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8.572738 - HOFFMEISTER, F.A.: Flute Concertos, Vol. 1 - Nos. 21 and 24 (B. Meier, Prague Chamber Orchestra)
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Franz Anton Hoffmeister (1754–1812)
Flötenkonzerten Nr 21 und Nr 24

 

Flötisten ist er ein Begriff, auch die nicht reich mit Sololiteratur gesegneten Bratscher kennen zumindest sein Konzert für Viola und Orchester in D-Dur, das zum Viola-Standardrepertoire zu zählen ist. Trotzdem muß man den 1754 in Rottenburg am Neckar geborenen Franz Anton Hoffmeister zu denjenigen Komponisten im Schatten der Wiener Klassiker rechnen, die, obwohl zu Lebzeiten sehr beliebt und vielgespielt, angesichts der übermächtigen Trias Haydn, Mozart und vor allem Beethoven dem Urteil der Nachwelt nicht standhielten und deswegen schnell in Vergessenheit gerieten. Dem Etikett des Vielschreibers, des Komponisten gefälliger, melodischer Musik ohne größeren Tiefgang—ein Schicksal, das auch andere Komponisten wie etwa Georg Philipp Telemann teilten—war in einer Zeit, in der zunehmend höchste ästhetische Ansprüche an ein Musikwerk erhoben wurden, nicht zu entkommen. Erst in jüngerer Zeit keimt allmählich wieder Interesse an Hoffmeisters Schaffen auf; von einer Renaissance zu sprechen, wäre freilich (noch) übertrieben bzw. verfrüht. Dabei war Hoffmeister eine prägende Gestalt im Musikleben seiner Zeit. Seit 1768 in Wien ansässig, studierte er zunächst Jura, bildete sich daneben aber musikalisch weiter und trat 1778 als Kapellmeister in die Dienste des Grafen Szecsenyi ein, worauf er drei Jahre in Ungarn verbrachte. 1784 gründete Hoffmeister in Wien einen eigenen Musikverlag, zu einer Zeit, als das Musikverlagswesen in Wien noch in seinen Kinderschuhen steckte. Trotz einiger geschäftlicher Rückschläge avancierte er schließlich zu einem der bedeutendsten Verleger Wiens; in seinem Verlag erschienen zahlreiche Werke seiner Wiener Zeitgenossen. Er war, neben Artaria, auch der Hauptverleger des ihm freundschaftlich verbundenen Mozart, dessen Klavierquartett KV 478 bei ihm erschien (was sich allerdings als finanzielles Fiasko erweisen sollte). Auch zu dem jungen Ludwig van Beethoven unterhielt Hoffmeister Geschäftsbeziehungen, dessen „Sonate pathétique“ op. 13 in Hoffmeisters Wiener Verlag publiziert wurde. 1798 wollte sich Hoffmeister wieder auf seine Tätigkeit als Musiker konzentrieren: eine Konzertreise mit dem Flötisten Franz Thurner führte ihn jedoch auch nach Leipzig, wo er mit dem dortigen Organisten der Katholischen Hofkirche, Ambrosius Kühnel, einen neuen Verlag, das Bureau de Musique, gründete, aus dem später der berühmte Peters-Verlag hervorging. Fortan pendelte Hoffmeister zwischen beiden Städten. Mit der Publikation von Beethovens erster Symphonie und von dessen Septett erzielte der neue Verlag einen Coup. Aber auch die Aufnahme von Werken bereits verstorbener Komponisten—eine absolute Seltenheit in dieser Zeit und eine zukunftsweisende Unternehmenspolitik—gehört zu den Charakteristika des Verlags. Auf besonderes Interesse stieß dabei, neben Quartetten von Haydn und weiteren Werken Mozarts, die Edition der Klavierwerke Bachs. 1806 zog sich Hoffmeister aus dem Verlagswesen zurück und wirkte seine letzten Lebensjahre als Komponist.

Als Komponist war Hoffmeister von einer unglaublichen, an Joseph Haydn erinnernden Produktivität. Das Gros seines OEuvres widmete er der Instrumentalmusik. Der Werkkatalog listet neben 66 Sinfonien zahlreiche Solokonzerte auf, wobei die Flöte mit 25 Gattungsbeiträgen hier die zentrale Rolle einnimmt. Aber auch eher seltene Soloinstrumente wie Kontrabaß, Harfe, Viola d’amore, Flauto d’amore lassen sich finden. Hinzu kommt noch eine schier unüberschaubare Zahl von Kammermusikwerken, die Hoffmeisters Ruf früh festigten und bald in Drucken in ganz Europa kursierten. Auch hier fällt die Vielfalt und Originalität der Besetzungen auf (beispielsweise Streichquartette für Violine, zwei Violen und Violoncello). Eine quantitativ herausragende Rolle spielen auch hier Werke für Flöte in unterschiedlichen Besetzungskombinationen, primär jedoch als Quartette für Flöte und Streicher. Demgegenüber trat die Vokalmusik eher in den Hintergrund. Seine Bühnenwerke—deutschsprachige Singspiele– wurden allesamt in Wien uraufgeführt. Die 1795 auf einem Text von Schikaneder uraufgeführte große heroisch-komische Oper „Der Königssohn von Ithaka“ gelangte dabei zu einiger Bekanntheit und wurde auch in anderen Städten nachgespielt.

