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8.572470 - Clarinet Recital: Brunner, Eduard - WIDMANN, J. / BERIO, L. / JOLIVET, A. / DENISOV, E. / GOEHR, A. / HOSOKAWA, T. / REIMANN, A.
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MUSIK FÜR KLARINETTE SOLO
Widmann • Hosokawa • Berio • Reimann • Lourié • Denisov • Goehr • Pousseur • Lehmann • Nieder • Jolivet

 

Als jüngstes Mitglied der etablierten Holzbläser-Familie wurde die Klarinette zwar erst während der 1770-er Jahre ins Orchester aufgenommen, doch im 19. Jahrhundert erfreute sie sich als festes kammermusikalisches und konzertantes Element einer weit größeren Präsenz als Flöte, Oboe oder Fagott. Während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verminderten sich ihre Möglichkeiten, da ihr lieblicher und sanfter Klang nicht unbedingt die Gunst fortschrittlicher Kreise genoss. Nach dem Zweiten Weltkrieg jedoch interessierte man sich wieder verstärkt für das Instrument, was teils an der Zahl junger Virtuosen lag, die neue Spieltechniken entwickelten, teils aber auch von dem großen expressiven Spektrum herrührte, dessen die Klarinette fähig ist. Die vorliegende CD enthält Werke von elf Komponisten, die jeweils ganz eigene ästhetische Ansichten vertreten, dabei aber auch allesamt für sich Wege gefunden haben, die besonderen Qualitäten des Instruments ihrer eigenen Entwicklung anzuverwandeln. Etliche der aufgenommenen Stücke sind bereits moderne Klassiker geworden, und alle anderen verdienen ebenfalls die Beachtung neugieriger Musiker.

Der deutsche Komponist Jörg Widmann (geb. 1973) machte sich auch als Klarinettenvirtuose einen Namen und hat in beiden künstlerischen Eigenschaften eine bemerkenswerte Karriere gemacht. Seine Fantasie (1993) profitiert von seiner eigenen, eindrucksvollen Technik und zehrt musikalisch von Jazz, Tanz und Klezmer. Das Stück beginnt mit avancierten technischen Momenten sowie extremen Registern, wobei sogleich die verschleierten, tiefen Klänge offenbar werden. Späterhin sorgt eine getriebene Bewegung für größere Brennschärfe, bevor die Musik durch den Rückgriff auf frühere Elemente beschlossen wird.

Der 1955 geborene Toshio Hosokawa, vermutlich der wichtigste japanische Komponist nach Toru Takemitsu, hat einen großen Teil seiner beruflichen Laufbahn in Deutschland zugebracht und in seiner Musik zunehmend kunstvollere Mittel gefunden, Okzident und Orient in Einklang zu bringen. EDI (2009) ist Eduard Brunner gewidmet. Der Titel ist die Abkürzung von Eduard, so wie er von seinen Freunden genannt wird. Das Werk ist eine mikrokosmische Verdichtung seines reifen Stils.Die Musik konzentriert sich auf wellenförmige Phrasen, worin hohe und tiefe Register miteinander streiten, doch es gibt auch nachdenklichere Elemente, die das expressive Spektrum erweitern, ohne die unaufdringliche Kontinuität zu unterbrechen.

Das gesamte umfangreiche Schaffen von Luciano Berio (1925–2003) ist durchsetzt von solistischen Miniaturen, in denen seine musikalischen Auffassungen bis zur Essenz destilliert sind. Dazu gehört das Lied, das 1983 für Steven Kanoff entstand und einen Moment jener Gesanglichkeit darstellt, die fast immer dicht unter der Oberfläche seiner Werke liegt. Es handelt sich um eine weithin nachdenkliche Studie über tiefe Klänge und springende Phrasen, aus denen sich der Kontext für das „Lied“ ergibt. Obwohl wir hier eine abstrakte Übung vor uns haben, könnte man darin auch ein Gegenstück zu den Vokalwerken sehen, die Berio etwa zur selben Zeit komponierte.

Neben seiner langjährigen Tätigkeit als Liedbegleiter internationaler Sängergrößen ist der 1936 geborene Aribert Reimann auch als Komponist bekannt geworden, wobei er sich vor allem mit Opern über die verschiedensten Themen hervorgetan hat. Sein Solo (2000) für Sabine Meyer ist ein Monolog von bemerkenswerter dramatischer Spannweite. Reimann verwendet hier ein weites Spektrum expressiver Archetypen, während das Instrument im ständigen Wechsel immer neue Posen annimmt, die an die im Innern eines Individuums widerstreitenden Aspekte denken lassen. Die introvertierte Seite behält schließlich die Oberhand und bringt das Stück zu seinem Abschluss.

