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8.572038 - RIES, F.: Flute and Piano Works - Flute Sonatas / Introduction and Polonaise / Variations on a Portuguese Hymn (Grodd, Napoli)
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Ferdinand Ries (1784–1838)
Werke für Flöte und Klavier

 

Es ist erstaunlich, dass man den Namen Ferdinand Ries heute nicht besser kennt, obwohl er doch zu seiner Zeit einer der größten europäischen Pianisten und ein außerordentlich befähigter Komponist war. Bedenkt man seine lange Beziehung zu Ludwig van Beethoven, so vermag man noch weniger zu begreifen, warum die meisten seiner großen Werke missachtet werden.

Ferdinand Ries’ Beziehung zu Beethoven geht bis in die Bonner Zeit zurück. Sein Vater Franz, ein professioneller Geiger und Pianist, war einer der Lehrer Beethovens. Im Oktober 1801 ging der junge Ries, nachdem er einige Monate bei Peter von Winter in München gelernt hatte, nach Wien, wo Beethoven sich inzwischen als Pianist und Komponist etabliert hatte und ihn als Schüler annahm.

Während seiner dreijährigen Ausbildungszeit bei Beethoven war Ries häufig als Sekretär und Kopist seines Lehrers tätig, was seinen später gedruckten Erinnerungen natürlich eine große Glaubwürdigkeit verlieh. Beethoven gab Ries zwar keinen Kompositionsunterricht (den erhielt er bei Johann Georg Albrechtsberger, dem Kapellmeister am Stefansdom), übte auf seine kompositorische Entwicklung aber einen nachhaltigen Einfluss aus. Überdies bereitete er ihm den Weg in die Wiener Musikkreise, und er organisierte das Debüt des Pianisten, der am 1. August 1804 als Beethoven-Schüler das dritte Klavierkonzert cmoll op. 37 seines Lehrers aufführte und dabei Kadenzen aus seiner eigenen Feder benutzte.

Die Napoleonischen Kriege behinderten mehrfach die künstlerische Laufbahn, die dann aber 1809 schließlich doch ihren eigentlichen Anfang nahm. Während der nächsten vier Jahre unternahm er ausgedehnte Europa-Reisen, die ihn 1812 bis nach Russland führten. 1813 wurde er zum Mitglied der Königlich-Schwedischen Musikakademie ernannt, und im folgenden Jahr veröffentlichte er ein beeindruckendes Variationswerk für Klavier und Orchester über schwedische Nationalweisen. Die nächsten elf Jahre seines Lebens verbrachte Ries in London, wo er eine erfolgreiche Karriere als gefeierter Virtuose, Lehrer und Komponist machte. Viele seiner wichtigsten Kammermusiken Kammermusiken wurden im Rahmen der Philharmonischen Konzerte uraufgeführt, bei denen Ries insgesamt eine prominente Rolle spielte. 1824 kehrte er in seine rheinische Heimat zurück. Zunächst lebte er in Bad Godesberg bei Bonn, bevor er seinen Wohnsitz nach Frankfurt am Main verlagerte. Obwohl er sich offiziell im Ruhestand befand, nahm er aktiv an den Niederrheinischen Musikfesten teil, in deren Repertoire sein Schaffen einen großen Raum einnahm. 1834 wurde er überdies Leiter des Städtischen Orchesters und der Singakademie von Aachen. In diesen letzten Jahren arbeitete er gemeinsam mit Fritz Wegeler an den einflussreichen Biographische[n] Notizen über Ludwig van Beethoven, die im Jahr seines Todes veröffentlicht wurden.

