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8.572025 - MARTINU, B.: Piano Music (Complete), Vol. 7 (Koukl)
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Bohuslav Martinů (1890–1959)
Sämtliche Klavierwerke • Folge 7

 

Bohuslav Martinů wurde auf dem Kirchturm des böhmischen Dorfes Polička geboren, das rund 80 Kilometer nördlich von Brünn in der heutigen Tschechischen Republik liegt. Mit dem Komponieren begann er bereits im frühen Alter von zehn Jahren, nachdem er zwei Jahre zuvor erstmals die Geige in die Hand genommen hatte. Er besuchte zwar das Prager Konservatorium, doch wollte es ihm nicht gelingen, das Studium zu einem gehörigen Abschluss zu bringen. Als junger Mann arbeitete er als Orchestergeiger in Prag, bevor er 1923 nach Paris ging, um bei Albert Roussel zu studieren. 1940 floh er vor den immer weiter vorrückenden Nazis in die USA. Martinůwar ein fruchtbarer Komponist. Er schuf mehr als vierhundert Werke, darunter rund achtzig Stücke für Klavier, die allerdings, obwohl sie einen großen Teil seines Schaffens darstellen, bezeichnenderweise im Schatten seiner Orchesterwerke und Kammermusiken stehen.

Im Text zur vierten, ursprünglich als Abschluss der Reihe geplanten CD (Naxos 8.570215) wurde bereits darauf hingewiesen, dass noch immer Manuskripte von bislang unaufgeführten, unbekannten oder verschollenen Werken Martinůs auftauchen. Daher wird jeder Versuch einer enzyklopädischen Gesamtdarstellung in Zukunft womöglich zu erweitern sein. Giorgio Koukl hat inzwischen jedenfalls so viele Klavierstücke ermittelt und eingespielt, dass man damit drei weitere CDs produzieren kann. Zehn Werke der auf der gegenwärtigen Veröffentlichung enthaltenen Stücke sind zum ersten Mal aufgenommen worden.

Das gegenwärtige Programm beginnt mit zwei mehrsätzigen Werken aus der Jugendzeit, deren Titel die Welt der Märchen beschwören. Der erste Zyklus ist das 1910 entstandene Pohádka o Zlatovlásce („Märchen von Goldlöckchen”), der zweite besteht aus den sechs Klavierstücken Z pohádek Andersenových („Nach Andersens Märchen”) von 1912. Das erstgenannte Stück hat weder mit der bekannten britischen Erzählung von den „Drei Bären” noch mit dem französischen Märchen von Marie-Catherine d’Aulnoy etwas zu tun. Es scheint sich vielmehr bei diesem „Goldlöckchen” um eine sehr persönliche Angelegenheit und um ein Mädchen zu handeln, in das sich Martinů damals verliebt hatte, wobei jeder Satz die Liebesgeschichte deskriptiv begleitet. Der Titel des ersten Satzes („Als Goldlöckchen einen blassen Knaben traf ”) enthält den autobiographischen Schlüssel, insofern sich Martinů selbst oft als „den blassen Knaben” bezeichnete. Das handschriftliche Verdikt am Ende des Autographs lässt uns vermuten, dass die Sache—ganz normal für Martinůs damalige Lebensphase—zu keinem guten Ausgang kam: „Es ist niemandem erlaubt, diese Musik zu spielen”, heißt es da. Noch interessanter ist, dass das erste Stück mit einem fast viertaktigen Zitat aus der Oper Elektra von Richard Strauss beginnt, die selbst erst ein Jahr vorher uraufgeführt worden war. Insgesamt siebzehn Takte lang spielt Martinů mit der Ganztonleiter und den Straussischen Harmonien, bevor er sich auf eine eher tonale, seinem eigenen Stil entsprechende Akkordplanung verlegt. Weitere Anspielungen auf Elektra finden sich dann in dem entschiedenen und tumultuösen Schluss des Satzes, der mit dramatischen Es-dur- Akkorden zu Ende geht. Der zweite Satz, eine unbeschwerte Pastorale, scheint eine Impression des Landlebens zu sein—vielleicht ein Kontretanz der Bauern, die sich unter freiem Himmel zum Klang der Dudelsäcke bewegen. Der hartnäckige Rhythmus steigert sich zu immer größerer Eindringlichkeit, derweil parallele Melodien auf verschiedenen tonalen Zentren kadenzieren. Ein einfacher, unkomplizierter, beinahe improvisatorischer und sehr wirkungsvoller Klagegesang ist die nachfolgende Dumka, der sich als nicht minder wirkungsvolles Finale eine Barcarolle anschließt. Der Walzer, den Martinů als fünften Satz geplant hatte, ist über Skizzen nicht hinausgekommen.

Der zwei Jahre jüngere Zyklus Nach Andersens Märchen war möglicherweise zum Zwecke des Unterrichts gedacht und zeigt Martinů von einer weniger charakteristischen Seite als das ältere „Goldlöckchen”. Polonaise, Intermezzo und Novelette sind recht gewöhnlich und weniger interessant als die zweite Hälfte mit Barcarolle, Arabesque und Valse Mignone [sic!]. Von konkreten Andersen- Märchen ist hier nicht die Rede, dafür ergibt sich aus anderen autographen Quellen eine Beziehung zu den Wochentagen—wobei es einmal um die sechs Tage von Montag bis Samstag geht, während eine andere Quelle überdies ein Torso namens Legenda enthält, der womöglich für den Sonntag gedacht war.

