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8.570833 - DOHNANYI, E.: Violin Concertos Nos. 1 and 2
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Ernő Dohnányi (1877-1960)
Violinkonzerte Nr. 1 und Nr. 2

 

Das Schaffen des ungarischen Komponisten Ernő Dohnányi wurde in neuerer Zeit ungebührlich missachtet – mit Ausnahme seiner Variationen über ein Kinderlied für Klavier und Orchester, die mit einiger Regelmäßigkeit auf den Konzertprogrammen erscheinen. Zum Teil ging diese Missachtung auf politische Umstände zurück, zum Teil hatte sie mit einer veränderten musikalischen Mode zu tun, da jüngere ungarische Komponistengenerationen einer entschieden nationalen Sprache den Vorzug vor der deutschen Spätromantik gaben, die Dohnányis Werk kennzeichnet. Während sich Bartók und Kodály von der Volksmusik ihrer Heimat inspirieren ließen (und der Erstgenannte damit oft eine gewisse Strenge an den Tag legte), fühlte sich Dohnányi weit mehr der deutschen Tradition zugehörig, in der er vor allem ausgebildet worden war.

Ernő Dohnányi wurde 1877 in Poszony (der heutigen slowakischen Hauptstadt Bratislava) geboren. Sein Vater war Amateurmusiker und unterrichtete am katholischen Gymnasium der Stadt. An derselben Schule sollte auch Bartóks Mutter eine Anstellung finden, nachdem sie ihren Mann verloren hatte, und hier erhielten sowohl ihr Sohn Béla als auch der vier Jahre ältere Ernő ihre schulische Ausbildung. Letzterer bekam Orgel- und Theorieunterricht beim städtischen Domorganisten Karl Forstner und konnte schon früh die ersten beachtlichen Erfolge erringen. 1894 ging er allerdings nicht, wie man hätte erwarten können, zum Musikstudium nach Wien, sondern an die Budapester Akademie. Dort unterrichtete ihn der ehemalige Liszt- Schüler István Thomán im Klavierspiel, während er bei dem deutschen Komponisten Hans Koessler, einem Vetter von Max Reger und Bewunderer von Johannes Brahms, in der Komposition unterwiesen wurde. Der pianistisch ebenso begabte Bartók hatte bald dieselben Lehrer, doch wurde er weniger von der deutschen Komponistenschule beeinflusst.

1897 bereitete sich Dohnányi durch ein kurzes Studium bei Eugen d’Albert auf sein Debüt in Berlin vor. Danach gab er Konzerte in Deutschland und Österreich. Hans Richter lud ihn nach London ein, wo es zu einer triumphalen Aufführung des vierten Klavierkonzerts von Beethoven kam. Danach begannen Konzertreisen, die den Künstler durch ganz Europa und Russland sowie in die USA führten und ihn als einen Virtuosen vom Range Franz Liszts etablierten.

1895 veröffentlichte er sein Klavierquintett c-moll op. 1, von dem Brahms meinte, er selbst hätte es auch nicht besser machen können. 1896 erhielt er für seine Symphonie F-dur und die Ouvertüre zu Zrínyi den Königlichen Preis zur Jahrtausendfeier Ungarns, und 1899 wurde sein Klavierkonzert Nr. 1 e-moll op. 5 in Wien mit dem Großen Preis der Firma Bösendorfer ausgezeichnet. 1905 berief ihn Joseph Joachim an die Berliner Musikhochschule, wo er bis 1915 unterrichtete. Während des Ersten Weltkrieges kehrte er nach Ungarn zurück, um an der Budapester Akademie zu lehren, sich für die neue Komponistengeneration einzusetzen und erheblich an der Reform des Musikunterrichts in seiner Heimat mitzuwirken. 1918 wurde er Chefdirigent der Budapester Philharmoniker sowie Präsident der Philharmonischen Gesellschaft, der er in dieser Eigenschaft bis 1944 vorstand. In der neuen Republik von 1918 war er auch Direktor der Nationalen Ungarischen Musikschule, doch die rechtsgerichtete Horthy- Regierung, die bald danach an die Macht kam, setzte ihn zugunsten von Jenö Hubay kurze Zeit später ab.

