnenwerkes ein, das Victor Hugos gleichnamigen Roman um die Zigeunerin Esmeralda und den buckligen Glöckner Quasimodo ins Opernhaus brachte. Hier ist Schmidts persönliche Sprache schon weitestgehend entwickelt: Eine charakteristische und fundierte Fähigkeit in der harmonischen Erfindung, breite, weit ausgreifende Melodielinien, einfallsreiche Orchestration und ein großes emotionales Spektrum kennzeichnen diese Musik. Wie ausgeprägt dabei Schmidts Sinn für den musikalischen Zusammenhalt ist, zeigt sich auch daran, dass sich die zwei Ausschnitte, obwohl sie an völlig verschiedenen Stellen der Oper stehen, mit Leichtigkeit zu einem abwechslungsreichen, schlüssigen Werk verbinden.

 

Adam Binks
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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