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8.570963 - SPOHR, L.: Double String Quartets, Vol. 1 (Forde Ensemble) - Nos. 1 and 2
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Louis Spohr (1784–1859)
Doppelquartette Nr. 1 und 2

 

Das 19. Jahrhundert sah in Louis Spohr für lange Zeit einen seiner großen Komponisten. Er wurde am 5. April 1784 in Braunschweig geboren und machte sich als Komponist, Violinvirtuose, Dirigent und Lehrer einen überragenden Namen. Wichtige Ämter bekleidete er zunächst in Gotha (1805–12) und Wien (1813–15), wo er Freundschaft mit Beethoven schloss. Dann führte ihn seine Tätigkeit nach Frankfurt am Main (1817–19) und schließlich nach Kassel (1822–57), wo er am 22. Oktober 1859 starb. Mit seiner ersten Frau, der Harfenvirtuosin Dorette Scheidler (1787–1834), unternahm er fernerhin etliche Konzertreisen unter anderem nach Italien (1816–17), England (1820) und Paris (1821). In seinen späteren Lebensjahren verminderte Spohr die Zahl seiner öffentlichen Auftritte als Geiger, wohingegen er als bekannter Dirigent viele Einladungen zur Leitung von Musikfesten erhielt—beispielsweise 1845 zur Einweihung des Bonner Beethoven-Denkmals. Überdies kam er noch fünfmal nach England (1839, 1843, 1847, 1852 und 1853).

Der Dirigent Louis Spohr verfügte über ein breites Repertoire, das neben eigenen Werken nicht nur Musik von Händel, Haydn und Mozart, sondern auch sämtliche Symphonien sowie die Konzerte, den Fidelio und die Missa Solemnis von Beethoven enthielt. Von Wagner dirigierte er den Fliegenden Holländer und den Tannhäuser, von Schumann die Frühlingssymphonie, und auch verschiedene Stücke von Schubert, Berlioz und Liszt waren unter seiner Leitung zu hören. Des weiteren spielte er bei der Bach-Renaissance eine wichtige Rolle—nicht zuletzt mit Aufführungen der Matthäus-Passion, die er 1832 noch ohne Orchester geben musste, weil der Kasseler Hof opponierte, und die er anschließend auch 1833, 1834, 1845 und 1851 dirigierte. Sein eigenes Schaffen umfasst sämtliche wichtigen Gattungen der Zeit. Dazu gehören zehn Opern, vier Oratorien, zehn Symphonien, achtundzwanzig Konzerte, ein bedeutender Katalog an Kammermusik und beinahe einhundert Lieder.

Neben seiner umfassenden Tätigkeit als Violinvirtuose und Dirigent widmete sich Louis Spohr auch sein Leben lang der Kammermusik, und das nicht nur als Komponist, sondern auch als Interpret und Konzertveranstalter. Auf ihn gehen wohl die Standardprogramme zurück, die in einem einzigen Recital Quartette von Haydn, Mozart und Beethoven präsentierten, und er war offenbar auch der erste, der (1818) in Frankfurt/Main öffentliche Kammermusikkonzerte durchführte. Seit 1822 gab er dann in Kassel während der Wintermonate wöchentliche Quartettgesellschaften, deren letzte noch 1858, im Jahr vor seinem Tode stattfanden.

An Kammermusiken für Streicher hat Louis Spohr insgesamt 48 Werke geschrieben. Dieser Katalog gliedert sich in 36 Quartette, sieben Quintette, ein Sextett sowie vier Doppelquartette, die zwar dieselben acht Instrumente verlangen wie Mendelssohns bekanntes Oktett, die aber im Repertoire dennoch einen einzigartigen Platz einnehmen, wie Spohr selbst ausführte: „Ein Oktett für Streichinstrumente von Mendelssohn-Bartholdy gehört nämlich einer ganz andern Kunstgattung an, in welcher die beiden Quartette nicht doppelchörig miteinander konzertieren und abwechseln, sondern alle acht Instrumente zusammen wirken.“

Nach Spohrs Erinnerungen war es der Geiger und Komponist Andreas Romberg (1767–1821), der ihn auf die Idee der Doppelquartette brachte, „als wir das letzte Mal vor seinem Tode Quartett spielten.“ Im März 1823 begann die Arbeit an dem ersten Doppelquartett d-moll op. 65, das einen Monat später abgeschlossen war: „Ich stellte mir die Aufgabe, wie auch er sie aufgefasst hatte, zwei Quartetten, neben einander sitzend, ein Musikstück ausführen zu lassen und das achtstimmige nur für die Hauptstellen der Komposition aufzusparen. Ich hatte die Freude zu bemerken, daß seine Wirkung weit über die der einfachen Quartetten und Quintetten hinausreichte.“

Die Gegenwart von acht Streichern wird sogleich deutlich, wenn alle Instrumente im kräftigen Unisono den Beginn des Allegro spielen. Danach spielt das zweite Quartett einen Takt lang allein, bevor das erste einfällt. Das Thema ähnelt oberflächlich dem Anfang der Haffner-Symphonie KV 385, doch die Chromatik, die Spohr hier verwendet, kommt aus einem anderen Werk seines Heroen Mozart: dem Streichquartett Es-dur KV 428. Das zweite Thema ist dann an Joseph Haydn orientiert, insofern es sich dabei um eine lyrischere Variante des Hauptthemas handelt. Elemente dieses Themas unterliegen auch dem Passagenwerk, das das erste Quartett auf dem Wege zu der ausgedehnten Durchführung zu spielen hat.