Dessen ungeachtet machte Dohnányi als Dirigent und Pianist sowohl in seiner Heimat wie auch im Ausland weiterhin Karriere – vor allem in den USA, wo er als Chefdirigent des New York State Symphony Orchestra von 1925 bis 1927 wirkte. Ein Jahr später war er wieder in Ungarn, um an der „Königlichen Hochschule für Musik Franz Liszt“ zu unterrichten. Von 1934 bis 1944 war er Direktor des Instituts. Dann trat er aus politischen Gründen von diesem Amt zurück. Bereits 1931 war er musikalischer Direktor des Ungarischen Rundfunks geworden – und auch diesen Posten gab er 1944 auf. Er wandte sich nach Österreich, was ihm von seinen Gegnern später mancherlei Kritik eintrug und seine Konzertkarriere nach dem Kriege beeinträchtigte. Zwar hatte er nichts von der antisemitischen Linie gehalten, die Ungarn aufgrund der deutschen Intervention eingeschlagen hatte; doch auch für die linksgerichteten Kräfte, die nach dem Kriege in Ungarn die Macht übernahmen, hatte er nichts übrig. 1948 ging er zunächst nach England. Dann wandte er sich nach Argentinien, wo er ebenso unterrichtete wie später in den USA, in denen er sich fortan niederließ. Er starb 1960 in New York während einer Aufnahmesitzung – zu einem Zeitpunkt, als die Auswirkungen der politischen Angriffe gerade nachzulassen begannen und seine Reputation sich wieder verbesserte.

Das Violinkonzert Nr. 1 d-moll op. 27 vollendete Dohnányi im Jahre 1915. Es wurde 1920 in Berlin veröffentlicht. Der erste Satz beginnt mit einer Orchesterexposition des ersten Themas. Dann setzt der Solist mit einer Kadenz ein, die zur Vorstellung kantableren Materials führt. Die Durchführung des Satzes bringt ein weiteres Thema, und die Episoden, in denen die Virtuosität demonstriert wird, gehen bis in die Schlusstakte der Coda weiter, die den Satz beendet. Bei dem romantischen ersten Thema des langsamen Satzes kann man an Brahms denken. Es wird von Fagotten und tiefen Streichern exponiert. Dann folgen die hohen Streicher. Das Material entwickelt sich beim Einsatz des Solisten, der schließlich das Thema übernimmt, das jetzt mit Tempo I più andante ed appassionato markiert ist. Der dritte Satz mit der Bezeichnung Molto vivace hat einen Mittelteil in Hdur, in dem der Solist zunächst von der Harfe und den Holzbläsern begleitet wird. Dieser wird eingerahmt von einer g-moll-Einleitung und einem wiegenden Nebengedanken mit Doppelgriffen und deren Wiederholung am Ende des Satzes. Am Anfang des vierten Satzes (Tempo del primo pezzo, rubato) wird die weiterentwickelte Kadenz des ersten Satzes aufgegriffen. Darauf folgt ein Thema mit der Bezeichnung Allegro non troppo, das zunächst den ersten Geigen und den Celli anvertraut ist. Das führt zu einer Reihe von Variationen, deren Thema zwar Brahms verpflichtet ist, dann aber in einer deutlicher ungarischen, durch einen Wechsel von Dur nach Moll markierten Passage (Adagio ma non troppo, rubato) diese Abhängigkeit aufgibt. Das Konzert endet mit einer kurzen Kadenz und der Wiederholung des Hauptthemas aus dem ersten Satz. Dann wird die Dur- Tonart wieder etabliert, und eine weitere Kadenz führt zum abschließenden Molto allegro.

Das Violinkonzert Nr. 2 c-moll op. 43 schrieb Dohnányi im Jahre 1949. Es erschien 1956 in einer Fassung für Violine und Klavier und ist dem amerikanischen Geiger Frances Magnes gewidmet, der es im April 1951 mit dem Florida State Symphony Orchestra uraufführte. Das Werk gehört in die Zeit, als Dohnányi an der Florida State University in Tallahassee unterrichtete. Nach einem akkordischen Wechselspiel bringt der Solist eine Kadenz. Das Hauptthema (Molto espressivo, Tempo fermo) führt zu einem lyrischen Nebenthema und zur kniffligen Kontrapunktik eines Allegro con brio. Eine Variante der ersten Kadenz steht am Anfang der Reprise, und der Satz endet in einer zarten Stimmung lyrischer Nostalgie. Der zweite Satz ist ein Intermezzo mit der Bezeichnung Allegro comodo e scherzando. Er ist in der Form eines Rondos geschrieben und enthält gelegentlich ungarisches Kolorit sowie verschiedene Kommentare der Blechbläser. Einen entschiedenen Kontrast dazu bietet das hymnische Thema des langsamen Satzes (Allegro molto sostenuto). Es gibt eine Reminiszenz an das Hauptthema des Kopfsatzes in der Trompete, die in die Kadenz der Violine eingreift. Die geht weiter bis zum Schluss, der an die beiden Elemente vom Anfang des Konzertes erinnert – jetzt allerdings in umgekehrter Reihenfolge, so dass erst die Kadenz erklingt und dann das akkordische Wechselspiel von Solo und Orchester folgt.

Der letzte Satz, Allegro risoluto e giocoso, schließt sich ohne Unterbrechung an und erfüllt alle Erwartungen, die durch die Tempo- und Stimmungsangabe geweckt werden. Der Satz gipfelt in einer Kadenz, die auf dem Hauptthema des Allegro basiert. Sie wird konventionell eingeführt und vom Horn begleitet. Am Ende werden die thematischen Stränge miteinander verflochten.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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