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8.572060 - Guitar Recital: Dylla, Marcin - RODRIGO, J. / TANSMAN, A. / MAW, N. / PONCE, M.
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Marcin Dylla: Gitarren-Recital

Joaquín Rodrigo (1901-1999): Junto al Generalife
Alexandre Tansman (1897-1988):
Variationen über ein Thema von Skrjabin
Nicholas Maw (b. 1935): Musik der Erinnerung
Manuel Ponce (1882-1948):
Sonata Romántica (Hommage à Schubert)

 

Das vorliegende Programm enthält Gitarrenmusik aus Spanien, Mexiko, Polen und Großbritannien, die zugleich etwa sechs Jahrzehnte aus der Entwicklungsgeschichte des Instruments widerspiegelt. Dabei ist Rodrigos Junto al Generalife das impressionistische Portrait eines alten spanischen Gartens, während Manuel Ponce sich nicht von seiner Heimat Mexiko, sondern von Europa inspirieren ließ, um Schubert und der romantischen Tradition seinen Tribut zu zollen. Tansman integriert in seine Variationen zwar auch polnische Elemente, erliegt aber vor allem den Klängen des erstaunlichen Themas, das nur ein Russe wie Alexander Skrjabin geschrieben haben kann. Und endlich wählte der Engländer Nicholas Maw ein Streichquartett von Mendelssohn als Ausgangspunkt seiner Komposition.

Wo sich derart viele kosmopolitische Aspekte miteinander verbinden, gibt es nur ein zentrales Bindeglied – dass nämlich alle Stücke von den Möglichkeiten der klassischen Gitarre inspiriert sind, die ein wahres Chamäleon ist, Komponisten aller Länder interessiert und einige ihrer brillantesten Merkmale hervorbringt. Die Gitarre scheint also, wenn man ihre Fortschritte im 20. Jahrhundert betrachtet, die einfachen Grenzen nationaler Identitäten zu transzendieren und eine Mischung von Stilen und Farben zu bieten, auf die das Publikum in aller Welt vorbehaltlos reagiert.

Joaquín Rodrigo, der Autor des bekannten Concierto de Aranjuez, gilt als einer der großen spanischen Komponisten des 20. Jahrhunderts, und seine Gitarrenmusik gehört zu den Eckpfeilern des Repertoires. Im Laufe vieler Jahre hat Rodrigo die spanische Seite der Gitarre erforscht, wobei er auch auf die großartige, bis ins 16. Jahrhundert zurückreichende Historie der Zupfinstrumente einging. Zwar hat er nur etwa zwei Dutzend Stücke für Gitarre geschrieben, doch deren Bedeutung ist weit größer als die bloße Summe ihrer Teile, da sich in ihnen der außergewöhnliche, über Jahrzehnte hin entstandene Sinn für die Natur des Instrumentes zeigt.

Junto al Generalife („In der Nähe des Generalife“) ist Siegfried Behrend gewidmet, in dessen Edition das Stück 1957 bei dem Berliner Verlag Bote & Bock herauskam. Der Generalife ist der Palastgarten der einstigen Könige von Granada – arabisch Jannat al’Arif („der Garten des Architekten“) – der an den Hängen des Cerro del Sol gelegen ist und die Stadt überblickt.

Rodrigo meinte dazu: Jedermann kennt die zauberhaften Gärten des Generalife bei der Alhambra; man hört hier das zarte Rauschen duftiger Brisen und fernes Glockenläuten, indessen sich Blumen hinter Myrthenbüschen verstecken. Und dort ruht und träumt auch die Gitarre.

Der Generalife zeigt also starke klangliche und visuelle Beziehungen zu Wasser und Vogelgesang, und diese Eindrücke werden auch durch die Musik evoziert. Junto al Generalife besteht aus zwei Teilen. Die Introduktion ist ein zartes lento e cantabile mit quasi improvisatorischen, flamencoartigen, von vollen Akkorden durchsetzten Skalenpassagen. Darauf folgt ein Allegro, das an Albéniz’ Rumores de la Caleta und die Malagueña erinnert. Der Mittelteil dieses Abschnitts besteht aus tremoli, die Rodrigo selten benutzte und die hier der Thematik der granadinas ähneln – einer Form des Flamenco, die bei den Zigeunern aus Granada ihren Ursprung hat. Danach kommen die Reprise und eine Coda, deren feurig abstürzende Triolen mit Passagen aus dem Kopfsatz des Concierto de Aranjuez verwandt scheinen.

