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8.572204 - RIES, F.: Piano Sonatas and Sonatinas (Complete), Vol. 3 (Kagan) - Op. 9, No. 2 and Op. 26, "L'infortunee" / The Dream, Op. 49
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Ferdinand Ries (1784–1838)
Sämtlichen Sonaten und Sonatinen für Klavier • Folge 3

 

Heute kennen wir Ferdinand Ries vor allem als Freund, Klavierschüler und frühen Biographen Ludwig van Beethovens. Die Kontakte entstanden bereits in der Bonner Zeit und lebten in Wien wieder auf. Ferdinand wurde 1784 als Sohn des Geigers Franz Ries geboren, der im kurfürstlichen Hoforchester wirkte, dem damals vierzehnjährigen Ludwig van Beethoven Violinunterricht gab und zu dessen Familie eine freundschaftliche Beziehung unterhielt. Ferdinand war in musikalischer Hinsicht weitgehend Autodidakt, bevor er zur Ausbildung nach München und von dort 1803 nach Wien ging, wo ihn Beethoven nunmehr im Klavierspiel unterwies und zugleich darauf sah, dass sein junger Schüler auch bei dem bekannten Theoretiker und Komponisten Johann Georg Albrechtsberger Kompositionsunterricht bekam. Schon im nächsten Jahr gab der brillante junge Pianist sein öffentliches Debüt, als er Beethovens drittes Klavierkonzert spielte. Er dürfte damals der engste Freund des großen Komponisten gewesen sein: Er erledigte für ihn alle Arten musikalischer Arbeiten, war sein Sekretär, kopierte Stimmen, fertigte Transkriptionen und Arrangements an, las Korrektur und kümmerte sich um die Publikationen. Nach jahrelangen, erfolgreichen Konzertreisen als Virtuose, die ihm unter anderem eine Mitgliedschaft in der Königlichen Schwedischen Akademie einbrachten, und nach weiteren kurzen Aufenthalten in Paris und Wien ließ sich Ries in London nieder, wo er eine Engländerin zur Frau nahm und sich auch weiterhin für seinen Freund und Lehrer Beethoven einsetzte.

Ries war ein talentierter, fleißiger Komponist, der sich auf jedem Gebiet der Instrumentalmusik betätigte, wenngleich seine Werke später, wie das Schaffen vieler zeitgenössischer Kollegen, von Beethovens gewaltiger Persönlichkeit überschattet wurden. Zu Lebzeiten wurde jedoch fast alles gedruckt, was er schrieb, und aufgrund der großen Nachfrage und Popularität auch vielfach von mehreren Verlegern aufgelegt. Nachdem er 1824 aus England wieder in die Heimat zurückgekehrt war, ließ er sich zunächst in Bad Godesberg bei Bonn nieder, wo er ganz der Komposition lebte und die Organisation mehrerer Niederrheinischer Musikfeste übernahm. 1830 kam er schließlich nach Frankfurt am Main, von wo aus er noch verschiedentlich auf Reisen ging und für die Durchführung weiterer Musikfeste sorgte, bevor er 1838 mit nicht einmal 54 Jahren starb.

Mit der Komposition von Klaviersonaten begann Ries zu einer Zeit, als die Gattung erhebliche Veränderungen durchmachte. Seine Vorbilder waren die großen Klassiker Carl Philipp Emanuel Bach, Joseph Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart sowie der frühe Beethoven, der das „Ideal“ der Sonate vollendet hatte. Späterhin geriet er auch unter den Einfluss der neuartigen Sonaten Beethovens, Clementis, Hummels und anderer. Er selbst beherrschte den klassischen Formenkanon vom dualen Sonatensatz über die dreiteilige Liedform und das Rondo bis hin zu den Variationen, und diese Meisterschaft zeigt sich neben seiner eindrucksvollen Originalität in vielen seiner Werke. Auffallend ist vor allem, dass er vieles von dem antizipierte, was die großen Klavierkomponisten der Frühromantik (Schubert, Mendelssohn, Chopin usw.) tun sollten, die damals, als er zwischen etwa 1805 und 1818 den Gipfel seines Klaviersonatenschaffens erreichte, noch gar nicht geboren oder aber kleine Kinder waren. Schuberts eindringliche harmonische Sprache, Mendelssohns expressive, süße Melodik, Chopins brillante Figuration—all diese Merkmale findet man bereits in den Klaviersonaten von Ries, bevor sie in der romantischen Periode nach 1830 ihre volle Blüte erlebten. Die beiden letzten Sonaten, die Ries 1826 bzw. 1832 geschrieben hat, zeigen dann die Hinwendung zu einem prunkvolleren Stil, der dem Geschmack des Publikums eher entsprach.

