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8.572805 - ALBERT, E. d': Symphony in F Major / Symphonic Prelude to Tiefland (Leipzig MDR Symphony, Markl)
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Eugen d’Albert (1864–1932)
Sinfonisches Vorspiel zu ‘Tiefland’ • Symphonie F-dur op. 4

 

Charles Louis Napoleon d’Albert, der Vater unseres Komponisten, war ein Schuler des beruhmten Pianisten Friedrich Kalkbrenner und wuchs in London auf, wo er als Dirigent an Covent Garden wirkte und eine Reihe popularer Salonstucke und Tanze verfasste. Die Familie war italienisch-franzosischer Herkunft, doch schon Eugens Grosvater Francois Benedict, der mit einer Deutschen verheiratet war, hatte als Ballettmeister am King’s Theatre und am koniglichen Opernhaus Covent Garden gearbeitet. Charles d’Albert verheiratete sich mit einer Englanderin namens Annie Rowell, und diese brachte am 10. April 1864 in Glasgow den gemeinsamen Sohn Eugene zur Welt, von dem hier im weiteren zu reden ist.

Den ersten Musikunterricht erhielt der Knabe von seinem Vater, bevor er 1876 vermoge eines Stipendiums an der National Training School for Music in London bei dem Wiener Klaviervirtuosen Ernst Pauer studieren konnte und zudem—moglicherweise mit geringerem Effekt—von Ebenezer Prout, John Stainer und Arthur Sullivan unterwiesen wurde: Jedenfalls behauptete d’Albert, einen grosen Teil seines musikalischen Wissens habe er Pauer zu verdanken gehabt. 1879 lies er vor Anton Rubinstein horen, was er konnte, und zwei Jahre spater spielte er Clara Schumann vor. Hans Richter, unter dessen Stabfuhrung er bereits konzertiert hatte, war masgeblich daran beteiligt, dass er 1881 mittels eines Mendelssohn-Stipendiums in Wien studieren konnte, wo er Johannes Brahms kennenlernte und Franz Liszt vorspielte, der ihn als Schuler mit nach Weimar nahm. Hier nun wurde Eugen d’Albert—er bediente sich inzwischen der deutschen Schreibweise seines Vornamens—zum Hofpianisten, und im selben Jahr gab er in Berlin ein erfolgreiches Debut. Fortan fuhlte er sich mehr als Deutscher. Die deutsche und franzosische Sprache waren ihm mittlerweile gelaufiger als das Englische, nachdem er die englischen Jahre hinter sich gelassen hatte.

Wahrend der nachsten funfzig Jahre machte d’Albert eine internationale Pianistenkarriere. Konzertengagements fuhrten ihn durch ganz Europa und nach Amerika. Wessen er fahig war, ist beispielsweise daraus ersichtlich, dass er unter der Leitung von Johannes Brahms dessen Klavierkonzerte in Leipzig (1895) und in Berlin (1896) auffuhrte. Obzwar er ein Schuler und als »Albertus Magnus« zum engen Kreise Franz Liszts gehorte, fand er doch auch Eduard Hanslicks Anerkennung, der bekanntlich fur Brahms und gegen die »Zukunftsmusiker« um Liszt eintrat. Trotz seiner pianistischen Erfolge hatte sich d’Albert gern in aller Ruhe der Komposition gewidmet. Der Erfolg, den er 1893 in Karlsruhe mit Der Rubin, der ersten seiner insgesamt einundzwanzig Buhnenwerke, erringen konnte, lies eine Laufbahn als Opernkomponist erwarten, doch heute sind nur noch sehr wenige dieser Kreationen im Repertoire.

Eine wichtige Rolle spielte d’Albert bei der Veroffentlichung alterer Komponisten. Unter anderem war er fur die Publikation der Symphonischen Dichtungen verantwortlich, die als Teil einer Liszt-Gesamtausgabe erschienen. Sein Privatleben war Gegenstand mancher Kritik: Er war sechsmal verheiratet, darunter mit der Pianistin Teresa Carreno, der als dritte die Sangerin Hermine Finck folgte. Am Ende lebte er mit Virginia Zanetti zusammen. 1914 hatte Eugen d’Albert die Schweizer Staatsburgerschaft erhalten. Er starb am 3. Marz 1932 in Riga, wo er sich um die Scheidung seiner sechsten Ehe bemuht hatte.

