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8.572314 - SCHUMANN, Camillo: Cello Sonatas Nos. 1 and 2 / 2 Konzertstucke (Kliegel, Piemontesi)
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Camillo Schumann (1872–1946)
Cello Sonata No. 1, Op. 59 • Cello Sonata No. 2, Op. 99 • Konzertstücke, Op. 20

 

Camillo Schumann wurde am 10.März 1872 in Königstein/Sachsen als Sohn des Stadtmusikdirektors Clemens Schumann (1839–1918) geboren. Schon im frühen Kindesalter lernte er mehrere Instrumente zu beherrschen und trug viel zum häuslichen Musizieren bei. Im Alter von 12 Jahren übernahm er die Leitung der örtlichen Bläsergruppe zum traditionellen Turmblasen auf dem Turm der Stadtkirche. 1889 trat er in das Leipziger Konservatorium ein, und erhielt dort bis 1893 eine grundlegende Ausbildung. Seine Lehrer waren der Komponist Carl Reinecke, der Musiktheoretiker Salomon Jadassohn, der Klavierpädagoge Bruno Zwintscher und der Organist Paul Homeyer. 1894/95 ging er nach Berlin an die Hochschule für Musik und studierte bei Woldemar Bargiel und Robert Radecke und machte dort „einen in jeder Hinsicht rühmenswerten“ Abschluß. Am 1.Oktober 1896 wurde er an die Stadtkirche St. Georg in Eisenach und an die Wartburgkapelle berufen. Dort entwickelte er sein Talent in höchstem Maße, interpretierte fast alle Orgelwerke von Gabrieli bis Reger, und kümmerte sich besonders um die Pflege der Bach’schen Musik. Neben Bach und Händel, welche seine „Spitzenreiter“ waren, waren in den Programmen seiner Orgelkonzerte Mendelssohn, Rheinberger, Liszt, Piutti, Merkel und Samuel de Lange, dem er seine erste Orgelsonate widmete, am häufigsten vertreten. Hier fanden auch die meisten seiner Uraufführungen statt. Mit seinem Bruder Georg setzte er sich besonders für den Neubau einer großen Jehmlich-Orgel, und die Instandsetzung des Bach-Hauses ein. Als Pianist, Organist und Leiter der Eisenacher Triovereinigung war er ein weithin gerühmter Interpret und Virtuose, besonders bei Aufführungen seiner eigenen Werke. Seine interpretatorischen und kompositorischen Leistungen würdigten Persönlichkeiten wie Hermann Kretzschmar, Wilhelm Berger, Paul Claussnitzer, Alfred Lorenz, und Arnold Schering. Auch Anton Rubinstein äußerte sich über seine bemerkenswerten Leistungen. Für seine Verdienste wurde ihm der Titel „Großherzoglich Sächsischer Musikdirektor und Hoforganist“ verliehen. 1911 wurde er Mitglied der gemeinschaftlichen Sachverständigen-Kammer Thüringer Staaten für Werke der Tonkunst in Weimar. Am Brillschen Konservatorium in Eisenach erhielt er eine Dozentur für Orgel und Tonsatz. Camillo Schumann siedelte im Jahre 1914 nach Bad Gottleuba über. Dort widmete er sich ganz dem kompositorischen Schaffen. Die Nöte der Kriegs- und Nachkriegszeit bewirkten zunehmende Einschränkungen in wirtschaftlicher Hinsicht, zumal er an seiner traditionellen Kompositionsweise festhielt. Die damaligen Strömungen der Musik ignorierte er völlig. So wurde es schwierig, seine neuesten Werke verlegen zu lassen. Doch in seiner Heimat wurde er nie ganz vergessen. Der Not gehorchend übernahm Schumann weitere kirchenmusikalische Dienste : in Markersbach (1921–1946) und Langenhennersdorf (1928–1941). Darüber hinaus komponierte er unbeirrt weiter und konzertierte als Orgelsolist in Dresden, Pirna und Königstein. In weitem Umkreis erlebte die Kulturszene durch ihn wahre Sternstunden. Camillo Schumann starb am 29. Dezember 1946 in Bad Gottleuba , wo er auch beigesetzt wurde. Sein Grab ist noch heute erhalten.

Camillo Schumanns Werk umfasst fast alle Musikgattungen. Über 300 Kompositionen sind verzeichnet, darunter eine Vielzahl kammermusikalischer Werke, Klavierwerke, Kantatenwerke mit Orgel oder Orchester, Werke für Harmonium und ein umfangreiches Orgelwerk. Die Kammermusik nimmt bei Schumann den größten Raum ein. Er schrieb 3 Klaviertrios, 5 Sonaten für Klavier und Violine, 3 Cellosonaten, 2 Hornsonaten, 2 Klarinettensonaten, 2 Oboensonaten, 1 Flötensonate und viele freie Kompositionen für die verschiedensten Besetzungen. Fast alle dieser Werke sind nie veröffentlicht worden und existieren nur im Autograph. Seine sehr durch Brahms beeinflusste Tonsprache hat zudem die Klangwelt der großen spätromantischen Liszt-Schule. Bis hin zu Klängen Rachmaninows schreibt er Klavierparte von ungeheurer Kraft und Virtuosität. Die sehr ausgeprägte wundervolle Melodienseligkeit, besonders in den langsamen Sätzen, macht diese Werke zu einem unbeschreiblichen Zeugnis eines nie zur Geltung gekommenen Komponisten.

