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8.572051 - SCHUBERT, F.: Symphony, "Death and the Maiden" (arr. A. Stein) / Symphony No. 8, "Unfinished" (completed by B. Newbould and M. Venzago) (Falletta)
English  German 

Franz Schubert (1797–1828)
Symphonie Nr. 8 h-moll (vervollständigt von Brian Newbould und Mario Venzago)
Streichquartett d-moll „Der Tod und das Mädchen“ (Adaption für Orchester von Andy Stein)

 

Es gab in Wien wohl nur wenige Menschen, die weniger Geld hatten als Franz Schubert, und doch hätten Könige noch Königinnen keinen größeren Reichtum mitzuteilen gehabt. Schuberts Vermögen war die Melodie. Wie aus einem Jungbrunnen entströmten seiner Feder bereits meisterhafte Lieder, als er noch ein Jüngling war. Dann kamen die Sonnenstrahlen seiner Kammermusik und der acht Symphonien, der Ouvertüren, Opern und Ballette sowie eine Summe von mehr als sechshundert exquisiten Liedern und eine Schatzkammer voll geistlicher Werke—als hätte er das alles dem Jenseits entliehen. Als Beethoven meinte, in Schubert zeigte sich ein Götterfunke, da hat er den Sachverhalt wohl am besten getroffen. Mehr als eintausend Werke hinterließ Franz Schubert, als er mit nur 31 Jahren verstarb. Ein erstaunliches Resultat!

Hinsichtlich der 1822 entstandenen Symphonie Nr. 8 stellt sich immer wieder dieselbe Frage: Warum endet das Werk nach nur zwei Sätzen? Schubert hat ja ein paar Takte zu einem Scherzo skizziert, das den dritten Satz hätte bilden sollen. Ferner schrieb er weitere großformatige Orchesterwerke und vollendete 1828 seine letzte, die berühmte „große“ Symphonie in C-dur.

Die Historiker nehmen an, dass Schubert durch ein besonderes Ereignis von der sogenannten Unvollendeten abgebracht wurde. Bekannt ist freilich nur, dass er 1823 die Partitur der ersten zwei Sätze einer prominenten Wiener Familie überließ, womit er vielleicht eine Schuld zu begleichen gedachte. Das Werk lag bis 1842 unter Verschluss. Dann wurde es wiederentdeckt und 1865 schließlich erstmals aufgeführt. Schubert-Biographen vermuten, dass der Komponist das Projekt ganz schlicht aufgrund einer schweren Erkrankung aufgegeben habe. Diese Annahme überzeugt insofern, als Schubert selbst offenbar geahnt hat, welch kurze Lebensspanne ihm zugemessen war. Er schrieb damals:

„Tödt’ es mich und mich selber tödte, stürz nun Alles in die Lethe, und ein reines, kräft’ges Sein lass’, o Großer, dann gedeih’n.“ (Der griechischen Mythologie zufolge schenkte ein Trunk aus dem Fluss Lethe süßes Vergessen.)

Die achte Symphonie wird allenthalben als „unvollendetes Meisterwerk“ aufgeführt und aufgenommen. Seit über einem Jahrhundert haben allerdings mehrere aufrichtige Schubert-Verehrer ihre eigenen Vervollständigungen zur Diskussion gestellt. Die hier vorliegende, viersätzige Kompilation ist das Ergebnis einer genauen Forschungsarbeit.

Nach Schuberts ersten zwei Sätzen kommt das Scherzo des englischen Historikers Brian Newbould, der viele Jahre den Vorsitz des Schubert-Instituts innehatte und sich bei seiner Realisation auf Schuberts Notizhefte beruft, die Klavierskizzen sowie ein zwanzigtaktiges Partiturfragment enthalten.

Auch für den letzten Satz liefert Schubert die Quellen. Es handelt sich dabei um einen der Entr’actes aus der Musik zu Wilhelmina von Chézys Schauspiel Rosamunde, Fürstin von Zypern. Zur Information: Diese Bühnenmusik für Sopran, Chor und Orchester schrieb Schubert kurze Zeit nachdem er die unvollendete Symphonie beiseite gelegt hatte. Daraus schließt die Wissenschaft, dass der ebenfalls in h-moll stehende, für die Pausen zwischen dem ersten und zweiten Aufzug gedachte Entr’acte möglicherweise das Finale der Symphonie hätte werden sollen. In der Rosamunde-Musik gibt es weiterhin zwei Ballettszenen (Allegro moderato; Andantino), und auch diese sind in der hier eingespielten, von dem Schweizer Dirigenten Mario Venzago erstellten Fassung enthalten.