Der Komponist Artur Lourié (1892–1966) erfreute sich im Vorkriegs-Russland und während der frühen Jahre der Sowjetunion einer bewegten Karriere, bevor er zwischen den Kriegen nach Paris ging und sich endlich in New York niederließ. Vielfach sieht man in ihm einen Epigonen Strawinskys, was freilich nicht gerecht ist. Sein wechselhafter Charakter prägt The Mime (1956), das Charles Chaplin gewidmet ist. Das Stück verströmt sich in einer lebendigen und verspielten Manier, die durch Phrasenwiederholungen Symmetrie und Balance erreicht. Das theatralische Aroma wird durch den kurzen und rührenden Ausflug ins tiefe Chalumeau-Register des Instruments verstärkt.

Die französische Musik insbesondere der Nachkrieges-Avantgarde faszinierte Edison Denisov (1929–1996) derart, dass er sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion selbst in Paris niederließ. Seine Sonate für Klarinette solo (1972) besteht aus zwei kurzen, kontrastierenden Sätzen. Der erste gibt sich als nachdenklicher, keineswegs aber verhaltener Monolog, dem anschließend eine größere rhythmische Flexibilität und expressive Spannweite gegenübertritt: Die Brennschärfe wird dabei durch eine Wiederholungsfigur verstärkt, die sich bald in kunstvollere Phrasen verzweigt und dann zu einem eigentümlichen Schluss kommt.

Der 1932 in Berlin geborene Brite Alexander Goehr hat sich mit vielen musikalischen Gattungen befasst, deren stilistische Bandbreite seine kulturellen und philosophischen Interessen reflektieren. Wichtig ist für ihn beispielsweise die Musik Monteverdis, wie die 1969 für Alan Hacker entstandene Paraphrase on ‘Il Combattimento di Tancredi e Clorinda’ zeigt. Das Stück greift direkt auf das dramatische Madrigal des Italieners zurück, doch die unablässige Betrachtung monteverdischer Elemente vollzieht sich ohne eine Spur trügerischer Authentizität.

Eine führende Gestalt der europäischen Avantgarde war Henri Pousseur (1929–2009), der auch wegen seiner bahnbrechenden Arbeit am Konservatorium von Lüttich hohes Ansehen genoss. Das Madrigal I (1958) verrät, wie auch die beiden anderen gleichnamigen Kompositionen, die Suche nach einem gewissermaßen humanen „Vokalsatz“ für Instrumente. Die weiche Phrasierung und die logische Entfaltung der melodischen Elemente beschwören den vokalen Hintergrund des „Madrigals“, während auch die theatralische Geste, zu der sich das Stück oftmals aufschwingt, der in der Hochrenaissance entstandenen Gattung entspricht.

Der Schweizer Komponist Hans Ulrich Lehmann (geb. 1937) hat viele großangelegte Werke sowie eine Reihe von Miniaturen geschrieben, die die Essenz seines Stils beschreiben. Dazu gehört das Mosaik (1964), eines von verschiedenen Instrumentalwerken, die sich mit den Möglichkeiten einer einzigen musikalischen „Linie“ auseinandersetzen. Die verschiedenen Elemente stehen scharf umrissen nebeneinander, während ihre Tendenz, vorübergehend in verwandten Timbres und Texturen zu verschmelzen, an die Konstruktion eines Mosaiks denken lässt, das Ordnung und Kontinuität durch das genaue Gegenteil erreicht.

Auch der 1957 geborene Fabio Nieder ist als Begleiter zahlreicher internationaler Sänger bekannt geworden. Kompositorisch ist er in vielen wichtigen Bereichen der Musik in Erscheinung getreten. Eine seiner kürzesten Schöpfungen ist Terracotta (1995): Ob die klanglichen Qualitäten des Stückes ein Äquivalent des Titels sein sollen oder nicht—die unheimliche, trotz (oder vielleicht auch gerade wegen) ihrer kurzen Spieldauer erreichte Beschwörung wirkt beinahe wie die musikalische Übertragung des Materials, das durch seine Verwendung in der chinesischen Provinz Xian besonders berühmt wurde.

Eine einflussreiche Gestalt der französischen Musik zwischen den Kriegen und in der Nachkriegszeit war André Jolivet (1905–1974), der im Laufe seiner Karriere verschiedene ästhetische Auffassungen vertrat. In Ascèses (1967) dominiert die Idee der „Monodie“. Die einzelnen Abschnitte des Stückes sind mit Worten des Dichters Max-Pol Fouchet, des Philosophen Pierre Teilhard de Chardin und eines altägyptischen Papyrus überschrieben. Der erste Teil ist geheimnisvoll und erlebt nur eine kurze, intensive Aufwallung. Der zweite Teil ist lebhafter und verwendet auf wirkungsvolle Weise die Flatterzunge, während der dritte Teil sich über einem festen Rhythmus mit stetig wachsendem Schwung entfaltet. Der vierte Teil greift verhalten und lyrisch auf den ruhigen Schluss des voraufgegangenen Abschnittes zurück, worauf der fünfte Teil die Ascèses unter Verwendung früherer Aspekte mit nachdenklichen Klängen abrundet.


Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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