About this Recording
8.572602 - PFITZNER, H.: Lieder (Complete), Vol. 1 (Stallmeister, K. Simon)
English  German 

Hans Pfitzner (1869–1949)
Gesamte Lieder • 1

 

Unter den bedeutenden deutschen Komponisten seiner Zeit ist Hans Pfitzner eine wahrhaft aufregende Figur. Auf der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert war er einer der Modernen, den sich Alban Berg und Anton Webern (noch ehe sie zu Schönberg gingen) als Lehrer wünschten. In späteren Jahren mutierte er zum Bewahrer, der (während des ersten Weltkriegs) heftig gegen den „Entwurf einer neuen Ästhetik der Tonkunst“ von Ferruccio Busoni polemisierte, indem er vor der „Futuristengefahr“ warnte. Trotzdem kann man Pfitzners Werk danach nicht einteilen, der Komponist war zeitlebens ein Unangepasster, der sich die künstlerischen Freiheiten leistete, die er brauchte. Beispielhaft geschah das in seinem musikdramatischen Hauptwerk „Palestrina“ (1917), der als „musikalische Legende“ charakterisierten Künstleroper. Hier arbeitete er nicht nur mit feinsinnig umgeleiteten Zitaten, sondern auch mit linearen Zeitschichten, die ein kriselndes Bewusstsein auf der Epochenschwelle zum Klingen brachte. Als „Spätromantiker“, wie so häufig geschehen, ist er deshalb nur sehr unzureichend beschrieben. Pfitzner war vielmehr ein spannender Repräsentant seiner Epoche, der die eigene Position einer schmerzlich wahrgenommenen ‚Spätzeit’ thematisierte und, wenn es aus seiner Perspektive sein musste, heftig losdonnerte, wobei er sich gelegentlich (zu) weit nach rechts vorwagte. Aber auch in der Zeit des Nationalsozialismus blieb er ein nörgelnder Querkopf, der trotz zahlreicher Ehrungen schwer in den Propagandaapparat zu integrieren war. Die objektive Wahrnehmung seiner Musik wurde durch diese historisch-biographische Disposition zum Teil getrübt. Unabhängig davon: Hans Pfitzner ist ein viel sagender, oft genug auch inspirierter Meister aller Gattungen, der ein konzentriertes Werk (56 Opuszahlen) hinterlassen hat. Er war alles andere als ein Fachidiot, war also auch Musikschriftsteller, Librettist („Palestrina“), Dirigent, Hochschullehrer, Regisseur und nicht zuletzt Theaterleiter, der zwischen 1910 und 1916 die Straßburger Oper zu einem Musterinstitut, zu einer Reformoper machte, die gelegentlich sogar mit der Wiener Ära von Gustav Mahler vergleichen wurde.

In der von Hans Rectanus edierten Gesamtausgabe der Lieder (Schott Mainz 1979/83) sind neben den 106 gedruckten Titeln noch sechs bis dato unveröffentlichte Jugendlieder sowie fünf Fragmente enthalten. Neben diesem beträchtlichen Werk an ‚Liedern mit Klavierbegleitung’ gibt es noch vier, bzw. fünf „Gesänge mit Orchester“; außerdem wird man in den Kreis der Lieder die beiden großen Chor-Orchesterwerke mit einbeziehen müssen, also die Eichendorff-Kantate „Von deutscher Seele“ op. 28 (1921) und die Chorfantasie „Das dunkle Reich“ op. 38 (1929/30). ‚Lied’ war für Hans Pfitzner weniger eine Form, sondern, um es etwas pathetisch zu sagen, ein ‚Glaubensbekenntnis’, das der eigenen, immer wieder heraufbeschworenen Inspirationsästhetik besonders nahe zu kommen schien. Trotz der selbstverständlichen Verkettung mit einem Text, der natürlich auch bedient werden muss, ist es hier möglich, eine Stimmungseinheit zu etablieren, die wie aus einem Guss dasteht, weil sie in einem musikalischen ‚Einfall’ kreiert wird, und damit einer überschaubaren Einheit Leben einhaucht.

Bezeichnenderweise gibt es gerade bei Pfitzner häufig Lieder, die aus einem primären Grundgestus heraus das Ganze erfassen. Das ist ohne Zweifel ‚romantisch’ gedacht. Pfitzner ist einer, der Brahms, vor allen Dingen aber Schumann weiterdenkt. Doch seine Schumann-Nachfolge, die in den ersten Jahren nicht zu überhören ist, besteht im Prinzip weniger in einer stilistischen Koinzidenz, als in einem wahlverwandten Universalismus, der literarische, auch aphoristische Sichtweisen in die Musik einbringt und einem letztlich freien Formempfinden zuführt. Deshalb ist es auch gar nicht so leicht, Entwicklungslinien zu ziehen.

