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8.572710-11 - MAYR, J.S.: Innalzamento al trono del giovane re Gioas [Oratorio] (Brown, Frey, Sellier, Burkhart, Simon Mayr Choir and Ensemble, Hauk)
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Simon Mayr (1763–1845)
Gioas Oper als Oratorium: Ein Parodieverfahren im 19. Jahrhundert in Italien

 

Es ist wohl davon auszugehen, daß die Umarbeitungen von Opern zu Oratorien meistens ohne Wissen oder gar Beteiligung der Komponisten vorgenommen wurden. Daß Mayr derartiger Praxis jedoch nicht ablehnend gegenüberstand, zeigt das Beispiel seiner Adaption der Oper Joseph von Etienne-Nicolas Méhul.

Die Oratorien-Parodie einer Oper von Johann Simon Mayr, Gioas, entstand in Florenz. Auftraggeber war die Confraternita degli Scolopi, die das Werk 1823 in ihrer Kirche S. Giovanni Evangelista erstmals aufführte. Gioas beruht auf Mayrs Oper I misteri eleusini, die 1802 an der Mailänder Scala erstmals aufgeführt wurde. Verfolgt man die Rezeptionsgeschichte dieser Oper, darf man sie zu Recht zu den beliebtesten Bühnenwerken Mayrs zählen. Stendal schätzte das Werk noch im Jahre 1824 hoch ein: „I Misteri Eleusini galten als das stärkste und kraftvollste musikalische Werk der Epoche.“

Die Vorlageoper der Parodie hörte das Florentiner Publikum bereits im Jahre 1806 im Teatro della Pergola. Bis 1823 war Mayr kontinuierlich mit insgesamt 21 Opern an den verschiedenen Opernhäusern von Florenz, meistens jedoch am Teatro della Pergola, präsent, darunter mit einigen Wiederaufnahmen, wie zum Beispiel Ginevra di Scozia und L‘amor coniugale. Zum letzten Mal stand in Florenz 1824 eine Oper Mayrs (Ginevra di Scozia) auf dem Spielplan, ein Jahr, nachdem die Parodie an S. Giovanni Evangelista erstmals erklungen war. Danach ist keine weitere Opernaufführung Mayrs in Florenz belegt.

Der Name der Bruderschaft Confraternità degli Scolopi, die 1597 in Rom von dem spanischen Gegenreformer Joseph Calasanz gegründet worden ist, leitet sich von “Padri delle Scuole Pie” ab. Das Hauptziel der Confraternita, deren offizieller Name “Clerici di Madre di Dio” lautete, bestand in der Ausbildung armer Kinder. Ende des 18. Jahrhunderts übernahm sie die geistige Nachfolge der Jesuiten. Nach der napoleonischen Aufhebung von 1808 widmete sich der Orden ab 1815—dem Jahr der formalin Wiedereinsetzung Ferdinands III. als Großherzog der Toskana—wieder den pädagogischen Aufgaben. Dazu gehörte selbstverständlich auch die religiöse Erziehung. Im Jahre 1820 bewirkte man deshalb die Wiedereinführung der Quarantore an den letzten drei Karnevalstagen in ihrer Kirche S. Giovanni Evangelista, auch bekannt als S. Giovannino, San Giovanni degli Scolopi oder San Giovannino degli Scolopi. Damit begann eine knapp einhundert Jahre währende Oratorientradition im Rahmen der religiösen Tätigkeiten der Bruderschaft dieser Kirche. Die erste Quarantore-Feier mit Aufführung eines (unbekannten) Oratoriums ist für das Jahr 1821 belegt. 1822 gab man I Maccabei von Vittorio Trento. Darauf folgte dann Mayrs Parodie Gioas. Ab 1828 wurde es üblich, an den drei Abenden jeweils zwei verschiedene Oratorien zu spielen, nach 1844 gab man diesen Usus wieder auf. Das letzte in S. Giovanni Evangelista aufgeführte Oratorium (1912) war die bereits 1854 entstandene Tragedia lirica Giudetta von Emilio Cianchi. Zeitungsberichten zufolge war an den drei Abenden, an denen das Allerheiligste Sakrament “in forma di Quarantore” ausgestellt wurde, die Kirche feierlich geschmückt und beleuchtet. Für die Musiker errichtete man ein Podest. Zwischen den zwei Teilen eines jeden Oratoriums wurden Predigten gehalten.

