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8.572175 - MARTINU, B.: Piano Music (Complete), Vol. 5 (Koukl)
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Bohuslav Martinů (1890–1959)
Sämtliche Klavierwerke • Folge 5

 

Bohuslav Martinů wurde auf dem Kirchturm des böhmischen Dorfes Polička geboren, das rund 80 Kilometer nördlich von Brünn in der heutigen Tschechischen Republik liegt. Mit dem Komponieren begann er bereits im frühen Alter von zehn Jahren, nachdem er bereits zwei Jahre zuvor erstmals die Geige in die Hand genommen hatte. Er besuchte zwar das Prager Konservatorium, doch wollte es ihm nicht gelingen, das Studium zu einem gehörigen Abschluss zu bringen. Als junger Mann arbeitete er als Orchestergeiger in Prag, bevor er 1923 nach Paris ging, um bei Albert Roussel zu studieren. 1940 floh er vor den immer weiter vorrückenden Nazis in die USA. Martinů war ein fruchtbarer Komponist. Er schuf mehr als vierhundert Werke, darunter rund achtzig Stücke für Klavier, die allerdings, obwohl sie einen großen Teil seines Schaffens darstellen, bezeichnenderweise im Schatten seiner Orchesterwerke und Kammermusiken stehen.

Im Text zur vierten, ursprünglich als Abschluss der Reihe geplanten CD (Naxos 8.570215) wurde bereits darauf hingewiesen, dass noch immer Manuskripte von bislang unaufgeführten, unbekannten oder verschollenen Werke Martinůs auftauchen. Daher wird jeder Versuch einer enzyklopädischen Gesamtdarstellung in Zukunft womöglich zu erweitern sein. Giorgio Koukl hat inzwischen jedenfalls so viele Klavierstücke ermittelt und eingespielt, dass man damit drei weitere CDs produzieren kann. Die vorliegende fünfte Veröffentlichung enthält zwei Sammlungen, die zu Martinůs frühesten Soloklavierwerken gehören, und die Giorgio Koukl hier als Ersteinspielungen zu Gehör bringt. Die unveröffentlichten Walzer 1-5 sind Martinůs erste Klavierstücke überhaupt: Sie entstanden 1910, mithin zu einer Zeit, als er noch im wesentlichen Autodidakt war und sich auch von Josef Suk noch keinen Rat geholt hatte. Die Polkas 1916 entstanden während des Ersten Weltkrieges zwischen den beiden ersten Heften der berühmten Loutky.

Die erste Polka ist ein fröhliches Stück, das köstlich irreführende Phrasenlängen und Walzer-Andeutungen in herrlich transparenten, quasi schubertschen Texturen verpackt. Wüssten wir nicht, wer der Autor ist, so können wir sehr wohl auf Dvořák oder Schubert kommen, deren Klavierstile sich hier miteinander zu vermengen scheinen. Daneben gibt es freilich auch akkordische Fortschreitungen, die in ihren auffallenden plagalen Bewegungen bereits die Persönlichkeit des späteren Martinů erkennen lassen. Auch in der zweiten Polka ist zu hören, dass Dvořák und Martinů sich dasselbe musikalische Erbe teilten. Hier entsprechen die Phrasenlängen zwar eher der Norm; dafür erkennt man ein anderes stilistisches Merkmal—die Wiederholung von Melodien mit wechselnden tonalen Zentren. Die merkwürdige Schlusskadenz lässt den reiferen Martinů erahnen, wenngleich es hier noch nicht die „Nähmaschine“ oder auch das Glockenläuten gibt, die man als Charakteristika seines späteren Stils erachtet. Die dritte Polka beginnt wie die Hommage an den Chopin der Polonaisen, greift den eigentümlichen Schleier rhythmischer Effekte auf, die bereits in der ersten Polka zu hören waren, und wirkt von Zeit zu Zeit wiederum wie ein Walzer. Die amüsanten Gegenrhythmen sind ohne Frage ein Hinweis auf die fließenden Rhythmen, die Martinů später entwickelte. Die Einflüsse von Dvořák und Smetana liegen der vierten Polka zugrunde, in der muntere Weisen auf verschiedenen tonalen Zentren wiederholt werden, wie das bereits in der zweiten Polka der Fall ist. Wiederum ist schön zu sehen, wie sich Martinůs Musik aus der Tradition seiner böhmischen Vorfahren entwickelt hat. Dabei gibt es auch hier Momente, in denen der Komponist zusätzliche Schläge oder Takte einfügt und uns so einen Vorgeschmack auf die fließenden Rhythmen gibt, die ein Markenzeichen seiner späteren Kammermusik werden sollten. In der fünften Polka lässt sich erneut die harmonische Sprache des späteren Martinů erahnen; hier bewegt sie sich im Rahmen pianistischer Figurationen, die an Chopins Mazurkas erinnern. In der sechsten und letzten Polka gibt es viele der voraufgegangenen Merkmale, darunter eine flüchtige und fließende Metrik sowie parallele Phrasen, die uns durch unterschiedliche Schlussbildungen mal an diese, mal an jene Stelle führen.

