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8.572763 - HINDEMITH, P.: Nobilissima Visione (Complete Ballet) / 5 Pieces for String Orchestra (Seattle Symphony, Schwarz)
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Paul Hindemith (1895–1963)
Nobilissima Visione (Ballett) • Suite für Streicher

 

Der Komponist, Bratscher, Geiger, Dirigent und Lehrer Paul Hindemith war einer der vielseitigsten Musiker des 20. Jahrhunderts. Er wurde am 16. November 1895 in Hanau geboren, erhielt schon früh Violinunterricht und konnte seit 1909 dank einer Freistelle am Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt am Main Komposition studieren.

Mit einer Reihe radikaler, expressionistischer Werke—den umstrittenen Operneinaktern Mörder, Hoffnung der Frauen, Das Nusch-Nuschi und Sancta Susanna (1921), dem zweiten Streichquartett und dem Ballett Der Dämon (1922)—etablierte er sich als führender deutscher Komponist seiner Generation. Es folgt eine Phase stilistischer Experimente, die von der jazzig angehauchten Klaviersuite 1922 bis zu den neobarocken, verschieden besetzten Kammermusiken aus den Jahren 1921 bis 1927 reichten. Bemerkenswerte Werke der Zeit sind auch die Erstfassung des Liederzyklus Das Marienleben (1923) und die Oper Cardillac (1926).

1927 erhielt Hindemith eine Kompositionsprofessur an der Berliner Hochschule für Musik. Seine grundsätzlichen pädagogischen Bestrebungen resultierten in Stücken für Laien und der theoretischen Unterweisung im Tonsatz. Daneben spielte er auch als ausübender Musiker verschiedene Rollen—als Mitglied des Amar-Hindemith-Quartetts und als Stimmführer im Frankfurter Opernorchester sowie als gefeierter Solist, dessen Uraufführung des Bratschenkonzertes von William Walton im Jahre 1929 hier besonders erwähnt sei.

Von 1932 bis 1935 konzentrierte er sich auf die Oper Mathis der Maler und die zugehörige Symphonie. Das Bühnenwerk befasst sich als dramatische Allegorie mit dem Dilemma des Künstlers in Zeiten des gesellschaftlichen Aufruhrs und brachte Hindemith in einen offenen Konflikt mit der nationalsozialistischen Regierung. Im September 1938 verließ er Deutschland. Zunächst ging er in die Schweiz, bevor er im Februar 1940 in die USA übersiedelte, die ihn später zu ihrem Staatsbürger machten.

Als die Universität Zürich Paul Hindemith im Jahre 1951 eine Professur anbot, ließ er sich dauerhaft in der Schweiz nieder. Sein letztes großes Werk war die Oper Die Harmonie der Welt (1957). Er starb am 28. Dezember 1963 in Frankfurt am Main an einer Bauchspeicheldrüsenentzündung. Sein bedeutendes Vermächtnis spricht von der Integrität und dem handwerklichen Können des Künstlers, der viele Instrumente beherrschte und meisterhaft mit Stilen und Formen umzugehen verstand.

Im Oktober 1936 sondierte der Tänzer und Choreograph Léonide Massine die Möglichkeiten eines gemeinsamen Balletts. Im nächsten Mai reiste Hindemith nach Florenz. In der Kirche Santa Croce überwältigten ihn die grandiosen Fresken, auf denen Giotto verschiedene Szenen aus dem Leben des St. Franziskus von Assisi dargestellt hatte. Alsbald schlug er ein Ballett über den Heiligen vor. Massine war zunächst skeptisch. Die Fresken, so heißt es später in seiner Autobiographie My Life in Ballet, »hatten ihn tief beeindruckt. Er packte mich am Arm und zog mich in die Kirche zurück, damit ich sie mir ansähe. Auch ich war von ihrer spirituellen Schönheit gebannt und verstand sehr gut, warum sie Hindemith so sehr ergriffen hatten. Doch als er vorschlug, wir sollten ein Ballett über das Leben des Heiligen Franziskus machen, zögerte ich«.

Während Massine über den Vorschlag nachdachte, begann Hindemith bereits mit der musikalischen Arbeit. In Erfüllung eines BBC-Auftrags machte er aus dem Material eine Konzertsuite mit dem Titel Symphonische Tänze, die am 5. Dezember 1937 in London uraufgeführt wurde. Schließlich erklärte sich Massine bereit, mit Hindemith das Ballett zu schaffen. In Positano am Golf von Neapel arbeiteten die beiden eng zusammen, weshalb das Werk vor seiner Vollendung auch beträchtliche Veränderungen erfuhr. Die Uraufführung fand am 21. Juli 1938 mit dem Ballet de Monte Carlo am Londoner Drury Lane Theatre statt. Massine tanzte die Titelrolle. Im Zuge seiner Veröffentlichung wurde das Werk von »St. Franziskus« in Nobilissima Visione (»Die edelste Vision«) umbenannt.

Die Oper Mathis der Maler findet in dieser sogenannten »Tanzlegende« mancherlei Nachklänge: So werden hier wie dort ältere, gewissermaßen volkstümliche Weisen integriert, und in beiden Werken geht es vor allem darum, weltlichen Auseinandersetzungen durch die Erreichung eines spirituellen Zustands zu entkommen. Die sechs Bilder werden von elf Musiknummern begleitet.