Neben den empfindsamen frühen Liedern, die ohne Zweifel einem romantischen Atem gehorchen, gibt es immer wieder Stücke, die nur im Hier und Jetzt, also einzig und allein mit diesem Text so funktionieren. Die hier versammelten Lieder für hohe Stimme schneiden fast das gesamte Werk für diese Besetzung, also von etwa 1884 bis 1923. Es sollten noch drei Liedkreise folgen; ab 1931 hörte Hans Pfitzner auf Lieder zu komponieren. Die gewichtigste Gruppe bilden die „Alten Weisen“ op. 33. Mit Nachdruck hat Johann Peter Vogel darauf verwiesen, dass diese acht Vertonungen von Gedichten Gottfried Kellers den einzigen Lieder-Zyklus in Pfitzners Werk bilden. Zwar gibt es noch andere Opera, in denen ein Textdichter, bzw. eine Textdichterin Einheit schafft, aber zum einen hat Pfitzner selbst darauf hingewiesen, dass die Teile „als Ganzes durchaus zusammen“ gehören und nur „zusammen in dieser Reihenfolge vorzutragen“ sind. Zum anderen legt die Dramaturgie der Kontraste und der einvernehmlichen Übergänge von Lied zu Lied, den Zusammenhang nahe. Von Hugo Wolff habe er sich herausgefordert gefühlt, sagen Vogel und andere. In der Tat herrscht zum Teil eine bizarr und virtuos daherkommende Nähe zu dem 1903 verstorbenen Meister der Liedrhetorik. Pfitzner demonstriert was er (auch) kann. Vielleicht gibt es aber noch einen weiteren Herausforderer, der posthum beschworen wird, nämlich Gustav Mahler; schließlich evozieren Kellers Texte partiell eine ‚Wunderhorn-Welt’, die Pfitzner hier allerdings mit einer listig-hintergründigen Montagetechnik ironisiert, fragmentiert und gleichzeitig lustvoll ausmalt. Das geschieht gelegentlich mit Webernscher Kürze. Der ganze Zyklus zieht in weniger als einer Viertelstunde vorüber. Die Nummer 6 „Röschen biß den Apfel an“ mit der geradezu minimalistischen ‚Begleitung’ und der dadurch weitgehend freistehenden Gesangslinie, dauert gerade mal 30 Sekunden. Das wäre ein Beispiel, in dem ein Lied aus einem Gestus heraus illuminiert wird. Im wahrsten Sinne des Wortes aus Zeitnot erfindet Pfitzner ein kurz gefasstes Hybrid aus Volkslied und Rezitativ, das nach wenigen dissonanten, sprich schmerzhaften Augenblicken mit den „Tränen“ abbricht. Mehr ist nicht zu singen. In den anderen Stücken von opus 33 arbeitet Pfitzner in der Regel mit zwei sich gegensätzlich ergänzenden Gesten.

In „Mir glänzen die Augen“ ist das zum einen das geschmeidige Motiv, das von dem koketten Glanz der Augen inspiriert ist, zum anderen komponiert er das Scharren des ungeduldigen Rosses, mit dem der Kandidat sich gefälligst davonmachen soll. John Williamsson spricht in einem anderen, allerdings allgemeingültigen Zusammenhang von Pfitzners „use of word-painting“. Der Komponist, der mit 1888/89 in seinem opus 2, den ersten Kranz von Liedern vorlegt, scheint ein anderer gewesen zu sein. Ohne Ironie, aber mit Hintersinn pflegt er die gefühligen Momente. Die melodische Linie, die den schlichten Texten und den von ihnen gesetzten Interpunktierungen dankbar folgt, wird behutsam in die sanft fließende Begleitung gebettet. Herausragend als traumverlorenes Nachtstück erscheint „Venus mater“, das vierte aus dem opus 11 (1901). Pfitzner greift zu einem Dichter, den fast die gesamte musikalische Moderne der Zeit verehrte und dementsprechend oft vertonte. Pfitzners eigentlicher Lieblingsdichter war freilich Joseph von Eichendorff, der in dieser Auswahl nur mit zwei Stücken vertreten ist. Den „Boten“, die Nummer 3 aus opus 5 (1888/89) erfüllt er mit taghellem Übermut, in „Sonst“, aus dem opus 15 die Nummer 4 (1904) inszeniert er dankbar die schon vom Dichter angelegte Parodie auf das Rokoko; die Gefühlsregungen sind in einen quasi mechanisierten Ablauf eingebunden. Herausragend durch seine lineare Klanglichkeit ist „Unter der Linden“, aus dem opus 24 die Nummer 1 (1909). Pfitzner bindet den mittelalterlichen Text von Walter von der Vogelweide (Übersetzung Karl Pannier), in einen geradezu gläsernen Bewusstseinsstrom ein, die zarte Erotik der schönen Erinnerung evoziert einen kostbaren Augenblick. Das „Tandaradei“, die Wortmusik der Nachtigall, die als einzige Zeugin dabei war, wird beiläufig und selbstverständlich wie eine Intarsie in den Verlauf eingelassen.

1933 als sein Liedwerk eigentlich schon abgeschlossen war, hat Pfitzner noch sechs Lieder, die unerwarteter Weise in Amerika aufgetaucht waren, als „Jugendlieder“ ohne Opuszahl nachgereicht und veröffentlicht. Sie zeigen einen hochbegabten Jüngling, der mit untrüglichem Sinn stimmige Lösungen findet. „Das verlassene Mägdlein“ nach Eduard Mörike (vermutlich 1887) ist darunter ein beachtliches Gesellenstück. 1922 hat Pfitzner nochmals diesen Text, der bei deutschen Musikern ausgesprochen beliebt war, vertont (op. 30,2). Was 35 Jahre zuvor, ein ergreifendes, aber auch etwas larmoyantes Stück war, gerät dem reifen Meister zu einem konzentrierten Monolog, der trotz seiner gerafften Länge einen Scheitelpunkt hat. Die Schmerzensgeste und das zuckende Herdfeuer fließen ineinander, aus Feuer werden Tränen, die Erinnerung an den treulosen „Knaben“ reißt das klagende Ich schier aus der Linie heraus. Eine ganze Tragödie vollzieht sich in 48 Takten. Alles ist da, was dazu gehören muss, doch am Wort-Musik-Gefüge selbst ist kein Gramm zuviel.


Reinhard Ermen


Close the window