About this Recording
8.572294 - MENDELSSOHN, Felix: Symphony No. 2, "Lobgesang" (Ziesak, Erdmann, Elsner, Leipzig MDR Radio Symphony and Chorus, Markl)
English  German 

Felix Mendelssohn (1809–1847)
Sinfonie Nr. 2 B-Dur op. 52, Lobgesang

 

Felix Mendelssohn war der letzte wahre Universalmusiker der Musikgeschichte. Er glänzte nicht nur als Komponist und Virtuose auf seinen Instrumenten Orgel und Klavier, sondern brachte auch als Dirigent, Organisator großer Musikfestspiele, Gründer eines Konservatoriums und Lehrer Leistungen, welche als ebenso bedeutsam in die Musikgeschichte eingegangen sind. Sah seine Epoche den Aufstieg des Instrumentalvirtuosen der Art Paganinis oder Liszts, der sich in erster Linie durch das atemberaubende Können auf seinem eigenen Instrument definierte, so vertrat Mendelssohn einen allseits versierten Musikertypus, der in seiner Generation bereits am Aussterben war. Trotzdem oder vielleicht auch deswegen wurde er zu Lebzeiten nicht nur vom Publikum verehrt, sondern auch von der musikalischen Fachwelt wegen seines phänomenalen Wissens und Könnens in allen Bereichen der Musik bewundert. Für den ein Jahr jüngeren Schumann war Mendelssohn der erste Musiker unserer Zeit.

Mendelssohn selbst stand der romantischen Kunst seiner Zeitgenossen und insbesondere den avantgardistischen Ambitionen eines Berlioz oder Liszt kritisch gegenüber. Er war kein Neuerer oder Pionier, sondern hielt an den Traditionen fest, die den Test der Zeit überstanden hatten. Er liebte die Logik und Klarheit der klassischen Formen, sowie den Kontrapunkt des Barock, insbesondere den Johann Sebastian Bachs.

Mendelssohn entstammte einer wohlhabenden jüdischen Bankiersfamilie, die auf die beachtliche Reihe namhafter Juristen, Rabbis und Philosophen in ihrem Stammbaum stolz war. Felix’ Großvater etwa war der Berliner Philosoph Moses Mendelssohn, ein Freund Lessings. Felix, eigentlich Jakob Ludwig Felix, erhielt seinen zweiten Nachnamen Bartholdy, als seine Eltern im antisemitischen Klima des damaligen Berlin die ganze Familie protestantisch taufen ließen. Felix wuchs als evangelischer Christ auf, obwohl er zeitlebens auch auf seine jüdische Abstammung stolz war.

Seine Kindheit verbrachte Felix in einem kultivierten Umfeld, in welchem Bildung und Arbeitseifer eine wesentliche Rolle spielten. Sein Elternhaus war ein Treffpunkt für solch illustre Persönlichkeiten wie die Humboldts oder Hegel und in der Stadt für die regelmäßigen Sonntagsmatinee-Konzerte bekannt. Seine Eltern engagierten dafür eigens ein Orchester, mit dem der junge Felix seine Kompositionen sowie seine Dirigierkunst erproben konnte. Mit einer außergewöhnlichen Musikalität und einem genialen Gedächtnis ausgestattet, wuchs Mendelssohn so zu einem frühreifen Musiker heran, der bereits mit neun Jahren öffentlich Klavier spielte und mit sechzehn sein Oktett in Es-Dur, ein vollendetes Meisterwerk schuf. Mit der gleichzeitig entstandenen Ouvertüre zum Sommernachtstraum stellte Mendelssohn zum ersten Mal seine neuartige, elfenhaften Musik vor, die heute noch ihr Publikum verzaubert.

Wie alle heranwachsenden Männer aus gutem Hause ging auch Mendelssohn mit zwanzig Jahren auf eine große „Bildungsreise”, die drei Jahre dauerte und ihn nach Italien, Frankreich, England und Schottland brachte. Sowohl in Italien als auch in Schottland fand er reichlich Inspiration für seine späteren Sinfonien.

