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8.572048 - ZEMLINSKY, A.: Lyric Symphony / BERG, A.: 3 Pieces from the Lyric Suite (Robinson, Trekel, Houston Symphony, Graf)
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Alexander von Zemlinsky (1871–1942): Lyrische Symphonie
Alban Berg (1885–1935): Lyrische Suite

 

Alexander von Zemlinsky, der Lehrer, Freund und Schwager Arnold Schönbergs, ein Wiener Musiker, der nach erfolgreichen Jahren in Prag und in Berlin schließlich den Weg in die Emigration gehen musste (er starb 71 jährig in New York), trat mit bedeutenden Bühnenwerken, Orchesterwerken, Liedern und Kammermusik hervor. Die Lyrische Symphonie für Orchester, eine Sopran—und eine Baritonstimme Opus 18, im August 1923 vollendet, gehört zu seinen bedeutendsten Werken. Sie setzt sich aus sieben „Gesängen“ nach Gedichten des indischen Dichters Rabindranath Tagore zusammen, die abwechselnd von einer Bariton—und einer Sopranstimme vorgetragen werden. Zemlinsky stellte die Gedichte derart zusammen, dass sie eine Liebesgeschichte erzählen, die mit Trennung und Abschied endet.

Thema des erste Gedichts ist die Beschwörung der Transzendenz, die metaphysische Sehnsucht, der „Durst nach fernen Dingen“. Das zweite Gedicht signalisiert die Bereitschaft eines jungen Mädchens zur Hingabe. Im dritten Gedicht definiert Tagore die Liebe als Projektion eigener Wünsche und Sehnsüchte. Das vierte Gedicht—das Zentrum des Zyklus bildend—ist als zärtliche Szene konzipiert. Das fünfte Gedicht markiert die Peripetie: Vom Freiheitsdrang getrieben sucht der Mann den Zauber der Liebe zu bannen. Kernidee des sechsten Gedichts ist die Vorstellung, dass die Liebe einem Traum gleiche. Das letzte Gedicht besingt das „süße Scheiden“, das wundervolle Ende.

Zemlinsky nannte sein Werk Lyrische Symphonie, nicht etwa einen Zyklus von Orchestergesängen. Die Bezeichnung Symphonie mag nicht so willkürlich erscheinen, wenn man bedenkt, dass er die sieben Gesänge ohne Unterbrechung aufeinanderfolgen oder ineinandergehen lässt, dass er der Zyklus mit einem längeren Vorspiel eröffnet und mit einem Nachspiel beschließt, und schließlich, dass bestimmte Themen leitmotivisch durch das Werk ziehen.

Der erste Gesang Ich bin friedlos, mit 190 Takten breit ausgeführt, entspricht dem Gewicht nach durchaus einem ersten Symphoniesatz. In ein Vorspiel und drei Strophen gegliedert, basiert er im wesentlichen auf zwei alternierenden Themenkomplexen. Der zweite Gesang Mutter, der junge Prinz, vierteilig angelegt, trägt im „Hauptsatz“ (Grundtonart A-dur) vielfach scherzandoartige Züge, während der „Seitensatz“ (Grundtonart: Des-dur) ausgesprochen kantabel gehalten ist. Der dritte Gesang Du bist die Abendwolke ist der ganzen Konzeption nach das Adagio—und, man muß hinzufügen—das Herzstück der Symphonie. Diese drei Sätze fesseln durch die Erweiterung der Tonalität, durch die raffinierte Harmonik, die ständig mit Überraschungen aufwartet, durch die Dichte des symphonischen Gewebes, durch die Brillanz der Instrumentation und nicht zuletzt durch die Differenzierung und Steigerung des Ausdrucks.

Die drei folgenden Sätze, zum Teil kürzer disponiert, lassen sich mit Intermezzi vergleichen. Der vierte Gesang Sprich zu mir Geliebter, stets „äußerst zart“ vorzutragen, wirkt wie ein Arioso. Der rhythmisch sehr prägnante fünfte Gesang Befrei mich von den Banden Deiner Süße, Lieb! ist dagegen „feurig und kraftvoll“, gegen Schluß sogar „stürmisch“ vorzutragen. Der sechste Gesang Vollende denn das letzte Lied, über einem Orgelpunkt aufgebaut, trägt Züge eines Sprechgesangs und nähert sich auch sonst auffällig Schönbergs atonalem Idiom. Das Finale Friede, mein Herz schließlich ist seinem ganzen Habitus nach ein langer Abgesang.

