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8.570993 - DEBUSSY, C.: Orchestral Works, Vol. 2 (Markl) - Nocturnes / Clair de lune / Pelleas et Melisande-symphonie
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Claude Debussy (1862–1918)
Orchesterwerke • Folge 2

 

Claude Achille Debussy wurde am 22. August 1862 in St. Germain-en-Laye als Sohn eines Fayencenhändlers geboren, der sich später mit wechselndem Erfolg anderen Geschäften zuwandte. Mit sieben Jahren erhielt der Knabe seinen ersten Klavierunterricht, den er zwei Jahre später erstaunlicherweise bei Verlaines Schwiegermutter fortsetzte, die ihrerseits eine Schülerin Chopins gewesen sein soll. 1872 kam er ans Pariser Konservatorium, wo er den Plan, als Klaviervirtuose Karriere zu machen, bald zugunsten des Hauptfaches Komposition aufgab. Den Achtzehnjährigen verpflichtete Tschaikowskys Gönnerin Nadeshda von Meck 1880 als Lehrer ihrer Kinder und als Hausmusiker. Als er nach dieser Tätigkeit wieder ans Konservatorium zurückkehrte, wurde er Schüler in der Klasse des Bizet-Freundes Ernest Guiraud. Im Jahre 1883 belegte er den zweiten Platz beim Wettbewerb um den Prix de Rome, und 1884 wurde ihm der Erste Preis zuerkannt—worauf er ein Jahr später nur widerstrebend der Bedingung der Auszeichnung nachkam und sich in der Villa Medici zu Rom niederließ. Immerhin machte er in der Ewigen Stadt die Bekanntschaft mit Franz Liszt. 1887 war er wieder in Paris. Den ersten durchschlagenden Erfolg als Komponist erzielte er 1900 mit seinen Nocturnes. Zwei Jahre danach gelang ihm ein succès de scandale mit seiner Oper Pelléas et Mélisande nach dem Schauspiel von Maurice Maeterlinck. Dieses Werk festigte endgültig seine Position als Komponist von Rang.

Debussys Privatleben verlief nicht eben glücklich. Nach einer etwa siebenjährigen Liaison mit Gabrielle Dupont und einer kurzen Verlobungszeit mit der Sängerin Thérèse Roger heiratete er 1899 das Mannequin Lily Texier, doch schon 1903 begann die Affaire mit der Bankiersgattin Emma Bardac, einer recht begabten Sängerin, für die er 1904 seine Ehefrau verließ, die daraufhin einen Selbstmordversuch unternahm. Viele Freunde des Komponisten reagierten befremdet, als sie erlebten, dass er mit Emma eine gemeinsame Wohnung bezog. 1908—drei Jahre nach der Geburt der gemeinsamen Tochter—heiratete er die Geliebte. Die letzten Lebensjahre verdüsterten der Krieg und eine Krebserkrankung, der er schließlich am 25. März 1918 erlag. Seinen jüngsten musikalischen Plan, eine Folge von sechs Sonaten für verschiedene Instrumentalkombinationen, hatte er bei seinem Tode erst zur Hälfte realisiert.

Der Komponist Debussy war ohne Frage eine der wichtigsten und einflussreichsten Persönlichkeiten des frühen 20. Jahrhunderts. In seiner musikalischen Sprache zeigte er neue Wege auf, die andere weitergingen, während er zugleich mit der poetischen, sinnlichen Art der Orchesterbehandlung und der Klaviertexturen noch weitere Möglichkeiten eröffnete. Aus seiner Oper Pelléas et Mélisande und seinen Liedern spricht ein tiefes Verständnis für die Sprache der Dichter, die er in seiner Musik ohne alle Übertreibungen und jedes Übermaß zum Ausdruck brachte.

Die fünfaktige Oper Pelléas et Mélisande wurde am 30. April 1902 an der Pariser Opéra-Comique unter der Leitung von André Messager uraufgeführt. Sie basiert auf dem gleichnamigen Schauspiel von Maurice Maeterlinck und entspricht damit dem Geist ihrer Zeit schon insofern, als sie eine geheimnisvolle mittelalterliche Traumwelt beschwört. Gleichwohl fand sie erst allmählich öffentliche Anerkennung, als man ihre delikaten Farben, Nuancen und poetische Ausdruckskraft besser verstehen und würdigen lernte.