Der aus Polen stammende Alexandre Tansman lernte Andrés Segovia 1921 in Paris kennen und ließ sich überreden, für die Gitarre zu schreiben. Sein OEuvre umfasst Opern, Ballette, neun Symphonien, Konzerte, Filmmusiken, Vokal- und Kammermusik sowie Werke für Klavier und andere Soloinstrumente. In den zwanziger und dreißiger Jahren bereiste er die USA, Europa, den Nahen Osten und Indien, wo er als Solist seiner eigenen Klavierkonzerte auftrat. 1938 wurde er französischer Staatsbürger, musste dann aber in die USA emigrieren, wo er enge Freundschaft mit Komponisten wie Schönberg, Strawinsky und Milhaud schloss. 1946 kehrte er nach Frankreich zurück.

Seine Variationen über ein Thema von Skrjabin aus dem Jahre 1972 sind Segovia gewidmet. Bei dem Thema handelt es sich um das Prélude es-moll op. 16 Nr. 4 für Klavier, das Segovia bereits 1945 bei der New Yorker Celesta Publishing Co. als Gitarrenstück (in hmoll) publiziert hatte. Die sehr einprägsame Melodie ist durch markante Akkordfortschreitungen geprägt, wobei Tansman allerdings verschiedentlich die originale Harmonisierung der Vorlage verändert hat. Seine Komposition besteht aus sechs Variationen. Als erstes legt er das Thema in den Bass und die Begleitung in den Diskant. Die zweite, etwas raschere Variation erkundet das harmonische Potential der skrjabinschen Melodie, während die dritte Veränderung ein virtuoses Vivo in Sechzehnteln ist. Die vierte Variation verlässt die Ausgangstonart und arbeitet mit einigen kunstvollen harmonischen Modulationen. Die fünfte Variation, Allegretto grazioso (quasi Mazurka), ist eine Hommage des Komponisten an Polen: Er würzt hier den Nationaltanz des Landes mit einem Spritzer Humor und Elementen, die Johann Sebastian Bach beschwören. Die letzte Variation ist ein Fugato, das in kontrapunktischen Verarbeitungen den melodischen Implikationen des Themas nachgeht, das selbst zum Schluss noch einmal in einer zarten, leicht veränderten Version erklingt.

Nicholas Maw wurde 1935 in der englischen Stadt Grantham geboren und gehört zu den bedeutendsten britischen Gegenwartskomponisten. Er studierte bei Paul Steinitz und Lennox Berkeley an der Londoner Royal Academy of Music sowie bei Nadia Boulanger und dem Schönberg-Schüler Max Deutsch in Paris. Er schrieb Orchesterwerke, Kammermusik, Vokalmusik, Konzerte, komische Opern, Kompositionen für Soloinstrumente und Musik für Kinder.

Die Music of Memory entstand im Mai und Juni 1989 in Washington DC und ist Eliot Fisk gewidmet. Der Komponist schrieb dazu: Das Stück ist eine ziemlich frei organisierte Folge von Variationen (von denen sich einige allerdings besser als „Meditationen’“ beschreiben ließen) über das Intermezzo aus Mendelssohns Streichquartett a-moll op. 13. Mendelssohns Vorlage ist ein einfaches Lied in ABAForm. Dieses wird in meinem Stück nirgends vollständig dargestellt; vielmehr sind die Teile voneinander getrennt und durchweg eingelagert, so dass der Hörer selbst dann wie von Geisterhand daran erinnert wird, wenn die eigentlichen musikalischen Ereignisse recht entlegen scheinen.

