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8.572222 - FUCHS, R.: Serenades Nos. 1 and 2 / Andante grazioso and Capriccio (Cologne Chamber Orchestra, C. Ludwig)
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Robert Fuchs (1847–1927)
Werke für Streichorchester

 

Johannes Brahms war nicht gerade für seine Überschwänglichkeit bekannt, vielmehr tendierte er dazu, seine Gefühle hinter einer Maske von beißendem Sarkasmus zu verbergen. Zahllose hoffnungsvolle junge Komponisten, die seinen Rat suchten, wurden mit den folgenden Worten weggeschickt, die ihnen bitter in den Ohren klangen: „Meinen herzlichsten Dank; amüsieren Sie sich weiterhin auf diese Weise.“ Max Bruch, der nur wenige Jahre jünger war als Brahms, arbeitete sich einmal durch ein ganzes Werk hindurch, nur um gefragt zu werden: „Verraten Sie mir, wo findet man so schönes Schreibpapier?“ Es überrascht daher, wenn Brahms einmal jemanden als einen hervorragenden Komponisten bezeichnete; doch genau diese Worte fand er für die Musik von Robert Fuchs: „Alles ist so fein, so geschickt, so bezaubernd erfunden, dass man immer Gefallen daran findet.“ Brahms und Fuchs lernten sich in den späten 1870er Jahren kennen und wurden schon bald gute Freunde. Tatsächlich war Brahms oft der erste, der die Musik seines Protégés hörte und durchspielte—Musik in der Tradition der lyrischen Komponisten am Übergang von der späten Klassik zur frühen Romantik, darunter vor allem Schubert. Rhythmisch wurde Fuchs’ Musik mit dem wachsenden Einfluss Brahms’ zunehmend komplexer.Auch der tonale Rahmen wurde im Laufe der Zeit fließender, und Fuchs bemerkte sogar—fast ein Echo von Richard Strauss—, dass Musik ohne zahlreiche Tonartenwechsel sich „sehr alt“ anhöre, ungeachtet ihrer Klangschönheit.

Robert Fuchs wurde am 15. Februar 1847 als jüngstes von dreizehn Kindern in dem steirischen Dorf Frauental an der Lassnitz nicht weit von der heutigen slowenischen Grenze geboren. Wie sein älterer Bruder Johann Nepomuk (der sich als Operndirigent in ganz Österreich-Ungarn und Deutschland einen Namen machte) war auch Robert ein hochmusikalisches Kind. Er beherrschte schon bald das Spiel auf Klavier, Orgel, Geige und Flöte und erwarb zudem solide Grundkenntnisse in Harmonielehre und Kontrapunkt; außerdem zeigte er kompositorisches Talent. Mit achtzehn Jahren zog er nach Wien, wo er als Korrepetitor, Klavierlehrer und Kirchenorganist ein karges Auskommen fand. Zur gleichen Zeit nahm er am Konservatorium Kompositionsunterricht bei Otto Dessoff, der später der Jury angehören sollte, die Antonín Dvořák das österreichische Staatsstipendium für Künstler zusprach. Fuchs’ erste ungezählte Sinfonie in g-Moll fand noch keine nennenswerte Resonanz, doch seine zwei Jahre später (1874) entstandene Serenade Nr. 1 war ein großer Erfolg. Von der Kritik wurde besonders die „regelmäßige und ansprechende“ Form des Werks lobend erwähnt. Und der eher konservativ denkende Eduard Hanslick bewunderte das Stück vor allem, weil es keine großen philosophischen Tiefen auslotete oder der zeitgenössischen Mode folgte, in der Musik bestimmte psychische Zustände ausdrücken zu wollen.

1875 wurde Fuchs ins Lehrerkollegium des Konservatoriums aufgenommen. Zu der eindrucksvollen Reihe von Schülern, die im Laufe der Jahre seine Kompositionsklasse durchliefen, zählten George Enescu, Erich Korngold, Gustav Mahler, Franz Schmidt, Franz Schreker, Jean Sibelius, Hugo Wolf und Alexander Zemlinsky. Unter den Komponisten einer leichteren Muse, die Fuchs unterrichtete, sind Leo Fall und Richard Heuberger (der Nachfolger Hanslicks als Kritiker der Neuen Freien Presse) zu nennen.

Nach seinem Tod verschwand Fuchs fast völlig aus dem öffentlichen musikalischen Bewusstsein, und die wenigen Artikel und Lexikoneinträge, die ihn noch erwähnten, wiederholten unweigerlich dieselben mageren Fakten: dass er sich wenig um die Verbreitung seiner eigenen Werke gekümmert habe, dass seine Musik sich an Brahms orientiere und dass man ihn wegen der Beliebtheit seiner Serenaden den „Serenaden-Fuchs“ nannte. Es ist daher leicht, der Vorstellung zuzustimmen, dass die Musik eines zweitrangigen Komponisten wie Fuchs notwendigerweise ohne größeren Einfluss geblieben sein muss. Wäre dies tatsächlich der Fall gewesen, so müsste man allerdings fragen, warum ein solch scharfsinniger Meister ersten Ranges wie Brahms Fuchs so hoch geschätzt haben mag und warum die Leitung des Konservatoriums ihm ihre besten Kompositionsschüler anvertraute. Sibelius zum Beispiel, dessen jugendliche Unzuverlässigkeit enervierend gewesen sein muss, war einer von Fuchs’ Lieblingsschülern. In der Tat bot das Konservatorium diesem nach der Pensionierung seines alten Lehrers im Jahre 1912 sogar dessen Nachfolge an.