Der Inhalt: Golaud hat sich bei der Jagd im Wald verirrt. Er stößt auf die weinende Mélisande und überredet sie, mit ihm heim zu kommen. – Ein halbes Jahr später liest Geneviève ihrem Vater Arkel, dem greisen König von Allemonde, in dessen Schloss einen Brief ihres Sohnes Golaud vor. Dieser berichtet in dem Schreiben, Mélisande geheiratet zu haben, und bittet um verständnisvolle Einsicht. Man solle, wenn man mit seiner Wahl einverstanden sei, ein Licht auf die Spitze des Schlossturms stellen. Arkel will sich nicht noch einmal, wie seinerzeit bei Golauds erster Ehe, dem Entschluss des Enkels verweigern, worauf Geneviève ihren zweiten Sohn, Golauds Halbbruder Pelléas, bittet, die Leuchte anzuzünden. In der dritten Szene kommt es dann vor dem Schloss zur ersten Begegnung der beiden Titelhelden. – Im zweiten Akt zeigt Pelléas seiner jungen Schwägerin die zum Schloss gehörigen Parkanlagen. Man kommt zum „Brunnen der Blinden“ und setzt sich an dessen schattigen Rand. Mélisande spielt mit ihrem Ehering, und als es Mittag schlägt, fällt ihr dieser ins Wasser. Just zur Mittagszeit ist Golaud von seinem Pferd gestürzt. Jetzt liegt er auf seinem Ruhelager, um sich zu erholen. Er bemerkt das Fehlen des Eheringes und befiehlt Mélisande wütend, ihn wieder herbeizuschaffen. Da es bereits dunkel ist, solle Pelléas sie begleiten. Pelléas und Mélisande betreten die Grotte, wo der Ring angeblich verloren ging. Sie sehen drei schlafende alte Bettler („im Lande herrscht Hungersnot“, erklärt Pelléas) und schleichen sich davon. – Zu Beginn des dritten Akts steht Mélisande abends am offenen Fenster des Schlossturms, um sich zu kämmen. Pelléas tritt an den Fuß des Turmes und liebkost die langen Haare. Golaud kommt herbei und fordert sie auf, ihre „kindischen Spiele“ zu unterlassen. – Er führt Pelléas zu einer alten Zisterne in den Gewölben des Schlosses: Wer hier ausglitte, wäre des Todes. Am Ausgang der unterirdischen Gänge fordert Golaud seinen Bruder noch einmal unmissverständlich auf, das Spiel vom vorigen Abend nicht noch einmal zu spielen. Vielmehr solle er Mélisande, die inzwischen ein Kind erwartet, ganz meiden. Seinen kleinen Sohn Yniold fragt der eifersüchtige Golaud in allen Einzelheiten danach, was Pelléas und Mélisande tun, wenn sie allein sind. Er hebt den Kleinen auf seine Schultern, damit der ihm sagt, was in Mélisandes Kammer geschieht. – Pelléas ist aufgefordert worden, das Schloss zu verlassen. Er verabredet sich noch einmal mit Mélisande am „Brunnen der Blinden“. Der alte Arkel ist von Mélisandes Schönheit angetan und vernimmt erschreckt, in welch rauhem Ton Golaud mit ihr spricht. – Im Park gestehen Pelléas und Mélisande einander ihre Liebe. Golaud sieht die Umarmung der beiden, erschlägt Pelléas und verwundet Mélisande. – Im letzten Akt sieht man die sterbende Mélisande, die eine Tochter zu Welt hat. Bei ihr sind Arkel, Golaud und ein Arzt. Man solle ihr das Fenster öffnen, damit sie das Meer noch einmal sehe. Als Golaud wissen will, ob sie Pelléas „in verbotener Liebe geliebt“ habe, gibt sie keine Antwort mehr. Das Neugeborene wird an ihrer Stelle weiterleben.