Mendelssohn verbrachte den größten Teil seiner Karriere in Leipzig, der alten Stadt Bachs, die sich durch seine Präsenz wieder zur musikalischen Hauptstadt Deutschlands entwickelte. Dort leitete er die berühmten Konzerte des Gewandthausorchesters und trug durch seine Aufführung Bachscher Werke zur Renaissance des alten Meisters bei, der zu dieser Zeit ganz und gar in Vergessenheit geraten war. Ende 1842 gründete Mendelssohn das Leipziger Konservatorium, an welchem er zusammen mit Schumann selbst unterrichtete. Mendelssohn starb fünf Jahre später im Alter von 38 Jahren in Leipzig.

Als Mendelssohn 1840 seine Zweite Sinfonie komponierte, war er bereits auf der Höhe seiner Karriere und einer der berühmtesten Komponisten in Europa. Die Leipziger Uraufführung im Juni desselben Jahres war ein rauschender Erfolg, wie auch die darauffolgende Aufführung in Birmingham. Als der sächsische König daraufhin eine Wiederholung der Sinfonie in Leipzig anordnete, fügte Mendelssohn der bereits umfassenden Sinfonie drei weitere Vokalsätze zu, und zwar das Tenorrezitativ des dritten Satzes, das Tenorsolo des sechsten Satzes sowie das Duett für Sopran und Tenor des neunten Satzes. Dass die Sinfonie trotz ihres ursprünglichen Erfolges bald als Stiefkind der Mendelssohnschen Großwerke abgestempelt wurde, lag zum Teil an ihren Vokal- und Choreinlagen. Böse Zungen und Neider warfen dem Komponisten etwa vor, hier einen Abklatsch der Neunten Sinfonie Beethovens geschaffen zu haben. Mit deren berühmtem Schlusschor über Schillers Ode an die Freude hatte Beethoven der bis dato rein instrumentalen Gattung der Sinfonie die Krone aufgesetzt und einen langen Schatten auf das folgende Jahrhundert und die nachfolgende Sinfonikergeneration vorausgeworfen. Wer in den 1840er Jahren eine Sinfonie mit Singstimmen und Chor auf die Bühne brachte, musste unweigerlich dem Vergleich mit Beethovens letzter Sinfonie standhalten.

Mendelssohn, der ein notorischer Selbstkritiker mit hohen Ansprüchen an seine eigenen Kompositionen war, schätzte seine Zweite Sinfonie, die er als Sinfonie-Kantate beschrieb, aber sehr. Ihre Vokalteile basieren auf Texten der Luther-Bibel, wie auch das in der Partitur aufgeführte Zitat Sondern ich wöllt alle Künste, sonderlich die Musica, gern sehen im Dienst des der sie geben und geschaffen hat.

Die Sinfonie ist in zwölf Teilen angelegt, die zwar als unabhängige Sätze dastehen, aber gleichzeitig fließend ineinander übergehen. Eröffnet wird das monumentale Werk durch eine Einleitung Sinfonia, deren fanfarenartiges Motiv in abwechselnder Folge von der Posaune vorgestellt, dann von der Streichergruppe wiederholt wird. Dieses Motiv zieht sich in verwandelter Gestalt durch die gesamte Sinfonie, besonders markant etwa in der Überleitung zum zweiten Satz durch die Klarinette oder in der Einleitung zum Chorsatz Alles was Odem hat. Auch der Schlusschor Danket dem Herrn und preiset seine Herrlichkeit gipfelt in diesem triumphierenden Motiv der Einleitung und spannt so einen Bogen um die gesamte Sinfonie.

Mendelssohn komponierte Lobgesang anlässlich der Vierhundertjahrfeier von Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Metall-Lettern. Auf den erheblichen Beitrag, den Gutenberg mit seinen gedruckten Bibeln zur Aufklärung leistete, spielt Mendelssohn in dieser Sinfonie mit dem strahlenden Choral Die Nacht ist vergangen an. Nach der Ankündigung durch die Sopranstimme arbeitet Mendelssohn diesen Choral in einem Tonsatz Bachscher Prägung aus, der Zeugnis von der außerordentlichen polyphonen Improvisationskunst ablegt, für welche Mendelssohn zu Lebzeiten von seinen Kollegen bewundert wurde.


Eva Grant


Close the window