Die Gesamtform ist ebenfalls ein Resultat des dreigliedrigen Originalthemas. Nach einer recht dramatischen Einleitung wird die erste Phrase des Themas exponiert, auf die drei Variationen folgen: Tranquillo ma con movimento; Poco vivace und Andante placido. Dann kommt die mittlere Phrase des Themas, gefolgt von zwei weiteren Veränderungen, Deliberato ed appassionato und Impetuoso. Der Reprise von der ersten Phrase des Themas folgen dann fünf abschließende Variationen: Senza rigore, non troppo lento; Poco presto; Moderato e risoluto; Allegro energico; Tempo giusto. Diese führt direkt in die Coda, in der das Thema von kurzen Fragmenten durchsetzt ist, die bereits in den vorherigen Variationen vorkamen. Die Musik wird ohne Pause gespielt.

Der Titel des Werkes, Musik der Erinnerung, bezieht sich auf die Erinnerung an ein lange vergangenes goldenes Zeitalter (das hoffentlich auch weiterhin unsere Kunst nähren wird), wie es von Mendelssohn repräsentiert wird ...

Eine interessante Vorstellung ist es, dass der eben 18-jährige Mendelssohn sein Streichquartett a-moll op. 13 (dessen Intermezzo das vorliegende Werk anregte) im Jahre 1827 komponierte, als er sich eben an der Berliner Universität immatrikuliert hatte und mit zwei Kommilitonen eine Harzreise unternahm, bevor er nach Heidelberg ging. Dergestalt entsteht eine Verbindung zwischen der Romantik und dem späten 20. Jahrhundert, die durch die Gitarre zum Ausdruck gebracht wird.

Manuel Ponce war der Gründungsvater der mexikanischen Musik im 20. Jahrhundert. Sein Schüler Carlos Chávez (1899-1978) sagte: „Es war Ponce, der ein wirkliches Bewusstsein für den Reichtum der mexikanischen Volkskunst geweckt hat.“ Segovia und Ponce lernten sich 1923 in Mexiko kennen, und seither schrieb letzterer viele Gitarrenstücke. Dazu gehören Preludes, Suiten, ein Konzert, Variationen, mehrere Sonaten sowie Werke für Gitarre und Cembalo, und Segovia urteilte: „Ob klein oder groß, sie sind alle rein und wunderschön.“

Die Sonata romántica (Hommage à Schubert) ist Ponces fünfte Gitarrensonate. Sie entstand im Sommer 1928 und ist Segovia gewidmet. Das virtuose Werk mit dem Untertitel „Hommage an Franz Schubert, der die Gitarre liebte“ besteht aus vier Sätzen, dauert rund zwanzig Minuten und ist damit Ponces längste und anspruchsvollste Gitarrensonate. Dabei ist zu beachten, dass die Vortragsanweisungen der 1928 von Segovia veröffentlichten Version von Miguel Alcazars späterer Urtext-Ausgabe abweichen. Der erste Satz (bei Segovia als Allegro moderato bezeichnet) bildet eine klassische Sonatenform mit zwei gegensätzlichen Themen, deren Durchführung in einer geschickten Folge vertrackter harmonischer Fortschreitungen dahingeht, worauf die lebendige Reprise wirkungsvoll mit Orgelpunkten arbeitet. Ponce benutzt häufig lebhafte Triolenfiguren, Dur-Moll-Kontraste und macht (gegen Ende) eine plötzliche Pause – bedient sich also charakteristischer Elemente aus Schuberts Klaviersonaten. Diesem brillanten Kopfsatz folgt ein beseeltes, wie Segovia meinte: „köstliches“ Andante, das die Welt der Schubertschen Lieder beschwört. Der dritte Satz mit dem Titel Moment musical besteht aus zwei raschen Außenteilen, die eine langsame, expressive Episode von großer Intensität umrahmen. Das Finale Allegro non troppo e serioso beginnt mit einem fröhlichen, marschartigen Thema, das schnell zu rasanten Arpeggien gelangt. Das zentrale Tempo scherzando bildet die Einleitung zu einer zweistimmigen Achtelpassage, deren Harmonik immer komplexer wird, bis sie in weiteren Arpeggien kulminiert. Am Ende stehen die harfenartigen Akkorde einer kurzen Coda. Ein Arpeggio-Ausbruch setzt den Schlusspunkt.

Graham Wade
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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