About this Recording
8.572066 - HERMANN, F.: Capriccios Nos. 1-3 / Grand Duo Brillant / Suite for 3 Violins / EICHHORN, J.P.: Variations (F. and A. Eichhorn, Kuppel, Hulshoff)
English  German 

Friedrich Hermann (1828–1907)

 

Der Geiger und Bratschist Friedrich Valentin Hermann wurde am 1. Februar 1828 in Frankfurt am Main geboren und starb am 27. September 1907 in Leipzig. Vom 4. November 1843 bis 31. Oktober 1846 studierte er am Leipziger Konservatorium, wo er von Moritz Hauptmann, Niels Wilhelm Gade, Felix Mendelssohn Bartholdy und Ferdinand David unterrichtet wurde. Letzterer schrieb in Hermanns Abschlusszeugnis: „Herr Hermann hat während der 3 Jahre seines Besuchs meiner Classe mir stets Freud durch seinen Fleiß sowie gutes Betragen und seine Fortschritte gemacht und verdient das größte Lob.“

Am 1. November 1846 trat Hermann in das Gewandhausorchester Leipzig ein, wo er bis zum 1. Februar 1878 beschäftigt war. Er wirkte als 1. Bratscher, war Mitglied des Orchester-Pensionsfonds und spielte bis 1874 im Gewandhaus-Quartett. Neben seiner Tätigkeit als Orchesterund Kammermusiker bildete die Lehre einen wichtigen Schwerpunkt seiner musikalischen Arbeit. Ab 1848 unterrichtete er am Leipziger Konservatorium, 1883 wurde er zum Königlich Sächsischen Professor ernannt. Aus seiner Klasse gingen zahlreiche Musiker des Gewandhausorchesters hervor.

Hermann war als Arrangeur und Herausgeber etlicher Violinwerke und einer Violinschule sehr gefragt. Die hier eingespielten Eigenkompositionen Hermanns, bis auf das Grand Duo Brillante sämtlich Erstaufnahmen, zeigen seine Fähigkeit für Streichinstrumente zu schreiben: virtuose Passagen „liegen“ äußerst gut, durch geschickten Einsatz von leeren Saiten, Doppelgriffen und der bevorzugten Wahl der für Streichinstrumente günstigen Tonarten wie A-Dur, G-Dur und d-moll vermag Hermann auch in den Werken ohne Bassstimme mitunter reichen, fast orchestralen Klang zu erzeugen. Sein Kompositionsstil ist wie bei Paganini, Wieniawski, Vieuxtemps oder Bériot von geigerischer Brillanz und methodisch-instrumentalem Wissen geprägt. Neben allen spektakulären, effektvollen Stellen konzentriert sich Hermann nachhaltig auf melodiöses, cantables Spiel. Kontrapunkt und Stimmführung setzt er als vielfältigen Dia- und Trialog ein.

Die Burleske op.9 ist ein originelles Variationswerk über das Lied „O Du lieber Augustin“ des Wiener Bänkelsängers Markus „Marx“ Augustin (1643–1685). In Mendelssohn’sche Sommernachtstraum-Klangwelten entführen die drei Capricci, die in den schnellen Teilen von Leggiero-Spiel gekennzeichnet sind. Ob Hermann bei der Komposition des Allegro scherzando-Themas im Dritten Capriccio vom Finalsatz-Thema aus Mendelssohns Violinkonzert op. 64 inspiriert war ? Komplexer gestaltet sich die Suite op. 17. Nach einem kontrapunktisch angelegten Grave im alten Stil, das auf virtuoses Passagenwerk verzichtet, bildet eine berückend ausdruckstarke Canzonetta, die von zwei scherzohaften Sätzen flankiert wird, den Mittelpunkt des fünfsätzigen Werkes. Einfallsreich ist auch das Finale: ein Trauermarsch „con sordino“ leitet in eine Presto-Stretta über, die jedes Instrument mit kleinen Kadenzen nochmals einzeln zur Geltung bringt.

Kennt man für die Duo-Besetzung Violine und Violoncello heute vor allem die Kompositionen von Ravel und Kodály, vielleicht noch diejenigen von Schulhoff, Martinu°, Honegger, Eisler und Gubaidulina, entstanden im ausgehenden 18. und 19. Jahrhundert eine Fülle häufig gespielter, vornehmlich virtuoser Werke für diese Besetzung. Gattungsgeschichtlich rührt sie wahrscheinlich von zweierlei her. Erstens kann man sie als Reduktion des Streichtrios oder Klaviertrios bezeichnen: in Ermangelung eines Bratschers oder Pianisten mussten auch ein hoher und ein tiefer Streicher für Kammermusik ausreichen. Zweitens gibt es einige Werke, die von zwei Virtuosen gemeinsam zum Eigengebrauch geschrieben wurden. Der als „Paganini des Cellos“ apostrophierte François Servais komponierte mit seinen Geigerkollegen Joseph Ghys, Henri Vieuxtemps und Hubert Léonard sechs Duos in Variationsform (Naxos 8.572188). Weitere Duos der Komponistengemeinschaften François Schubert/Friedrich Kummer, der Brüder Bohrer oder der Brüder Ganz liegen vor.

