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8.572105 - Cello Recital: Altstaedt, Nicolas - PIERNE, G. / d'INDY, V. / BOULANGER, N. (French Cello Sonatas)
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Nicolas Altstaedt: Musik für Cello und Klavier aus Frankreich
Gabriel Pierné (1863–1937): Sonate für Violoncello fis-moll op. 46
Expansion op. 21 • Caprice op. 16
Nadia Boulanger (1887–1979): Drei Stücke für Violoncello und Klavier
Vincent d’Indy (1851–1931): Lied für Violoncello und Klavier op. 19
Sonate in D für Violoncello und Klavier op. 84

 

Gabriel Pierné wurde am 16. August 1863 in Metz geboren. Sein Vater war früher als Sänger am Pariser Théâtre-Italien aufgetreten und hatte gemeinsam mit seiner Gemahlin, einer Pianistin, in Metz eine Musikschule gegründet. Als Lothringen nach dem preußisch-französischen Krieg von 1870/71 an Deutschland fiel, übersiedelte die Familie nach Paris, wo sie eine neue Musikschule aufmachte. Schon mit acht Jahren wurde Gabriel von Ambroise Thomas ans Konservatorium aufgenommen, wo er bei Antoine-François Marmontel im Klavierspiel und César Franck an der Orgel, von Emile Duran in den Fächern Kontrapunkt und Fuge sowie bei Jules Massenet in Komposition unterwiesen wurde. 1882 erhielt Pierné für seine Kantate Edith einen Grand Prix de Rome, der ihn für die nächsten drei Jahre, den Statuten des Preises gemäß, in die Ewige Stadt führte. Wieder in Paris, unterrichtete er an der Musikschule seiner Eltern. Außerdem wurde er nach César Francks Tod (1890) auf den Organistenposten der Sainte-Clothilde berufen, den er bis 1898 ausfüllte. 1903 wurde er Zweiter Dirigent der Concerts Colonne, die ihn nach dem Tode ihres bisherigen Leiters Edouard Colonne im Jahre 1910 zum Chefdirigenten und Direktor ernannten. Bis 1934 stand Gabriel Pierné dieser Institution vor, und in dieser langen Zeit brachte er viele Repertoirewerke, aber auch eine Vielzahl aktueller Neuheiten in den Konzertsaal und ins Studio. Die Mitgliedschaft im Comité supérieur de l’enseignement des Konservatoriums und in der Académie des beaux-arts, wo er 1925 den Platz von Théodore Dubois einnahm, sowie die Ernennung zum Commandeur der Ehrenlegion (1935) sind einige der markantesten Beweise für die wichtige Rolle, die Gabriel Pierné im französischen Musikleben spielte.

Auch als Komponist war Pierné ein produktiver Künstler. Sein Werkkatalog enthält unter anderem Opern, Ballette, Schauspielmusik, Orchesterwerke und Kammermusik, an denen er vor allem während seiner Sommerferien arbeitete, die er im bretonischen Ploujean zuzubringen pflegte. Die einsätzige Sonate für Violoncello fis-moll op. 46 vollendete er 1922. Sie erschien im nächsten Jahr bei Durand und ist dem französischen Cellisten André Hekking gewidmet. Deutlich wird hier der Einfluss von César Franck, nach dessen Vorbild auch Pierné ein zyklisch geformtes Werk komponierte, dessen erste melodische Umrisse im weiteren Verlauf in unterschiedlichsten Gestalten wiederkehren. Die Sonate beginnt lent et avec une grande souplesse de rythme mit Texturen des Klaviers, bei denen man sich an Gabriel Fauré erinnert fühlt. Danach meldet sich das Cello mit einer quasi-rezitativischen Passage, worauf zunächst das Klavier wieder übernimmt, bevor das unbegleitete Cello ein zweites quasi recitativo einwirft. Der Prozess wird wiederholt und führt zu einem rascheren, eher perkussiven Teil. Nach einer Passage von ruhiger Heiterkeit (calme) führt das Klavier zum Material des Anfangs zurück. Auch das schnellere, akzentuierte Animé ist wieder zu hören, und mit den beiden thematischen Elementen nähert sich das Werk seinem Schluss.—Die elegante, charmante Expansion, romance sans paroles op. 21 für Violoncello und Klavier stammt aus dem Jahre 1888, während die mit leichter Hand geschriebene Caprice op. 16 noch ein Jahr früher entstand.

