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8.572188 - SERVAIS, A.F. / GHYS, J. / LEONARD, H. / VIEUXTEMPS, H.: Grand Duos (Eichhorn, Hulshoff)
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Adrien François Servais (1807–1866) • Hubert Léonard (1819–1890)
Joseph Ghys (1801–1848) • Henry Vieuxtemps (1820–1881)
Duos für Violine und Violoncello

 

Adrien François Servais, der „Paganini des Violoncellos“, wurde am 6. Juni 1807 im belgischen Hal geboren, wo sein Vater als Kirchenmusiker wirkte. Er erhielt zunächst Geigenunterricht, verlegte sich aber, nachdem er den Cellisten Nicolas-Joseph Platel (1777–1835) hatte spielen hören, selbst auf dieses Instrument. Mit zwölf Jahren kam der Knabe in Platels Klasse an der Königlichen Musikschule (seit 1832: Konservatorium) von Brüssel, wo er rasch einen premier prix erspielte und 1829 der Assistent seines Professors wurde. 1833 reiste er auf Anregung des belgischen Komponisten, Kritikers und Musikgelehrten François Joseph Fétis (1784–1871) nach Paris, wo er mehrere erfolgreiche Konzerte gab. Dieser Erfolg wiederholte sich 1835 bei einem philharmonischen Konzert in London, bei dem Servais sein eigenes Cellokonzert aufführte. Um diese Zeit dürfte er die Musik von Nicolò Paganini (1782–1840) kennengelernt haben, die schnell einen großen Einfluss auf ihn ausüben sollte. Servais kehrte nach Brüssel zurück und gab bald sehr erfolgreiche Konzerte, in denen er eigene Werke zu Gehör brachte. Damals begegnete er auch den Geigern Henry Vieuxtemps und Hubert Léonard, mit denen er im Laufe der Zeit etliche Gemeinschaftswerke herausbrachte, wozu unter anderem einige der hier eingespielten Stücke gehören. Alle drei Musiker standen in engem Kontakt zum Brüsseler Konservatorium.

1836 ging Servais wieder auf Reisen. Zunächst kam er erneut nach Paris, dann führte ihn sein Weg auch in die Niederlande sowie nach Deutschland, Frankreich, Russland, Österreich, Schweden, Norwegen und Dänemark. Einmal bot sich ihm die Gelegenheit, das Klaviertrio B-dur op. 97 von Ludwig van Beethoven zusammen mit Felix Mendelssohn am Klavier und dem Geiger Ferdinand David aufzuführen. Besonders wichtig waren seine vier Russlandreisen, von denen ihn eine sogar bis nach Sibirien führte. Servais heiratete 1849 in St. Petersburg, und kurz vor seinem Tode führte ihn im Jahre 1866 eine letzten Reise noch einmal ins Land der Reußen. Ein russischer Kritiker meinte seinerzeit, es gäbe „nicht eine künstlerische Qualität, die dieser unübertroffene Musiker nicht besitzt.“ Mit diesen Tourneen wirkte Servais überdies als Anregung für viele Cellisten Russlands wie etwa den aus Kurland stammenden Carl Davidoff. 1848 wurde Adrien François Servais zum Ersten Cellisten der Königlichen Kapelle und Professor am Konservatorium ernannt. Wenngleich er seine Reisetätigkeit fortan einschränkte, verzichtete er doch bis kurz vor seinem Tode nicht auf gelegentliche Gastspiele. Er starb am 26. November 1866 an seinem Geburtsort.

Der Geiger Joseph Ghys wurde 1801 im belgischen Gent geboren. Er war ein Schüler von Charles Lafont (1781– 1839), gehörte zu den führenden Musikern seiner Generation und war als Lehrer in Amiens und Nantes tätig. Seine eigentliche Konzertkarriere begann 1832 mit den ersten Europareisen. Zu seinen Kompositionen gehören ein Violinkonzert, ein Streichquartett und verschiedene andere Werke für Violine. Er starb am 22. August 1848 in St. Petersburg.