Friedrich Hermann schrieb sein Grand Duo Brillante op. 12 in den 1850er Jahren und widmete es Louis Spohr. Der kurze, sangliche Mittelsatz dient als Einleitung zum Finale im charakteristischen Polonaisen-Rhythmus. Im Gegensatz zu vielen Duowerken des 18.Jahrhunderts fungiert das Cello hier nicht als Begleiter, sondern als gleichberechtigter Partner, was thematische Verarbeitung, Stimmführung und solistisches Passagenwerk anbelangt. Einmal mehr zeigt sich Hermanns Kompetenz als Streicher. Ein Werk fernab jeglicher solistischer und begleitender „Arbeitsteilung“!

 

Johann Paul Eichhorn (1787–1861)

Die Musikerfamilie Eichhorn stammt aus Coburg in Oberfranken, Deutschland. Johann Paul Eichhorn wurde 1787 im Dorf Neuses bei Coburg als Sohn eines Leinwebers geboren. Auch wenn die Musik im Leben der Eichhorns seit jeher eine bedeutende Rolle spielte, erlernte Johann Paul Eichhorn nach der Konfirmation den Leinweberberuf, den er bis zu seinem 20. Lebensjahr ausübte. Gleichzeitig machte er durch eine besondere musikalische Begabung auf sich aufmerksam. Das Violinspiel brachte er sich selbst bei um mit Dorfmusikanten Tanzmusik zu spielen. Mit 20 Jahren wurde er zum Militärdienst nach Coburg eingezogen. Sein Ziel war eine Anstellung bei der Militärkapelle, weshalb er Horn- und Posaunenunterricht nahm. 1810 wurde Johann Paul Eichhorn als Hautboist bei der „Hof-Capelle“ eingestellt, wo er hauptsächlich Posaune und Basshorn spielte. Für letzteres komponierte er verschiedene Werke, die er später oft in den Konzerten mit seinen Kindern aufführte. Aus der Ehe mit Margarete Elisabeth Mann ging der 1822 geborene Sohn Johann Gottfried Ernst hervor. Nach dem Tod Margaretes heiratete Eichhorn 1823 erneut. Mit Margarete Elisabeth Wittig hatte er fünf Kinder, darunter den 1823 geborenen Johann Carl Eduard. Die Brüder Ernst und Eduard besaßen ein großes musikalisches Talent. Unterrichtet vom Vater machten sie schnell als „geigende Wunderkinder“ von sich Reden. Schon im Mai 1828 gaben sie ihr erstes öffentliches Konzert. 1829 begann mit der ersten Konzertreise durch Bayern eine intensive Reisetätigkeit, die sie in der Folgezeit zu Konzerten für den englischen König und den russischen Zaren führte. Die Kinder musizierten in den Metropolen Europas.

1829 spielten die Kinder Nicolò Paganini vor, als dieser in Coburg gastierte. Paganini war so begeistert, dass er gemeinsam mit ihnen am Hofe Coburgs vor Herzog Ernst auftrat. Paganinis Plan, die Kinder mit auf Reisen zu nehmen, wurde jedoch nicht realisiert. 1832 musizierten die Brüder Eichhorn, nun 8 und 9 Jahre alt, für Louis Spohr in Kassel, der sich über ihr Können enthusiastisch äußerte. 1833 traten die Jungen vor dem Papst auf, anschließend wurde der elfjährige Ernst zum „Herzoglichen Cammervirtuos“ in Coburg ernannt. 1836 erhielt sein Bruder die Auszeichnung „Hofmusicus“. Bis Januar 1837 konzertierten die Wunderkinder, als Ernsts angegriffene Gesundheit der Reisetätigkeit Einhalt gebot. Von nun an wirkten sie in Coburg bei der „Herzoglichen Hof-Capelle“, Ernst als erster Geiger, der auch die Soli zu übernehmen hatte, Eduard als zweiter Geiger. Später wurden auch die Brüder Albrecht und Alexander Eichhorn bei der „Hof-Capelle“ angestellt, sie spielten mehrere Instrumente. Ernst und Eduard gründeten gemeinsam mit Coburger Bürgern einen Musikverein, der bis ins Jahr 2002 bestand. Am 16. Juni 1844 starb Ernst Eichhorn, erst 22 Jahre alt, sein Vater Johann Paul Eichhorn starb am 28. April 1861. Eduard Eichhorn spielte noch mehrere Jahrzehnte am Hoftheater, seit Ernsts Tod als erster Geiger. Gemeinsam mit Alexander wirkte er bei der Uraufführung des Ring des Nibelungen in Bayreuth mit. Eduard starb am 3. August 1897.

Die hier erstmals eingespielten Werke Johann Paul Eichhorns wurden für seine Kinder Ernst und Eduard Anfang der 1830er Jahre komponiert und im Pariser Verlag Launer veröffentlicht. Man kann sich vorstellen, welchen Eindruck die Kinder mit diesen Kabinettstücken machten. Während sich die Viola, seinerzeit vom Vater gespielt, auf harmonische Begleitfunktion beschränkt, steigern die Violinen das jeweilige Thema in immer virtuosere Metamorphosen. Bis auf Dezimen und Fingersatzoktaven fehlen kaum geigerische Elemente—nur dadurch erkennt man, dass die Stücke für Kinderhände geschrieben sind!

Ob die Eichhorn-Brüder mit meiner Familie, die auch aus Franken stammt, verwandt sind? Leider nein…


Friedemann Eichhorn


Close the window