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8.570991 - JOACHIM, J.: Violin Concerto, Op. 11, "In the Hungarian Style" / Violin Concerto in G Minor, Op. 3 (Suyoen Kim, Staatskapelle Weimar, Halasz)
English  German 

Joseph Joachim (1831–1907)
Violinkonzert g-moll op. 3 in einem Satz
Violinkonzert d-moll op. 11 im ungarischen Stil

 

Dem Geiger Joseph Joachim gebührt nicht nur ein hervorragender Platz in der Geschichte seines Instruments, sondern auch in der Musikgeschichte überhaupt, da er nicht zuletzt auf die Violinwerke und die Orchestrationstechnik seines Freundes Johannes Brahms einen erheblichen Einfluss ausgeübt hat. Darüber hinaus machte er sich in historischer Weise um die Werke seines Freundes, um das Streichquartettrepertoire und die Violinkonzertliteratur insgesamt verdient. Sein eigenes Schaffen freilich ist, mit Ausnahmen der Kadenzen, die er zu den Konzerten von Beethoven und Brahms schrieb, längst in den Hintergrund getreten.

Joseph Joachim wurde am 28. Juni 1831 in der Nähe von Pressburg (Bratislava) geboren, und zwar in dem Orte Kitsee (Köpcsény), der zu den Ländereien der Familie Eszterházy gehörte. Er war das siebte von acht Kindern, kam mit seinen Eltern Julius und Fanny bereits 1833 nach Pest und wurde von ihnen, wie das für jüdische Familien nicht ungewöhnlich war, schon bald zur musikalischen Ausbildung ermutigt. Diese bestand zunächst in Geigenstunden bei Stanisław Serwaczyn´ski, dem polnischen Konzertmeister des Pester Opernorchesters, mit dem der kaum Achtjährige erstmals an die Öffentlichkeit treten durfte, als man gemeinsam ein Doppelkonzert des Mannheimer Geigers Johann Friedrich Eck aufführte. In demselben Jahr (1839) regte eine Cousine an, das vielversprechende Talent nach Wien zu bringen, wo ihn Miska Hauser und Georg Hellmesberger senior unterrichten sollten, die ihn aber als Schüler ablehnte. Statt dessen unterwies ihn Joseph Böhm, der ebenfalls aus Pest kam und als Schüler von Pierre Rode in Paris gewissermaßen die Tradition Viottis geerbt hatte. Mit Georg Hellmesbergers Nachwuchs bildete Joseph Joachim bald das sogenannte „Wunderkindquartett“, indessen ihn die musikalischen Soireen seines Lehrers Böhm mit der Quartettliteratur im allgemeinen und den späten Quartetten Beethovens bekannt machten. Nach Abschluss seiner technischen Ausbildung ging er 1843 mit seiner Cousine nach Leipzig, wo er Mendelssohn kennenlernte und bei dem Spohr-Schüler Ferdinand David Stunden nahm. Im August desselben Jahres spielte er in einem Gewandhaus-Konzert von Pauline Viardot-García, Clara Schumann und Felix Mendelssohn ein Adagio und Rondo von Charles-Auguste de Bériot. Im nächsten Jahr brachte ihn Mendelssohn nach London, wo der noch nicht Vierzehnjährige Beethovens Violinkonzert aufführte, das bis dahin als praktisch unspielbar galt und bald ein fester Bestandteil seines Konzertrepertoires wurde.

Der unerwartete Tod Mendelssohns im Jahre 1847 berührte Joachim zutiefst. 1850 ging er nach Weimar, um bei Liszt zu studieren, der ihm zur Komposition riet. Von 1850 bis 1852 war der junge Mann als höfischer Konzertmeister sowie als Kammermusiker tätig. In Weimar schrieb er auch sein Violinkonzert g-moll op. 3, das er Franz Liszt widmete. 1853 wurde Joachim als Konzertmeister an den Hof von Hannover berufen, wo er bis 1868 wirkte. 1854 nahm er durch die Taufe den lutherischen Glauben an—wie das die Familie Mendelssohn vor vielen Jahren ebenfalls getan hatte.

In Hannover kam Joachim bald durch seinen ungarischen Alters- und Berufsgenossen Eduard Reményi mit Johannes Brahms zusammen. Ferner gründete er eine neue Quartettvereinigung, die ihm die Möglichkeit zu auswärtigen Konzerten gab, und er schrieb eine Vielzahl eigener Werke. Darunter befinden sich vier Ouvertüren und zwei Violinkonzerte, in denen er mehr oder weniger versuchte, die programmatische Haltung Liszts mit der poetischen Auffassung seines älteren Freundes Robert Schumann zu vermählen.

Durch den Kontakt zu Robert und Clara Schumann entfremdete sich Joachim allmählich von Liszt und der „Neudeutschen Schule.“ Dieser Bruch wurde dann 1857 durch einen Brief Joachims endgültig: Trotz seines Dankes für die gewährte Unterstützung distanzierte sich der Schreiber von den musikalischen Ideen seines bisherigen Förderers. Als drei Jahre später auch noch ein von Brahms und Joachim unterzeichneter, offener Angriff auf Liszt und Wagner erschien, der durch eine Indiskre-tion bei der Berliner Musik-Zeitung gelandet war, war es vollends aus—zumal die massive Reaktion Wagners noch zusätzliches Öl in die Flammen goss. Erst ein Vierteljahrhundert später versöhnten sich Liszt und Joachim wieder miteinander: Zunächst begegnete man sich 1880 in Budapest wieder, dann 1884 bei der Enthüllung des Bachdenkmals in Eisenach. Bei einer Londoner Liszt-Feier soll zumindest nach den Aussagen der englischen Presse dann kurz vor dem Tod des großen alten Mannes der Frieden endgültig wieder hergestellt worden sein.