Nadia Boulanger hinterließ vor allem als Lehrerin einen bleibenden Eindruck und beeinflusste eine ganze amerikanische Komponistengeneration durch ihre Tätigkeit am Conservatoire américain von Fountainebleau. Sie wurde am 16. September 1887 in Paris geboren und absolvierte am Konservatorium ihrer Heimatstadt eine brillante Studienkarriere, die ihr unter anderem Erste Preise in Harmonielehre und Orgelbegleitung sowie in Gabriel Faurés Kompositionsklasse einbrachte. Beim Prix de Rome errang sie 1908 mit ihrer Kantate La Sirène den zweiten Platz. In den zwanziger Jahren beendete sie allerdings ihre kompositorische Tätigkeit—möglicherweise nach dem frühen Tod ihrer Schwester Lili, die 1918 im Alter von nur 25 Jahren verstorben war und offenbar ein noch größeres schöpferisches Talent an den Tag gelegt hatte. Nadia Boulanger widmete sich bis ins hohe Alter—sie starb am 22. Oktober 1979 in Paris—dem Unterrichten und Dirigieren.—Die Drei Stücke für Violoncello und Klavier komponierte sie im Jahre 1914. Das erste mit der Bezeichnung Modéré ist von zarter, meditativer Atmosphäre. Bei dem zweiten, Sans vitesse et à l’aise, handelt es sich um ein sehr schön ausgeführtes Lied. Im dritten Stück, Vite et nerveusement rythmé, kommt es zu einem sofortigen Stimmungswechsel. Die Musik ist, wie die Überschrift sagt, von rhythmischer Nervosität erfüllt und endet nach einem entspannteren Mittelteil als wilder Tanz.

Vincent d’Indy wurde am 27. März 1851 in Paris als Sohn einer alten französischen Adelsfamilie geboren und durfte sich schließlich der Musik zuwenden, anstatt, wie es die Tradition eigentlich vorgesehen hätte, die anfangs tatsächlich erwogene Militärlaufbahn einzuschlagen. D’Indy verlor seine Mutter bereits kurz nach seiner Geburt, worauf er in der Obhut seiner Großmutter väterlicherseits aufwuchs. Diese war bei Johann-Peter Pixis, Jean-Louis Adam und Friedrich Kalkbrenner zu einer vorzüglichen Pianistin ausgebildet worden und sorgte später dafür, dass ihr Enkel bei Louis Diémer und dem bereits oben erwähnten Antoine-Francois Marmontel unterrichtet wurde. Während des Krieges von 1870/71 beteiligte sich Vincent d’Indy an der Verteidigung der französischen Hauptstadt, die allerdings im Januar 1871 kapitulieren musste. Nach dem Tode der Großmutter im nächsten Jahr verfügte der junge Mann über die Mittel, sich aus der finanziellen Abhängigkeit von seinem Vater zu lösen: Er gab das Jura-Studium auf, das ihm anbefohlen worden war, und konnte sich fortan ganz der Musik widmen. Am Conservatoire war er zunächst Hospitant in der Orgel- und Kompositionsklasse von César Franck, bevor ihn das Institut als ordentlichen Studenten aufnahm und er 1875 seine offizielle Ausbildung beenden konnte. Er war ein begeisterter Schüler Francks, für dessen Musik er sich später sehr einsetzte. Das Konservatorium brachte d’Indy jedoch nach eigenen Worten keine großen Auszeichnungen. Als er hier später seine Reformvorschläge zur Verbesserung des Unterrichts vorlegte, wurden diese abgelehnt, worauf er gemeinsam mit Charles Bordes und Alexandre Guilmant die Schola Cantorum gründete, die 1896 ihren Lehrbetrieb aufnahm. Sein Leben lang wirkte d’Indy für diese Institution. Als Lehrer für Komposition und Orchesterleitung zog er viele einheimische und ausländische Talente an. Sein konservatives Naturell fand an den moderneren Entwicklungen der französischen Musik freilich nur wenig Gefallen. Nach der Niederlage Frankreichs im Jahre 1871 widmete er sich der Förderung der Ars Gallica, der sich die Société Nationale de Musique mit Camille Saint-Saëns, Romain Bussine, Alexis de Castillon und anderen verschrieben hatte, doch das hinderte ihn nicht an seiner großen Wagnerverehrung. Im letzten Jahrzehnt seines Lebens wirkte seine Musik offenbar veraltet. Mit Cocteau und dessen Verbündeten vermochte er sich nicht anzufreunden: Er beklagte die musikalischen Frivolitäten seines ehemaligen Schülers Georges Auric und die aktuellen Mode-Erscheinungen.

Das Lied op. 19 komponierte Vincent d’Indy im Jahre 1884 für Violoncello und Orchester. Es enthält die Schönheit und Grazie eines Fauré’schen Liedes. Die Sonate in D für Violoncello und Klavier op. 84 datiert von 1924/25. Sie beginnt mit einer Entrée von elegantem Charme, die gleichfalls den französischen Geist atmet und sich mit einer Sehnsucht nach alten Formen verbindet. Der zweite Satz ist in der barocken Form einer Gavotte en rondeau gehalten, wirkt dabei aber keinesfalls wie eine bloße historische Imitation. Den Anfang bildet der „Lautentanz“ der Cello-Pizzikati; dann werden kontrastierende Elemente erreicht, und das Violoncello spielt seinen Kontrapunkt zu dem ersten Thema, worauf die Rollen der beiden Instrumente vertauscht werden. Der dritte Satz, eine Air mit der Bezeichnung Très lent, ist von zart melancholischer Stimmung. Diese wird gaiment (“fröhlich“) durch die abschließende Gigue zerstreut, einen schön ausgeführten Satz, der mit der alten Tanzform kraftvoller verfährt als das im Schaffen jüngerer Zeitgenossen der Fall war.


Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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