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8.572177 - BOSSI, M.E.: Organ Music - Konzertstuck in C Minor / Hora mystica / Hora gaudiosa (Peretti)
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Marco Enrico Bossi (1861–1925)
Orgelmusik

 

Marco Enrico Bossi wurde 1861—im Jahr der Vereinigung Italiens—in Salò am Gardasee in eine Musikerfamilie geboren: Sein Vater Pietro (1834–1896) war ebenfalls Organist und Komponist, sein Sohn Renzo (1883–1965) wurde zu einem der bekanntesten Kompositionsdozenten Italiens. Marco Enrico studierte in Bologna und Mailand, wo er zunächst das Klavierdiplom (1879), später das Kompositionsdiplom (1881) erlangte. Seinen Orgelabschluss—trotz der Studienjahre beim bedeutenden Organisten und Komponisten Polibio Fumagalli (1837–1908)—machte Bossi nie, was auch als Kritikakt gegen die vom Operngeschmack geprägte italienische Orgelkultur seiner Zeit zu sehen ist. Stattdessen bereiste er Europa und Amerika, knüpfte Kontakte zu den Organistenkollegen Camille Saint-Saëns, Marcel Dupré, Karl Straube u. a., die ihn zusätzlich in seiner Motivation bestärkten, die Orgelkultur seines Landes dem mitteleuropäischen Stand anzugleichen. Nach neun Jahren als Titularorganist am Dom von Como (1881–1890) schlug Bossi eine beachtliche „staatliche“ Karriere ein (zunächst Orgel- und Kompositionsdozent in Neapel und Bologna, später Direktor der Conservatori von Venedig, Bologna und Rom); 1897 wurde er zudem Mitglied der Commissione reale per l’arte musicale. Eine Fülle hochrangiger Ämter, die ihm ermöglichten, wie kaum ein anderer das Musikleben der jungen Nation zu prägen. Unter Bossis Einfluss wurden bis in unsere Zeit geltende pädagogischen Maßstäbe gesetzt, indem staatliche Orgelklassen eingerichtet wurden, die die künstlerische Aufwertung der Orgel als freies, von seinem liturgischen Zweck entbundenes Konzertinstrument bewirkten. Ab 1893 veröffentlichte er den Metodo teorico-pratico per lo studio dell’organo, der in Italien den Zugang zur modernen Orgel und ihrer Literatur (einschließlich J.S. Bach) eröffnete. Nach den Jahren in Como nie mehr kirchlich gebunden, verkörperte Bossi zudem ein südlich der Alpen gänzlich neuartiges Künstlerbild, den jenseits des liturgischen Rahmens freischaffenden „concertista d’organo“, und spielte großteils der unzähligen Orgelweihen, die sich im Italien der cäcilianischen Reform häuften.

Neben seiner „ersten Liebe“, der Orgel, rang der Komponist Marco Enrico Bossi (gemeinsam mit Giovanni Sgambati, Francesco Paolo Neglia und Giuseppe Martucci) um die Etablierung einer italienischen Instrumentalmusik, die sich jenseits der allein herrschenden Operkultur behaupten könnte. Die Verbreitung des Musiktheaters hatte im 19. Jahrhundert zur Aufhebung sämtlicher sinfonischen Institutionen der Halbinsel geführt: Die besagten Komponisten wurden zu Verfechtern einer nach deutsch-französischem Vorbild empfundenen Kammermusik- und Orchesterkultur, die der Generazione dell’Ottanta (etwa Ottorino Respighi, Gianfrancesco Malipiero und Alfredo Casella) den Weg öffnete. Zeit seines Lebens feierte Bossi beachtliche kompositorische Erfolge, etwa mit dem Trio sinfonico Op. 123 für Violine, Cello und Klavier (1901), den Intermezzi goldoniani Op. 127 für Orchester (1905) und dem Canticum Canticorum Op. 120 für Soli, Chor und Orchester, dessen Uraufführung in der Leipziger Thomaskirche (1900) nachhaltigen Eindruck hinterließ. Dass Bossis sinfonisches Schaffen nach dem zweiten Weltkrieg abrupt in Vergessenheit geriet, ist nicht nur auf seine konservative Nähe zur Brahms’schen Tradition zurückzuführen, sondern wohl auch auf dessen 1921 erfolgten Eintritt in die faschistische Partei. 1925 starb er mitten im Atlantik auf der Rückreise von einer USA-Tournee.

Bossis kompositorisches Oeuvre lässt sich, je nach äußeren Einflüssen, in verschiedene Schaffensphasen einteilen, die sich anhand der hier eingespielten Orgelwerke gut nachzeichnen lassen. Allein die französischen Titel und Registrierangaben des Thème et Variations Op. 115 sowie der Pièce Hèroïque Op. 128 verraten César Francks Vorbild, Bossis erste und primäre organistische Referenz, der sich seinerseits in Paris für die Publikation der ihm gewidmeten Fantasia Op. 64 eingesetzt hatte. Das groß angelegte Konzertstück Op. 130a ist dagegen dem Thomaskantor Karl Straube zugeeignet und steht im Zeichen der großen deutschen Symphonik. Ursprünglich für Orgel und Orchester komponiert (Op. 130), basiert das vierteilige Werk auf einer bis zum Äußersten durchgeführten Keimzelle; im erhabenen Gestus und in dichtester Harmonik erweist hier der Italiener dem mitteleuropäischen Konzertritual seine Reverenz. Ähnliches lässt sich über Hora mystica (Stunde der Weihe) und Hora gaudiosa (Stunde der Freude) aus Cinque pezzi Op. 132 sagen. Wie für Max Reger scheint das Charakterstück auch für Bossi bevorzugtes Feld für das Erforschen kompositorischen Neulands gewesen zu sein, was sich hier in überraschenden harmonischen Erweiterungen äußert, die Vergleiche mit Wagner nicht zu scheuen brauchen. Bei aller italianità der melodischen Erfindung zeigt sich daher der viel gereiste Bossi als wahrer musikalischer Kosmopolit: Als erster bedeutender italienischer Komponist der nicht spezifisch für den klassisch-italienischen Orgeltypus schrieb, speiste er sich aus allen klanglichen und technischen Errungenschaften, die den europäischen Orgelbau um die Jahrhundertwende auszeichneten—was die Instrumentenwahl der vorliegenden Einspielung mitbestimmte.

Der im Opus 132 sich ankündigende Experimentiermut findet in Bossis Spätwerk seine größte Ausprägung, etwa in den Momenti francescani Op. 140 (1922), poetisierende Impressionen nach Lebensbildern Franz von Assisis. Sowohl Fervore („Inbrunst“) als auch Colloquio colle rondini („Gespräch mit den Schwalben“) evozieren ekstatische Naturkontemplation in bester franziskanischer Tradition, was den Komponist zu einer exotisierenden Färbung verleitet, die gar Debussys Patenschaft vermuten lässt. Genaueres Hinhören verrät dennoch eher den Schatten von Madame Butterfly … „Lieber Freund! Was machst du so? Gewiss, Konzerte—ich wünsche dir alles Gute für deine Amerika-Tournee. Sie werden da unten hören, wie man Orgel spielt!“, schrieb 1924 Giacomo Puccini an Bossi, vor dessen letzten Konzertreise.


© 2008 Pier Damiano Peretti


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