Von Zemlinskys Lyrischer Symphonie führt ein direkter Weg zu einem Meisterwerk der Neuen Musik: zu Alban Bergs Lyrischer Suite. Das hochambitionierte Werk basiert auf einem geheimen, ausgearbeiteten Programm und erzählt in sechs Sätzen gleich einer autobiographischen Novelle die Geschichte der passionierten, aber unerfüllten Liebe des Komponisten zu Hanna Fuchs-Robettin, der Frau eines Prager Industriellen. Hanna erwiderte Bergs Gefühle. Die Liebe war ebenso pathetisch wie gegenseitig, aber von vornherein hoffnungslos, weil weder Berg seine Frau Helene noch Hanna ihren Mann und ihre beiden kleinen Kinder verlassen wollte. Gleichwohl stürzten Berg seine Empfindungen für Hanna in eine schwere Krise. Mehrere Jahre lang gingen Liebesbriefe von Wien nach Prag.

Der erste Satz des Werkes, das „Allegretto gioviale“, dient als eine Art Einleitung. Der zweite Satz, das „Andante amoroso“, ist als eine Art Szene im Hause Hannas gedacht. Der dritte Satz, das „Allegro misterioso“, signalisiert das Liebesgeständnis. Der vierte Satz, „Adagio appassionato“, ist aus der Vorstellung eines Liebesdialogs heraus entstanden. Der fünfte Satz, „Presto delirando“, verleiht den fast wahnsinnigen Zustand des Komponisten Ausdruck, nachdem er Prag verließ und nach Wien zurückkehrte. Das Finale aber konzipierte Berg als ein Lied ohne Worte. In dem für Hanna Fuchs-Robettin bestimmten Exemplar der gedruckten Partitur sind an mehreren auffällig kantablen Stellen allen vier Instrumenten die Worte eines Gedichts von Charles Baudelaire, De profundis clamavi, unterlegt. Dieses „Largo desolato“ schließt „ersterbend in Liebe, Sehnsucht und Trauer“.

In den Jahren 1925 und 1926 entstanden, erlebte die Lyrische Suite ihre Uraufführung am 8 Januar 1927 durch das berühmte Kolisch-Quartett. Einige Zeit danach bearbeitete Berg den zweiten, den dritten und den vierten Satz für Streichorchester. Diese Bearbeitung wurde am 31 Januar 1929 unter der Stabführung von Jascha Horenstein in Berlin uraufgeführt.

Von dem „Andante amoroso“ meinte Berg in einem Brief an Hanna, seine Musik sei die schönste, die er je geschrieben habe. Der rondohaft gebaute Satz porträtiert Hanna und ihre beiden Kinder, den siebeneinhalbjährigen Munzo und die vierjährige Dorothea. In dem erwähnten annotierten Exemplar schrieb Berg über diesen Satz: „Dir und Deinen Kindern ist dieses ‘Rondo’ gewidmet: eine musikalische Form, in der die Themen (namentlich Deines)—den lieblichen Kreis schließend—immer wiederkehren.“ Zeichnet sich das Thema Hannas (Tempo I) durch Expressivität und Zartheit aus, so trägt das Thema Munzos (Tempo II) ländlerartige Züge, wahrend das „Thema“ Dodos (Kosename für Dorothea, Tempo III) nichts anderes als ein ostinat repetierter synkopischer Rhythmus auf dem Ton c (do) ist.

Exzeptionell ist im dreiteiligen „Allegro misterioso“ der Klangcharakter der Eckteile. Ihre Musik mutet wie ein Osrinato, ein Perpetuum mobile, eine fast rastlose Bewegung in Sechzehnteln an. Die Dynamik überschreitet die Pianissimo-Sphäre kaum, der ganze Satz ist mit Dämpfer zu spielen, die Partitur wimmelt von relativ ungewöhnlichen spieltechnischen Anweisungen. Berg selbst präzisierte im annotierten Exemplar den Klangcharakter des Satzes mit den Formulierungen „wie ein Geflüster“ und „geflüstert“. Flüsternd gesteht der Erzähler der Geschichte seine Liebe.

Das „Adagio appassionato“ schließlich führt den emotionellen Höhepunkt des Werkes herbei. Wichtig für die poetisch-musikalische Konzeption des Satzes war die Vorstellung einer wogenden Musik, deren Signum von Anfang an das Gewoge, das Auf und Ab ist. Der Satz erwuchs aus der Vorstellung eines leidenschaftlichen Liebesdialogs heraus, der schließlich „ins ganz Vergeistigte, Seelenvolle, Überirdische verebbt“. An zwei Stellen zitieren zuerst die Bratsche und später die zweite Violine eine Phrase aus Zemlinskys Lyrischer Symphonie, und zwar die bedeutsame Wendung „Du bist mein Eigen, mein Eigen“.

Berg war mit Zemlinsky befreundet, die Lyrische Suite ist ihm zugeeignet. In Wirklichkeit ist das Werk Hanna Fuchs-Robettin, der fernen und unsterblichen Geliebten, gewidmet. In einem Brief an sie schrieb Berg, dass jede Note des Werkes ihr geweiht sei.


Constantin Floros


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