Das Hauptthema des g-moll-Scherzos pendelt zwischen einem Staccato-Motiv und einer Legatophrase. Während des Trios in G-dur teilen sich die erste Violine und das Violoncello des ersten Quartetts eine serenadenhafte Melodie, wozu das zweite Quartett die Begleitung liefert. Das kurze Larghetto in B-dur ist ein einfaches „Lied ohne Worte“ und wirkt beinahe wie die Introduktion des lebhaften D-dur-Finales, dessen vergnügtes Hauptthema vom Violoncello des ersten Quartetts angestimmt und von einer akkordischen Blechbläser-Imitation des zweiten Quartetts begleitet wird. Diese Imitationen treten während der Durchführung in den Vordergrund und sind hier ganz dem zweiten Quartett vorbehalten. Die schulmäßige Sonatenform ist insofern abgewandelt, als die Reprise mit dem zweiten Thema beginnt. Mit einer kurzen Erinnerung an die „Blechbläser-Akkorde“ ertönt dann das Startsignal für den Zieleinlauf der Musik.

Dem äußerst erfolgreichen ersten Doppelquartett folgte im Dezember 1827 das Opus 77 in Es-dur. Das dritte Werk der Gattung (op. 87 e-moll) schrieb Spohr von Dezember 1832 bis Januar 1833, worauf schließlich im April und Mai 1847 das Opus 136 in g-moll den Reigen beendete.

Das zweite Doppelquartett besteht aus vier schön miteinander kontrastierenden Sätzen, wobei der lyrische Beginn wiederum ein Nebenthema erzeugt, das sich als Ableitung des Hauptgedankens erweist. Erneut erklingt am Anfang ein Unisono, das sich allerdings auf ein pianissimo des ersten Quartetts beschränkt. Der englische Komponist Harold Truscott (1914–1992) hob lobend die chromatische Arbeit hervor, mit der Spohr die Steigerung zum zweiten Thema bewerkstelligt—durch die „magische Ausweichung“ nach H-dur nämlich, in der sich die Musik geschäftig auf das zweite Thema in c-moll vorbereitet. „Dieses H-dur erweist sich als neapolitanische Sexte der an dieser Stelle üblichen Tonika B-dur, doch Spohr verwendet über sechs Takte diese chromatische Harmonik derart meisterlich, dass alles, was eigentlich normal wäre, viel merkwürdiger klingt als jedes noch so ungewöhnliche Mittel.“ Weiterhin führt Truscott aus, dass die Rückkehr zur Reprise genau in dem Moment erfolgt, wo sie nötig ist: „Das ist eine klassische Struktur, wie sie die größten Meister verstanden.“

Das marschartige c-moll-Menuett, eine von Spohrs Spezialitäten, bewegt sich in einem bedrohlichen Tritt und bringt besonders die Abwechslung der beiden Quartette zur Geltung, worauf ein völlig anders geartetes As-dur- Trio folgt—eine Miniaturserenade, in der die erste Violine und die Bratsche des ersten Quartetts im Vordergrund stehen. Anders als beim eigentlichen Menuett tritt hier das zweite Quartett zurück. An die Wiederholung des Hauptteils schließt sich eine längere, poetische Coda an.

Das warmherzige Hauptthema des attraktiven Larghetto con moto in As-dur enthält einige vertrackte Momente für das zweite Quartett—unter anderem die synkopischen Zweiunddreißigstel in beiden Geigen, die zu den pizzicato-Sechzehnteln der beiden tieferen Instrumente passen müssen. Das Werk wird durch ein melodisch einprägsames Allegretto-Finale abgerundet, dessen Rhythmen wie eine Vorahnung des böhmischen Dvorˇák in die Füße gehen. Hier intoniert das zweite Quartett das dominante rhythmische Schema, während das erste Quartett die melodische Führung übernimmt.

Es ist faszinierend, zu sehen, welchen Fortschritt Spohr bei der Arbeit an seinen vier Doppelquartetten gemacht hat. Immer deutlicher wird das zweite Quartett zum gleichberechtigten Partner des ersten. Da er 1823 bei der Besetzung seines zweiten Quartetts noch auf Schüler zurückgreifen musste, achtete er verständlicherweise darauf, diesen keine allzu exponierte Rolle zu geben, wohingegen er im ersten Quartett selbst die erste Geige spielte und von den Mitgliedern seines eigenen Ensembles unterstützt wurde, bei dem unter anderem der berühmte Cellist Nikolaus Hasemann mitspielte.

Nachdem sich dank seiner Unterweisung die Qualität der verfügbaren Streicher allmählich verbesserte, konnte er auch mit dem zweiten Quartett mehr anfangen. Das merkt man bei dem gruppenweisen Wechsel im Menuett des Opus 77 sowie in der raffinierten Begleitfunktion, die das zweite Quartett im langsamen Satz dieses Werkes zu erfüllen hat.


Keith Warsop
Vorsitzender der britischen Spohr-Gesellschaft
Wenn Sie mehr über die Spohr-Gesellschaft wissen möchten, schreiben Sie bitte an: The Secretary, Spohr Society of Great Britain, 123 Mount View Road, Sheffield S8 8PJ, United Kingdom; oder schicken Sie eine e-mail an: chtutt@yahoo.co.uk.
www.spohr-society.org.uk
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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