Im weiteren Verlauf dieser CD präsentiert Giorgio Koukl eine Folge kurzer Werke, die Martinů an den unterschiedlichsten Stationen seiner schöpferischen Karriere geschrieben hat. Eher zynisch veranlagte Kritiker mögen darin vielleicht den „Staub vom Schreibtisch des Komponisten” hören, doch eben diese Puzzleteilchen helfen uns, das Portrait aus Persönlichkeit, Zeit und Beziehungen zu vervollständigen, und sind daher wichtige Elemente zum Verständnis dieses Künstlers.

Die Ballade H.56 aus dem Jahre 1912 trägt den Untertitel „Chopins letzte Akkorde”. Spezifische Akkorde aus Chopins Klavierwerken sind zwar nicht auszumachen, doch insgesamt erinnert der emotionale Ton dieser sehr romantischen Pièce an dessen berühmtes c-moll-Prélude.

Auf der andern Seite des zeitlichen und emotionalen Spektrums steht A Merry Christmas 1941 H.286bis—ein unverkennbarer Martinů mit den auf beide Hände verteilten, bitonalen Akkorden und den harmonischen Fortschreitungen, die durch die Art ihrer Wiederholung das Metrum verschleiern. Martinů schrieb dieses fröhliche, hoffnungsvolle Stück in Jamaica, New York, für den Widmungsträger Hope Castagnola als Festtagsgruß. Zugleich spiegelt sich darin der erste wichtige Erfolg in Amerika, den der Komponist just in diesem Dezember hatte erringen können, als Serge Kussewitzky und das Boston Symphony Orchestra sein Concerto grosso uraufführten.

Das Kleine Wiegenlied H.122bis aus dem Jahre 1919 ist in einer sehr gelungenen Bogenform geschrieben: Der bewegte Mittelteil könnte das ruhelose Kind darstellen, das gegen die einschläfernde Musik rebelliert, bevor es am unabgeschlossenen „Ende” des Stückes dann doch ins Traumland hinüberschlummert. Während der Sommerferien des Jahres 1929 schrieb Martinů in Polička La Danse H.177, die er dem Schweizer Kollegen Conrad Beck widmete, der sich ein Jahr nach ihm in Paris niedergelassen hatte. Unverkennbar ist Igor Strawinskys Pariser Neoklassizismus, insbesondere der Einfluss seines Konzertes für Klavier und Bläser aus dem Jahre 1924.

Le Train hanté H.286bis ist eine ganz besondere Merkwürdigkeit. Dieses Stück entstand für die berühmte, wenngleich kurzlebige Internationale Ausstellung für angewandte Kunst und Technik, die 1937 im Rahmen der Pariser Weltausstellung stattfand. Insgesamt fünfzehn Komponisten aus der Seine-Metropole hatten damals Stücke für die französische Pianistin Marguerite Long geschrieben. Es gab bei der Ausstellung zwar auch einen Eisenbahn- Pavillon, der sich mit dem Transport auf der Schiene befasste; doch Le Train hanté („Die Geisterbahn”) und andere Stücke der Kollektion hatten nichts mit der echten Eisenbahn, sondern vielmehr mit den verschiedenen Bahnen zu tun, die auf die Besucher der Weltausstellung im Parc d’Attractions warteten. Arthur Honegger widmete seinen Beitrag der Scenic Railway, und Alexander Tscherepnin komponierte Autour des montagnes russes („Russische Berge” ist eine euphemistische Bezeichnung für „Berg-und-Tal-Bahn”).

In dem 1921 entstandenen Prélude H.178 kann man das Klavier wieder einmal mit den „Glockenschlägen” hören, die für den späteren Martinů so typisch sind. Außerdem bildet das Stück die nachdrückliche Einladung, auf das Nachfolgende zu achten. Der Foxtrot H.123bis aus dem Vorjahre ist, obwohl er in Moll beginnt und endet, von fröhlichem Humor erfüllt und zeigt erneut, wie sehr sich Martinů für die populären Tänze Amerikas interessierte. Das Stück sollte nicht mit dem Foxtrott H.126bis verwechselt werden, der auf der ersten CD der vorliegenden Serie veröffentlicht wurde. Jaro („Frühling”) H.127 aus dem Jahre 1921 ist eine attraktive Komposition, die erst vor recht kurzer Zeit aufgefunden wurde. Schnell wird sich der Hörer dabei an Ravel und vielleicht auch ein wenig an Debussy erinnert fühlen.

Die charmanten und reizvollen Kinderstücke H.221 aus dem Jahre 1932 sind insgesamt gar nicht so einfach. Erfolgreich wurde hier jene Pedanterie vermieden, die einem Unterrichtsstück gern den Todeskuss versetzt. Gewidmet sind die Stücke den Kindern des Architekten Bohoslav Šmíd „in Erinnerung an die Ferien in Potstejn.”

Das abschließende Werk dieser CD, Avec un doigt, ist ein spaßiges, nicht aber anspruchsloses Juwel für drei Hände. Das Klangresultat des Ganzen ist so beeindruckend, dass der Neuling stolz auf die Leistungen sein kann, die er mit einem Finger vollbringt. Die zweihändige „Begleitung” ist weltmännisch und von urbanem Chic. Chiara Solari, Giorgio Koukls Frau, spielt in dieser Aufnahme den Solofingerpart.


Mark Gresham und Cary Lewis
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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