In dem umfangreichen Schaffen von Ferdinand Ries nehmen Klavierwerke und Kammermusiken, die um sein Instrument kreisen, begreiflicherweise einen zentralen Platz ein. Viele der kleineren Kompositionen zielten stilistisch ganz unverhohlen auf den Geschmack des großen Publikums. Als freiberuflicher Komponist, ausübender Musiker und Lehrer wusste Ries, wie riskant es war, diesen Markt zu missachten. Daher schrieb er neben seinen umfänglicheren und ernsteren Stücken mit Vergnügen Fantasien, Variationen über populäre Opernweisen und ähnliches, wie es beispielsweise auch Johann Nepomuk Hummel und andere Kollegen zu tun pflegten. Dasselbe Verhältnis herrscht auch bei der Flötenmusik und den zahlreichen Klavierstücken, die Ries komponiert hat. Gehaltvollen Werken wie dem Trio op. 63 oder der Sonate sentimentale op. 169 stehen kleinere Sachen wie das Rondo Le garçon volage op. 85 Nr. 3 oder die „Fantasien über Themen aus Rossinis Armida“ op. 133 gegenüber, in denen die Flöte ad libitum eingesetzt wird. Die vier auf dieser CD vorliegenden Werke stellen einen Querschnitt aus Ries’ Flötenkompositionen dar.

Seit er die beiden Klaviersonaten op. 1 mit einer Widmung an seinen Lehrer Beethoven herausbrachte, erwies Ferdinand Ries immer wieder bewunderten und geschätzten Musikern wie Joseph Haydn, Muzio Clementi und Ignaz Moscheles seine Reverenz. Vor diesem Hintergrund ist die Tatsache, dass er keines seiner Flötenstücke einem bekannten Flötisten dedizierte, gleich doppelt bedauerlich, da es auch in seinen Briefen keinerlei Hinweise darauf gibt, an wen er bei den jeweiligen Kompositionen gedacht haben mochte. Gleichwohl lassen sich Vermutungen darüber anstellen, vorausgesetzt, dass wir etwas über Ort und Zeit der Entstehung wissen. Das Trio op. 63 verfasste Ries, als er sich 1815 in Bath aufhielt—eingeladen von dem Flötisten Andrew Ashe (1759–1841), der von 1810 bis 1820 die dortigen Konzerte leitete und mit Johann Peter Salomon befreundet war. Dieser wiederum hatte einst Ries senior unterrichtet und dem Junior in jüngster Zeit geholfen, sich in London zu etablieren. Ashe hatte sein Londoner Debüt mit der Aufführung eines eigenen Flötenkonzertes gegeben und eine sehr erfolgreiche Karriere gemacht: 1792 war er beispielsweise bei Salomons berühmten Konzerten in den Hanover Square Rooms aufgetreten, und später gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Philharmonischen Gesellschaft.

Diese Umstände nähren die—allerdings bisher nicht zu belegende—Vermutung, dass Ries einige Werke für Ashe geschrieben hat. Denkbar wären allerdings auch Louis Drouët (1792–1873), der sich im März 1816 erstmals bei der Philharmonischen Gesellschaft vorstellte; Charles Nicholson (1795–1837), einer der überragenden englischen Flötisten; oder Anton Fürstenau (1792–1852), über den Ries versuchte, Carl Maria von Webers Dresdner Posten zu erlangen, und für den er seine drei Quartette WoO35 geschrieben haben könnte. Es gibt jedoch keinerlei Dokumente, die einen dieser Kontakte belegten: Ries könnte Musik für jeden dieser Flötisten geschrieben haben—oder auch für keinen von ihnen. Allerdings lassen Indizien vermuten, dass er keine Flötenmusik komponierte, bevor er nach England kam (wobei die Beweismittel natürlich unvollständig sein könnten).

