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8.572632 - Anima mea - Sacred Music of the Middle Ages (Ensemble Cosmedin)
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Anima mea Sakrale Musik des Mittelalters

 

„Anima symphonizans est“ schreibt Hildegard von Bingen (1098–1179): Die Seele ist harmonisch gestimmt, da sie der himmlischen Harmonie entstammt. Sie ist ausgerichtet auf Zusammenklang. „Alles nämlich, was in der Ordnung Gottes steht, antwortet einander“ (Liber vitae meritorum). Musik ist Ausdruck höchster Harmonie, denn sie entspringt unmittelbar der menschlichen Seele. Sie ist die schönste Art des Lobpreises, Nachklang des Paradieses, Vorklang auf das Einswerden, Melodie der Leben spendenden Grünkraft „viriditas [7].

In immer neuen Begriffen umkreist der Mystiker Meister Eckhart (ca. 1260–ca. 1328) den Begriff der Seele—und weiß doch: in ihrem Grund ist die Seele unaussprechlich. „Nichts zieht die Seele in die Welt hinein als einzig die Liebe. (Predigt 17). Die Antiphone Adorna Thalamum [1], Immutemur habitu [8] und Exaudi nos domine [12] entstammen dem Erfurter Rituale. Das Manuskript entstand 1301. Es enthält Gesänge aus dem Umfeld Meister Eckharts, der um 1275 in Erfurt in den Dominikanerorden eintrat und später dort als Prior wirkte. Nach der Reformation geriet die Handschrift in Vergessenheit und wurde erst vor kurzem wiederentdeckt. Die Antiphone aus dem Erfurter Rituale (heute im Besitz der Predigergemeinde Erfurt) werden vom Ensemble Cosmedin erstmalig seit der Wiederentdeckung aufgeführt: “Näher kann man Meister Eckart musikalisch nicht kommen” (Stefan Hoffmann, SWR 2).

Tractus ist der älteste psalmodische Sologesang der römischen Messliturgie. Qui habitat in adiutorio altissimi [4] und Sicut cervus [6] verweisen melodisch auf ihre Herkunft aus dem solistischem Kantorengesang der orientalischen Synagoge. Charakteristisch sind die Melismen an den Phrasenenden. Der Psalm 90 ist für den Theologen Romano Guardini einer der schönsten. Tritt der Hörer in diesen Psalm ein, “dann öffnet sich ihm ein Raum, und darin wird eine stille Gegenwart fühlbar, die ganz Macht ist und ganz Güte. Er wird an die Hand genommen und gelehrt, wie er mit der gütigen Macht in ein Einvernehmen kommen könne; und geht er mit, dann ist er geborgen.” (Weisheit der Psalmen, Mainz 1987, S. 251)

Der frühchristliche Hymnus Christe qui lux es et dies [5] wird erstmals in Mailand (vor 534) dokumentiert. Der Beginn zeichnet gleichsam eine Suchbewegung, die aus dem Dunkel ins Licht führt. Die Singstimme fügt sich in den Klang der Glocken ein mit den Vokalen des lateinischen Textes. In ihnen leuchten die Klangfarben als Obertöne.

Die zweistimmigen Liegeton-Organa der Notre-Dame-Schule gelten als Höhepunkt mittelalterlicher Sakralmusik. Die ursprüngliche Choralmelodie [9] wird bei den Komponisten Magister Leoninus (um 1180) und Perotinus (um 1220) extrem verlangsamt und bildet die Basis für die hochvirtuose Solostimme. Mit den rhythmisch prägnanten Passagen, die zu Perotins Zeiten eingearbeitet wurden, trifft erstmals pulsierende Rhythmik auf die fließende Rhythmik der Gregorianik [10].

„Magnificat anima mea Dominum“ [11] ist der Lobgesang Marias nach der Ankündigung der Geburt Jesu (Lukas 1, 46–55). Maria erlebt einen Zustand überschwänglicher Freude, innerster Berührtheit und Demut. Ihre Seele schwebt. Sie singt. Das Magnificat ist das berühmteste Canticum der lateinischen Messe. Wir haben uns für eine Version im 6. Psalmton entschieden, die um 1250 im Kloster St. Emmeran Regensburg aufgezeichnet wurde. In unserer Interpretation versetzen die Schwingungen der menschlichen Stimme die Glocken in Bewegung. Sie antworten leise. Das Canticum Beatae Mariae Virginis korrespondiert inhaltlich mit dem Preisgesang Salutatio Beatae Mariae Virginis [3] des Francesco d’Assisi (1182–1226).

Instrumente in früher christlicher Sakralmusik

Die Gesänge der frühen Gemeinden wurden von den Gläubigen häufig mit Instrumenten begleitet—trotz des Verdikts der Kirchenväter, die darin eine Profanisierung sakraler Musik sahen. Wiederholte Konzilsbeschlüsse gegen die Verwendung von Instrumenten in der Kirche machen sichtbar, wie hartnäckig der Widerstand in den Gemeinden gegen dieses Verbot war. Im Spiel der Kithara und anderer Saiteninstrumente in den Hauskirchen der frühen Christen lebten die Traditionen mediterraner Musikkultur weiter, die durch das Bordun-Prinzip geprägt waren und sind. Hildegard von Bingen plädierte für den Einsatz von Musikinstrumenten beim Gotteslob—im Gegensatz zu ihren Zeitgenossen. Sie bezog sich dabei (Scivias, 13. Vision des 3 Teils, Nr. 16) ausdrücklich auf den Harfenspieler David.

Die Musikinstrumente dieser Aufnahme

Psalter und Langhalslaute entwickelten sich in den frühen Hochkulturen Mesopotamiens und Persiens. Die Fidel kam im 11. Jahrhundert aus Zentralasien über Byzanz und Nordafrika nach Europa. Auch Glocken entstanden in Asien. Auf Initiative von Kaiser Konstantins Mutter Helena gelangten sie über Byzanz nach Rom. Die Ziertürmchen der Thorarollen und die Gewänder der jüdischen Hohepriester waren mit Glöckchen geschmückt, ebenso die liturgischen Gewänder der ersten Päpste. Seit 1400 Jahren sind Glocken in Klöstern des deutschen Sprachraums nachweisbar, wo sie sowohl in Choral-Begleitung und Liturgie als auch im Musik-Unterricht des Quadrivium verwendet wurden.


Stephanie und Christoph Haas


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