In ihrer kultivierten Verbindung von klassischer Eleganz und romantischer Leidenschaftlichkeit ist Fuchs’ Musik in geschmackvoller Weise weltgewandt, was zweifellos auch Brahms besonders ansprach, dessen eigener Einfluss auf Fuchs’ Stil unüberhörbar ist. Was seine Orchestrierung betrifft, so erinnert Fuchs’ Transparenz den Hörer unweigerlich an Mendelssohn, während seine Harmonik der von Schumann vergleichbar ist. Es wurde sogar behauptet—von Stimmen, denen es nicht gefällt, wenn das schroffe Herz von der Musik allzu sehr getröstet wird—, dass Fuchs vielleicht sogar zu schöne Klänge geschaffen habe.

Als Fuchs 1874 seine Serenade Nr. 1 in D-Dur op. 9 vollendet hatte, schien es nur natürlich, dass er sie dem Mit- Schubertianer Nikolaus Dumba widmete, einem aus Griechenland gebürtigen Magnaten, der die finanziellen Mittel für die Publikation einer Gesamtausgabe von Schuberts Werken bereitgestellt hatte. Ihre lyrische und zugleich kontemplative Stimmung sind vielleicht die beiden herausragendsten Eigenschaften dieser fünfsätzigen Komposition für Streicher. Nach einem kurzen Vorspiel lädt das anmutige Menuett zu einem Vergleich mit ähnlichen Elementen in Mendelssohns „Italienischer“ Sinfonie ein. Das lebhafte Scherzo zeichnet sich durch einige ansprechende Modulationen in entlegene Tonarten aus, die auf Fuchs’ späteren Schüler Hugo Wolf vorausdeuten. Der romantische langsame Satz bildet zweifellos das Herzstück dieses Werks, das von einem überaus lebhaften Finale abgerundet wird, welches überraschend in Moll anstatt wie erwartet in Dur beginnt. Vielleicht folgte Fuchs hier dem Vorbild Haydns, dessen „Kaiser“-Quartett ein weiteres Werk in Dur ist, dessen Finale in Moll steht. Arnold Schönberg soll diese Serenade bewundert haben, von der ein mit zahlreichen Anmerkungen versehenes Exemplar im Schönberg-Institut in Wien aufbewahrt wird. Der Serenade Nr. 1 war bei ihrer Uraufführung ein überragender Erfolg beschieden, und so komponierte Fuchs zwei Jahre später (1876) eine weitere Streicherserenade. Diese Serenade Nr. 2 in c-Moll op. 14 widmete er Graf Tamás Nyáry, einem Mitglied des österreichischungarischen Adels und heute völlig vergessenen Amateurkomponisten, der eine Reihe von Gedichten Heinrich Heines für Singstimme und Klavier vertonte. Der erste Satz dieser Serenade zeichnet sich durch seine lebhaft springende Basslinie aus. Den emotionalen Mittelpunkt des Werks bildet das überschwängliche und mitreißende Larghetto, das eine gewisse stilistische Nähe zu Dvořáks 1875 entstandener Streicherserenade aufweist, obwohl ein direkter Einfluss hier eher unwahrscheinlich ist, da das Werk des tschechischen Komponisten zu diesem Zeitpunkt noch nicht veröffentlicht war. Auf den energievollen dritten Satz, der durch mehrere Tonarten moduliert, folgt ein munteres Finale im Rhythmus einer Tarantella. Seine Joie de vivre erinnert an Wolfs berühmte Italienische Serenade, die allerdings erst ein Jahrzehnt später entstehen sollte.

Als Fuchs das Andante grazioso und Capriccio op. 63 schrieb (1900), war die lyrische Stimmung seiner jugendlichen Serenaden von dunkleren und schärferen Emotionen überlagert und das von ihm bearbeitete thematische Material insgesamt spröder und kantiger. Es ist interessant, diese ernsthafte und herbstliche Musik mit der seiner jüngeren, berühmteren Schüler zu vergleichen, da ihre Intensität hier und da sich der eines Mahler annähert und ihr Pathos dem von Sibelius’ Valse triste ähnelt.

Als Robert Fuchs im Jahre 1927 starb, kündigte die neue serielle Technik von Schönberg, Berg und Webern bereits die Zukunft der österreichischen Musik an. Die ihm vertraute Welt des gesitteten bürgerlichen Musizierens gehörte ebenso der Vergangenheit an wie die verblichene kaiserliche und königliche Pracht von Franz Josefs erloschenem österreichisch-ungarischem Kaiserreich.


© 2010 Anthony Short
Übersetzung: Stephanie Wollny


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