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8.572755 - RODE, P.: Violin Concertos Nos. 1, 5 and 9 (Eichhorn, Jena Philharmonic, Pasquet)
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Pierre Rode (1774–1830)
Violinkonzerte Nr. 1, 5 und 9

 

Jacques Pierre Joseph Rode wurde am 16. Februar 1774 in Bordeaux als Sohn eines Parfumeurs geboren. Da er schon früh eine große musikalische Begabung zeigte, brachte ihn sein Lehrer André-Joseph Fauvel 1787 nach Paris, wo ihn Giovanni Battista Viotti, der bedeutendste Geiger seiner Zeit und Begründer der modernen französischen Schule des Violinspiels, schon bald zu seinem Meisterschüler machte. Sein Debüt als Solist gab der sechzehnjährige Rode vermutlich mit Viottis Violinkonzert Nr. 13, indessen er von 1789–1792 als Orchestermusiker im Théâtre de Monsieur wirkte, wo er seinen zukünftigen und langjährigen Kollegen Pierre Baillot kennenlernte.

Der eigentliche Durchbruch kam 1792, als Rode bei den traditionellen Passionskonzerten vom 1. bis zum 13. April insgesamt sechsmal auftrat und dabei unter anderem zwei Konzerte von Viotti spielte. Während der nächsten sechzehn Jahre führte Rode das Leben eines fahrenden Virtuosen, obwohl er bereits im November 1795 als Violinprofessor an das neugegründete Pariser Conservatoire berufen worden war. Im Zuge seiner pädagogischen Tätigkeit arbeitete er mit seinen Kollegen Baillot und Rodolphe Kreutzer an einer Méthode du violon. Bis Ende 1799 war er überdies als Konzertmeister der Opéra tätig, und 1800 ernannte ihn Napoleon, damals noch Erster Konsul der Republik, zum Solisten seiner Privatkapelle. Kurzzeitig war er auch Sologeiger der Oper. Die vier Jahre von 1804 bis 1808 verbrachte er in Russland, wo er zum Hofgeiger des Zaren Alexander I. ernannt wurde. Als er sich danach wieder in Paris hören ließ, änderte sich sein bisheriges Glück. Die Erfolgswelle, die ihn getragen hatte, seit er als Dreizehnjähriger aus Bordeaux weggegangen war, musste wohl versiegt sein, denn das Publikum quittierte seine Auftritte nur noch mit lauwarmem Beifall. Louis Spohr, der ihn vor und nach seiner russischen Phase gehört hatte, konstatierte nunmehr in seiner Selbstbiographie, Rode müsse inzwischen wohl „zurückgeschritten“ sein: „Ich fand sein Spiel jetzt kalt und manierirt, vermisste die frühere Kühnheit in Besiegung großer Schwierigkeiten und fühlte mich besonders unbefriedrigt [sic!] vom Vortrage des Cantabile.“

Seit etwa 1811 nahm Rode seine Reisetätigkeit durch Europa wieder auf. Ende 1812 kam er nach Wien, wo er am 29. Dezember gemeinsam mit Erzherzog Rudolph die Violinsonate G-dur op. 96 von Ludwig van Beethoven aus der Taufe hob. Einen großen Teil der Jahre 1814 bis 1821 verbrachte er in Berlin, wo er heiratete und in engeren Kontakt zur Familie Mendelssohn trat. Um 1819 scheint er sich mit seiner Familie in die Gegend von Bordeaux begeben zu haben, und Lea Mendelssohn, die Mutter des damals zehnjährigen Felix, schrieb, mit seinem Abschied sei der Zauber der musikalischen Winterabende vorüber gewesen. Die nächsten Jahre verbrachte Rode in der heimatlichen Region mehr oder minder im Ruhestand. Ein letzter Versuch, in Paris ein öffentliches Konzert zu geben, geriet im Jahre 1828 zu einem solchen Fiasko, dass manche Autoren darin sogar eine Ursache für den frühen Tod des Künstlers am 26. November 1830 sehen.