Zu d’Alberts komischen Opern gehoren Die Abreise, die 1898 in Frankfurt am Main herauskam, sowie das 1905 in Prag uraufgefuhrte Flauto Solo. An tragischen Werken kommen ab und zu Die toten Augen (Leipzig 1916) auf die Buhne, wahrend Tiefland zumindest dem Namen nach bekannter ist. Das Libretto zu diesem Musikdrama aus Prolog und zwei Akten schrieb Rudolph Lothar nach Angel Guimeras Schauspiel Tierra Baixa. Die Premiere fand am 15. November 1903 am Neuen Deutschen Theater in Prag statt.

Die beiden Hirten Pedro und Nando fuhren ein gluckliches Leben auf den hohen Weiden der Pyrenaen. Allerdings wunscht sich Pedro ein Weib. Tommaso, der Dorfalteste, macht ihn mit Marta bekannt, indessen ihn Nando vor den Gefahren des Tieflandes warnt. In einer Dorfmuhle stellt sich heraus, dass Marta das Eigentum des reichen Grundbesitzers Sebastiano ist und den unwissenden Pedro heiraten muss, damit Sebastiano—der sich anderweitig verheiraten will—seine Liaison mit der jungen Frau fortfuhren kann, die er noch in derselben Nacht aufsuchen will. Pedros Gegenwart verhindert das Auserste. Ein kleines Madchen namens Nuri verrat Pedro die Wahrheit uber seine »Gemahlin« und den Grund, weshalb ihn die Dorfbewohner nach seiner Heirat verspotten. Marta bittet Pedro um Vergebung. Endlich kommt es zum offenen Streit mit Sebastiano, dessen Hochzeitsplane sich durch Tommasos Einschreiten zerschlagen haben. Bei dem Kampf mit Pedro kommt Sebastiano zu Tode. Pedro beschliest, Marta mit sich in die Berge zu nehmen und nie wieder ins Tiefland zu gehen…

Eugen d’Albert fand in diesem Schauspiel ein Sujet, das sich mit dramatischem Realismus darstellen lies. Der 1924 entstandene Symphonische Prolog zeichnet durch den Klang der Hirtenflote die pastorale Szene, bevor die Musik des ursprunglichen Vorspiels folgt. Die erste Szene spielt auf einer felsigen Weide in den Pyrenaen. Es ist drei Uhr morgens. Die Sterne stehen noch am Himmel, derweil sich die Landschaft allmahlich in den Morgennebeln verliert und die beiden Hirten sich rufen. Uber ihnen ragen die hohen, schneebedeckten Gipfel empor, und auf einer Seite ist ein massiver Gletscher zu sehen. Das Orchesterstuck reflektiert diese erste Szene und wirft einen Blick auf das, was sich in diesem Beispiel des deutschen Verismo fernerhin zutragen wird, das sich spater anscheinend von der Welt der Cavalleria rusticana in die Regionen Richard Wagners wendet.

Die fruhe Symphonie F-dur op. 4 aus dem Jahre 1886 ist Eugen d’Alberts einzige Bemuhung um die traditionsreiche Form. Das umfangreiche, ambitionierte Stuck ist in seinem fein erwogenen Umgang mit dem Orchester ein unverkennbares Kind des Ortes und der Zeit, in der Johannes Brahms lebte. D’Albert erweist sich hier als ein begabter Komponist, dessen Schaffen freilich von seinen allgemein anerkannten Fertigkeiten als Klaviervirtuose in den Hintergrund gedrangt wurde. Der eindrucksvolle, breite und nach klassischem Muster angelegte Kopfsatz beginnt mit einem wirkungsvollen Hauptthema, dem sich eine lebhafte Uberleitung und Nebengedanken anschliesen, die ihre Nahe zu Brahms nie verleugnen. Der nachfolgende langsame Satz ist besonders in seiner Orchestration und dem Gebrauch der Holzblaser charakteristisch fur die konservative deutsche Musiksprache der Zeit. Das uberaus vitale Scherzo mit seiner kontrapunktischen Einleitung und seinen hupfenden Rhythmen enthalt erwartungsgemas ein ausgesprochen ruhiges Trio, das schlieslich von der Wiederholung des Scherzo-Teils beendet wird. Eine ahnungsvolle Einleitung markiert den Beginn des Finales. Die Stimmung hellt sich auf, wenn das Tempo in eine lebhafte Bewegung verfallt, um die Symphonie in uberschwenglicher, triumphaler Manier zu beenden.


Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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