Wie in den Polkas gibt es auch in den früher entstandenen Walzern melodische Wiederholungen in verschiedenen Tonarten. Innerhalb schubertscher Texturen weisen diese Stücke wiederum auf Martinůs charakteristische Akkordfortschreitungen mit ihrer verblüffenden Chromatik und ihren erstaunlichen Kadenzen hin. Ihre Metrik ist allerdings normal und zeigt nichts von dem Fließen und Gleiten der Polkas. Dennoch ist die Schlusskadenz des ersten Walzers ein wirklicher Vorbote des späteren Martinů. Mehrere dieser Walzer zeigen eigentümliche Anspielungen auf die spanische Musik—einen Hauch von Enrique Granados vielleicht oder aus den spanischen Tänzen von Claude Debussy. Es gibt allerdings keine historischen Hinweise darauf, dass sich Martinů überhaupt für iberische Dinge interessiert hat, wenngleich er sich in späteren Jahren gelegentlich fragte, ob sein Familienname möglicherweise italienische oder spanische Wurzeln hätte (vielleicht Martini bzw. Martinez). Der Bass zu Beginn des ersten Stückes geht schrittweise abwärts (A-G-F-E), wie man das aus vielen Gitarrenwerken kennt, doch ist auch der Einfluss von Richard Strauss nicht zu überhören, der im dritten Walzer noch deutlicher hervorsticht. Bis zum vierten Walzer steigert sich das Vergnügen an den weiten harmonischen Ausflügen Martinůs auf dem Wege zur spektakulären Schlusskadenz kontinuierlich. Nach kaum einer Minute erinnern die gleitenden Harmonien an Debussys spanische Musik. Weniger gleichmäßig sind die Phrasenlängen des abschließenden fünften Walzers, dessen Mittelteil verträumter als alles ist, was die Kollektion sonst zu bieten hat. Einige überraschende melodische Zutaten, dann ein hübscher, einen Halbton neben der Auflösung landender Sprung à la Richard Strauss und ein weiterer verblüffender Schluss…

Diese frühen Walzer stammen aus den Jahren, in denen sich der junge Martinů ernsthaft und kontinuierlich der kompositorischen Arbeit zu widmen begann. In akademischer Hinsicht war die Zeit allerdings nicht sonderlich angenehm. Er war bereits ein zweites Mal des Prager Konservatoriums verwiesen worden—nachdem man ihn zunächst relegiert hatte, weil er unerlaubtermaßen in einem Amateurorchester mitgespielt hatte, geschah es jetzt aus Gründen seiner „unverbesserlichen Nachlässigkeit“. Im nächsten Jahr fiel er beim staatlichen Examen durch, das er allerdings ein Jahr später bestand. 1914 brach der Erste Weltkrieg aus, doch Martinů wurde vom obligatorischen Militärdienst befreit. Nach Kriegsende hatte sich die politische Landschaft Böhmens völlig verändert: Österreich- Ungarn war besiegt, und es entstand die unabhängige Tschechoslowakische Republik, in der Martinů noch fünf Jahre verbrachte. Umgeben vom Einfluss der tschechischen Kultur, hatte er dennoch die Möglichkeit, viel von Europa zu sehen—unter anderem bei einer Sommertournee mit dem Orchester des Nationaltheaters, in dem er Geige spielte, bevor er festes Mitglied der Tschechischen Philharmonie wurde.

1923 übersiedelte Martinů nach Paris, wo er bis 1940 als freiberuflicher Komponist wirkte. Die Sommermonate verbrachte er jeweils im heimischen Polička. Während er in Paris immer mehr zum Kosmopoliten wurde, hat er sich von seiner Heimat gedanklich nie weit entfernt.


Mark Gresham und Cary Lewis
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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