Nach allem, was wir wissen, muss Ries die hier vorliegenden Stücke entweder in den englischen Jahren (1813–1823) oder kurze Zeit nach der Rückkehr in die Heimat komponiert haben. Von seinen zwei Sonaten ist die Sonate sentimentale op. 169 sicherlich das eindrucksvollere eindrucksvollere Werk. Ort und Datum der Komposition stehen nicht fest, auch wenn die autographe Partitur etwas anderes zu sagen scheint: 7me Sonata pour le Piano Forte avec une Flute obligée composée par Ferd: Ries. Godesberg 1814 / op.169 heißt es dort, doch Ries hat viele seiner Kompositionen erst um die Mitte der zwanziger Jahre nachträglich datiert, als er ein Verzeichnis seiner sämtlichen Werke anfertigte. Dabei kam es allerdings so häufig zu Irrtümern, dass Cecil Hill für seinen thematischen Katalog nicht Ries’ eigene Liste als wichtigstes Hilfsmittel der Datierung verwandte, sondern lieber auf stichhaltigere fremde Quellen zurückgriff.

Die Sonate sentimentale op. 169 war das letzte Werk, das Ries in sein Verzeichnis eintrug, und wieder einmal ließ ihn sein Gedächtnis im Stich, als es um Ort und Zeit der Entstehung ging. Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass er das Werk 1814 in Godesberg geschrieben hat, da er seinerzeit in London lebte. Zwar könnte er einen Abstecher nach Deutschland unternommen haben, doch vor dem Hintergrund so vieler anderer Fehler dürfte auch in diesem Fall ein Irrtum wahrscheinlich sein. Die Jahreszahl könnte stimmen, doch wird Ries diese schöne Sonate wohl eher in England geschrieben haben. Einer der interessantesten Aspekte des Werkes ist die Abweichung der Originalfassung und der 1834 erstmals publizierten Druckausgabe. Der Umfang der Veränderungen spricht für eine erhebliche Revision des Komponisten und nicht für eine Verstümmelung des ursprünglichen Notentextes von fremder Hand. Besonders auffallend ist die nachträgliche kurze Einleitung des Kopfsatzes; doch auch andere Passagen sind gründlich umgearbeitet und mitunter auch durch die Einfügung zusätzlichen Materials erweitert worden.

Obwohl die anderen Werke sich in ihrer Länge und Komplexität unterscheiden, tragen sie alle den Stempel des versierten und erfahrenen Komponisten. Das zeigt sich sowohl in der großen Struktur als auch im kompositorischen Detail. Die Themen sind attraktiv und interessant, die harmonische Sprache abwechslungsreich und farbig, die Beherrschung der Balance und Texturen meisterhaft. Die beiden Instrumente werden nicht als völlig gleichberechtigte Partner behandelt, da das Klavier dem Komponisten ein weit größeres Spektrum an Ausdrucks-möglichkeiten bietet als die Flöte. Dennoch beschränkt sich die Aufgabe des Blasinstruments nicht auf die Präsentation des thematischen Materials oder die Verzierung des musikalischen Verlaufs durch blendende Arabesken; vielmehr wird die Flöte auch zur Verstärkung der musikalischen Textur und für diskrete Tönungen des harmonischen Kolorits benutzt.

Der idiomatische Flötensatz, dessen sich Ries befleißigt, ist bisweilen brillant, übersteigt aber nie die technischen Möglichkeiten eines fortgeschrittenen Amateurs. Nicht anders als viele kleinere Klavierstücke waren auch Werke wie Introduktion und Polonaise oder die Variationen über ein portugiesisches Kirchenlied (dabei handelt es sich um Adeste fideles) für die Käufer der kultivierten Mittelschicht gedacht. In zeitgenössischen Besprechungen attestierte man diesen Kreationen die gediegene Harmonik und Struktur sowie das Fehlen schroffer, greller Dissonanzen auch dort, wo der Komponist chromatische Harmonien verwendet. Zudem seien sie nur für die tüchtigsten Spieler gedacht. Vielleicht stehen sie nicht für die besten Sachen, die Ries geschaffen hat, doch sie können gleichermaßen die professionelle Vollendung illustrieren, die dieser Komponist auf all seine Schöpfungen verwandte.


Allan Badley
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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