Pierre Rode hat fast ausschließlich für sein eigenes Instrument komponiert. Sein Werkverzeichnis enthält Sonaten, Quartette, dreizehn Konzerte, airs variés und pädagogische Werke, von denen die 24 Capricen in Etüdenform besonders erwähnt seien. Seine Musik zeigt die französische Schule, die 1782 mit Viottis Ankunft in Paris geboren wurde, in voller Blüte, und seine dreizehn Konzerte bilden neben den genannten Capricen seine größten Beiträge zum Violinrepertoire. Michael Thomas Roeder schreibt in seiner History of the Concerto, dass Rodes Konzerte technisch für den Solisten etwas anspruchsvoller seien als die entsprechenden Werke von Viotti, dabei aber „zugleich ein ganz idiomatisches Verständnis für das Instrument“ zeigten. Anstelle von Doppelgriffen und Flageoletts verwendet Rode gern rasche Passagen und lyrisch-getragene Elemente, während er den Bogen ebenso abwechslungsreich wie geschmackvoll führt. Wie die französische Schule ganz generell, so übte auch Rode einen großen Einfluss auf das romantische Empfinden des 19. Jahrhunderts aus. Beethoven kannte die französische Schule recht gut. Er widmete seine berühmteste Violinsonate dem Geiger Rodolphe Kreutzer, indessen er Rode die Premiere der Sonate op. 96 übertrug. Einflüsse der Franzosen zeigen sich auch, wie der Musikwissenschaftler Boris Schwarz gezeigt hat, in Beethovens eigenem Violinkonzert. Welch ungebrochenes Ansehen Pierre Rode auch bei der späteren Geigergeneration genoss, zeigt sich beispielsweise in der Kadenz, die Henri Wieniawski zu dem siebten Violinkonzert geschrieben hat. Rode und seine Kollegen aus Frankreich haben einen langen, heilsamen Einfluss auf das Violinspiel und das Geigenrepertoire ausgeübt.

Das erste seiner Konzerte verfasste Pierre Rode als etwa Zwanzigjähriger (1794/95), das letzte entstand kurz vor seinem Tode. Boris Schwarz bezeichnete das Violinkonzert Nr. 1 d-moll als »ein bemerkenswert reifes Werk« und meinte weiter: »Wenngleich der Umgang mit der Form konzentrierter, der Ausdruck geschmeidiger, die Technik vollendeter wurde, so hat er [Rode] sich doch in den fundamentalen Aspekten seiner musikalischen Persönlichkeit nicht verändert, und die späteren Fortschritte scheinen im Verhältnis zu seinem erstaunlichen Erstling klein«. Rode hat das Konzert seinem Mentor, dem »Bürger« Viotti, gewidmet. Das Maestoso beginnt mit einem dramatischen Tutti, das die Solovioline bei ihrem Einsatz subtil abwandelt. Schließlich erscheint dolce ein Nebenthema, das anschließend durch Triolen und anderes Passagenwerk variiert wird. In der Durchführung—man könnte auch von einem kontrastierenden Abschnitt sprechen—sind zahlreiche Episoden auf der sonoren GSaite zu spielen. Das dolce wendet sich in der Reprise vorübergehend nach D-dur, worauf die Kadenz und der triumphale Abschluss folgen. Auch das Adagio beginnt im Orchester, das hier im Wechsel einfache, absteigende fortissimo- und pianissimo-Phrasen spielt, die mit leichten Abwandlungen wiederholt werden. So wird das Bühnenbild für den Auftritt des Solisten bereitet, der sich mit einer der schönsten, lieblich-kantablen Melodien, derer Rode fähig war, zu Worte meldet. Wenn das Thema wiederholt wird, erklingt es ausschließlich auf der tiefen, klangvollen G-Saite. Über verschiedene kontrastierende Motive werden die Reprise des Hauptthemas, die Kadenz und der orchestrale Schluss erreicht. Rodes Finalsätze, so schrieb Boris Schwarz, »sind von funkelnder Grazie, Pikanterie und Spitzbüberei erfüllt«. Insbesondere pries er die Polonaisen, und von diesen wiederum vor allem diejenige des ersten Konzerts. Sempre marcato darf der Solist in diesem Allegro moderato das Hauptthema vorstellen, das dann zwischen den kontrastierenden Episoden in veränderten Wiederholungen zu hören ist und das erste Konzert des jungen Rode zu einem ergötzlichen Ende bringt.

Das vermutlich um 1800/1801 entstandene Violinkonzert Nr. 5 D-dur ist gegenüber dem kraftvollen ersten Konzert von eher pastoralem Charakter. Dem eigentlichen Allegro giusto des Kopfsatzes ist eine zehntaktige Adagio- Einleitung vorangestellt, die von den weichen Klängen der Holzbläser gekennzeichnet ist. In der Durchführung sowie in der Reprise erscheint ein kontrastierender Nebengedanke. Das Thema des ebenso eleganten wie beschaulichen Siciliano wird vom vollen Orchester vorgestellt, worauf der Solist dolce mit einem zweiten Thema antwortet. Nachdem die Substanz erschöpfend behandelt und von einem orchestralen Tutti abgeschlossen wurde, greift der Solist das Orchesterthema vom Anfang des Satzes auf. Die Musik verliert sich in der Stille, wobei die Geige bis zum Ende zu hören ist. Eines der interessantesten Elemente des Rondo à la russe ist sein Hauptthema. Schwarz erkannte darin dieselbe Weise, die Beethoven für seine Klaviervariationen WoO71 über Paul Wranitzkys Ballett Das Waldmädchen verwandte. Dieses Waldmädchen-Thema basiert wiederum auf dem Rondofinale eines Violinkonzerts von Giovanni Giornovichi (1747–1804), der während seiner letzten Lebensjahre als erster Geiger im Orchester der Zarin Katharina II. wirkte. Schwarz meinte nun, dass das (allerdings verfremdete) Thema, von dem hier die Rede ist, letztlich auf das russische Volkslied Auf dem Feld stand eine kleine Birke zurückginge. Rode nutzt es jedenfalls mit derselben Energie und Leidenschaft, die seine Finales kennzeichnen, und sorgt so vom Anfang bis zum Ende für ein musikalisches Vergnügen.