Nun möchte ich an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen, daß das Gesamtwerk Camillo Schumanns noch fast vollständig vorhanden ist. Das ist zunächst der Verdienst von Harald Schurz, den ich zwei Jahre vor seinem Tode noch kennenlernte, und der 1954 das Königsteiner Musikarchiv gründete. In unermüdlicher Arbeit sammelte er Notizen, Abschriften und alles, was mit dem Königsteiner Musikleben zusammenhing. Das Archiv der Arbeitssammlung umfaßt inzwischen über 500 Kompositionen, darunter eben auch das Gesamtschaffen Camillo Schumanns. Ferner enthält es etwa 3000 dokumentarische Belege, Briefe, Bilder, Rezensionen usw., rund 500 Bücher und Schriften, Autographe von Julius Otto, Richard Wagner, Camillo Schumann und Dmitri Schostakowitsch. Der Liebe und Pflege von Harald Schurz ist es zu verdanken, daß diese Werke heute noch greifbar sind. Seinerzeit gab es eine Menge Konzerte mit Werken von Camillo Schumann. Somit ist es auch sein Verdienst, sich für die Verbreitung dieser Werke eingesetzt zu haben. Nach seinem Tode ist der ganze Bestand an eine Erbengemeinschaft übergegangen, wo ich dann mit Frau Bettina Sachse, eine der Töchter, in Kontakt treten konnte, und mit der ich seit einiger Zeit herzlich verbunden bin. Die ganze Sammlung liegt nun im sächsischen Hauptstaatsarchiv in Dresden, und ist neu katalogisiert worden.

Die erste Cello-Sonate op.59 ist ein Bravourstück par excellance. Das dreisätzige Werk hat ungestümen und leidenschaftlichen Charakter, wobei der letzte Satz dazu noch ungeheuer dramatisch einhergeht. Schumann beweist sich hier als gekonnter Symphoniker, indem er die Thematik so verknüpft, daß beide Instrumente durchaus gleichwertige Behandlung erfahren. Die hochvirtuose Technik, die dieses Werk verlangt, verleiht dieser Musik enormes Temperament und Esprit. Hier kommt Camillo Schumann sehr nahe an die Tonsprache der Liszt’schen Klangwelt heran, dessen Musik auch enorm virtuos geprägt ist. Camillo Schumanns Cellosonaten sind alle geschrieben für „Klavier und Violoncello“, und sind somit vorrangig pianistisch geprägt. Sie stehen in nichts den Werken seiner Zeitgenossen nach, und verdienen unvoreingenommenen Respekt und Beachtung in der Konzertwelt.

Die groß angelegte zweite Cellosonate in c-moll op.99 besticht durch den immensen Einfluß von Johannes Brahms. Dieser Einfluß ist in vielen seiner Werken zu spüren, jedoch sehr ausgeprägt in dieser Sonate; vor allem, wenn man sie im Vergleich sieht mit den Brahm’schen Cellosonaten. Wir haben es hier mit einer durchaus dichterisch musikalischen Gestaltung zu tun, voller Poesie und tiefem Seelenleben. Es ist kein Werk puren Virtuosentums, viel mehr gestaltete Dramatik von tiefer, ernster Prägung. Die Struktur ist eine der komplexesten aller Kompositionen. Die thematischen und motivischen Verarbeitungen spielen sich gegenseitig vielfältig zu, erleben Steigerungen und Ruhepunkte und sind im dauernden Wandel in ihren Klangfarben. Dieses Stück ist fast orchestral gedacht, voller symphonischen Zusammenhänge und in der Konstruktion meisterhaft. Sie ist im Gegensatz zu allen anderen Werken Schumanns sehr dunkel in den Klangfarben, teilweise auch düster. Schumann schrieb sie um 1932, einer Zeit, in der die Nöte der Nachkriegszeit sehr auf ihn einwirkten.

Sie ist ein großartiges Beispiel meisterhaft gekonnten Kompositionsstils, und ist in ihrer Gefühlswelt unbeschreiblich intensiv: Ein Meisterwerk von ungeheurem Rang.

Die beiden Konzertstücke op.20 sind um 1900 entstanden. Sie sind betitelt mit „Romanze“ und „Mazurka“. Eigentlich verbindet man ja mit diesen Titeln schlichte und formal kleinere Stücke. Was sie jedoch zu Konzertstücken macht, ist die doch sehr besondere und eigenständige Behandlung des Soloparts. Schumann macht aus dieser Form regelrechte Konzertsätze. Durchaus könnte man die beiden Stücke als 2. und 3.Sätze eines Solokonzertes ansehen. Der Solopart des Violoncello ist sehr konzertant ausgearbeitet, und formal sind beide Sätze entsprechend ausgeweitet. Man findet im Werkverzeichnis viele dieser „Konzertstücke“ für die unterschiedlichsten Besetzungen, sogar für Klavier solo.

Das schlichte Thema der Romanze wird im Verlauf oft mit unterschiedlicher Klavierbegleitung vorgeführt, und erhält dadurch eine sich immer wieder ändernde Klangfarbe. Das Stück wird unterbrochen von einem hochvirtuosen Mittelteil, der das Cello so richtig in den Vordergrund rückt. Im „Tempo risoluto ed energico“ herrschen große Akkorde, Doppelgriffe und schnell laufende Sechzehntel vor, die technisch hohe Anforderungen an den Interpreten stellen. Die Mazurka im Tempo „animato“ ist durchweg von virtuoser Prägung. Das ist ein Stück voller Energie und Feuer. Atemberaubende Sologänge des Cellos machen diesen Tanz zu einem mitreißenden Konzertstück: für das Podium wie geeignet.


Ulrich Rasche


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