Henry Vieuxtemps ist eine der großen Erscheinungen in der Geschichte des Violinspiels. Er wurde am 17. Februar 1820 im belgischen Verviers geboren und stand schon mit sechs Jahren erstmals auf einem Konzertpodium. Zwei Jahre später wurde Charles de Bériot (1802–1870) auf ihn aufmerksam, der ihn bis 1833 unterrichtete. In den dreißiger Jahren spielte Vieuxtemps mit großem Erfolg das damals noch missachtete und verkannte Violinkonzert von Beethoven. Jahrelang war er als reisender Virtuose in ganz Europa und Russland unterwegs, wo man ihn vergötterte. Insgesamt dreimal besuchte er auch die USA.

Von 1846 bis 1851 lebte der Künstler in Russland, bevor er seine Zelte für elf Jahre (1855–1866) in Frankfurt am Main aufschlug, um sich anschließend in Paris niederzulassen. 1871 wurde er Professor für Violine am Brüsseler Konservatorium. Dieses Amt musste er allerdings acht Jahre später niederlegen, nachdem sich sein gesundheitlicher Zustand seit seinem Schlaganfall (1873) immer weiter verschlechterte. Er begab sich daher nach Algerien, wo er am 6. Juni 1881 starb. Neben zahlreichen Kammermusiken und kleineren Stücken für die Violine hinterließ er sieben Konzerte.

Hubert Léonard wurde am 7. April 1819 in Bellaire bei Lüttich geboren. Er erhielt zunächst Geigenunterricht bei seinem Vater, bevor er 1832 sein öffentliches Debüt gab. In diesem Jahr kam er ans Brüsseler Konservatorium, und seit 1836 war er Schüler von François-Antoine Habeneck (1781–1849) am Pariser Conservatoire. Seine Laufbahn als reisender Virtuose begann 1845. Das Brüsseler Konservatorium ernannte ihn acht Jahre später zum Professor, womit er de Bériots Nachfolger wurde. 1866 gab er diese Tätigkeit auf und ging neuerlich nach Paris, um sich dem Unterrichten, der Komposition und dem Konzertieren zu widmen. Während des Preußisch-Französischen Krieges 1870/71 wich er vorübergehend nach Belgien aus, kehrte dann aber bald wieder nach Paris zurück, wo er am 6. Mai 1890 starb. Zu seinen Kompositionen gehören fünf Violinkonzerte sowie Fantasien und andere Werke für die Geige, darunter eine Kadenz zu Beethovens Violinkonzert.

Die Musik, die Servais als Gemeinschaftsarbeit mit Ghys, Léonard und Vieuxtemps schrieb, ist sehr stark von Paganini und den technischen Anforderungen geprägt, die inzwischen für jeden Virtuosen die Norm waren. Servais liebte die freie Form der Fantasie, die er gleich sechzehnmal verwendete, während er nur drei traditionellere Konzerte komponierte. Die bisweilen auch als airs variés oder Paraphrase bezeichnete Fantasie erfreute sich überhaupt im 19. Jahrhundert einer beträchtlichen Beliebtheit und verwendete bekannte, oft aus Opern entliehene Melodien. Franz Liszt hat eine Fülle solcher Stücke fürs Klavier verfasst, und auch die Geiger und Cellisten unter den schöpferischen Tonkünstlern hielten sich nicht zurück.

Servais schrieb Fantasien nach Melodien von Rossini, Donizetti, Meyerbeer, Auber und Schubert, griff aber auch auf populäre Melodien und Volkslieder zurück. Die Stücke enthielten oftmals freie Variationen über die gewählten Melodien und waren darauf berechnet, das Können des jeweiligen Solisten zu demonstrieren. Zu Servais’ Lebzeiten begann man sich allmählich gegen derartige Effekthaschereien zu wehren, wie beispielsweise ein russischer Kritiker, der 1866 Servais’ Fantasien als „antediluvianische“ Produkte über „banale Themen aus italienischen und französischen Ouvertüren“ attackierte. Das Urteil ist freilich zu hart, denn wenn man die virtuose Fantasie im richtigen Lichte betrachtet, bildet sie einen nicht unwesentlichen Teil der Romantik, die im 19. Jahrhundert nicht nur eine Bühne zur Selbstdarstellung war, sondern in den richtigen Händen auch zu einem bewegenden emotionalen Erlebnis werden konnte.