Der in Rumänien geborene Komponist Marius Constant hat nach Debussys Oper ein Orchesterstück eingerichtet, wobei er vornehmlich die instrumentalen Episoden in der ursprünglichen Besetzung benutzte und diese miteinander verband. Seine „Symphonie“ beginnt mit dem Anfang des Bühnenwerkes, der die ferne Welt des Mittelalters und die Waldesstimmung beschwört. In dem Moment, wo Golaud auftritt, springt die Musik zum Schluss der Szene (Begegnung mit Mélisande) und weiter zum nächsten Bild (Geneviève und König Arkel) sowie zum Anfang der dritten Szene. Von hier aus gelangen wir zu dem Moment des zweiten Aktes, in dem eben der Ring verloren ging und zunächst der Entschluss gefasst wurde, Golaud die Wahrheit über den Verlust zu erzählen. Dann erklingen die kurze Einleitung der zweiten Szene, in der Mélisande am Bett ihres Mannes sitzt, nachdem dieser vom Pferd gestürzt war, sowie die erste Szene des dritten Aktes: Mélisande kämmt ihr Haar und lässt es auf Pelléas herabfallen, indessen sie Golaud beobachtet. Der nächste Abschnitt bringt die ersten Takte der zweiten Szene (Golaud und Pelléas bei der alten Zisterne), von dem aus wir direkt zum Vorhang nach der zweiten Szene des vierten Aktes und zum Ende der vierten Szene gelangen, in der Pelléas und Mélisande einander umarmen. Golaud sieht, was geschieht, stürzt mit gezogenem Schwert auf seinen Bruder los und streckt ihn nieder. Nach dem Ende dieses Aktes bringt uns die Musik in das Gemach des Schlosses, in dem Arkel, Golaud und der Arzt bei der sterbenden Mélisande stehen. Diener treten ein und knien nieder, während die Glocken läuten. Die Hörner „singen“ Arkels Worte: „Je n’ai rien entendu“ („Ich habe nichts gehört“), während Mélisande ihren Geist aushaucht.

Clair de lune („Mondenschein“) wurde schon zu Debussys Zeit so bekannt, dass man es kaum mehr mit neuen Ohren wird hören können. Das poetische und bildhafte Werk lässt an die nostalgische Welt denken, die Paul Verlaine in seinen Fêtes galantes beschwor. André Caplet hat den Satz aus der Suite bergamasque, die Claude Debussy zwischen 1890 und 1905 als Klavierwerk komponierte, für Orchester bearbeitet.

Die 1896 vollendeten Nocturnes waren ursprünglich für den berühmten belgischen Geiger Eugène Ysaÿe gedacht. Als solche sind die Stück von dem Dichter Henri de Regnier inspiriert, hießen ursprünglich Trois scènes au crépuscule („Drei Szenen im Zwielicht“) und wurden in ihrer ersten Fassung zwischen 1892 und 1893 konzipiert. Die endgültige Orchesterfassung wurde 1900 vollendet. Der erste Satz mit dem Titel Nuages („Wolken“) bildet den ebenso poetischen wie evokativen Auftakt, in dem sich die Wolkenbewegungen am Himmel spiegeln. Einem Fest in den Bois de Boulogne nachempfunden sind die anschließenden Fêtes, worauf sich der letzte Satz Sirènes („Sirenen“) wieder der zarteren Anfangsstimmung zuwendet: Hier hört man ein Klangbild des Ozeans in all seiner Majestät, Schönheit und Vielgestaltigkeit—und eine Vorahnung der symphonischen Dichtung La mer. Die Sirenen, die der Sage nach die Seefahrer mit ihrem sprichwörtlichen Gesang ins Verderben lockten, sind durch einen vokalisierenden Frauenchor dargestellt.

Die 1915 veröffentlichte Berceuse héroïque war als Hommage an den belgischen König Albert I. und seine Soldaten gedacht. Debussy hat das Klavierstück noch selbst orchestriert. Eine sehr karge und kalte, von fernen Signalhörnern durchsetzte Stimmung bildet den Anfang, und schließlich erklingt La brabançonne, die belgische Nationalhymne.

In seinen 1915 vollendeten, auf zwei Hefte verteilten Douze Etudes hat Debussy unmissverständlich erkennen lassen, wie sehr er Frédéric Chopin verpflichtet war, denn er hat diese zwölf Etüden seinem berühmten Kollegen gewidmet. Damals war er mit einer eigenen Chopin-Edition für den Verleger Durand beschäftigt, doch nach einem schöpferisch unergiebigen Jahr legte er diese nicht befriedigende Arbeit beiseite, um sich wieder der eigenen Komposition zuzuwenden. In einem bescheidenen Brief an seinen Freund André Caplet beschrieb er diese Etüden (von denen Michael Jarrell 1991 drei Stück orchestrierte) als nicht immer gerade unterhaltsame, bisweilen aber raffinierte Arbeiten. Aus dem zweiten Heft stammt zunächst das rasche scherzando mit der Bezeichnung Pour les notes répétées („Tonrepetitionen“). Die zehnte Etüde Pour les sonorités opposées („Gegensätzliche Klänge“) ist eine zarte Beschwörung, und die letzte Studie Pour les accords („Akkorde“) ist, wie der Name sagt, vollgriffiger komponiert.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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