Die Musik dieses vielbewunderten Meisterwerkes ist so perfekt gebildet wie eine antike Vase der alten Hellenen—rank und schlank und lyrisch und bei jeder neuen Betrachtung nur noch entzückender. Allerorten finden wir melodische Juwelen und aufrüttelnde Phrasen über düster getönten Harmonien. Es klingt, als sollte eine Geschichte erzählt werden: Wir können die Dramatik fühlen, die eindringliche Bitte spüren—ernst und edel, heiter und gelassen klingt diese Musik, in der sich die Ideale zu spiegeln scheinen, die im Jahre 1819 ein anderer junger Künstler ausgedrückt hat:

Süß sind Melodien, die erklingen, doch süßer noch die,
die man nicht hört; daher spielt weiter, zarte Flöten.
Schönheit ist Wahrheit, Wahrheit Schönheit—das ist,
was ihr auf Erden wisst, und alles, das ihr wissen müsst.
Ode an eine griechische Vase, John Keats (1795–1821)

Zu Schuberts meistgespielten Kammermusikwerken gehört das Streichquartett d-moll Der Tod und das Mädchen, das er 1824 auf den Text und die Musik seines gleichnamigen Liedes op. 7 Nr. 3 aus dem Jahre 1817 komponierte. Darin vertonte Schubert ein Gedicht des deutschen Romantikers Matthias Claudius (17401815), in dem es letztlich um einen alten europäischen Mythos geht, demzufolge ein Herrscher—hier der Tod—von der Braut eines Leibeigenen jus primae noctis verlangte. Sollte sie sich weigern, werde der Verlobte den Hochzeitstag nicht überleben. Das Mädchen singt: „Vorüber! Ach, vorüber! Geh wilder Knochenmann! Ich bin noch jung, geh Lieber! Und rühre mich nicht an.“ Worauf der Tod erwidert: „Gib deine Hand, du schön und zart Gebild! Bin Freund, und komme nicht, zu strafen. Sei gutes Muts! ich bin nicht wild, sollst sanft in meinen Armen schlafen!“

Der Tod und das Mädchen ist in jeder Hinsicht ein klassisches Quartett, kann aber auch genauso als romantische Tondichtung betrachtet werden. Durchweg erzeugt Schubert mit seiner melodischen Palette ein Tongemälde, das das dramatische Szenario der Handlung illustriert. Von Bedeutung ist auch die Wahl der Tonart, worauf die Historikerin Brigitte Massin hingewiesen hat, als sie feststellte, dass Schubert das d-moll besonders in seinen Liedern gern für den schmerzlichen Ausdruck des Todes, der Buße, schemenhafter Träume und verschleierten Mondlichts verwendet hat.

Ahnungsvoll und streng in einem, spricht das erste, trotz seiner Sonatenform rhapsodisch fließende Allegro vom Entsetzen über den Antrag des Todes. Der zweite Satz, Andante con moto, steht in g-moll und bietet über einem eindringlichen Puls die Worte des Todes, woran sich fünf Variationen anschließen, deren fünfte sich nach G-dur wendet, ehe die düstere Wirklichkeit wiederkehrt.

In dem recht kurzen Scherzo-Allegro spiegelt sich erneut die Phantasmagorie des grausigen Gastes, wobei dem Mädchen in dem Dur-Trio vorübergehend tröstliche Dinge vorgegaukelt werden. Das brillante Rondo-Finale fährt im Sturmwind einer klassischen Tarantella dahin, greift auf frühere Elemente und kryptische Erinnerungen zurück und jagt in wirbelnden Variationen seinem Ende entgegen.

Über seine Adaption des Werkes schreibt der amerikanische Komponist und Arrangeur Andy Stein:

„Dieses Arrangement unterscheidet sich radikal von Mahlers bekannter Deutung, da hier nicht nur ein Streichorchester, sondern auch die gewohnten acht Holzbläser nebst vier Hörnern, zwei Trompeten und Pauken eingesetzt werden. Bei diesem Stück dürfte es sich um die bedeutendste Leistung Schuberts auf dem Gebiet des großformatigen Komponierens handeln, die darunter zu leiden hat, dass sie als Streichquartett nur ein begrenztes Publikum hat.

Kurz gesagt: Ich habe versucht, aus diesem großen Kammermusikwerk eine Symphonie der späten Klassik und frühen Romantik zu machen, die vielleicht so klingt, wie Schubert mit diesen Mitteln ausgeführt hätte. Als ich allmählich jedes Thema und jeden Abschnitt klanglich zu konkretisieren begann, erwachte das Projekt zu einem eigenen Leben, und alles passte zusammen wie ein schönes, riesenhaftes Puzzle. Dabei war ich mir durchaus des Risikos bewusst—dass ich möglicherweise eine Bleistift- und Tuschzeichnung von Leonardo mit Acrylfarben zu kolorieren versuchte.“

„Ein größeres Problem war die Frage, ob ich zwei Hörner und drei Posaunen oder vier Hörner in zwei Stimmungen verwenden sollte. Schubert benutzte diese in seiner vierten Symphonie c-moll, der Tragischen, jene in seiner „großen“ C-dur-Symphonie und in der „Unvollendeten“ in h-moll. Ich halte die traditionellere Aufstellung mit vier Hörnern für besonders spannend und glaube, dass sie zu diesem speziellen Werk passt, in dem es durchweg auch um ,tragische’ Inhalte geht.“

 

Edward Yadzinski
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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