Wenn der Vorhang aufgeht [1], begegnen wir dem eleganten Troubadour Francesco, dem Sohn des wohlhabenden Tuchhändlers Bernadone aus Assisi. Bei der imposanten Melodie, die dazu erklingt, handelt es sich um Hindemiths eigene Version des Liedes »Ce fut en mai« (»Es war im Mai«) aus dem 13. Jahrhundert. Diese Weise wird im Verlauf des Stückes in vielen Gestalten wieder auftauchen und bildet die Basis für einen großen Teil des Materials.

Francesco verjagt einen Bettler, der ihn um ein Almosen bittet [2]. Doch er bereut seine Handlung und schenkt ihm ein bisschen Geld. Durch einen Ritter, den ein eindrucksvolles Hornthema kennzeichnet, wird Francescos Abenteuerlust entfacht [3]. Doch das barbarische Betragen der vorbeiziehenden Söldner widert ihn an. Diese Szene ist als Patrouille gestaltet: Aus der Ferne naht sich der, anfangs nur mit Bläsern und Schlagzeug besetzte Marsch, worauf in einem fugierten Abschnitt der brutale Angriff der Söldner auf eine Familie beschworen wird, bevor sich die Musik wieder in der Ferne verliert [4].

In einer Vision erscheinen Francesco drei Frauen: die allegorischen Gestalten der Demut, der Keuschheit und der Armut [5]. Er begreift, dass ihm ein Leben in tiefer menschlicher Frömmigkeit und Hingabe bestimmt ist. Hier intonieren die Streicher und die Flöte ein überaus lyrisches Thema, und die elegische Stimmung wird noch durch eine delikate »pastorale Coda« verstärkt, in der die Oboe an die Stelle der Flöte tritt.

Die Freunde finden Francesco und wollen, dass er an ihrem Feste teilnimmt [6]. Ihn aber interessiert der Tanz nicht sonderlich, und auch sein Gesang ist nicht mehr so leidenschaftlich wie früher. Er vermag die Gestalt der Armut nicht zu vergessen: Zur Bestürzung seiner Freunde gibt er einer Bettlerschar Nahrung und seine Kleider [7]. Ein hitziger Streit mit dem Vater zeigt ihm, dass es mit seinem bisherigen Leben vorbei ist.

Francesco macht sich auf die Reise, mit nichts als einem alten Tuch angetan, das er von einem der Bettler bekam. Vor einer Kapelle erfährt er in einem inbrünstigen Gebet das überwältigende Gefühl des irdischen Glücks [8]. Da erscheinen plötzlich seine Freunde. Sie rennen auf ihn zu, da sie ein gefährlicher Wolf verfolgt [9]. Francesco bändigt das Tier, indem er mit zwei Holzstöcken »Geige spielt«. Jetzt kann er mit der Armut Hochzeit halten. Seine Freunde richten ein Festmahl aus Wasser und Brot [10]. Hindemith gibt dieser mystischen Vereinigung das Aussehen eines asketischen, delikaten Rondos, das eine ergreifende, ätherische Kadenzfigur ziert.

Die letzte Szene [11] besteht aus einer grandiosen Passacaglia (der strengen barocken Variationsform über einen basso ostinato). Sie trägt die Überschrift »Incipiunt laudes creaturarum« (»Die Geschöpfe beginnen ihre Lobgesänge«): Mit diesen Worten beginnt der berühmte Sonnengesang des Heiligen Franziskus. Die Blechbläser intonieren den würdigen, sechstaktigen Bass, der neunzehn Variationen erfährt, während in symbolischen Bildern eine großartige Prozession vorüberzieht, die geradezu zwangsläufig zu einem majestätischen Abschluss führt.

Nach genaueren Erwägungen kam Massine zu der Ansicht, dass es sich hier nicht um ein wirkliches Ballett handelte. Ihm erschien das Werk vielmehr als dramatische und choreographische Deutung des Lebens, das der Heilige Franziskus führte—eine Interpretation, die »eine mystische Begeisterung auslösen und diese Stimmung bis zum Ende durchhalten« wollte. Hindemith löste aus der Partitur drei Sätze für eine zwanzigminütige Konzertsuite, die am 13. September 1938 in Venedig uraufgeführt wurde. In dieser konzentrierteren Gestalt war die Nobilissima Visione schon bald eines der erfolgreichsten Werke des Komponisten. Kurz bevor Hindemith im Jahre 1927 seine Unterrichtstätigkeit an der Berliner Musikhochschule aufnahm, komponierte er unter der Opuszahl 44 vier fortschreitend schwierigere Musiken, die er als »Schulwerk für Instrumental-Zusammenspiel« bezeichnete. Diese Stücke sollten junge Musiker mit einem zeitgenössischen Idiom vertraut machen.

Das letzte Werk des Zyklus sind die »Fünf Stücke in der ersten Lage für Streichorchester«, die man gemeinhin einfach Fünf Stücke nennt. Obgleich ihr erklärter Zweck ein pädagogischer ist, so erfreuen sie sich doch einer großen Beliebtheit und werden nicht nur von Schulorchestern, sondern auch von professionellen Ensembles gern aufs Programm gesetzt.

Nach einer mäßig bewegten, dicht gearbeiteten Introduktion beginnt auch der zweite Satz langsam, worauf es im bewegteren Mittelteil zu hurtigen Wechseln zwischen Dur und Moll kommt. Die kontrapunktische Heiterkeit des kurzen Mittelsatzes wird von der introvertierten Düsternis des anschließenden Stückes aufgefangen. Das lebhafte Finale steht im Zeichen überschäumender Unisono-Bewegungen und einer heftig sich verselbständigenden Solovioline.


Paul Conway
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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