Aus der Zahl der überlieferten Stimmen beispielsweise zum Gioas läßt sich die Größe des Musikerensembles ermitteln. So dürfte das Orchester aus 33 Musikern (20 Streichern, zwölf Bläsern und Schlagwerk) und der Chor aus mindestens 22 Sängern bestanden haben. Vermutlich sangen keine Frauen, auch wenn Sopranstimmen überliefert sind. Diese wurden wohl mit Knabenstimmen besetzt. Die musikalischen Aktivitäten der Padri Scolopi wurden durch die jeweils amtierenden Präsidenten und kunstliebende Mäzene der Stadt großzügig fmanziert. Diese neue an die Quarantore-Feier gebundene Tradition setzte die reiche Oratoriengeschichte, die Florenz im 17. und 18. Jahrhundert ausgeprägt hatte, auf eindrucksvolle Art im 19. Jahrhundert fort.

Die Parodie hält sich musikalisch sehr eng an die Vorlage. Arien, Ensembles, Chöre sowie accompagnato-Rezitative wurden exakt, meist nahezu textgleich übernommen. Die Satzbezeichnungen stimmen mit jenen der Opernpartitur überein. Neue Texte und Neuvertonungen ergeben sich vor allem bei den Secco-Rezitativen.

Die religiöse Handlung spielt in mythischen Zeiten in einem der Göttin Ceres geweihten Wald sowie in und um den Ceres-Tempel. Antinoo, König von Theben, lebt mit großer Schuld. Einst hat er aus Rache für die Entführung seines Sohnes Polibete den König Lysander getötet und dessen Tochter Temisto verschleppt. Später lässt er sie und ihre Familie aus Eifersucht töten. Um sich von seinen Sünden zu befreien,ersucht er das Heiligtum der Ceres. Am Tempel findet er in Adrasto das Ebenbild seines totgeglaubten Sohnes. Die Oberpriesterin, die auf die heilige Zeremonie an dem Fremden durchführen soll, ist aber keine geringere als die überlebende, auf Rache sinnende Temisto. Diese hatte zuvor ihrem Gefolge und Adrasto das Versprechen abgenommen, den Mord ihrer Familie zu sühnen. Als Temisto ihren Widersacher erkennt, unterbricht ein Erdbeben den Ritus. Im zweiten Akt schwört Adrasto dem fremden unglücklichen König ewige Feindschaft. Der Oberpriester entschließt inzwischen, Antinoo die Identität Polibetes alias Adrasto, den der sterbende Lysander ihm anvertraute, zu offenbaren. Temisto dagegen ist zum Mord an Antinoo, den Adrasto ausführen soll, entschlossen. Im letzten Moment wird dieser vom Oberpriester aufgehalten, erfährt die Wahrheit und bricht bei dem Gedanken, fast den eigenen Vater ermordet zu haben, in Verzweiflung aus. Adrasto und Temisto werden für die geplante frevlerische Tat zum Tode verurteilt, um die Göttin zu besänftigen. Antinoo möchte an seines Sohnes statt sterben, um die eigene Schuld zu sühnen. Besänftigt durch dessen Opfermut verzichtet Temisto ihrerseits nun auf Vergeltung. Der Oberpriester führt das lieto fine herbei, indem er Adrasto mit seinem Vater nach Theben ziehen lässt und Temisto gebietet, sich ausschließlich dem Dienst an der Göttin zu weihen.

Die “pseudosakrale Thematik“ der Handlung mit zahlreichen Priesterchören, Zeremonien und Gebeten eignete sich gut für eine geistliche Parodie. Diese nun greift die alttestamentarische Erzählung von der Rettung des jungen Joasch vor der mörderischen Atalja und dessen Einsetzung zum König durch den Priester Joiada (2 Kön 11) auf.