Die beiden auf dieser CD als Weltersteinspielungen präsentierten Flötenkonzerte lagen bereits zu Lebzeiten Hoffmeisters im Druck vor. Im Falle des Konzertes Nr 21 ist ein Stimmendruck von Hoffmeisters eigenem Verlag aus dem Jahr 1788 die früheste Quelle; 1790 erfolgte ein Nachdruck des bedeutenden Verlages André aus Offenbach als op. 28. In diesem Konzert lassen sich bereits einige für beide Werke zutreffende Charakteristika konstatieren. Betrachtet man die Kopfsätze, so fällt zunächst die Länge des Satzes ins Auge. Zwar sind die Dimensionen sehr ausgedehnt, ein Miteinander von Orchester und Soloinstrument in Art der Mozartschen Solokonzerte aber fehlt. Orchester und Soloinstrument stehen sich eher blockhaft, als getrennte Einheiten, gegenüber. Beiden Konzerten gemeinsam sind die hohen technischen Anforderungen an den Solisten: schnellste Läufe, virtuoses Passagenwerk und extreme Registerwechsel prägen den Solopart. Das Hauptthema des Konzertes Nr 21 zeigt sogleich Hoffmeisters Gabe für elegante, melodisch eingängige Themen. Diese machen die Werke für den Hörer unmittelbar attraktiv; das ihnen innewohnende Entwicklungspotential wird jedoch eher selten ausgeschöpft. Dabei steht die handwerkliche Meisterschaft des Komponisten außer Frage; besondere Wirkung erzielen in diesem Satz die in der Durchführung sowie der Reprise auftretenden Eintrübungen des Hauptthemas in Moll. Als Herzstück des Konzertes darf der im Charakter sich vom Kopfsatz gänzlich unterscheidende, bogenförmig angelegte Mittelsatz in d- Moll betrachtet werden, in dem die Bläser schweigen. Die Leichtigkeit des ersten Satzes scheint verflogen. Sowohl das Streicherthema mit dem verminderten Septsprung als auch das daraus abgeleitete Thema der Flöte mit seinen doppelten Punktierungen, die an eine französische Ouverture erinnern, evozieren einen altertümlichen Gestus. Dieser Gestus wird auch im Mittelteil des Satzes beibehalten, so daß auch die Aufhellung nach F-Dur am Grundcharakter nichts ändert. Die resignativen Schlußtakte gemahnen gar an große d-Moll–Sätze von Hoffmeisters Freund Mozart. Die elegische Stimmung des Mittelsatzes wird im Finalrondo beiseite gewischt; der Solist setzt mit seinem kecken, tänzerischen Thema mit den charakteristischen „Schleifer“-Figuren sogleich einen Kontrast. In dem als Sonatenrondo angelegten Satz dominieren wieder virtuos-brillante Passagen. Dabei gewinnt das Seitenthema im Satzverlauf eine dominierende Rolle. Auch eine Eintrübung nach d-Moll vermag am Gestus des Kehraus-Finales nichts zu ändern.

Das die CD eröffnende, ebenfalls in D-Dur stehende Konzert Nr24 wurde 1795 erstmals bei André als op. 60 im Druck vorgelegt. Es unterscheidet sich vom Schwesterwerk in der Besetzung mit Trompeten und Pauken, die den glanzvollen, häufig marschartigen Charakter des Werkes bestimmen. Man wird dieses Konzert als das kompositorisch anspruchsvollere bezeichnen dürfen, was sich gleich am unschuldiggraziösen Kopfthema der ersten Violine zeigt, das von einer Gegenstimme in der zweiten Violine begleitet wird. Ähnlich ausgefeilte Stimmführung prägt auch das Seitenthema. Nicht nur extreme solistische, sondern auch orchestrale Virtuosität—beispielsweise Crescendo- Effekte nach Mannheimer Art—prägen diesen Satz, der in seinen Dimensionen von symphonischem Anspruch ist. Hoffmeister findet häufig originelle formale Lösungen, wie etwa die Verwendung des Schlußthemas der Orchesterexposition als Überleitungsthema zum Seitensatz im ersten Solo. Sein kompositorisches Können zeigt sich auch in der Durchführung, in der die ausgedehnten Mollpassagen besonderen Effekt erzielen. Aus der Verarbeitung von Motivpartikeln der bereits bekannten Themen gewinnt Hoffmeister neues melodisches Material. Die Verwendung eines „Alla Polacca“-Satzes als Mittelteil eines Solokonzertes mag ungewöhnlich erscheinen, doch finden sich bereits bei Bach, Telemann und anderen Komponisten des 18. Jahrhunderts entsprechende Beispiele, bevor die Polacca Ende des 18. Jahrhunderts einen Popularitätsschwung erlebte. Wie für eine Polacca charakteristisch, wird die Thematik des Satzes von der Akzentuierung des jeweiligen Taktbeginns geprägt. Er wirkt wie eine lang ausgedehnte Gesangsszene, die Themen leiten sich rhythmisch und melodisch voneinander ab. Der g-Moll- Mittelteil bringt kein neues Themenmaterial, intensiviert es aber durch chromatische Anreicherung und spannungsgeladene Harmonik. Festlichen Glanz verbreitet das Schlußrondo, das die Virtuosität des Solisten wieder in den Vordergrund stellt. Mehrere Mollepisoden sorgen, auch in ihrem weicheren Themencharakter, für einen Kontrast zum marschartigen, auf einem absteigenden Dur-Dreiklang beruhenden Rondothema. Als besonderer Kunstgriff darf das Finale betrachtet werden, in dem der Komponist das Rondothema in einen fließenden 6/8-Takt transformiert.


Stephan Hörner


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