Als Robert Schumann 1835 in seiner Neuen Zeitschrift für Musik ein Werk von Ries rezensierte, lobte er die auffallende Originalität des Kollegen. Wie Franz Schubert strömt er an fließenden lyrischen Melodien geradezu über. Das zeigt sich auch in den vielen Sätzen, die er nach dem Prinzip der Sonatenform anlegt und deren zwei Hauptthemen nebst Schlussgedanken er klar voneinander unterscheidet und kunstvoll durchführt. Zu den signifikanten Charakteristika seines Stil, von denen viele zu Markenzeichen der romantischen Sprache wurden, gehören dramatische Gegensätze der Dynamik, abrupte Tempo- und Stimmungswechsel, harmonische Rückungen, eine fließend ornamentierte Figuration, weit gespannte Sprünge und ein erheblicher Einsatz des rechten Pedals, wodurch die Klänge ineinander verschwimmen.

Ungeachtet die beiden Sonaten op. 9 erst im Jahre 1812 annonciert wurden, ist die Klaviersonate C-dur op. 9 Nr. 2 auf etwa 1809 zu datieren. Sie stammt also aus der Zeit, als sich der Komponist nach seinem ersten, glücklosen und doch sehr „sonatenträchtigen“ Pariser Aufenthalt nach Wien begab. Die Anlage des Werkes ist nicht ganz alltäglich: Der erste Satz verbindet die rhythmischen Merkmale einer würdevollen Polonaise mit einer Rondoform.

Dem sehr raschen und gedrängten Scherzo nebst Trio folgt ein kurzer langsamer Satz in g-moll, der attacca in das rhythmisch schier unaufhaltsame C-dur-Finale führt—ein rasantes perpetuum mobile von jener Art, die man bei Ries häufig findet.

Die um 1808 in Paris entstandene Klaviersonate fismoll op. 26 „L’Infortuné“ ist das einzige Exemplar ihrer Gattung, die Ries mit einem Titel versehen hat. Die französische Hauptstadt verweigerte ihm ihre Anerkennung, da der Komponist an seinem Wienerischen Stil festhielt—und so könnte der Titel der Sonate durchaus auf seine aktuelle Geistesverfassung anspielen. Namentlich der Kopfsatz ist ein bemerkenswerter Vorbote der Romantik, die zwei Jahrzehnte später erblühen sollte. Beethovens Pathétique op. 13 hat deutliche Spuren in der Struktur dieses Satzes hinterlassen: Der harmonisch doppeldeutigen Adagio-Einleitung mit ihren eindringlichen Seufzermotiven folgt ein leidenschaftliches, stürmisches Allegro, das nach Beethovenschem Muster zweimal abrupt von verkürzten Wiederholungen der Introduktion unterbrochen wird.

Das lyrisch-ruhige D-dur-Andante fungiert als kurzer Kontrast zwischen den stürmischen Ecksätzen und gelangt ohne Pause in das abschließende fis-moll-Presto. Eine rasche Triolenbegleitung treibt die Musik vorwärts, indessen kleine Zwischenspiele ein lyrisches Nebenthema präsentieren. So findet die emotional aufgeladene Komposition ihren brillanten und effektvollen Höhepunkt.

Bald, nachdem sich Ferdinand Ries 1813 in London etabliert hatte, schrieb er das einsätzige Klavierstück The Dream op. 49, um sich dem englischen Publikum vorzustellen. Er brachte das Stück 1814 auf eigene Kosten heraus und erzielte damit einen unmittelbaren Erfolg, der auch in französischen bzw. italienischen Ausgaben als Le Songe und Il Sogno erschien. Wenngleich es sich dabei mehr um eine Fantasie denn um eine Sonate handelt, so enthält dieser „Traum“ doch einige sonatenhafte Merkmale. Er besteht aus mehreren Abschnitten, die beinahe nahtlos ineinander übergehen und trotz des Fehlens eines eigentlichen Programms wie die Teile einer programmatischen Erzählung anmuten. Der Introduktion folgen sechs deutlich unterschiedene Abschnitte in terzverwandten Tonarten:

A Introduktion: Larghetto con moto (Es-dur) B Moderato e molto espressivo (Es-dur) C Andantino: Dolente e tranquillo (G-dur) D Andantino con moto (H-dur) E Tempo di Marcia: Maestoso moderato – Mesto (D-dur) F Adagio (kadenzartiger Übergang zur Wiederholung des B-Teils) G Allegretto: Grazioso – Più vivace (Es-dur)

Mit ihrer chopinesken Figuration und ihren gefühlsbetonten Harmonien schaut die Sprache dieses Werkes auf die frühromantischen Klavierkomponisten voraus. Unter den programmatischen Elementen, die in The Dream erklingen, finden sich rezitativische Passagen (Teil B), ein „Waffenappell“ nebst militärischer Musik, der trauerhafte Klänge folgen (Teil E), verschiedene britische Merkmale wie der „Scotch snap“-Rhythmus (Teil D) und ein beinahe- Zitat aus Rule, Brittania (Teil E). Es ist nicht schwer, hinter diesem Traum eine ganze Geschichte zu vermuten!


Susan Kagan
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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