Ein erstaunliches Merkmal der hier eingespielten Duos ist die Klangfülle, die einerseits auf den reichen Gebrauch von Doppelgriffen (oft in beiden Instrumenten zugleich), andererseits aber auch auf die volle Begleitung zurückzuführen ist, mit der das jeweils nicht melodieführende Instrument den Kollegen unterstützt. Dabei ist das Violoncello ein wahrhaft gleichberechtigter Partner und hat seinen Anteil an den regelrechten Tonlawinen, mit denen die Texturen bis hin zu einem fast orchestralen Flair ausgefüllt werden. Bisweilen werden Passagenwerk und Akkompagnement als Tremolo behandelt, doch in jedem Falle ist die Musik wirkungsvoll gesetzt. Technische Schwierigkeiten gibt es enmasse: Doppelgriffe, simultane Kadenzen, abwechselndes pizzicato- und arco-Spiel sowie vielfacher Gebrauch von Flageoletts.

Die Variations brillantes et concertantes sur l’air „God Save the King“ von Servais und Ghys bedienen sich der britischen Nationalhymne. Die Einleitung (Grave maestoso) beginnt im fortissimo, worauf das Thema in schlichten Doppelgriffen vorgestellt und anschließend fünfmal verändert wird.

In ihrem Grand Duo de Concert No. 4 sur des motifs de l’opéra „L’Africaine“ de Meyerbeer verwenden Servais und Léonard verschiedene Melodien aus der Oper über Vasco da Gama. Das Stück beginnt im Pizzicato mit einem schönen Andante con moto-Motiv. Eingebettet in die Folge der Opernmelodien sind ein Thema nebst zwei Variationen.

Das Grand Duo de Concert No. 3 von Servais und Léonard beginnt mit einer Adagio-Einleitung. Ein schönes Thema wird moderato vom Violoncello präsentiert, wozu die Geige eine zwischen gestrichenen und gezupften Tönen wechselnde Begleitung liefert. Wenn die Geige dann das Thema übernimmt, akkompagniert das Cello mit seinen pizzikati. Es folgen zwei Variationen mit Ritornell sowie ein Andante und das Finale.

Das Grand Duo sur des motifs de l’opéra „Les Huguenots“ de Meyerbeer von Servais und Vieuxtemps geht wiederum auf eine historische Oper zurück. Den Auftakt bildet ein ruhiges Andante mit Doppelgriffen in beiden Instrumenten. Nach einem kurzen Allegro bringt die Violine das Thema. Nach zwei Variationen, deren zweite eine Kadenz enthält, präsentiert das Andante cantabile ein neues Thema aus dem Bühnenwerk, worauf schließlich das lebendige, umfangreiche Finale beginnt.

In ihrem Grand Duo de Concert No. 2 sur des thèmes de Beethoven benutzten Servais und Léonard verschiedene Themen ihres berühmten Wiener Kollegen, darunter den „Sturm“ und den „Hirtengesang“ aus der sechsten Symphonie („Pastorale“).

Das Grand Duo de Concert No. 1 sur deux airs nationaux anglais von Servais und Léonard verwendet ein weiteres Mal die Hymne God Save the King, diesesmal aber in der Gesellschaft des Yankee Doodle (der in der Partitur als „London is Out of Sorrow“ bezeichnet ist). Die beiden Themen werden mit aller Virtuosität abgehandelt und setzen dem Konzert die passende Krone auf.


Bruce R. Schueneman
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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