Das Violinkonzert Nr. 9 C-dur schrieb Rode während seines vierjährigen Aufenthalts in Russland. Widmungsträger ist Graf August Iwanowitsch Ilinskij (1763–1844), der zum Geheimrat, Kammerherrn und Senator des russischen Zaren aufstieg.—Das Moderato beginnt im fortissimo des Orchesters mit einer ausführlichen Exposition, an die sich der Solist mit der üblichen dramatischen Geste anschließt: Den halben Noten folgen Sechzehntel, Achtel in Doppelgriffen (die Rode relativ selten gebraucht), punktierte Achtelfiguren und weitere Sechzehntel in Terzparallelen. Interessant ist ein zusätzliches Orchestertutti in der kontrastierenden Durchführung. Den Anfang der Cavatina mit der Bezeichnung Un poco adagio markiert das Orchester mit alternierenden fortissimo- und pianissimo-Akkorden, die sich dolce in eine neue Melodie auflösen. Der Solist bringt ein eigenes, äußerst zierreiches dolce, das verarbeitet und in weitere Motive ausgesponnen wird. Im Mittelteil ist vieles auf einer einzigen Saite zu spielen—auf der G-, dann auf der D- und schließlich auf der A-Saite. Dann wird das Hauptthema der Cavatina mit einer leicht veränderten Ornamentik wiederholt. Das Allegretto-Finale steht im Zweiviertel-Takt und ist ein wichtiges Beispiel für die glitzernden Finales, auf die sich Rode verstand: Ein stetiger Sechzehntelstrom führt das Konzert im Wechsel mit kontrastierenden Episoden zu einem frohgemuten Schluss.

Bruce R. Schueneman
Deutsche Fassung: Cris Posslac

Seit acht Jahren beschäftigen sich Nicolás Pasquet und ich mit dem Thema „Violinkonzerte von Pierre Rode“. Wenn Sie, liebe Hörer, jetzt die dritte Platte in Händen halten, ist die vierte CD bereits eingespielt und die letzte Aufnahme der Gesamteinspielung aller 13 Violinkonzerte festgelegt. Wiederaufführungen und Ersteinspielungen von vergessenem Repertoire sind faszinierend, besonders in diesem Fall der Rode-Konzerte. Mit Spannung und Entdeckergeist kann man sich hier in die Partituren vertiefen! Das Fehlen einer Aufführungstradition in diesen Stücken beflügelt die Phantasie.

Am Anfang steht das Aufspüren der meist sehr alten und häufig schwer lesbaren Ausgaben der Violinkonzerte. Im Notenverlag von Naxos entstehen in Kleinarbeit neue gedruckte Orchesterstimmen und Partituren (letztere sind bei den alten Ausgaben fast nie vorhanden).

Rode hat in seinen Violinkonzerten überdies nur wenige Vortragsbezeichnungen bezüglich Dynamik, Artikulation und Charakter angegeben. Kadenzen fehlen immer, Eingänge sind selten notiert: Für uns eine Chance, mit dem Notentext kreativ umzugehen.

Der Entstehungsprozess der Interpretation ist sehr lang: Sichtung der Noten, erstes Anspielen mit dem Korrepetitor, Erfassen der Tempi, Phrasierungen, dynamischen Abstufungen, Stimmführung und Artikulation sowie die Entscheidung für den musikalisch optimalen Fingersatz.

Ein besonderes Vergnügen bereitete mir das Schreiben der Kadenzen. In der Kadenz zum Ersten Konzert steigert sich die Virtuosität des Kopfsatzes durch zahlreiche Staccati und größere Tonumfänge, wobei ich mich ausschließlich auf Themen und Motive des Satzes beziehe. Im Fünften Konzert hingegen inspirierte mich der schlichte Quartsprung (a-d) des ersten Soloeinsatzes zu einer verbindenden Improvisation von Zitaten aus mehreren anderen Werken. Das „musikalische Quiz“ sei hiermit eröffnet!

Die Lösung, aus welchen Werken die Zitate stammen, findet sich auf meiner Homepage www.friedemanneichhorn.com. Wobei Sie den Großteil sicher schon selbst erkannt haben, zumal wenn Sie Geiger sind!

Friedemann Eichhorn


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