Seit 1863 war Joachim mit der Sängerin Amalie Schneeweiss vermählt, die als Solistin an der Königlichen Oper von Hannover gesungen hatte, nach ihrer Eheschließung aber der Bühne den Rücken kehrte. 1868 übersiedelte man nach Berlin, wo Joachim bald die Leitung der Lehranstalt für ausübende Tonkunst übernahm, die sich seit 1872 Königliche Musikhochschule nannte. Seine Frau machte derweil als Konzertsängerin Karriere, soweit das ihre Rolle als mehrfache Mutter erlaubte.

In Berlin übte Joseph Joachim mit seinem Streichquartett und als Pädagoge einen großen musikalischen Einfluss aus. Daneben arbeitete er unter anderem für das Niederrheinische Musikfest, das Bonner Beethovenfest und die Schumann-Feiern. Er gründete ein Hochschulorchester und konnte mehrere Händel-Oratorien aufführen lassen. Des weiteren pflegte er seine alten Beziehungen zu England, wo er alljährlich entweder als Solist oder Kammermusiker gastierte. Dass der beliebte Instrumentalist und Lehrer (zu seinen Schülern gehörten unter vielen anderen Leopold Auer, Willy Burmester, Jenő Hubay und Peter Tschaikowskys junger Freund Yosif Kotek) im Laufe der Jahrzehnte an der Hochschule allmählich einen Hort des Konservatismus bildete, war der Ausdruck einer völlig normalen Entwicklung, die in akademischen Kreisen beinahe zwangsläufig vonstatten geht.

Die zunehmenden Probleme mit der Ehefrau führten 1884 schließlich zur Scheidung und waren zudem eine schwere Belastung der bis dahin engen Freundschaft zu Johannes Brahms, der sich in seiner direkten Art eindeutig auf die Seite Amalies geschlagen hatte. Zumindest äußerlich kam es schließlich zu einer Versöhnung, als der einstige Freund das Doppelkonzert für Violine, Violoncello und Orchester komponierte. Joseph Joachim starb am 15. August 1907 in Berlin.

Das Konzert g-moll op. 3 in einem Satz entstand, wie bereits erwähnt, 1851 in Weimar und wurde drei Jahre später in Leipzig veröffentlicht. Es atmet den ganzen Überschwang eines jungen Virtuosen, der sich hier im großen und ganzen an die klassische Form hält. Eine kurze Orchestereinleitung führt zur ersten Kadenz des Solisten, nach der das Orchester das Hauptthema exponiert. Die solistische Variante des Themas verlangt Mehrfachgriffe, und virtuoses Passagenwerk führt zu einem zweiten Thema, das vom Orchester vorgestellt und vom Solisten durchgeführt wird. Die beiden Themen treten neuerlich in Erscheinung und erreichen eine kunstvollere Solokadenz. Die Dur-Tonart des zweiten Themas scheint den Sieg davonzutragen, doch dann endet das Konzert mit einem Hinweis auf das erste Thema in g-moll.

Das Violinkonzert d-moll op. 11 („im ungarischen Stil“) schrieb Joachim 1857. Die Veröffentlichung erfolgte 1861 in Leipzig, und die Uraufführung fand noch im selben Jahr im Wiener Musikvereinssaal statt, wo der Geiger und Komponist fünf konzertante Auftritte absolvierte. Neben dem Solopart seiner eigenen Kreation spielte er damals auch das Konzert und die Romanzen von Beethoven, die Teufelstriller-Sonate von Tartini, Schumanns Fantasie op. 131 sowie Werke von Bach und Spohr—worauf Eduard Hanslick meinte, den größten Geiger der letzten zehn Jahre gehört zu haben. Zurückhaltender war seine Besprechung des Konzertes im ungarischen Stil, das ihm zu umfangreich, zu kompliziert und in seiner Virtuosität zu plakativ erschien, als dass er es beim ersten Hören richtig hätte einschätzen können.

Der erste Satz beginnt mit einer konventionellen Orchesterexposition und einem ungarisch angehauchten Hauptthema. Dazu tritt ein zweites kontrastierendes Thema. Mit dem Einsatz des Solisten beginnt eine technische Darbietung, worauf das erste Thema wiederholt wird, um vor der solistischen Variante des Nebenthemas verarbeitet zu werden. Durchführung und Reprise verlangen eine bedeutende Virtuosität, die in der zum Teil akkompagnierten Kadenz noch weiter entfaltet wird. Der zweite Satz ist eine Romanze in G-dur, deren lyrisches erstes Thema mit einem aggressiveren zweiten Thema kontrastiert. Der Satz endet in einer Reminiszenz an das erste Thema und seine charakteristische, „ungarische“ Endung. Das Finale alla zingara bietet die Möglichkeit zu einem vermeintlich zigeunerischen Überschwang; die Themen des Satzes entsprechen der dominierenden Stimmung und verlangen vom Solisten nicht nur die Bewältigung höchster technischer Schwierigkeiten, sondern auch ein enormes Stehvermögen.


Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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