Die Oratorienhandlung setzt kurz vor Beginn der Krönungszeremonie ein. Sebia am Grabe ihrers Sohnes hegt Rachegedanken gegen Atalja CD 1 [4], das Schicksal ihrer Familie zu sühnen, wobei ihr Adrasto, ihr confidente, helfen soll CD 1 [5]. Später trifft Sebia an der Seite des Priesters Giojada auf Gioas, der sie an ihren eigenen Sohn erinnert CD 1 [10][11]. Gioas ist von ihrem Schicksal berührt CD 1 [12]. Giojada, der die wahre Identität Gioas’ kennt, beobachtet die Szene. Er beschließt jedoch, noch zu schweigen, um die Krönung nicht zu gefährden CD 1 [13][14]. Das Finale des ersten Teils setzt mit der Zeremonie ein CD 1 [17]. Diese wird durch Atalia und ihr Gefolge unterbrochen. Das Eingreifen der Widersacherin ereignet sich , „hinter der Bühne“, Adrasto kommentiert lediglich das Geschehen: „Cinta d’armati, e spade / Urta del Tempio i cardini / L’empia Atalia così.“ CD 1 [19]. Das erste Finale endet in allgemeiner Aufregung und Entsetzen CD 1 [22].

Zu Beginn des zweiten Teils berichtet Adrasto Sebia, daß Atalia zwar nun tot sei, aber Gioias als fingierter Sohn durch Giojada gekrönt werden soll, um ihre Macht weiterhin aufrechtzuerhalten CD 2 [1]. Als daraufhin Gioas erneut auf Sebia trifft, weist sie ihn, des Verrats beschuldigend, schroff von sich CD 2 [3]. Adrasto sinnt an den Gräbern über das Schicksal Sebias CD 2 [5]. Gioas seinerseits, der von Giojada nun die volle Wahrheit kennt, bedauert seine unglückliche Mutter CD 2 [7][8]. Dem Priester gelingt es, Sebia davon zu überzeugen, daß ihr Sohn tatsächlich noch lebt CD 2 [10][11], aber erst später nennt er ihr den Namen CD 2 [15] . Inzwischen beschließt Adrasto, sein Versprechen gegenüber Sebia zu erfüllen und den falschen Gioas zu töten CD 2 [13][14] . In letzter Sekunde wird er von seinem Vorhaben abgehalten und über die wahren Identitäten aufgeklärt, worauf er vor Entsetzen zusammenbricht CD 2 [16][17]. Giojada verkündet die göttliche Fügung und vollendet die Krönung CD 2 [21]. Das Oratorium schließt mit einem freudigen Gesang von Sebia und Gioas über das lieto fine CD 2 [22].

Im Mittelpunkt der Oratorienhandlung stehen Gioas, dessen Mutter Sebia, sowie deren konfliktreiches Verhältnis zueinander, parallel zur Vater-Sohn-Konstellation in der Oper. Die Gioas-Episode war ein beliebter Oratorienstoff, aber erst Metastasio hat in seine Azione sacra Gioas Re di Giuda (1735) die Figur der Mutter eingeführt. Metastasio hat Sebia in verschiedenen Gemütszuständen gezeigt. Im zweiten Teil der Azione sacra fmdet sich bereits das Motiv ihres Zweifelns an der Aufrichtigkeit Giojadas, und Sebia sieht in Gioas einen Verräter. Dieses Motiv, das Metastasio zur Erhöhung der emotionalen Spannung eingeführt hat, wird nun in der Mayrschen Gioas-Parodie weiter ausgearbeitet und bildet in Anlehnung an die Opernvorlage das Zentrum der Handlung. Allerdings geht das Gioas-Libretto in diesem Punkt weit über die Charakterisierung Sebias bei Metastasio hinaus, wo die Mutter blutige Rachegelüste nicht kennt.

Anja Morgenstern


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